Foto: Flickr I Eduardo Merille I CC BY 2.0

Muss man sein Kind in Jeans-Hotpants ertragen?

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Modeberatung für die eigenen Kinder.

„Zieh doch mal einen Blazer an!“

Das Doofe, wenn man Kinder hat: Man bleibt nicht in der Gegenwart verhaftet, obwohl es da doch eigentlich schon genug Probleme gibt, für deren Lösung man nicht genug Zeit hat.

Ich stoße ständig auf Herausforderungen, von denen ich weiß, dass ich mich ihnen in Zukunft irgendwann zu stellen habe. Zum Beispiel die, nie die Mutter zu werden, die ihren dafür zu alten, sprich pubertierenden Kindern, Tipps gibt, wie sie sich schön anziehen können. Meiner Schwester und mir passiert es noch heute, dass wir von Mama zweifelhafte Komplimente bekommen: „Oh, heute hast du aber mal ein schönes Kleidchen an“, mit unschöner Betonung auf „heute“ (sprich: „heute ausnahmsweise mal“).

Das erinnert mich dann immer an dunklere Zeiten, als das gefürchtete Kompliment mit einer
Aufforderung kombiniert wurde: „Zieh doch mal einen Blazer an, das steht dir doch so gut.“ Welchem mysteriösen Sinn für Ästhetik entpringt diese irre elterliche Faszination für Kleidungsstücke wie den Blazer? Oder ein Sakko? Oder ein Jackett? Wollen Eltern, dass ihre Kinder herumlaufen, wie Reinhold Beckmann die Sportschau moderiert? Lässig und dennoch schick?

Ich stelle mir vor, dass es schwer zu ertragen sein wird, wenn die eigenen Kinder irgendwann als Anziehpuppe ausgedient haben und ich ihnen nicht mehr so einfach das entzückende Tweed-Dufflecoat-Mäntelchen und die gestreiften Matrosen-Outfits aufdrängen kann (wobei ich ängstlich und frustriert feststellen muss, dass mein Kind bereits im Alter von zwei Jahren nicht mehr wie gewünscht kooperiert, sich das Dufflecoat-Mäntelchen jeden Morgen entrüstet vom Körper reißt und ich die Wahl habe, es ihm entweder mit Gewalt überzustülpen und ein strampelndes, brüllendes Kind händisch zur Kita zu befördern, oder es in einer sehr ollen Fleece-Jacke mit Pinguin drauf in Größe 86 in die Öffentlichkeit zu lassen).

Sturm laufen gegen Netzstrumpfhosen

Nun, jedenfalls: Spätestens mit Eintritt in die Pubertät wird es dann wirklich haarig. Bestimmt ist es für Eltern schwer zu ertragen, das Kind mit „kaputtgeschnittenen“ Jeans oder Hotpants über Netzstrumpfhose zur Schule gehen zu lassen. Nicht, dass ich selbst meine Mutter je in die Verlegenheit gebracht hätte, gegen Hotpants und Netzstrumpfhosen Sturm zu laufen, aber die Sache mit dem Blazer war ihr nicht auszureden, und die einzige Gelegenheit, wo dann nicht nur ich, sondern offensichtlich auch alle Leidensgenossen einknickten, waren Anlässe wie Firmung oder Konfirmation. Davon zeugen heute Fotos, die eine Ansammlung verwachsener Teenager mit Clownskrägen und überdimensionierten, kastenförmigen Blazern über Bundfaltenshorts zeigen.

Ich verlange von mir selbst, dass ich mir später nicht nur die Blazer-Forderung verkneifen werde; zu den Sätzen, die ich mich selbst nie möchte sagen hören, gehören außerdem: „Aber das sieht doch total schick aus!“, „In dem Aufzug nehmen wir dich aber nicht mit!“, „So willst du da hingehen?“ und natürlich „So gehst du mir nicht aus dem Haus!“.

Und noch etwas anderes wird dann mindestens genau so wichtig sein, nämlich: kritisch bei sich selbst anzusetzen. Denn wenn ich mich recht erinnere, kam die Forderung nach dem Blazer früher nicht etwa von stets in Blazer gekleideten Eltern, sondern gerne von Müttern, die sich sehr wohl in ihrer Funktions-Dreiviertelhose und dem Fleece-Pullover fühlten – und praktisch, konnte man fürs Nordic Walking nachher gleich anbehalten!

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