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„Wir sollten transparenter über die Herkunft, Zirkulation und Nutzung von Geld reden“

Geld ist ein umstrittenes und schambehaftetes Thema. Zu wenig Geld haben ist nicht gut, zu viel Geld haben auch nicht unbedingt. Aber wie viel Geld ist eigentlich genug? Wir haben vier Persönlichkeiten gefragt.

Geld allein macht nicht glücklich, oder? Lange Zeit waren sich Wissenschaftler*innen einig, dass Geld nur bis zu einer gewissen Einkommenshöhe glücklich mache. Und zwar bis jährlich 75.000 Dollar, umgerechnet 61.000 Euro – alles darüber mache die Menschen nicht zufriedener, sondern nur reicher. Der Psychologe Matthew Killingsworth von der University of Pennsylvania hat Anfang diesen Jahres eine neue Studie veröffentlicht, die allerdings das Gegenteil beweisen soll: Laut dieser Studie wächst nicht nur die allgemeine Lebenszufriedenheit, sondern auch das tägliche emotionale Wohlbefinden bei hohem beziehungsweise höherem Einkommen weiter an. Demnach macht Geld also doch glücklich(er). Ein Grund dafür sei, dass reiche Menschen das Gefühl haben, mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben. Verständlich, denn finanzielle Unabhängigkeit bedeutet auch Freiheit. Wir haben mit vier Persönlichkeiten über das Thema Geld gesprochen.

Ayse Semiz-Ewald ist Personalerin bei einem amerikanischen Online-Möbelunternehmen und weiß, dass Geld allein sie nicht glücklich macht, es aber hilft Probleme zu lösen und Freiheit zu erleben. Die Journalistin und Autorin Jacinta Nandi erklärt, warum man ohne Geld automatisch unglücklicher ist. Huong Nguyen ist Pharmazeutin und Co-Gründerin eines Kosmetikunternehmens und sieht Geld als Mittel zur Selbstverwirklichung – ohne Geld hätte sie ihr Unternehmen nicht gründen können. Hazel Nguyen, bekannt als „Pocket Hazel“, zeigt auf, welche Vorteile wir hätten, wenn wir mehr und offener über Geld und Gehalt reden würden.

Save the date: Die Personal-Expertin Ayse Semiz-Ewald spricht im Insta-Live auf unserem Account am 24. November um 12 Uhr mit unserer Redakteurin Camille Haldner über die Frage, wie man ein gutes Gehalt verhandelt und welches Mindset dabei helfen kann.

Ayse Semiz-Ewald

Ayse Semiz-Ewald ist Personalerin aus Leidenschaft, Head of Talent Strategy & Development beim amerikanischen Online-Möbelunternehmen Wayfair und lebt mit Mann und Tochter in Berlin. Die studierte Psychologin hostet zudem den „femFORWARD!“-Podcast und teilt ihr Personalerinnen-Wissen mit ihren Instagram-Follower*innen. Sie engagiert sich aktiv in verschiedenen Organisationen, wie zum Beispiel MentorMe, FeMentor oder PANDA. „Ich sehe es als meine Mission, Frauen, Arbeiter*innenkinder und Menschen mit Migrationsgeschichte mit meinem Personaler*innen-Wissen zu unterstützen – Wissen, das mir in den Anfängen meiner Karriere gefehlt hat. So möchte ich zu mehr Diversität in der Arbeitswelt und den Management-Etagen von morgen beitragen.“

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Brauchst du Geld, um glücklich zu sein? Und wenn ja, wieviel?

„Geld ermöglicht mir Freiheiten und hilft mir dabei, Probleme zu lösen, aber Geld macht mich nicht glücklich. Ich sehe Geld als Mittel zum Zweck. Denn kein Geld zu haben, würde mich unglücklich machen.“

Wofür gibst du am liebsten Geld aus? Und wofür überhaupt nicht gern?

„Am liebsten gebe ich Geld für meine vier Monate alte Tochter Selma und meinen Mann aus. Und für Dinge, die wir gemeinsam als Familie erleben können – zum Beispiel in Urlaub fahren. Wenn es um mich selbst geht, bin ich eher sparsam. Ich mag es nicht, viel Geld für Dinge auszugeben, die dann selten oder nie wieder getragen oder genutzt werden – Stichwort Cost per Wear and Use. Bestes Beispiel dafür ist mein Brautkleid. Dafür habe ich keine 300 Euro ausgegeben.“

„Uns wurde anerzogen, dass man nicht über Geld spricht. Oft habe ich das Gefühl, dass wir in einer Neid-Gesellschaft leben und sich deswegen viele nicht trauen, offen über ihre finanziellen Verhältnisse zu sprechen.“

Findest du, wir sollten mehr über Geld sprechen? Wenn ja, wie?

„Definitiv! Wenn wir über Geld sprechen, können wir voneinander lernen, sowie Ungleichheiten aufdecken oder sogar verhindern. Ich kann aber verstehen, dass viele sich damit schwertun. Uns wurde anerzogen, dass man nicht über Geld spricht. Oft habe ich das Gefühl, dass wir in einer Neid-Gesellschaft leben und sich deswegen viele nicht trauen, offen über ihre finanziellen Verhältnisse zu sprechen. Ein Beispiel dafür: Es gibt eine Serie bei einem großen deutschen Blatt, die Personen aus unterschiedlichen Branchen und ihre finanzielle Situation beschreibt. Wenn man sich da mal die Kommentare durchliest, vergeht einem die Lust, offen über Geld zu sprechen.“

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Ärgerst du dich manchmal über dich selbst, wenn es um das Thema Geld geht beziehungsweise deinen Umgang damit?

„Ich bin heute in Geld-Themen eigentlich gut organisiert. Das einzige, was mich ärgert, ist, dass ich mich nicht schon früher mit Themen wie Vermögensaufbau beschäftigt habe. Das war kein Thema, das mir in die Wiege gelegt wurde.“

Findest du es leicht, dich mit Geld und Finanzen auseinanderzusetzen?

„Ich finde, dass es mittlerweile tolle, teils kostenlose Angebote gibt, um sich an das Thema heranzutasten, beispielsweise Instagram-Profile oder auch Podcasts. Für den Einstieg kann ich das Buch von Hava Misimi „Money Kondo“ sehr empfehlen.“





Jacinta Nandi

Jacinta Nandi, geboren 1980 in London, ist Journalistin, Kolumnistin und Autorin und lebt seit 2000 in Berlin. In Deutschland wurde sie über die Berliner Lesebühnen bekannt, sie schreibt für Zeitungen und Magazine wie „The Guardian“, „Missy“, „taz“ und „EDITION F“. 2020 erschien

Foto: Flux FM

Brauchst du Geld, um glücklich zu sein? Und wenn ja, wieviel?

„Klar braucht man Geld, um glücklich zu sein, oder? Oder anders gesagt: Wer nicht genug Geld hat, muss unglücklich sein. Ich frage mich, ob der Mensch, der gesagt hat, dass die besten Sachen im Leben kostenlos sind, jemals Miete zahlen musste.“

„Klar braucht man Geld, um glücklich zu sein. Oder anders gesagt: Wer nicht genug Geld hat, muss unglücklich sein.“

Wofür gibst du am liebsten Geld aus? Und wofür überhaupt nicht gern?

„Ich bin sehr, sehr geizig. Ich ertrage es nicht, fürs Babysitting zu bezahlen. Ich denke dabei, dass Alleinerziehende dafür nicht bezahlen dürfen. Selbst bei gut bezahlten Auftritten versuche ich, den Kleinen bei meinen Freundinnen unterzubringen. Meine Freundin hat einmal zu mir gesagt: ,Ist es nicht traurig, dass du denkst, dass dein Kind, dass du so sehr liebst, es nicht wert ist, bezahlt betreut zu werden?‘ Ich habe diese Angst, dass wenn ich einmal damit anfange, ich dafür immer mehr Geld ausgebe. Vielleicht sehe ich das mal anders, wenn es mir finanziell besser geht.

Wofür ich gerne Geld ausgebe? Ich kaufe zu viele Bücher. Allerdings weiß ich nicht, ob ich das Geld gerne ausgebe, denn ein schlechtes Gewissen habe ich trotzdem.“

Findest du, wir sollten mehr über Geld sprechen? Wenn ja, wie?

„Ja, ich finde die Deutschen sind sehr ,secretive‘, also verschlossen, wenn es um Geld geht. Es ist verpönt zuzugeben, dass ein Leben mit Hartz IV eigentlich kein Leben ist. Wenn sich Menschen, die Hartz IV erhalten, über ihre Armut beschweren, erzählen Middle-Class-Deutsche gerne Geschichten, eigentlich Märchen, darüber, wie leicht es ist, mit Hartz IV gut zu leben. Das war vielleicht mal wahr, aber jetzt ist das nicht mehr genug. Essen wird teurer und gleichzeitig bleiben die Geldsummen, die die Menschen erhalten, dieselben. Ich habe das Gefühl, dass Geld und Armut in Deutschland ein Tabuthema ist. Auch anzumerken, dass Hartz-IV-Empfänger*innen schlechter essen als reichere Menschen, ist tabu. Man tut immer so, als ob in Deutschland alle fast gleich wären, aber das ist ein Mythos.

Ich finde es komisch, dass sich Freundinnen von mir einbilden, dass Hartz IV nichts mit Mangel zu tun hat. Freundinnen, die eigentlich links oder linksgrün sind, sich die ganze Zeit Sushi, Hello-Fresh-Boxen und Gemüse-Kisten aus Brandenburg bestellen. Ich denke, dass Leute, die nicht auf Hartz IV angewiesen sind, Hartz-IV-Empfänger*innen besser zuhören und nicht einfach Tipps geben sollten. Dann würde in diesem Land klar werden, dass es Armut gibt und dass das ein Problem ist.

Ein anderes Problem: Viele Middle-Class-Frauen tun so, als ob sie genauso viel wie ihre Männer verdienen würden. Wir würden mehr Gleichheit in Deutschland erreichen, wenn wir offener über Geld reden würden.“

Ärgerst du dich manchmal über dich selbst, wenn es um das Thema Geld geht beziehungsweise deinen Umgang damit?

„Ich ärgere mich, dass ich nie meine Rechnungen schreibe. Manchmal schreiben mir die Leute und erinnern mich daran, dass ich noch eine Rechnung schreiben muss. Dabei war ich eigentlich sicher, dass ich das schon gemacht habe. Ich denke, dadurch muss ich doch viel Geld verlieren, oder? Denn nicht alle Leute würden mich daran erinnern. Deshalb habe ich ein Bild von Rihanna mit dem Hashtag #BBHMM an meinen Computer gehängt – Bitch Better Have My Money. Das soll mich daran erinnern, immer sofort nach Veranstaltungen Rechnungen zu schreiben. Wenn ich dann meine Rechnungen geschrieben habe, spiele ich Rihanna und tanze dazu im Wohnzimmer!“

Findest du es leicht, dich mit Geld und Finanzen auseinanderzusetzen?

„Ich kriege oft Angst davor, mein Konto anzuschauen. Ich sollte mich eigentlich daran gewöhnen, jeden Tag meinen Kontostand zu checken. Ich bin auch selber schlecht darin, Rechnungen zu zahlen, wenn ich mal ehrlich bin. Ich behandle Rechnungen wie nette Briefe von Menschen, die mir etwas sagen wollen und die erste Mahnung behandle ich dann wie die Rechnung!“

Huong Nguyen

Dr. Huong Nguyen ist Wissenschaftlerin, zertifizierte Ernährungsberaterin, ausgebildete Yogalehrerin und Unternehmerin. Sie plädiert für ein erneuertes Pflegebewusstsein, das minimalistisch, nachhaltig und auf den Menschen abgestimmt ist. Diese Philosophie findet sich in ihrer Pflegelinie Ten Twelve Skincare wieder. Bei all den Herausforderungen, denen sie als Unternehmerin täglich begegnet, ist das Labor ihre Komfortzone, wo sie ständig an neuen Rezepturen für neue Produkte arbeitet.

Foto: Privat

Brauchst du Geld, um glücklich zu sein? Und wenn ja, wieviel?

„Als Gründerin stellt für mich Geld vor allem ein Mittel zur Selbstverwirklichung dar – den Aufbau meines Unternehmens, dafür ist Geld notwendig. So gesehen trägt Geld zu meinem beruflichen Glück bei. Zu Anfang des Jahres war meine Mutter schwer erkrankt. Hätte man mir da diese Frage gestellt, hätte ich sie verneint.“

Wofür gibst du am liebsten Geld aus? Und wofür überhaupt nicht gern?

„Mein Leben dreht sich zurzeit sehr um mein Unternehmen. Ich habe auch privat in Ten Twelve investiert – und das mit Überzeugung und Leidenschaft. Privat bin ich außerdem immer auf der Suche nach neuen kulinarischen Erlebnissen und gebe gern Geld für Essen aus, egal ob Essen gehen oder Zutaten kaufen, um mit meiner Familie und Freund*innen zu kochen und zu experimentieren. Diese Begeisterung für Essen ist sicherlich Teil meines asiatischen Erbes. Mir ist es außerdem wichtig, mental stark und resilient zu sein. Dafür gebe ich auch gerne Geld aus, wie zum Beispiel für Sitzungen mit meiner Kinesiologin.“

„Wachstum, Börsenwerte, Kosteneffizienz, Forbes-Liste und so weiter – wir reden die ganze Zeit über Geld beziehungsweise Geldwerte und -vermehrung. Wir sollten anders darüber reden: transparenter über die Herkunft, Zirkulation und Nutzung des Geldes.“

Findest du, wir sollten mehr über Geld sprechen? Wenn ja, wie?

„Wachstum, Quartalszahlen, Börsenwerte, Kosteneffizienz, Forbes-Liste und so weiter – für mich zeigen diese allgegenwärtigen Begriffe, dass wir die ganze Zeit über Geld beziehungsweise Geldwerte und -vermehrung reden. Ich finde allerdings, dass wir anders über Geld reden sollten: transparenter über die Herkunft, Zirkulation und Nutzung des Geldes. In diesem Zusammenhang sollten wir uns transparent mit der Frage auseinandersetzen, ob Geldvermehrung der Hauptzweck des Einsatzes von Geld sein sollte, oder ob wir neue nachhaltige Ziele und Perspektiven definieren können und müssen.“

Ärgerst du dich manchmal über dich selbst, wenn es um das Thema Geld geht beziehungsweise deinen Umgang damit?

„Ich gehe diszipliniert mit Geld um. Dennoch ärgere ich mich in meiner Tätigkeit als Unternehmerin sehr oft, wenn ich wieder eine Entscheidung abgenickt oder selbst initiiert habe, die hohe Kosten verursacht oder nicht unmittelbar zielführend war. Aber es gibt nun einmal kein Start-up-Handbuch und am Ende des Tages muss man negative Energien loslassen.“

Findest du es leicht, dich mit Geld und Finanzen auseinanderzusetzen?

„Als Naturwissenschaftlerin, die früher viel im Labor gearbeitet hat, musste ich mich erst mühsam in diese Thematik einarbeiten. Mittlerweile fällt es mir nicht schwer, Businesspläne zu erstellen. Es ist definitiv ein Feld, das ich nicht unbedingt liebe, aber dennoch als absolut essentiell ansehe. Daher finde ich es bereichernd, wenn ich aus einem Meeting mit Investor*innen oder anderen Zahlenmenschen rausgehe und wieder etwas gelernt habe.“

Hazel Nguyen aka „Pocket Hazel“

Hazel wurde 1994 in Vietnam geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland und lebt in Berlin. Nach dem Abitur studierte sie zunächst BWL und arbeitete im Anschluss in einem Steuerbüro. 2014 startete sie den erfolgreichen YouTube-Kanal „Pocket Hazel“ und begeistert dort mehr als 422.000 Follower*innen mit ihren Videos aus den Bereichen Comedy und Lifestyle. Bis 2021 war sie außerdem auf dem Channel „Pocket Money“ des „Funk“-Netzwerks mit Videos rund um das Thema Geld zu sehen. Mittlerweile wurde auch ihr erstes Buch

Foto: Dirk Maiina

Brauchst du Geld, um glücklich zu sein? Und wenn ja, wieviel?

„Die Frage bekomme ich richtig oft gestellt und jedes Mal beantworte ich sie anders. Ich muss aber immer an einen Song von Cro denken mit einer Liedzeile, die sagt: ,Wär nicht gern reich, ich will nur so viel, dass es stressfrei reicht.‘ Prinzipiell würde ich sagen, dass man nicht nur Geld braucht, um glücklich zu sein. Aber per Definition ist es einfach ein Mittel zum Zweck. Je nachdem, wie man den Zweck definiert, kann Geld somit auch glücklich machen. In Deutschland lebt man als Selbstständige erst stressfrei, wenn man ungefähr 4.000 brutto verdient. Als Selbstständige muss man ja viel mehr Sozialversicherungen als Angestellte abdrücken.“

Wofür gibst du am liebsten Geld aus? Und wofür überhaupt nicht gern?

„Ich gebe tatsächlich gerne Geld fürs Essengehen aus. Für mich ist das eine Art Belohnung, weil ich dann nicht kochen oder abwaschen muss. Somit habe ich mir sozusagen ein bisschen Zeit erkauft. Ich gehe dabei nicht nur mit meinem Partner, sondern auch gerne mit Freund*innen essen. So gebe ich Geld aus und bekomme Freizeit geschenkt, indem ich Freund*innen treffe, mit ihnen essen und quatschen kann. Ich gebe gar nicht gerne Geld für Miete aus, beziehungsweise für alles, was über dem Mietenspiegel ist.“

Findest du, wir sollten mehr über Geld sprechen? Wenn ja, wie?

„Ja, definitiv! Und zwar wirklich alle. Ich habe das Gefühl, dass nur diejenigen über Geld sprechen, die auch Geld haben. Wenn man viel Geld hat, redet man natürlich gerne darüber. Hat man aber weniger oder sogar Schulden, ist das Thema sehr schambehaftet. Ich fand es auch ganz schlimm, als ich im Steuerbüro gearbeitet habe und man nicht mal offen über sein Gehalt reden konnte. Selbst als ich den Mut gefasst hatte, meine Raumnachbarin zu fragen, mit welchem Gehalt sie eingestiegen ist, habe ich keine Antwort bekommen. Viele denken, sie dürften über ihr Gehalt nicht sprechen, laut Gesetz dürfen Arbeitgeber*innen Angestellte aber eigentlich nicht dazu verpflichten, ihr Gehalt geheim zu halten.“

„Viele denken, sie dürften über ihr Gehalt nicht sprechen, laut Gesetz dürfen Arbeitgeber*innen Angestellte aber eigentlich nicht dazu verpflichten, ihr Gehalt geheim zu halten.“

„Ich glaube, sobald wir anfangen, über Geld zu reden, können sich viele Probleme und Unzufriedenheiten lösen. Wenn ich weiß, wie viel meine Arbeit wert ist, dann muss ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie viel ich verlangen kann. Wenn man mit Freund*innen, Kolleg*innen und Kund*innen über Einstiegsgehälter sprechen würde, dann würde eine ganz andere Dynamik entstehen, weil jede*r weiß, dass es gleich und fair ist. Aber das ist natürlich nur Theorie. In der Praxis werden keine Geheimnisse verraten, damit man Vorteile daraus ziehen kann. Ich kenne das selber: Als ich nach dem Studium gefragt wurde, wie viel ich verdiene, habe ich eher aufgerundet. Am Anfang schämt man sich und hat Angst, man hätte vielleicht schlecht verhandelt. Aber dann ist das halt so. Dann würde man wenigstens wissen, dass man es beim nächsten Mal besser machen könnte.“

Ärgerst du dich manchmal über dich selbst, wenn es um das Thema Geld geht beziehungsweise deinen Umgang damit?

„Ja, ich ärgere mich ab und zu, wenn ich mehr Geld ausgegeben habe, als nötig war. Beispielsweise, wenn ich etwas kaufe und ein paar Monate später gibt es das Produkt reduziert. Außerdem ärgere ich mich darüber, dass ich mich nicht gut genug auskenne. Natürlich kenne ich mich im Bereich Steuern aus, über Versicherungen weiß ich aber nicht so viel. Der Zugang zu vielen Finanzthemen sollte leichter gestaltet werden. Wenn ich google: ,Brauche ich diese Versicherung?‘, dann lande ich auf zehn verschiedenen Versicherungsseiten. Glaube ich denen? Nein. Ich will von anderen Betroffenen lesen und lernen. Dann gibt es natürlich Angebote für Seminare oder Bücher zu dem Thema. Dazu muss man sich aber erst überwinden und es fühlt sich so aufwendig an. Dann denke ich mir: ,Oh Gott, wie lange brauche ich, bis ich dieses Buch gelesen habe, wo ist der Teil zu den Versicherungen und werde ich es danach wirklich verstehen?‘“

Im Bereich Anlagen, Aktien und Immobilen ist es das Gleiche. Wenn ich mich darüber informieren will, ist es schwierig, viel dazu zu finden. Ich habe es trotzdem versucht und auch angefangen, ein paar Aktien, wie ETFs (Exchange Trade Funds), anzulegen. Darüber habe ich dann auch auf Social Media gesprochen. Einige haben dann geschrieben, dass sie es schade finden, dass ich das Thema behandle, obwohl ich mich gar nicht auskenne und dass ich anderen Leuten ihre Nische wegnehmen würde. Aber es ist doch viel besser, wenn ich auch darüber spreche und ganz andere Leute damit erreiche. Ich finde, jede*r sollte von ETFs schon mal gehört haben und sich selbst entscheiden, ob er*sie dort Geld anlegt. Es ist wie mit Sport: Dir wird gesagt, dass es gesund ist, jeden Tag Sport zu machen, aber natürlich macht das nicht jede*r. Genauso sollte man wissen, dass es aktuell nicht mehr üblich ist, in Sparbüchern Geld anzulegen, sondern in ETFs.“

Findest du es leicht, dich mit Geld und Finanzen auseinanderzusetzen?

„Was Budget und Haushalt angeht, finde ich es relativ leicht, da das irgendwie mein Hobby ist. Ich mag es, zu schauen, wie viel Geld in einem Monat reingekommen ist, wie viel abgeht, wie viel übrig bleibt und ich dann ausgeben kann. Ich finde es schwieriger, die Zukunft zu planen. Ich kann zwar sehen, wie viel Umsatz ich den Monat gemacht habe und abschätzen, wie der nächste läuft, aber zu planen, was in zwölf Monaten ist, fällt mir schwer. Dazu kommt auch, dass ich als Selbstständige nicht immer denselben Umsatz habe.“

Let‘s talk about Money – Was machen wir mit Geld und was macht Geld mit uns?

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In Bayern aufgewachsen, Studium in Baden-Württemberg und jetzt fürs Praktikum nach Berlin. Selina Hellfritsch studiert Crossmedia-Redaktion und Public Relations an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Aktuell ist sie Praktikantin in der EDITION F-Redaktion. Das vergangene Jahr hat sie an ihrer Hochschule das Studierendenmagazin "VielSeitig" geleitet. Besonders Themen wie intersektionaler Feminismus, Kultur, Sex und Sexualität interessieren sie.

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