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Wie zwei Unternehmerinnen erst durch einen erfundenen Mitgründer erfolgreich wurden

Zwei Gründerinnen hatten mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen – bis sie einen imaginären männlichen Co-Founder erdachten und E-Mails von ihm unterzeichnen ließen. Der Fall verrät viel über den aktuellen Stand von Sexismus in der Tech- und Startup-Szene.

 

Bro Culture in der Startup-Szene

Die Startup-Szene ist gerade in technischen Bereichen noch immer sehr männerdominiert. Auch wenn sich das glücklicher Weise langsam ändert, gibt es immer wieder Geschichten, die zeigen, mit welchen Vorbehalten Frauen bei ihrer Arbeit konfrontiert werden. Manche (Männer) arbeiten wohl immer noch lieber mit Menschen zusammen, die ihnen ähnlich sind.

Diese Erfahrung machten auch die amerikanischen Gründerinnen Penelope Gazin und Kate Dwyer. Als ihre E-Mails immer wieder ignoriert wurden, begannen sie diese mit einem männlichen Pseudonym zu unterzeichnen. Aber von vorne:

Skurriler Humor für hohe Umsätze

Penelope Gazin and Kate Dwyer waren enttäuscht von dem Angebot verramschter Marktplatz-Plattformen im Internet. Also entschieden die beiden sich dazu, ihren eigenen Onlineshop für skurrile Kunst zu eröffnen. Inzwischen ist Witchsy seit etwa einem Jahr online und hat bereits über 200.000 Dollar Umsatz generiert. Das Erfolgsrezept: der schräge Humor und die Ansichten der Gründerinnen findet sich in allen angebotenen Kunstwerken wieder. Doch auch wenn der Onlineshop inzwischen sehr gut läuft, hatten Penelope Gazin and Kate Dwyer anfangs mit einigen Problemen zu kämpfen – weil sie Frauen sind. 

Mehr als eine niedliche Idee

Zum einen waren da die Kommentare von Freunden und Familie, die ihrer Idee von einem eigenen Unternehmen sehr kritisch gegenüberstanden. „Ich glaube, weil wir beide junge Frauen sind, haben viele Leute das was wir machen als süßes Hobby oder niedliche Idee abgestempelt“, äußerte Kate Dwyer im
Interview mit Fast Copany. Außerdem gab es einen Vorfall mit einem Programmierer, der versuchte, heimlich Inhalte der Website zu löschen, nachdem eine der Frauen seine Frage nach einem Date abgelehnt hatte.

Am schlimmsten sei aber die allgemeine Haltung von Grafikern und Programmierern gewesen, die sie für die Mitarbeit an Witchsy angefragt hätten. Ihre E-Mails wurde entweder gar nicht, sehr spät oder in einem
herablassenden Ton beantwortet. Da sie in der Tech-Branche zu einem Großteil mit Männern in Kontakt waren, kam die Idee auf, einen imaginären männlichen Mitgründer zu erschaffen. Von da an unterzeichneten sie ihre E-Mails mit dem Pseudonym „Keith Mann“ und plötzlich veränderten sich die Reaktionen auf ihre Anfragen.

„Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht.“

„Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich musste tagelang auf eine Antwort warten, während Keith nicht nur eine Antwort und ein Status-Update bekam, sondern auch noch gefragt wurde, ob er noch anderweitig Unterstützung benötige“, sagt Kate Dwyer. Die Anliegen eines Mannes wurden also allgemein ernster genommen als die einer Frau. Auch die Haltung des Gegenübers änderte sich in vielen Fällen: während die Gründerinnen selbst gerne mal mit „Mädels“ angesprochen wurden, nannte man Keith Mann beim Namen. Die Anfragen wurden schnell und respektvoll beantwortet. So nutzten die Gründerinnen die sexistischen Strukturen der Branche, um ihre Ideen groß zu machen.

Inzwischen läuft es gut genug bei Witchsy, um Keith in den wohlverdienten Ruhestand schicken zu können. Trotzdem könnten sich beide vorstellen, ihn im Ernstfall wieder ins Boot zu holen.

Fight the Game, not the Player

Wie erschreckend normal uns ein respektloses, herablassendes Verhalten Frauen gegenüber vorkommt, zeigt ein weiteres Statement von Kate Dwyers: „Ich denke, wir hätten sehr wütend werden können: Wow, diese Leute behandeln einen imaginären Mann mit mehr Respekt als uns. Aber wir dachten uns, das ist einfach ein Teil der Welt, in der wir gerade leben.“ Spricht: Wer auf dem aktuellen Arbeitsmarkt bestehen möchte, spielt gefälligst nach den Regeln, die seit Jahren gelten. Ein fataler Ansatz, sorgt er doch dafür, dass ungerechte Strukturen weiterhin bestehen und sich manifestieren.

„Das ist einfach ein Teil der Welt, in der wir

gerade leben“

Aber kann man Penelope Gazin and Kate Dwyer wirklich vorwerfen, dass sie um ihr Business erfolgreich zu machen gängigen Strukturen zu ihren eigenen Gunsten nutzten? Wohl kaum. Trotzdem wird das eigentliche Problem so nicht bekämpft, sondern höchstens aufgezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass der Fall die Diskussion über Sexismus in der Tech- und Startup-Szene wieder anheizt und die Frage aufwirft, ob eine zukunftorientierte Branche es sich wirklich leisten kann, auf Vielfalt zu verzichten. 

Die Geschichte lässt einen etwas ratlos zurück. Sollte man Penelope Gazin
und Kate Dwyer dafür feiern, dass sie den Sexismus mit seinen eigenen
Waffen geschlagen haben? Oder ist Lob an dieser Stelle unangebracht, weil ein erdachter Mann absolut nichts an der struktureller Benachteiligung ändert, mit der Frauen sich in der Brache herumschlagen? So oder so, die Gründerinnen von Witchsy haben hoffentlich sehr genau im Hinterkopf behalten, welche Unternehmen es in Ordnung fanden, einem Mann schneller und ausführlicher zu antworten als einer Frau.

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