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So klappt das mit mehr Elternzeit für Väter – eine einfache Anleitung

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Männer und Elternzeit.

Ein Thema zum Verweifeln

Eines der Themen, über das ich eigentlich in jeder Kolumne schreiben könnte und um das ich trotzdem gerne mal im Verdrängungsmodus einen schönen Bogen mache, weil es so schwierig, komplex und zum Verzweifeln ist: Väter und Elternzeit. Heute versuche ich es trotzdem mal.

So einige Männer in meinem Freund*innenkreis, sofern sie das lesen sollten, schlagen gerade die Hände über dem Kopf zusammen und wimmern „Nicht schon wieder!“, und denken mit Grauen daran, wie ich die Harmonie der ein oder anderen abendlichen Wein-Runde mit der Elternzeit-Frage schon gründlich gesprengt habe.

Die Grundfrage kann man aber nicht oft genug stellen – und nach Lösungen suchen: Warum endet bei fast allen heterosexuellen Paaren die Gleichberechtigung, sofern vorhanden, mit der Geburt des ersten Kindes endgültig? Blogger*innen, Journalist*innen, Politiker*innen, Wissenschaftler*innen befassen sich seit Jahren intensiv mit dieser Frage, es gibt alle Zahlen, die man so braucht, um ein Bild der aktuellen Lage zu kennen (grob: zwei Drittel der deutschen Männer nehmen gar keine Elternzeit, der Rest in der Regel nur die zwei so verbrämten „Vätermonate“).

„Finanziell wär das gar nicht gegangen“

Wie ist das in eurem Umkreis? Geht euch das vielleicht so wie mir? Bei allen Paaren, die Kinder bekommen haben, kann ich die individuelle Entscheidung bezüglich der Aufteilung der Elternzeit ( in der Regel: sie viel, er keine oder wenig) nachvollziehen; schustert man aber all diese individuell nachvollziehbaren Entscheidungen zu einem Gesamtgemälde zusammen, dann wird klar, dass wir ein Problem mit den Rahmenbedingungen haben; dass es einen strukturellen Grund hat, dass die Frauen zufällig alle „eh mehr Lust“ hatten, daheim zu bleiben; dass es „finanziell sonst schwierig“ geworden wäre.

Vor zwei Wochen hat sich Zeit Online mal wieder des Themas Väter und Elternzeit angenommen, und hat genau da nachgefragt, wo es wehtut, äh, das Problem liegt. Drei Väter aus der Nahumgebung der journalistischen filter-bubble erläutern also, warum sie keine Elternzeit genommen haben.

Um das Problem genauer einzugrenzen, werfen wir doch mal einen Blick auf die Männer, die zu Wort kommen:

Der 35-jähriger Softwareentwickler Hanno sagt: „(…) Außerhalb der Arbeit hatte ich dann immer noch genug Zeit mit den Jungs und bekam alle Entwicklungsschritte mit. Zwar war meine Frau in Elternzeit und somit tagsüber für die Kinder zuständig, sobald ich aber in der Haustür stand, übernahm ich die Kinderbetreuung. Ich habe sie ins Bett gebracht und nachts herumgetragen, sodass ich immer wieder sehr schöne und intime Momente mit meinen Kindern hatte. An den Wochenenden investierte ich sowieso meine komplette Zeit und Energie in meine Familie. So konnte ich mich, wenn ich am nächsten Tag wieder an meinem Schreibtisch saß, über die Ruhe im Büro freuen. So glich sich das alles wunderbar aus. (…) Mit null Verdienstausfall hätte ich mich vielleicht darauf eingelassen. Vielleicht aber auch nicht. Weil ich mich kenne und weiß, wie gerne ich arbeite. Das ist eben meine Art und Weise, für meine Familie zu sorgen: indem ich darauf achte, dass es mir gutgeht.“

Geschäftsführer Philip wiederum wickelt derart komplizierte und einzigartige Versicherungsfälle ab, dass es natürlich auch ohne Kinder unmöglich wäre, nicht 24/7 und 365 Tage im Jahr auf der Matte zu stehen.

Und Personalleiter Thomas erläutert: „Aber auch jetzt, drei Jahre später, wüsste ich nicht, wie ich zwei Monate oder länger fehlen könnte. Inzwischen bin ich für die Personalabteilung an meinem Standort verantwortlich, genauso wie die Koordination in Europa. Die Übergabe meiner Arbeit zu organisieren, wäre ein enormer Aufwand. Ich habe das bei einem Kollegen beobachtet, der ein halbes Jahr in Elternzeit war. Das war schon ein ganzes Stück zusätzliche Arbeit.“

Und weiter:

„Für meine Frau ist es übrigens völlig in Ordnung, dass sie diejenige ist, die zu Hause bleibt. Ich verdiene schließlich wesentlich mehr als sie. Es wäre schlicht strategisch ungünstig, es auch nur zeitweise andersherum zu machen. (…) Die Zeit, die mir außerhalb der Arbeit bleibt, widme ich aber durchgehend meiner Familie. Ich habe keine zeitraubenden Hobbys, also verbringe ich meine Abende, Wochenenden und Urlaube komplett mit den Kindern. So bekomme ich immer noch genug von ihrer Entwicklung mit.“

Thomas sagt außerdem: „In dieser Situation (gerade befördert worden)  für längere Zeit auszusteigen, hätte mir das Gefühl gegeben, dass ich illoyal gegenüber meinem Arbeitgeber bin. Das wollte ich auf keinen Fall.“ Aha.

Jungs, so kommen wir nicht weiter!

Wie dasnuf sehr treffend schrieb: „(…) würde ich wirklich gerne mal einen Artikel lesen, der nicht drei unabkömmliche Karrieristen befragt, die ins Feld führen, dass sie ja drei Mal so viel netto verdienen, wie sie in Elternzeit Elterngeld bekommen können und wie schwer es ist, ihren Kredit auf das Haus abzuzahlen und sich trotz Elternzeit den Jahresurlaub im Hotel leisten können. Das ist dermaßen ermüdend.“

Jungs, so kommen wir nicht weiter! Ehrlicherweise muss man natürlich sagen: Mädels, ihr müsst natürlich auch wollen. Und da wären wir wieder, nachdem wir uns ein paarmal im Kreis gedreht haben: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit sich etwas ändert.

In Ländern, wo es mittlerweile besser läuft mit der Gleichberechtigung in Familien (sprich: Skandinavien), hat das mit dem gesellschaftlichem Klima und mit politischen Rahmenbedingungen zu tun. Wer als Mann mitleidig angeschaut wird, weil er jeden Tag nach 16 Uhr noch im Büro hockt, entwickelt womöglich eine andere Sicht auf seine Rolle als Vater.

Wie wärs mit mildem Zwang?

Ich persönlich hätte auch nichts gegen milden politischen Zwang. Glaubt irgendwer, die überwältigende Mehrheit der Autofahrer*innen wäre freiwillig auf die Idee gekommen, mit ihren Dreckschleudern nicht weiter die Innenstädte zu befahren, wenn eine Feinstaubplakette sie nicht daran gehindert hätte? Wäre die Mehrheit der Arbeitgeber*innen freiwillig dazu übergegangen, einen bestimmten Prozentsatz Frauen einzustellen, wenn es keine Quote gäbe? Ich plädiere tatsächlich für eine Pflicht, die Elternzeit aufzuteilen, es muss ja nicht gleich 50:50 sein, aber eine stärkere Verpflichtung als jetzt halte ich für sinnvoll. Allein schon, um den entsetzlich familienfeindlichen Geist zu vertreiben, der in den meisten Unternehmen immer noch herrscht und ungestört gepflegt werden kann. Ich habe oft das Gefühl, Chef*innen sehen es als einen Gefallen an, wenn sie ihren männlichen Mitarbeitern Elternzeit gewähren, und nicht als ein Recht, dass allen Menschen qua Gesetz zusteht. Allein die Zahl von Männern, dir mir schon erzählt haben, dass zwei Monate Elternzeit in ihrer Firma ganz schlecht rüberkommen würden, macht mich fassungslos.

Nebenbei eingeschoben: Mir ist schon klar, dass man dieses erste Jahr nach der Geburt, um das es ja am Ende meistens geht, nicht mit Bedeutung überfrachten muss; natürlich ist viel wichtiger, was danach passiert, nämlich dass es Paaren gelingt, Erwerbs- und Care-Arbeit einigermaßen gleichberechtigt aufzuteilen; man darf aber annehmen, dass die Wahrscheinlichkeit für dieses Gelingen steigt, wenn der Vater im ersten Jahr mitbekommen hat, wie sich das anfühlt, den ganzen Tag über für ein relativ nutz- und hilfloses Wesen zuständig zu sein. (Hier mein Lieblingsspruch, gern gehört von Männern, die ihre  „Vätermonate“ für eine ausgedehnte Reise mit der Familie nutzen: „Für länger mit dem Baby zu Hause bleiben? Da hätte ich mich doch total gelangweilt!“

Irgendwas ist immer

Momentan ist es doch immer noch so mit Männern und ihrer nicht zustandekommenden Elternzeit: Irgendwas ist immer. Gerade befördert, Abteilung so klein, die Arbeit kann  man deshalb nicht einfach auf die Kollegen abwälzen, eine Vertretung zu finden für eine solch kurze Zeit und mit so einem Expertenwissen unmöglich, macht sonst keiner im Unternehmen, will  ja im Unternehmen später noch aufsteigen können, hat auf meinem Hierachielevel noch niemand gemacht.

Jedenfalls: Ich werde das Problem heute leider auch nicht lösen. Ich habe aber anhand der Beobachtungen in meiner persönlichen Filterblase und des Zeit-Textes, der hervorragend illustriert, wo die Probleme liegen, einen kleinen Guide herausgearbeitet für Frauen, die aktuell mit dem Gedanken spielen, Kinder zu kriegen. Ein paar Voraussetzungen sollten zurzeit gegeben sein, damit es einigermaßen klappt mit der Gleichberechtigung mit Kind. Denn warten, bis die Rahmenbedingungen endlich stimmen, will man ja auch nicht unbedingt:

So klappt’s mit der Elternzeit für ihn:

  • In meinem Freund*innenkreis kenne ich genau ein heterosexuelles Paar, das seine Elternzeit exakt 50:50 aufgeteilt hat, bei beiden Kindern. Beide arbeiten im selben Unternehmen, auf ähnlicher Hierarchieebene, ich nehme stark an, sie verdienen ungefähr gleich, beide lieben ihre Jobs. Perfekt. Also: Sucht euch einen Partner, der geld- und positionsmäßig nicht zu weit von euch selbst entfernt ist.
  • Und: Sucht euch einen Partner, der sein Selbstbewusstsein nicht darüber bezieht, im Unternehmen der unentbehrliche Super-Schaffer zu sein und glaubt, der Laden würde zusammenkrachen, wenn er der Arbeit ein paar Monate fernbleibt.
  • In einem Kommentar unter dem Text von dasnuf schreibt eine Frau, die selbst Chefin ist: „Wie viele unsägliche Ausreden von Männern habe ich in meinem links-aufgeklärten Akademiker-Umfeld anhören müssen, warum sie Elternzeit für Väter echt super finden, es aber ausgerechnet bei ihnen nicht geht. Und wie oft nervt es mich als Chefin, dass immer die Frauen zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist, dass immer die Frauen Stunden reduzieren wollen, dass die Frauen sich weniger zutrauen, wenn es um Karriere geht. Die nicht-gleichberechtigte Denkweise ist in den Köpfen von Männern und Frauen. (…) Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.“

Da ist natürlich auch was dran: Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der Autor dieses Textes, der vor sich hin theoretisiert, dass am Ende ja die Frauen selbst schuld seien, denn sie WOLLEN ja gar nicht ihre heilige Elternzeit hergeben, aber das Phänomen kennt ihr womöglich auch aus eurem Umkreis (oder von euch selbst): Frauen, die ihre Jobs nicht zu hundert Prozent toll finden, und ganz froh sind, durch die Geburt eines Kinde einen guten Grund zu haben, für ein Jahr (oder auch länger) auszusteigen. Und wenn das den Männern nur allzu recht ist und sie nicht dafür einstehen, ihren Beitrag zu leisten, ist schon klar, dass es nichts wird mit einer gleichberechtigten Aufteilung.

Das Allerwichtigste ist also: Sucht euch einen Job, den ihr richtig toll findet. Beim Gedanken daran, diesen Job für ein Jahr an den Nagel hängen zu müssen, weil ihr ein schreiendes Baby entertainen müsst, sollte euch unwohl werden. Niemand, der ein Kind kriegt, weiß, was einen erwartet; ob man es fantastisch oder erdrückend finden wird, monatelang nur noch in Symbiose unterwegs zu sein; Frauen, die ihren Job wahnsinnig gerne machen und/oder viel Verantwortung tragen, haben ein größeres Interesse daran, einen Teil der Verantwortung an ihren Partner abzugeben.

  • Falls einer von beiden wesentlich mehr verdient: Sorgt dafür, dass kein lästiger Hauskredit abbezahlt werden muss oder ihr beide nicht darauf besteht, jedes Jahr teuer Urlaub zu machen.
  • Sucht euch einen Job bei  einer familienfreundlichen Firma, und euer Partner soll das bitte auch tun.
  • Und, neue Studie: Kriegt eure Kinder entweder vor 25 oder nach 35. Dann werdet ihr die Pay-Gap, die durch die Geburt der Kinder entsteht, irgendwann wieder schließen können. Weil die Karriere vor 25 in der Regel noch nicht richtig gestartet und mit 35 etabliert ist. Blöd nur, dass zwischen 25 und 35 aus diversen Gründe ein ziemlich gutes Zeitfenster für Frauen ist, Kinder zu bekommen. Aber kann man ja trotzdem mal im Hinterkopf behalten.

    Dann kann ja eigentlich nix mehr schiefgehen, oder? Ist doch total einfach.

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