Foto: Annemarie Bernhardt

Manik: „Wir wollen migrantische Mütter feiern und zeigen, dass sie stolz sein können auf ihre Geschichten“

Manik Chander und Melisa Manrique haben das Buch „Mama Superstar“ geschrieben, in dem sie migrantische Mütter porträtieren, sie feiern und vielfältige Perspektiven auf das Thema Migration bieten. Wir haben mit Manik über das Buch und ihre eigene „Migrant Mama“ gesprochen.

Kultur geht durch den Magen

Viele verbinden mit dem Begriff Migration erst einma Krisen oder gesellschaftliche Herausforderungen, statt an die Menschen und die vielen, ganz persönlichen Geschichten dahinter zu denken, die damit untrennbar in Zusammenhang stehen. Es sind jene Geschichten, die davon erzählen, wie man sich in einem Land zurecht findet, eine neue Sprache lernt, eine Wohnung oder einen Job findet – aber eben auch welche Hoffnungen, Wünsche oder Sorgen entstehen. Und manchmal erzählen sie auch von der schlichten Herausforderung: Wie nähert man sich der Zubereitung von Gerichten wie Spaghetti mit Tomatensauce oder Fischstäbchen an?

Zeit das zu ändern, dachten sich Manik Chander und Melisa Manrique und schrieben das Buch „Mama Superstar. Elf Porträts über Mut, bedingungslose Liebe und kulturelle Vielfalt“. Im Buch geht es um eben diese Geschichten, um die „Migrant Mamas”, die aus aller Welt hierher nach Deutschland gekommen sind. Es geht um ihre ersten Erfahrungen, Sprachhürden, Erziehung, kulturelle Küche, aber vor allem geht es den Autorinnen darum, Migration als das Geschenk zu feiern, das es eben sein kann.

Maniks Mama Dally ist eine der elf Frauen, sie kam mit 24 Jahren nach Deutschland und heiratete hier. Hier bekam sie Manik und ihre jüngeren Geschwister. Uns hat Manik von dem Ankommen ihrer Mutter und ihrer eigenen Kindheit erzählt.

Ein Portrait von Mama Dally aus dem Buch „Mama Superstar“. Illustratorin: Marta Pucci

Dallys Geschichte über Kindererziehung, deutsches Essen und Traditionen

Gemeinsam mit ihrem Mann wohnte Dally am Rande einer Kleinstadt in Hessen. Hier stellte sich ihr Leben auf den Kopf: Von einer Großfamilie, die immer da war, immer geholfen hat und umgeben von Freund*innen, hinzu einem Leben mit ihrem Mann als einziges Familienmitglied. Dally war erstmal auf sich allein gestellt und fühlte sich einsam. Keine Verwandten, die Tipps zur Schwangerschaft oder Kindererziehung haben oder im Krankheitsfall mal schnell einspringen können. Solch ein Netzwerk musste sich Dally erstmal aufbauen, doch das war gar nicht so einfach. Wie lernt man Leute kennen, wenn man den ganzen Tag zu Hause auf vier kleine Kinder aufpasst?

Als Manik und ihre Geschwister alt genug für den Kindergarten waren, wurde es besser: Dally lernte Deutsch über den guten alten Videotext und traf sich mit anderen Müttern oder Erzieher*innen aus dem Kindergarten. Sie war immer sehr bemüht um die deutsche Kultur und machte alles mit, auch wenn es ihr noch so merkwürdig vorkam: Der Nikolaus, wer auch immer das sein mag, bringt Schokolade? Manik und ihre Geschwister bekamen Schokolade. Die Kinder wollen Spaghetti mit Tomatensauce wie im Kindergarten? Auch diese neuen, hier so klassischen Kindergerichte von denen sie noch nie gehört hatte, brachte sie sich bei. Dally wollte ihren Kindern einfach alles bieten und gab ihr Bestes, in Deutschland anzukommen.

Manik: „Wie ist man denn jetzt deutsch?“

Auch Manik versuchte in ihrer Kindheit möglichst ,deutsch‘ zu sein. Nicht, weil sie sich für ihre indischen Wurzeln schämte, sondern einfach, um nicht irgendwie anders als die anderen zu sein. Manchmal gar nicht so einfach – denn was heißt das überhaupt? Und wie geht ,deutsch‘ sein? Als sie das erste Mal bei einer Freundin zu Abend aß, wies die Mutter ihre Freundin immer wieder zu recht: „Laura, gerade sitzen.“ „Laura, Ellbogen vom Tisch.“ Manik war so unsicher, wie sie sich zu benehmen hat, dass sie einfach versuchte alle Anweisungen der Mutter an ihre Freundin zu kopieren. So ging es erstmal. Im Alter von zwölf Jahren entdeckte Manik dann einen uralten Knigge auf einem Flohmarkt, den sie von vorne bis hinten durchlas und alle Regeln in sich aufsaugte. „Ich kenne so wahnsinnig bekloppte Benimm-Regeln, die sonst keiner kennt. Bei einem Klassenausflug ging es zu einem Italiener und jede*r hat sein Besteck falsch gehalten. Und ich dachte nur so: Wie ist man denn jetzt deutsch?“ Tja, gute Frage.

Enttäuscht, dass ihre Mutter ihr da oft nicht weiterhelfen oder andere Dinge erklären beziehungsweise beibringen konnte, war Manik nie, wie sie sich erinnert – und dennoch war da permanent eine Art negatives Gefühl, das sie erst später zuordnen konnte. Etwa, wenn ihre Eltern ihr mal wieder nicht bei den Hausaufgaben helfen konnten oder sie Briefe aus der Schule für sie übersetzen musste. „Ich habe nie bewusst gedacht, Mama, warum bist du nicht deutsch? Es war eher eine unterbewusste Frustration in mir, weil ich wusste, dass ich auf mich allein gestellt bin.“

Erst im Alter von 20 Jahren beschäftigte sich Manik wirklich ausgiebig mit ihren Wurzeln und konnte für sich das Gefühl ablegen, dass diese etwas sein könnten, was sie „uncool“ macht oder sie in einer anderen Form abwerten könnte – Gedanken, die sie als Teenagerin noch mit sich rumgetragen hatte. „Ich erkannte, dass die indische Kultur so viel reicher und diverser ist als ich immer dachte. Erst dann habe ich angefangen, wirklich stolz auf meine Wurzeln zu sein.“ Hätte sie das früher erkannt, so erzählt sie, dann hätte sie sich nicht über ihre Eltern geärgert, dass sie nicht perfekt deutsch sprechen können – sondern sie viel mehr dafür bewundern können, dass sie so viele andere Sprachen kennen. Eine Perspektive auf die eigene Familie, die ihr viel zu lange verwehrt geblieben ist.

Mama Thuriya kommt aus dem Irak. Ihr Portrait und ihre Geschichte findet ihr auch im Buch „Mama Superstar“. Illustratorin: Marta Pucci

Manik und Melisa: „Wir wollen das wirkliche Bild von Migration herausstellen“

Diese Bewunderung, die Manik erst so spät entdeckt hat, erhoffen sich die beiden Autorinnen für andere Mütter und Kinder mit Migrationshintergrund früher in ihrem Leben. Zunächst war die Idee der Autorinnen, Mütter und Kinder vor allem individuell zu stärken und ihnen dadurch vielleicht etwas mehr Selbstbewusstsein zu schenken: „Wir wollen migrantische Mütter feiern, empowern, zeigen, dass sie stolz sein können auf ihre Geschichten.“ Doch den beiden Autorinnen wurde bei ihren Recherchen schnell bewusst, dass es nicht nur darum geht, andere individuell zu stärken, sondern dass sie die Wahrnehmung, die gemeinhin mit dem Begriff Migration verbunden ist, ganz generell hinterfragen wollen. Denn das eine bedingt eben unweigerlich das andere.

Nicht immer wird kulturelle Vielfalt als Geschenk wahrgenommen. Mit dem Rechtsruck in Europa, den Manik ab 2015 für sich wahrnahm, befürchtete sie,  dass ihre Identität zu einem echten Problem werden könnte. Etwas, das sie durch sich und ihr privates Umfeld als Bereicherung gesehen hat, kippte immer deutlicher in extrem negative Stereotype um – das Narrativ der ,kriminellen Migrant*innen‘ beherrschte die Debatten. Und das, obwohl doch jede*r fünfte Deutsche einen Migrationshintergrund habe und „wenn alle
davon kriminell wären, dann müsste Deutschland doch schon längst
untergegangen sein.“

So sieht Migration wirklich aus: Verschiedene Perspektiven

Doch Deutschland ist nicht untergegangen und schon gar nicht wegen Menschen, die zu uns migrieren. Genau deshalb war es Manik und Melisa auch so ein Anliegen, ein Buch zu schreiben, in dem nicht Geschichten über, sondern die Geschichten von Frauen erzählt werden und sie selbst mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen zu Wort kommen. „Wir wollen Migration feiern und uns auf die positiven Seiten konzentrieren. Dann lernen wir so viel mehr und bekommen so viele verschiedene Perspektiven zusammen. Es wird Zeit, zu akzeptieren, dass Anderssein eben nur anders, aber nicht falsch ist.”

Weil Manik selbst diese vielfältigen Gefühle hinsichtlich ihrer Identität durchmachen musste und erst heute als Erwachsene wieder uneingeschränkt stolz auf ihre indischen Wurzeln sein kann, ist ihre Hoffnung für die jungen Kinder von heute, die in migrantischen Familien groß werden, dass sie früher erleben dürfen, was bei ihr erst mit den Jahren kam: „Sei stolz auf deine zwei Kulturen und versuche, möglichst viel von ihnen zu erleben. Versuche die Geschichte deiner Eltern zu verstehen, frag’ nach und sei neugierig. Das würde ich allen Kindern gerne mitgeben – egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund.“

Die ganze Geschichte von Maniks Mama und zehn weitere von wunderbaren Frauen, die viel erlebt haben, könnt ihr in ihrem Buch „Mama Superstar. Elf Porträts über Mut, bedingungslose Liebe und kulturelle Vielfalt“ lesen. Falls ihr es schon kennt, dann unterstützt die beiden Autorinnen bei ihrem zweiten Buchprojekt: „Mama Superstar. Community Projekt“. Damit unsere Gesellschaft noch mehr aufeinander zugeht und das Geschenk der Migration feiert, so wie Manik und Melisa es bereits machen.

Mama Margret ist auch eine der elf Frauen, die mit ihrer Geschichte im Buch „Mama Superstar“ vorkommt. Illustratorin: Marta Pucci

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