Foto: Franca Gimenez – Flickr – CC BY-ND 2.0

Bester Freund und super Lover – warum wir in einer Beziehung nicht alles haben können

Sex lass nach: Paare, die im Alltag die Aufgaben möglichst fair aufteilen, schlafen weniger miteinander. So war das nicht gedacht. Bei unserem Partner Allegra berichtet ein Autor über das Phänomen.

Mehr bügeln, weniger Sex?

Ein Freund aus Berlin erzählte mir neulich, dass er zu Hause ab und an betont männlich auftre­te, um das Sexleben in Schwung zu halten. Ich fragte ihn, was genau er damit meine. Er antwortete: „Im Wohnzimmer haben wir zum Beispiel einen Ka­min. Es ist völlig klar, dass ich ihn einheize, das würde ich meine Freundin nie machen lassen. Nicht, weil sie es nicht kann – sie könnte es wie alles Handwerkliche wahrscheinlich besser als ich –, sondern, weil es dem Liebesleben hilft, wenn ich öfter mal in die klassische Männerrolle schlüpfe.“

Wer den Abwasch macht, wer bügelt, kocht, staub­ saugt, die Urlaubsreisen bucht, wer wann was zahlt – all das wird in ihrer Beziehung, wie in den meisten, die ich kenne, möglichst fair verhandelt. Das Ziel ist eine 50-50-Aufteilung. Ausgerechnet er als Mann kümmert sich dabei eher ums Bügeln oder die Innen­einrichtung – Tätigkeiten, die noch vor einiger Zeit als typisch weiblich galten.

Aber ist das wirklich schlecht für den Sex in einer Beziehung? Die Antwort von Wissenschaftlern und Paartherapeuten ist eindeutig: Ja. Ein gerecht aufge­teilter Beziehungsalltag belastet das Sexleben.

Was macht glücklich?

Eine Studie der Universität Washington aus dem Jahr 2014 mit dem Titel „Gleichberechtigung, Haus­arbeit und die Häufigkeit von Sex in der Ehe“ hat er­ geben, dass Männer und Frauen, die alles möglichst fair aufteilen, 30 Prozent weniger Sex im Monat haben als Paare, bei denen er sich im Haushalt höchstens da­ rum kümmert, das Bier kaltzustellen. Wenn man sich die Studie noch genauer ansieht, kommt heraus: Män­ner, die bügeln und die Wäsche zusammenlegen, also traditionell weibliche Aufgaben erledigen, haben noch 1,5­mal weniger Sex als Männer, die nur den Müll raus­ bringen und  das  Auto reparieren.

Gleichzeitig zeigt die Forschung aber auch, dass Menschen in gleichberechtigten Beziehungen glück­licher sind. So stellte eine Studie der Universität Bath in England zum Beispiel fest, dass Paare, die Haushalt und Erwerbsarbeit gerecht aufteilen, sich seltener scheiden lassen. Die Faktenlage ist also paradox: Je weniger Mann die Männer sind, desto glücklicher sind die Beziehungen. Und desto weniger Sex findet statt. Frauen möchten mit emanzipierten Männern zusam­men sein, aber nicht so häufig ins Bett gehen.

Männern zwischen 30 und 40 muss man nicht beibringen, dass sie plötzlich die Hälfte der Aufgaben im Alltag zu übernehmen haben – das ist relativ selbst­ verständlich. Und gleichzeitig hören sie, dass genau diese Selbstverständlichkeit sie sexuell unattraktiv macht. Er herrscht eine moderne Rollenverwirrung. Es erscheinen Bücher mit Titeln wie „Die versteckte Lust der Frauen“ (von Daniel Bergner), in denen dar­ gelegt wird, dass die weibliche Sexualität mindestens so fordernd sei wie die männliche. Die bekannte Sozi­ologin Eva Illouz hat ein ganzes Buch über den Fifty­-Shades-­of-­Grey­-Hype geschrieben. Es heißt Die neue Liebesordnung und erklärt, dass sich Frauen im Bett nach zupackenden und selbstbewussten Männern sehnten. Nach Überwältigern, die nach Hause kom­men, ihre Frau hochheben, durch die Wohnung tragen und aufs Bett werfen.

In einem Biergarten fragte ich vor Kurzem ein paar männliche Freunde, wie sie mit diesen moder­nen Rollenanforderungen zurechtkämen. Einer von ihnen antwortete: „Mir ist schon klar, dass es für meine Freundin attraktiv wäre, wenn ich heimkomme, ihr die Kleider vom Leib reiße und sie aufs Bett werfe – aber so bin ich nicht. Das ist nicht drin.“ Alle lachten. Und stimmten zu. Das Interessante an diesem Nachmittag war, dass sich die Männer bewusst waren, dass zwi­schen ihrem Real­-Ich und ihrem Ideal-­Ich im Bett eine Differenz bestand.

„Die meisten Menschen werden nachts von Dingen angetörnt, gegen die sie tagsüber demonstrieren würden.“

In welche Rolle passe ich?

Sexualforscher nennen das Wissen um ein solches Ideal-­Ich „sexuelles Skript“. Jeder hat solche Drehbücher im Kopf: Sie sind kulturell und gesellschaftlich geprägt und sagen einem scheinbar intuitiv, wer wie wen begehrt. Ein Problem entsteht, wenn die Rolle, von der man glaubt, sie sei für einen selbst vorgese­hen, nicht mehr zu einem passt.

Ich habe zwei Jahre lang als Sex­-Kolumnist gearbeitet. Dafür habe ich mit vielen Paaren und Einzel­personen über ihr Liebesleben gesprochen. An einen Mann, Anfang 30, kann ich mich noch gut erinnern. Er erzählte, dass seine Freundin darauf stünde, von ihm hart angepackt zu werden. Also begann er eines Tages damit, sie beim Sex leicht zu würgen. Doch nur so sanft, dass sie ihn irgendwann bat, damit wieder aufzuhören – es bringe so nichts. „Ich kann das nicht fester machen. Das passt nicht zu uns“, antwortete er. Worüber er sich selbst wunderte, war die Tatsache, dass er dennoch auf Internetpornos steht, die rauen, harten Sex zeigen. Die Psychotherapeutin Esther Perel (ihr erkenntnisreicher Ted­Talk heißt: „Das Geheimnis des Begehrens in festen Beziehungen“) sagt über diese Form der Rollenverwirrung: „Die meisten Menschen werden nachts von Dingen angetörnt, gegen die sie tagsüber  demonstrieren  würden.“

Was es offensichtlich noch nicht gibt, sind neue Sex-­Skripte, neue Drehbücher für den 50-50-Sex von heute. Wer in den deutschen Charts zum Beispiel den Hip-­Hopper Kollegah über Sex rappen hört, denkt so­ fort, es handle sich um Ironie (was auch durchaus sein kann): „Und dann bange ich mit meinem stahlharten Knüppel Mütter.“ Und gerade Männer lachen, weil sie ja wissen, wie wenig das Prädikat „stahlhart“ zutrifft, wenn es nach dem Tatort und zwei Gläsern Merlot abends ins Bett geht. Es könne aber gut sein, sagt die amerikanische Psychologin Lori Gottlieb im New York Times Magazin, dass sich mit der Zeit neue Sex­-Skrip­ te entwickeln würden. Und dass es irgendwann nicht nur als selbstverständlich, sondern als erregend gelte, wenn ein Mann den Boden aufwische oder eine Frau das  Auto repariere.

Bis dahin ist es womöglich einfach so, dass Paare ein bisschen weniger Sex haben werden. Wenn  das der Preis für eine glückliche, weil gleichberechtigte Beziehung sei, dann sei es eben so, sagt Esther Perel:

„Es ist nun mal eine ziemliche Herausforderung für einen Menschen, der beste Freund und gleichzeitig der ultimative Lover zu sein. Es kann sein, dass irgend­ einer dieser Ansprüche nicht gänzlich erfüllt werden wird. Das ist ein Paradox, mit dem wir leben müssen. Das lässt sich nicht lösen.“

Vielleicht würden auch mehr Humor und Selbst­ironie im Umgang mit Sex helfen. Der Freund, um den es zu Beginn dieses Textes ging, der das Kaminfeuer übrigens mithilfe eines Grillanzünders entfacht, er­zählte, seine Freundin und er hätten neulich im Bett einen Lachkrampf gehabt. Sie unterhielten sich über die Tatsache, dass Hoden in der Kulturgeschichte schon immer als Ausweis von Männlichkeit galten. Ausge­rechnet Hoden, die doch so sensibel, weich und schutz­bedürftig seien. Als sie sich vom Lachen über dieses alte Männerbild wieder beruhigt hatten, küssten sie sich. Und schliefen miteinander.

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