Foto: Jonas Wresch

#PinkyGate: Warum es weibliche Start-up-Gründerinnen schwerer haben

Was muss sich ändern, damit Start-ups von Frauen die gleichen Finanzierungschancen bekommen wie die von Männern? Die „ooia”-Gründerinnen Kristine Zeller und Dr. Kati Ernst kennen die Hürden aus eigener Erfahrung. Ein Interview.

Noch nie hat ein pinker Plastikhandschuh für so viel Aufmerksamkeit in Deutschland gesorgt. In „Die Höhle der Löwen“ haben zwei Gründer ihr Start-up vorgestellt und mit ihrem angeblich innovativen Produkt Millionen von Menschen fassungslos gemacht. Mit den „Pinky Gloves“ sollen Frauen „diskret“ Tampons entsorgen und ihren Intimbereich nicht mit bloßen Händen berühren müssen. Mit Verkaufsargumenten wie einem „freshen und cleanen Gefühl“ für Frauen und einer geruchsneutralen sowie diskreten Entsorgung bekamen die beiden Gründer tatsächlich ein Investment. 

„Pinky Gloves“ war allerdings nicht das erste Start-up, das ein Produkt für die Periode in der Sendung vorgestellt hat. Vor zwei Jahren präsentierten die Gründerinnen Dr. Kati Ernst und Kristine Zeller ihr Start-up „ooia“, damals noch unter dem Namen „ooshi“: Ein Unternehmen für nachhaltige Periodenunterwäsche. Ein Investment bekamen die beiden allerdings nicht. Die Gründerinnen äußerten sich Anfang der Woche mit einem Instagramvideo zu „Pinky Gloves“, das im Anschluss viral ging. Warum, fragten sich daraufhin viele, hat ein Produkt wie dieser Handschuh ein Investment bekommen, die Periodenunterwäsche aber nicht?

Wir haben Kati und Kristine gefragt, vor welchen Herausforderungen weibliche Gründerinnen in Deutschland stehen und was sich ändern muss, damit Start-ups von Frauen gleiche Finanzierungschancen bekommen wie die von Männern?

Über drei Millionen Videoaufrufe: Habt ihr mit einer so großen Resonanz auf euer Videostatement gerechnet?

Kati: „Nein, denn eigentlich war das Video nur als Statement für unsere Community gedacht, aus der wir viele Nachrichten zu #PinkyGloves bekommen haben. Es gab so viele verschiedene Aspekte, über die sich Menschen geärgert haben. Wir wollten die verschiedenen Punkte sammeln und darauf eingehen. Damit, dass das viral gehen würde, haben wir überhaupt nicht gerechnet.“

Was ärgert euch an der Story am meisten?

Kristine: „Seit Jahren warten Frauen auf Produkte, die Lösungen für Probleme wie Endometriose oder PMS bieten, und Aktivist*innen kämpfen darum, die Scham von der Menstruation zu nehmen. Nun kommt mit ,Pinky Gloves‘ ein Produkt auf den Markt, das Frauen nicht brauchen und das die Periode zurück in die Tabu-Ecke drängt, weil das Blut als etwas Unreines betrachtet wird, das diskret verschwinden soll.“

Ihr wart vor zwei Jahren ebenfalls bei „Die Höhle der Löwen“ und seid damals ohne Investment nach Hause gegangen. Als rein weibliches Team seid ihr noch immer eine Seltenheit. Laut einer Studie der Boston Consulting Group von 2019, bestehen nur vier Prozent der Teams, die in Deutschland ein Start-up gründen, ausschließlich aus Frauen. Zehn Prozent sind gemischte Teams, der Rest ist männlich. In der Studie wurde nachgewiesen, dass die Chance Investor*innengelder zu akquirieren, bei rein weiblichen Start-ups um 18 Prozent geringer ist. 

Erinnert ihr euch an weitere Momente zu Beginn eurer Unternehmensgeschichte, in denen ihr gemerkt habt, dass ihr es schwerer habt, weil ihr zwei Frauen seid?

Kati: „Rückblickend verstehen wir besser, was damals passiert ist. Das liegt auch daran, dass es durch solche Studien heute viel mehr Erkenntnisse über diesen Bereich gibt. In unseren ersten Investor*innengesprächen wurde uns ständig die Frage gestellt, ob es den Markt wirklich gebe. Eigentlich total abstrus, denn die Menstruation betrifft jeden Monat wahnsinnig viele Menschen. Diese Art bedenkenorientierter Fragen ist typisch, wenn Frauen Ideen pitchen. Sie bekommen risikofokussierte Fragen zu Problemen und Hindernissen gestellt, Männer hingegen Fragen zu Chancen, Wachstum und Optionen.“

„Frauen bekommen risikofokussierte Fragen zu Problemen und Hindernissen gestellt, Männer hingegen Fragen zu Chancen, Wachstum und Optionen.“

Dr. Kati Ernst

Kristine: „Wir hatten von Anfang an oft das Gefühl, dass uns Investoren weder zugetraut haben, den Markt selbst zu beurteilen noch die richtigen Schlüsse zu ziehen, obwohl wir schon nennenswerte Verkäufe und eine extrem erfolgreiche Kickstarter-Kampagne vorweisen konnten. Sie wollten lieber erst einmal mit ihrer Frau oder Freundin sprechen, was uns gewundert hat. Schließlich investieren sie ja oft in Produkte, zu denen sie keinen direkten Bezug haben wie zum Beispiel in Pharmaartikel oder Technologien, die sie selbst nicht bedienen können. Wir haben schnell gelernt, dass wir als Gründerinnen unsere Herangehensweise ändern müssen. Wir sind mehr auf die konkrete Marktgröße und Hintergrundfaktoren eingegangen, anstatt den Fokus auf das Produkt zu lenken.“

War das auch die Strategie um in „Die Höhle der Löwen“ ein Investment für euer Produkt zu bekommen?

Kristine: „Die Sendung hat zwei Zielgruppen. Die Investor*innen und die Zuschauer*innen. Es geht dort auch darum, eine Geschichte zu erzählen. Wir sind deshalb mit der Einstellung aufgetreten, dass es toll ist, dass ein Periodenprodukt und damit auch die Periode als schambehaftetes Thema so viel Aufmerksamkeit zur Primetime bekommt.“

Kati: „Wir konnten uns aber auf jeden Fall vorstellen, ein Investment anzunehmen und wollten die Investor*innen genauso erreichen wie die Menschen zu Hause.“

Ihr habt ein Angebot bekommen, das ihr abgelehnt habt. In der aktuellen Debatte wird das kritisch bemerkt, wenn man Investor*innen vorwirft, bei einem Start-up wie euch kein Invest getätigt zu haben, beim reinen Männerteam aber schon. Wie reagiert ihr auf diese Kritik?

Kati: „Wir sind mit einer Unternehmensbewertung in die Sendung gegangen, die wir sehr fair fanden und die dem entsprochen hat, was wir bis dahin erwirtschaftet hatten. Die Investorin, die uns dann ein Angebot gemacht hat, hat diese Bewertung halbiert. Das ist ohne marktbezogene Begründung eigentlich total unüblich und wäre in einem normalen Investor*innengespräch so auch nie passiert. Wir haben es nicht angenommen, weil es nicht dem realen Wert unserer Firma entsprochen hat.“

Kristine: „Man muss dazusagen, dass wir der Investorin noch einmal entgegengekommen sind. Das hat sie dann aber abgelehnt.“

Frauen gründen häufiger im Bereich E-Commerce oder Bildung, Männer eher im IT- oder Software-Bereich (Female Founders Monitor 2018). Rechnet man den Faktor des Geschäftsmodells heraus, zeigt sich dennoch ein großer Unterschied. Laut einer Studie des MIT haben bei gleichem Geschäftsmodell Männer eine um 60 Prozent höhere Chance Risikokapital zu gewinnen als Frauen. Seht ihr einen Unterschied in eurer Verhandlung und der der Gründer von „Pinky Gloves“?

Kati: „Die „Pinky Gloves“-Gründer haben zwar eine Unternehmensbewertung aufgerufen, die halb so hoch war wie unsere, waren als Unternehmen aber auch nicht so weit wie wir. Außerdem hatten wir damals – im Gegensatz zu ihnen – über zehn Jahre Berufserfahrung im Management. Die Jungs von ,Pinky Gloves‘ mussten aber nicht verhandeln.“

„Studien zeigen, dass man Menschen eher zuspricht ein erfolgreiches Unternehmen gründen zu können, wenn sie stereotypische männliche Eigenschaften haben: Dominanz, Durchsetzungsfähigkeit, Risikobereitschaft.“

Kristine Zeller

Kristine: „Studien zeigen, dass man Menschen eher zuspricht ein erfolgreiches Unternehmen gründen zu können, wenn sie stereotypische männliche Eigenschaften haben: Dominanz, Durchsetzungsfähigkeit, Risikobereitschaft. Wenn Frauen pitchen, die diese typisch männlichen Attribute nicht signalisieren, werden sie auch nicht als kompetent wahrgenommen.“

Gibt es nicht auch stereotyp weibliche Eigenschaften, wie Verlässlichkeit oder überlegtes Handeln, die von Investor*innen wertgeschätzt werden sollten? Schließlich weisen Start-ups, die von Frauen geführt werden, höhere Renditen auf, weil sie zwar langsamer wachsen, aber dafür weniger Ausfallquoten haben. Aus einer Studie der BCG geht zudem hervor, dass für jeden Dollar Risikokapital, der in ihr Unternehmen investiert wurde, Frauen 78 Cent Umsatz erwirtschaften, Männer hingegen bloß 31 Cent. 

Kristine: „Ja, das ist total schade. Dazu kommt noch, dass bislang die meisten erfolgreichen Gründer männlich sind. Deshalb wird davon ausgegangen, dass deren Attribute auch Erfolgskriterien sind. Diese Eigenschaften sind Investoren also vertraut und sie projizieren sie auf neue Gründer*innen.“

„Das, was mit erfolgreichen Business-Menschen assoziiert wird, sind typisch-männliche Eigenschaften. Wenn eine Frau diese an den Tag legt, gilt sie allerdings nicht als führungsstark und selbstbewusst, sondern als unsympathisch und bossy.“

Dr. Kati Ernst

Kati: „Das erleben auch Frauen, die in einem Unternehmen aufsteigen wollen. Das, was mit erfolgreichen Business-Menschen assoziiert wird, sind typisch-männliche Eigenschaften. Wenn eine Frau diese an den Tag legt, gilt sie allerdings nicht als führungsstark und selbstbewusst, sondern als unsympathisch und bossy.“

Männer investieren in Männer. Und sie sitzen mit einem Anteil von 96 Prozent in Führungsetagen deutscher Venture Capital Fonds, welche am meisten zur Finanzierung von Start-ups beitragen. Was muss geschehen, damit sich das ändert?

Kati: „Es gibt viele Hebel, an denen man ansetzen muss. Frauen müssen motiviert werden, in Erwägung zu ziehen, Gründerinnen zu werden. Dafür muss es einen einfacheren Zugang zu Kapital geben. Das könnte man zum Beispiel mit Quoten, Fonds spezifisch für Frauen oder mit staatlichen Förderungen erreichen. Wir brauchen ein deutlich verbessertes Betreuungsnetzwerk für Kinder, weil Frauen in heterosexuellen Beziehungen immer noch mehr Care-Arbeit leisten als Männer. Und wir brauchen mehr Vorbilder. Ich habe zum Beispiel ein Diplom in Betriebswirtschaft gemacht und promoviert und in dieser ganzen Zeit keine einzige Gründerin zu Gesicht bekommen. Deshalb war das für mich, nachdem ich die Uni verlassen habe, erstmal gar keine Option.“

„Wir brauchen ein deutlich verbessertes Betreuungsnetzwerk für Kinder, weil Frauen in heterosexuellen Beziehungen immer noch mehr Care-Arbeit leisten als Männer.“

Dr. Kati Ernst

Kristine: „Eigentlich müssen stereotype Rollen schon in der Schule oder der Kita aufgebrochen werden. Mädchen – das ist immer noch rosa und Glitzer und Jungs sind starke Ritter, die kämpfen. Diese Story wird in Kinderliedern und -büchern weitererzählt. Das muss sich dringend ändern.“

Gibt es denn Unternehmerinnen, die ihr als Vorbilder habt?

Kati: „Ja, viele. Auf jeden Fall Verena Pausder, eine der eindrucksvollsten Frauen der Gründerszene.“

Kristine: „Und international Sarah Blakely, die Gründerin von Spanx.“

Welche Tipps würdet ihr eurem jüngeren Ich gerne geben – und damit auch allen anderen Frauen, die überlegen zu gründen oder am Anfang stehen?

Kati: „Wissen ist Macht. Je eher man weiß, worauf es bei einem Pitch ankommt, desto besser. Es gibt mittlerweile viele Artikel und Studien, die helfen, schlagkräftig auf risikobezogene Fragen zu reagieren. Gerade ist es eine super Zeit für Frauen, nach Kapital zu suchen. Der soziale Druck auf Investor*innen in weiblich geführte Unternehmen zu investieren wächst. Das sollten Frauen ausnutzen.“

„Gerade ist es eine super Zeit für Frauen, nach Kapital zu suchen. Der soziale Druck auf Investor*innen in weiblich geführte Unternehmen zu investieren wächst. Das sollten Frauen ausnutzen.“

Dr. Kati Ernst

Kristine: „Wir bekommen oft mit, dass Frauen darüber nachdenken, ein Einzelunternehmen als Designerin oder Fotografin zu gründen. Da sie selbst das Produkt sind, muss man sich aber fragen, wie es aussieht, wenn man irgendwann Kinder plant und unabhängig sein will. Wir wollen Frauen ermutigen, größer zu denken und sich zu fragen, ob sie nicht auch ein größeres Unternehmen gründen könnten, aus dem sie sich auch mal eine Zeit lang zurückziehen können und trotzdem bezahlt werden. Wir glauben, dass sich Frauen öfter zutrauen sollten, mehr zu wagen. Oder zumindest darüber nachzudenken. Das zahlt sich aus.“

Susan Barth, als Arbeiterkind in einem Dorf in Baden-Württemberg geboren, machte in Würzburg nicht nur ihren Master in Philosophie, sondern studierte auch Bildungs- und Erziehungswissenschaften. Seit 2017 lebt und arbeitet sie als Journalistin und Autorin in Hamburg. Unteranderem für den SPIEGEL, Gruner + Jahr und Pinkstinks, ein Magazin und eine Bildungsorganisation gegen Sexismus. Seit 2020 ist sie freie Journalistin und vor allem immer eins geblieben: neugierig.

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