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„Frauen gründen anders – weil sie anders gründen müssen“

Wenn Frauen gründen, dann besonders oft Social Start-ups. Warum ist das so? Ein Bericht über weibliche Sozialisierung, Teilhabe, geschlechtsspezifische Voreingenommenheit der Investor*innen und veraltete Rollenbilder.

Fünf Männer, eine Frau – das ist statistisch gesehen das Verhältnis von Start-up-Gründer*innen in Deutschland. Laut einer Auswertung des Bundesverbands Deutsche Start-ups werden nicht einmal 16 Prozent der Start-ups von Frauen gegründet. Besser sieht es bei allgemeinen Existenzgründungen aus: Dort sind immerhin 36 Prozent der Gründer*innen weiblich. Wo allerdings beinahe Gleichberechtigung herrscht, sind Social Businesses: Frauen gründen fast die Hälfte der Sozialunternehmen, nämlich 46,7 Prozent

Auch der Global Entrepreneurship Monitor über Social Entrepreneurship, eine weltweite Vergleichsstudie, zeigte 2015: 45 Prozent der Sozialunternehmer*innen in Westeuropa sind weiblich – bei anderen Gründungen sind es mit 33 Prozent deutlich weniger. Noch stärker fällt das Ergebnis einer Studie von KfW Research für das Jahr 2017 aus, bei der junge Sozialunternehmen untersucht wurden, also solche, die nicht älter als fünf Jahre sind: 53 Prozent der Gründer*innen waren weiblich – im Vergleich zu 40 Prozent bei anderen Jungunternehmen.

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Social Entrepreneurship: Kooperation statt Wettbewerb

Woran liegt es, dass viel mehr Frauen Sozialunternehmen gründen? Und was kann unsere gesamte Wirtschaft davon lernen?

Die knappe Erklärung der KfW-Studie klingt nach traditionellen weiblichen Rollenzuschreibungen: Frauen hätten „häufiger ein soziales oder ökologisches Anliegen“. Ähnlich formulieren es die Autor*innen des diesjährigen Female Founders Monitor des Bundesverbands Deutsche Start-ups: „Gründerinnen sind stärker als Gründer durch übergeordnete Ziele motiviert und in der Green Economy und im Bereich Social Entrepreneurship besonders aktiv.“ Allgemein gelte: Purpose, also ein höheres Ziel, sei gerade für Frauen in der Start-up Szene wichtig. „Im Unterschied zu den Gründern ist ihre Motivation häufiger an ökologische Nachhaltigkeit gebunden.“

„Social Entrepreneurship bevorzugt meist Kooperationen, anders als die wettbewerbsorientierte konventionelle Wirtschaft.“

Michael Wunsch, Mitautor des „Deutschen Social Entrepreneurship Monitor“.

Michael Wunsch, Mitautor des „Deutschen Social Entrepreneurship Monitor“, vermutet noch einen anderen Grund: „Social Entrepreneurship bevorzugt meist Kooperationen, anders als die wettbewerbsorientierte konventionelle Wirtschaft.“ So wie Frauen sozialisiert werden, scheinen sie darauf mehr Wert zu legen und so „besonders häufig Expertise mitzubringen, die bei Social Entrepreneurship gefragt ist“.

„Frauen gründen anders – weil sie es müssen“

Das bestätigt auch Stephanie Birkner, die an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg zu Vielfalt in der Gründungspraxis und -forschung sowie zu Female Entrepreneurship arbeitet: Weiblich wahrgenommene oder geprägte Menschen – diese Bezeichnung soll mögliche Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung verdeutlichen – legten mehr Wert auf Zusammenarbeit und Netzwerke – beides sei eher in Social Start-ups zu finden. In weiblich geführten Unternehmen gebe es entsprechend öfter Mitarbeiter*innen-Teilhabe.

Stephanie Birkner arbeitet an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg zu Vielfalt in der Gründungspraxis und -forschung sowie zu Female Entrepreneurship. | Foto: GREP

„Frauen gründen anders. Ihnen ist neben der Vision zum Produkt auch der gesellschaftliche Beitrag des Geschäftsmodells wichtig – sie finden sich eher jenseits des klassischen Verständnisses von Wirtschaft wieder.“ Also dort, wo Erfolg nicht nur über finanziellen Profit definiert werde, sondern über den Mehrwert für Mensch und Natur. Doch Birkner betont: „Frauen gründen anders – weil sie anders gründen müssen.“ In der klassischen Wirtschaft würden sie „weder wahrgenommen noch ernsthaft gefördert“.

„Frauen gründen anders. Ihnen ist neben der Vision zum Produkt auch der gesellschaftliche Beitrag des Geschäftsmodells wichtig – sie finden sich eher jenseits des klassischen Verständnisses von Wirtschaft wieder.“

Stephanie Birkner

Während etwa eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft die Ursachen in früher Prägung sieht und rät, vor allem das Selbstvertrauen von Mädchen in ihre Kreativität und Flexibilität zu fördern, sagt Birkner: „Wenn es darum geht, Zukunft zu gestalten, kann es nicht darum gehen, Menschen zu ‚reparieren‘ – sprich sie darin zu bestärken, zu lernen, sich an dominante Stereotype anzupassen –, sondern das System zu ändern.“ Nur auf individueller Ebene könne das nicht erreicht werden. So würden Frauen, die maskuliner aufträten und sich anpassten, schnell als „bossy“ wahrgenommen – wenn sie hingegen zu feminin schienen, nicht ernst genommen.

Birkner sagt: Frauennetzwerke und spezielle Veranstaltungen könnten helfen, doch nur, wenn sie sich nicht langfristig abgrenzten und so echte Teilhabe teils unbewusst verhinderten. „Für bestimmte Themen ist ein geschützter Raum hilfreich, vor allem wenn es um spezifischen Erfahrungsaustausch geht oder darum, Ressourcen zu bündeln.“ Dass es für Frauen oft schwieriger ist, ein Unternehmen zu gründen, liegt auch daran, wie ungerecht finanzielle Mittel verteilt sind und dass Gründerinnen seltener Gelder von Investor*innen bekommen.

Ungerechte Fragen beim Pitch von Gründerinnen

Gründe dafür untersuchten Wissenschaftler*innen der Columbia Business School, Harvard Business School und Columbia University in einer 2018 veröffentlichten Studie. Sie stellten fest: Es liegt auch an unterschiedlichen Fragen, die Investor*innen weiblichen und männlichen Entrepreneurs bei ihrem Pitch stellen. Sie bemerkten eine krasse geschlechtsspezifische Voreingenommenheit der Investor*innen – unabhängig von deren eigenem Geschlecht –, die schon der Titel der Veröffentlichung deutlich macht: „Wir erwarten von Männern, zu gewinnen, und von Frauen, nicht zu verlieren“. Männern wurden Fragen gestellt, die auf ihre Erfolge abzielten, Frauen solche danach, wie sie ein Scheitern verhindern würden. Entsprechend fielen die Antworten aus – und beeinflussten, wie investiert wurde: Nämlich vor allem in Männer.

Auch Stephanie Birkner stellte im Gespräch mit Investor*innen immer wieder fest, dass diese Männern mehr zutrauten als Frauen – und so eher in deren Unternehmen investierten. „Häufig werden nicht Ideen gefördert, sondern ein ganz bestimmter Typ Mensch.“ Dahinter stehen Birkner zufolge oft unbewusste Vorurteile: „Frauen können keine Wirtschaft – und dann kriegen sie auch noch Kinder! Wie sollen sie das denn hinbekommmen?“

Gründerinnen würden eben nach wie vor stärker in ihrer sozialen Rolle wahrgenommen als Gründer. Dabei ist Birkner überzeugt: „Gründen hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit einer bestimmten Art des Denkens und Handelns. Aber die gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit passen nicht mit einer klassischen und zu einfältigen Idee von Wirtschaft zusammen.“

Das führe, vermutet Birkner, jedoch auch dazu, dass Zahlen zu weiblichen Social Start-up-Gründer*innen (häufig Selbsteinschätzungen) durch soziale Erwünschtheit verfälscht würden. Aufgrund der ihnen zugeschriebenen sozialen Rolle definierten sich Frauen eher mit dem Thema Sozialunternehmer*innentum – und würden auch von anderen damit stärker in Verbindung gebracht als Männer.

Chance für Veränderungen?

Dass Frauen anders gründen müssten, sieht Stephanie Birkner jedoch als „unglaubliche Chance für gesellschaftliche Veränderungen“, um Wirtschaft neu und vielfältiger zu denken – und letztlich zukunftsfähig zu machen. „Nur mit einer Vielfalt von Menschen mit all ihren Perspektiven und neuen Impulsen kann sich auch einer Vielfalt von Problemen gestellt werden. So werden Dinge hinterfragt.“ Um Unternehmer*innentum gleichberechtigter zu gestalten, müssten alternative Wirtschaftsformen wie Sozialunternehmen gefördert werden.

„Nur mit einer Vielfalt von Menschen mit all ihren Perspektiven und neuen Impulsen kann sich auch einer Vielfalt von Problemen gestellt werden. So werden Dinge hinterfragt.“

Stephanie Birkner

Ein Weg könnte sein, tatsächliche Kosten einzupreisen: „Welche Ressourcen werden für Produkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette verbraucht? Was kostet das Geschäftsmodell wirklich, für wen und wo?“ So würden sich langfristig nur ökologisch und sozial nachhaltige Geschäftsmodelle als gewinnbringend erweisen – und dadurch letztlich Sozialunternehmer*innentum und Gleichberechtigung gefördert.

Dieser Bericht von Astrid Ehrenhauser ist zuerst bei unserer Kooperationspartnerin „enorm Magazin“ erschienen. Wir freuen uns, dass wir ihn bei uns veröffentlichen dürfen.

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