Bild: hessnatur/Wolfgang Stauber

Yasmine Orth: „Ich würde dem krampfhaften, zielorientierten Netzwerken gern die Wichtigkeit nehmen“

Yasmine Orth war eine der ersten, die erkannte, wie wichtig Netzwerke für Frauen sind – heute will sie vor allem eins: Menschen in Verbindung und in ihre Kraft bringen. Ein Interview.

Yasmine Orth wird immer wieder als eine der „bestvernetzten Frauen Berlins“ bezeichnet – was sie selbst ziemlich kurios findet. „Ich glaube, das übernimmt ein Medium vom anderen, und auf einmal schreiben das ganz viele“. Tatsache ist: Yasmine liebt es, auf Menschen zuzugehen, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, ihre Potenziale zu erkennen, Netzwerke zu spinnen, in denen Frauen miteinander leben, gestalten und arbeiten können.

2004 gründete sie zum Beispiel das Frauennetzerk „Goerlzclub“, das mittlerweile „The Lovers“ heißt, eine Organisation und Community ist und offen sein soll für alle Menschen, die sich für Yasmines Mission interessieren: Die Aktivierung weiblicher Kraft, das Bewusstsein für mehr Nachhaltigkeit, die Rückverbindung mit der Natur und das Gestalten von Erfahrungs- und Experimentierräumen für Begegnung und inneres Wachstum. 2010 schuf sie mit dem „Salon Mondaine“ einen realen Treffpunkt für Female Leadership, der deutschlandweit seitdem mehr als 100 Speakerinnen auf die Bühne gebracht hat.

Yasmine ist gelernte PR- und Kommunikationsexpertin, hat eine Heilausbildung und eine Coaching-Ausbildung gemacht, ist Mutter einer zehnjährigen Tochter und seit vielen Jahren eine leidenschaftliche Kreativ- und Sozialunternehmerin. Sie und ihr Team beraten Unternehmen unter anderem zu Female Leadership. Vor kurzem hat sie neue Räumlichkeiten mitten auf der wuseligen Torstraße in Berlin-Mitte eröffnet. Yasmine sagt: Alle sind hier willkommen, die mehr Bewusstsein und Liebe in die Welt bringen möchten. Dort haben wir uns auch für dieses Interview getroffen.

Würdest du sagen, du bist als Netzwerkerin auf die Welt gekommen, oder hat sich diese Gabe nach und nach entwickelt?

„Ich glaube, beides (lacht). Ich bin Gastrokind – ich bin in Düsseldorf ins Hotel- und Restaurantgewerbe hineingeboren worden. Mein Vater ist Inder und seiner ersten Frau nach Deutschland gefolgt. Ich glaube, mein Vater war für mich eine Schlüsselfigur. Er ist jetzt 83, ich habe mich im vergangenen Jahr mehrere Monate intensiv um ihn gekümmert und in dieser Zeit wieder gemerkt: Mein Vater ist der totale Kommunikator und Connector. Egal wo du mit ihm bist: Er ist total offen, quatscht ständig Leute an, alle mögen ihn sehr, weil er mit einem offenen Herzen durch die Welt geht. Meine Mutter ist vor 14 Jahren gestorben. Auch sie war sehr offenherzig und sehr beliebt, galt als Altstadtkönigin in Düsseldorf, obwohl sie erst durch meinen Vater ins Gastrogewerbe geraten ist. Ich glaube also, dass mir meine Gastfreundschaft durch meine Sozialisation und mein Umfeld in die Wiege gelegt wurde. Gastronomie bedeutet immer Offenheit, sie ist ein Melting Pot, ein Treffpunkt, wo Menschen aus verschiedenen Nationen zusammenkommen und miteinander arbeiten. Und: Ich beschäftige mich mittlerweile auch viel mit Spiritualität und glaube, dass diese Fähigkeit, Verbindungen zu schaffen, einfach ein wichtiger Teil meiner Seelenmission ist.“

Wie ging das Netzwerken bei dir los?

„Ich habe schon früh in meiner Jugend viele Schicksalsschläge erlebt, aber immer versucht, offen damit umzugehen. Ich hatte nie das Gefühl: Ich bin ein Opfer. Ich war zwar oft überwältigt von dem, was mir passiert ist, aber ich war auf der anderen Seite immer total offen für neue Erfahrungen und wusste immer, dass auch, wenn mir manches genommen wurde, auch Vieles zugeflogen ist. In meiner Jugend war ich erst Hippie und bin dann über die Punk-Szene und die Antifa in die Technoszene gekommen. Das war mein Heimathafen, dort habe ich schon früh totale Liebe, Community und Offenheit gelebt. Und auch schon Spiritualität. Ich habe schon zu Schulzeiten angefangen, Veranstaltungen zu organisieren, mit 16 meine erste Technoparty, mit der wir damals 1000 Mark verdient haben. Mein bester Freund Arne und ich suchten uns damals Leute, die schon 18 waren und den Mietvertrag für die Location unterschreiben konnten (lacht). In der Technoszene war Netzwerken ein Riesenthema, aber ganz natürlich. Ich bin dann später viel rumgejettet, war viel auf Ibiza, habe viele Leute getroffen, habe die Dinge verbunden, die ich damals sehr geliebt habe: Musik und Menschen. Nach einem Praktikum bei VIVA TV und einem PR- und Kommunikationsstudium habe ich dann schon mit Anfang Zwanzig meine eigene Bookingagentur gegründet.“

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Du sagst, dass du es schon immer in dir hattest, Verbindungen schaffen zu wollen. Dir geht es auch darum, andere miteinander zu vernetzen … wenn wir über den Job sprechen: Vielen verbinden mit Netzwerken etwas Unangenehmes, trauen sich vielleicht nicht, fühlen sich unter Druck gesetzt, weil man ständig hört: „Um voranzukommen, musst du dir vor allem ein gutes Netzwerk aufbauen.“ Kannst du nachvollziehen, dass viele das Thema Netzwerken als unangenehm betrachten, oder Angst haben, das nicht hinzukriegen?

„Ich kann das total nachvollziehen, weil ich diesen Druck auch kenne. Ich sehe da aber zwei Anteile: Rein historisch gesehen können wir Frauen total gut netzwerken. Wir haben das jahrtausendelang gemacht, im häuslichen Bereich, in Communitys, im Dorf, wo auch immer. Diese Fähigkeit ist eigentlich da. Was wir vielleicht noch nicht gut können, ist das Netzwerken im Business- und gesellschaftlichen Kontext, oder besser gesagt: Das können wir noch nicht lange. Ganz einfach deshalb, weil wir es erst in den vergangenen 50, 60, maximal 100 Jahren lernen durften. Mit den ersten Salons. Das heißt: Die Fähigkeit zum Netzwerken liegt uns allen inne, daran glaube ich hundertprozentig, es geht nur um den Kontext, der sich verändert; die Themen, für die Frauen netzwerken, haben sich verändert. Was mir wichtig ist und was ich auch anderen vermitteln will: in die wahre Weiblichkeit zu kommen; die eigenen Qualitäten herauszuarbeiten und von innen heraus in diese Ur-Kraft zu kommen, die wir alle haben. Und spielerisch und natürlich damit umzugehen, nicht der bessere Mann zu sein und so krampfhaft ihr Ziel erreichen zu wollen. Natürlich habe ich manchmal auch ein Ziel, wenn ich zum Beispiel mit einer bestimmten Intention zu einer Veranstaltung gehe, weil ich weiß, dass ich eine bestimmte Person dort treffen könnte, die ich gerne in meine Events oder Projekte integrieren möchte. Aber oft ist hinter diesem zielorientierten, manchmal krampfhaften Netzwerken so ein Druck, der aber eigentlich oft total stresst. wenn wir ehrlich mit uns sind.“

Diese Art von Netzwerken würdest du lieber streichen?

„Zumindest würde ich ihm gern die Wichtigkeit nehmen. Bei dieser Art des Netzwerkens geht es ja darum, dass man immer etwas Konkretes für sich rausziehen will, mit einem Kalkül dahinter und manchmal gar nicht richtig spürt, wo und mit wem man gerade ist. Bin ich gerade mit einem offenen Herzen unterwegs oder ist es nur mein strategischer Kopf, der das hier gerade unbedingt will? Es ist ja nicht jedes Mal so, wenn ich irgendwo hingehe, dass ich eine bestimmte Intention habe, sondern erstmal offen bin und es auf mich zukommen lassen möchte. Die Magie, die manchmal entsteht, überrascht zu werden vom Unbekannten. Ich muss dann  gar nicht viel machen, und es passiert dann schon irgendwas. Es geht also auch darum, das Vertrauen zu haben, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, dass die richtigen Menschen genau im richtigen Moment auf mich zukommen; oder ich den richtigen Moment bekomme, auf sie zugehen zu können, weil ich weiß, jetzt ist es richtig. Das Vertrauen auf die eigene Intuition, das ist etwas sehr Wesentliches, was ich Menschen auf den Weg geben möchte.“

Hier mal kurz zweifelnd nachgefragt: Ich glaube, eher introvertierte oder gehemmtere Leute würden womöglich bezweifeln, dass sich schon alles ergibt? Wie erreiche ich das? Das Risiko ist hoch, dass ich bei der nächsten Veranstaltung doch wieder unnütz rumstehe und sich nichts ergibt. Spielt das berühmte Thema „Ausstrahlung“ eine Rolle, wenn man sich nicht wohlfühlt, strahlt man das in der Regel ja auch aus?

„Ja, wenn man sich nicht wohlfühlt, dann ist es heute vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt. Das spüren die anderen ja auch, auch subtil. Wenn ich das Gefühl habe: Ich fühle mich heute nicht stark, nicht in meiner Kraft – dann gehe ich nicht raus, dann bleibe ich zu Hause und horche erstmal in mich rein. So ehrlich muss ich mir selbst gegenüber sein. Natürlich kann man immer Tipps geben, wie man immer etwas besser macht, aber das ist auch so Old School, immer zu optimieren. Ich würde die Menschen lieber dazu inspirieren, genug für sich selbst zu sorgen, damit sie in ihre Kraft kommen, damit sie eine gute Ausstrahlung haben, damit sie in diesem Vertrauen sind, dass die Dinge passieren werden. Wir müssen raus aus diesem Stress, raus aus dieser Spirale, sich fertigzumachen, weil die Dinge nicht so klappen, und man vielleicht nicht so der*die Super-Connector*in ist. Aus meiner Sicht ist es eher wichtig, zurückzurudern und in sich hineinzufühlen: Wie geht es mir eigentlich gerade? Wie fühle ich mich gerade? Ist das gerade das Richtige für mich? Oder ist jetzt gerade die Zeit des Rückzugs und ich sorge erstmal für mich? Manchmal hat man allerdings auch keinen Bock und man gibt sich einen Ruck und es wird der beste Abend (lacht). Und natürlich gibt es Menschen, die schüchterner sind und manche sind offener, offensiver.“

Und das muss nicht unbedingt eine absolute Stärke sein?

„Ich denke, es kommt auf die Balance an. Ich empfinde es oft eher als unangenehm, wenn Leute so unnatürlich penetrant sind. Diese Leute spüren sich in dem Moment gar nicht, die spüren auch gar nicht: Ist das jetzt der richtige Moment, um jemanden so zuzutexten? Die haben manchmal das Gefühl: ,Ich muss jetzt!‘. Aber ich schätze es auch sehr, wenn sich jemand total was traut und mutig ist. Es muss halt authentisch sein. Aber wir sollten viel mehr rauskommen aus diesem Zwang, diesem Denken, irgendetwas zu müssen, denn es wird ohnehin passieren, wir müssen vielmehr in dieses Vertrauen kommen, dass die Dinge schon so passieren werden, wie sie passieren sollen … aber natürlich kann man nachhelfen, indem man übt, ganz klar. Das mache ich auch.“    

Wie können wir uns das vorstellen?

„Ich bin zum Beispiel jemand, die total Angst hat, auf die Bühne zu gehen. Wobei: Nicht mehr, das ist eigentlich auch so ein überholter Glaubenssatz bei mir (lacht). Aber es war für mich auf jeden Fall eine Herausforderung, Bühnen zu betreten, auch wenn man das bei mir gar nicht denken würde; aber die Angst vor der Bühne war bei mir sicher verbunden mit altem Trauma, die Angst davor, exponiert zu sein. Diese Angst zu überwinden, habe ich dann jedenfalls geübt und tue es noch immer. Ich habe tief an meinen Glaubenssätzen gearbeitet. Das ist ganz wichtig: Wenn man Dinge aus ganzem Herzen wirklich möchte, sollte man diese Dinge üben und an ihnen arbeiten. Damit man sich immer mehr, Schritt für Schritt, herantraut. Und wenn es einer Person wichtig ist, mehr aus sich herauszukommen, dann kann sie üben, nach und nach mehr Leute zu treffen, den Schweinehund zu überwinden, neue Erfahrungen zu machen und beim nächsten Mal entspannter zu sein. Aber ich finde trotzdem, wir alle sollten den Druck rausnehmen, so oder so sein zu müssen, und uns nicht ständig vergleichen: ,Die macht das ja super‘ – ja, die kann das vielleicht auch wirklich besser, dafür kann man selbst andere Sachen besser … jede*r von uns hat eigene Qualitäten und wir sollten viel stärker dahin kommen, herauszuarbeiten, was wir gut können, und uns nicht fertigzumachen für das, was wir nicht so gut können.“

„Wir sollten viel stärker dahin kommen, herauszuarbeiten, was wir gut können, und uns nicht fertigzumachen für das, was wir nicht so gut können.“

Du bist jemand, die das Thema Frauennetzwerke früh erkannt hat. War das die Feministin in dir, oder warum war dir das wichtig? Bis heute ist es ja so, dass es nicht wenige Frauen gibt, die den Wert von Frauennetzwerken gar nicht erkennen und denken: „Das schaff ich auch so.“ Wie kam es, dass du so früh das Besondere, das Frauen füreinander tun können, gesehen hast?

„Ich sehe mich als Gestalterin für etwas Neues, ich gehe nicht mehr so in die Kampfesenergie, ich habe Netzwerke nie ,gegen‘, also etwa ,gegen die Männer‘, gegründet. Ich kenne diese Wut-Energie, mit der du dann in den Widerstand gehen kannst, das kann eine total gute Energie sein, die eine*n in die Kraft bringen kann, die dir den Mut geben kann zu kämpfen. Aber für mich ist es eher immer die große Neugier gewesen und das große Bedürfnis, Disbalancen in der Gesellschaft auszugleichen und mehr Miteinander zu kreieren. 2004 bin ich nach Berlin gekommen, in die Techno- und Underground-Szene, und habe dort so viele Frauen gesehen, die mich fasziniert haben, von denen ich lernen wollte. Aber ich habe auch gesehen, dass sie nicht untereinander vernetzt waren. Ich kam aus Köln, hatte eine eigene Bookingagentur, wo ich unter lauter Männern war, die ganz selbstverständlich miteinander vernetzt waren, sich auf ihrer Buddy-Ebene ständig gegenseitig gefeatured haben. Ich kam also nach Berlin, traf all diese fantastischen Frauen, lauter Macherinnen, DJanes, Künstlerinnen, und merkte: Diese Vernetzung fehlt hier total. Also habe ich damit begonnen, diese tollen Frauen zusammenzubringen, unter dem Motto: Miteinander statt nebeneinander. Ich war fasziniert von diesen Frauen und wollte sie unterstützen. Ich habe auch viele Events gemacht, wie eigene Nächte im legendären Cookies oder einen Loveparade-Wagen wo ich nur weibliche Künstlerinnen gebucht habe.“    

Was war das für ein Netzwerk?

„Im ,Goerlzclub‘ ging es einfach um Frauen aus der Kreativwirtschaft und alle Bereiche des Lebens, in denen jede*r Unterstützung und Solidarität gebrauchen kann: Die Arbeit, Wohnen, das Leben … ich wollte einfach Frauen zusammenbringen, die sich gegenseitig helfen können. Da kommt womöglich auch noch so eine Art Helfer*innensyndrom dazu, das in mir fest verankert ist – oder war – und womöglich auch damit zu tun hat, dass ich mich vor ihrem Tod lange um meine Mutter gekümmert habe. Meine Vision war damals: ,Hey, wenn wir eines Tages mal alle Mütter sind, können wir uns gegenseitig unterstützen‘ – für diesen Übereifer wurde ich damals ein wenig belächelt von einigen. Wir hatten ein paar kleine Treffen, einfach um eine gute Zeit zusammen zu haben, was Schönes zusammen zu machen. Großstadtisolation, Einsamkeit, Existenzängste – das waren für uns alle wichtige Themen, dafür habe ich Lösungen geboten und Newsletter aufgebaut für später über 2000 Frauen, ab 2010 kamen die Salons dazu. Jedenfalls hatte ich damals schon, mit 26, die Intuition: Hinter dem Thema steckt mehr dahinter. Und heute ist es ,The Lovers‘ und bindet auch Männer ein.“

Würdest du sagen, digitale Frauennetzwerke sind mittlerweile ein Ersatz für das Auf-Konferenzen-rumstehen? So eine Art Safer Spaces, wo man sich gegenseitig unterstützt und offen um Unterstützung bitten kann, idealerweise? Ohne Gegenleistung, wenn man die gerade nicht bieten kann?

„Energetisch betrachtet sollte es grundsätzlich schon immer einen Ausgleich geben. Wenn Menschen immer nur nehmen, ist das nicht der richtige Weg – es ist auch immer wichtig, etwas hineinzugeben, aber man muss es nicht sofort tun. Als ich 2006 anfing, mich für Nachhaltigkeitsthemen zu interessieren, bin ich ständig auf entsprechende Konferenzen gegangen. Ich wusste gar nicht genau, warum. Aber ich wusste: Für dieses Feld, für dieses Wissen, interessiere ich mich; damals habe ich mich so klein gefühlt, weil ich kaum Wissen zu dem Thema hatte, wollte aber mehr erfahren. Und so ist es doch bei allem: Wenn dich etwas interessiert, dann geh da rein, guck dir die Sachen an, sei neugierig, und stell Fragen. Fragen stellen ist der beste Weg – man darf nicht penetrant werden (lacht), aber es ist wichtig, Fragen zu stellen. Klar wird gerade in diesen Zeiten das digitale Miteinander wichtiger, wir sind wegen Corona wieder stärker in der Isolation. Sicher gibt es dadurch auch neue Potenziale, wenn die Notwendigkeit zu noch mehr Vernetzung deutlich wird, also digitale Möglichkeiten besser genutzt werden. Vielleicht ist es gerade auch für Menschen, die sich noch nicht so trauen, eine gute Möglichkeit, erstmal Beobachter*in sein zu können. Trotzdem glaube ich: Isolation war schon vor Corona ein Problem, die Großstadtisolation, Vereinsamung, die Ausgrenzung von bestimmten Schichten. Und jetzt kann dieser Gap noch größer werden.“

Was bedeutet das für dich im Hinblick aufs Netzwerken?

„Netzwerken bedeutet für mich nicht nur connecten, sondern viel mehr auch: Beziehungspflege. Das ist mein Thema. Echte und nachhaltige Beziehungen aufbauen. Viel mehr als früher. Ich habe früher viele Veranstaltungen für Kund*innen gemacht, Gäst*innenmanagement. In einem Text über mich hieß es mal: ,die Herrin der Gästeliste‘, danach habe ich geweint, war total frustriert und traurig, weil der Text das so reduziert hat auf das strategische Vorgehen beim Netzwerken, auf das Thema Gästeliste, darauf, wie toll mein Adressbuch ist. Das hatte so etwas Elitäres, da habe ich gemerkt: Ja, ich komme aus dieser exklusiven Welt, ich habe mich viel in diesen exklusiven Kreisen bewegt, weil das einfach cool und trendy war, auch ein Altersthema, die Zeit war so. Aber irgendwann traf ich die Entscheidung: Ich will inklusiver werden, nicht exklusiver. Ich möchte integrativer arbeiten, ich möchte mehr auf die Straße, nicht mehr nur im Soho House abhängen. Ich habe gemerkt: Ich will da raus, seitdem sind unsere Veranstaltungen offener geworden, wir haben zusätzlich zu der Agenturarbeit einen Verein gegründet. Dieses Inklusiver- und Offenerwerden, mehr Möglichkeiten bieten für alle, ist mein Herzensthema“.

Und du willst tiefer gehen als das, was der pragmatische Begriff des Netzwerkens suggeriert …

„Du hast während unseres Interviews öfter davon gesprochen, dass es viele Frauen gibt, die nicht das Selbstvertrauen haben, zu netzwerken und auf Leute zuzugehen. Diesen Frauen möchte ich sagen: Das ist nicht so wichtig; erstmal solltest du bei dir selbst anfangen und daran arbeiten, in dein Selbstvertrauen und -bewusstsein zu kommen, deine wirklichen Qualitäten und Bedürfnisse zu erkennen, und dann kannst du mit anderen interagieren, in einem gesunden Verhältnis, dann bist du auch nicht ,needy‘, sondern in deiner Kraft. Natürlich kann man immer auf dem Weg sein, denn der ist nicht einfach und nicht linear; aber es ist gut, deine Basis zu stärken und etwas für dich zu tun, für dich zu sorgen. Selbstliebe, Selbstfürsorge, Verantwortung für sich selbst – das haben viele Frauen einfach nicht gelernt, es geht bei ihnen vielmehr um Nächstenliebe, darum, bei anderen zu sein, sich um andere zu kümmern; aber es ist so wichtig, erstmal zu gucken: Wie geht es mir? Was brauche ich eigentlich? Und erst dann kann man in eine gesunde Interaktion gehen mit anderen, dann entstehen gesunde Beziehungen und Netzwerke. Und wenn man dann die Kraft hat, kann man in die Verantwortung gehen, in der Welt Dinge zu tun, die Sinn machen, die gebraucht werden, man kann in gesunde Leadership gehen. Wenn du in dieser Selbstfürsorge bist, fließen die Beziehungen auch ganz anders, dann kannst du anders interagieren. Das ist ein Prozess, den ich begleiten will mit der Arbeit, die ich heute mache.“

Es geht also auch um ein neues Verständnis von Führung?

„Ja. Mir geht es auch darum, Leuten, denen es gut geht, das Herz zu öffnen für andere, für unser Umfeld, und voller Empathie zu schauen: Wer braucht eigentlich Unterstützung? Leute, die aus ihrer Kraft heraus wirklich helfen und die Gesellschaft und die Natur unterstützen, das sind für mich die wahren Leader*innen. Das sind für mich Menschen mit wahrer Menschlichkeit.“

Was möchtest du den Menschen mit deiner Arbeit, mit dem, was du tust, auf den Weg geben?


„Wertschätze das, was du hast, es ist sicher so viel. Dankbarkeit öffnet einen riesigen Raum in uns. Und wenn dir etwas fehlt, hab selbst den Mut, es zu initiieren, do it, warte nicht darauf, dass irgendwann jemand kommt und es für dich macht: Mach es selbst, wenn du die Kraft hast, und schließ dich mit anderen zusammen. Mittlerweile gibt es ja digitale Plattformen dafür, dass du dich mit Gleichgesinnten verbinden und gemeinsam etwas gestalten kannst Das ist mein Appell an alle: Öffnet euer Herz! Für euch selbst, für andere, für die Welt, für die Erde, für die Nachhaltigkeit, für unsere Kinder. Wenn das Herz offen ist, dann können wir teilen und lernen und wachsen.“

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Studium der Politikwissenschaften, nach Ausbildung zur Redakteurin an der Berliner Journalisten-Schule Stationen bei NEON Online und Vanity Fair, freie Autorin für Magazine, Zeitungen und Online, Buchautorin, seit November 2014 Redakteurin bei EDITION F mit Schwerpunkt Familie und Gesellschaft, seit Januar 2020 Textchefin. Foto: Jennifer Fey

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