Foto: Claudia Casagrande

Yasmine Orth: „Unter Frauen gibt es eine besondere Energie“

Yasmine Orth ist Gründerin des Goerlzclubs. Ein Gespräch über ihren Wandel, das Wissen um eigene Talente und den Zusammenhalt zwischen Frauen.

 

Yasmine Orth: Ein Vorbild

Wenn man Berliner Frauen nach einem Vorbild fragt, fällt immer wieder ihr Name: Yasmine Orth. Vor zehn Jahren begann Yasmine den Goerlzclub aufzubauen und brachte Frauen zusammen. Damit hat sie eine besondere Energie geschaffen, wie sie uns im Gespräch erzählt. Jetzt hat Yasmine in einem Film die letzten zehn Jahre festgehalten. Wir haben mit ihr über ihren Wandel, das Muttersein und ihre ganz persönliche Vision unterhalten.

Yasmine, seit Jahren standen in deiner Arbeit immer andere im Mittelpunkt. Vergisst man dabei manchmal, wer man selbst eigentlich ist? Kannst du uns mal deine Version der Yasmine erklären?

„Nein, mich vergesse ich nie, denn ich nehme mir bei allen Aufgaben auch immer sehr viel Zeit für mich alleine, um alles zu reflektieren, was um mich herum passiert. Aber das musste ich auch lernen. Auch, Unterstützung anzunehmen, also eine Balance zwischen dem Geben und Annehmen zu kreieren. Ich war schon immer eine präsente Person, habe viele Jahre aber tatsächlich immer gerne andere auf die Bühne gehoben, weil ich von ihnen fasziniert war. Ich hab mich dann eher in den Hintergrund gestellt und dort die Strippen gezogen. Nun bewege ich mich seit einiger Zeit mehr auch selbst auf der Bühne, da ich stark meine eigenen Themen nach vorne bringen möchte. Es war eine Reise und das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen.“

Wie genau muss man sich diese Reise vorstellen?

„Es hat sicher etwas damit zu tun, dass ich immer mehr in meine wirkliche Größe wachse und diese Größe auch immer mehr anzunehmen weiß, also weniger Angst vor meiner eigenen Kraft habe. Ich fühle mich, als würde ich von dieser wilden Twenphase, in der ich schon mit 24 Jahren meine erste Booking-Agentur gegründet habe und viel durch die Welt gejetted bin, durch die verantwortungsvolle Mutterphase, jetzt in eine Form von gelassener Unternehmerphase kommen, die ich mehr und mehr professionalisiere und auch aus tiefstem Herzen andere Menschen an meinem Wachstum teilhaben lassen möchte, damit wir alle miteinander wachsen. Das macht einfach mehr Spaß.“

Goerlzclub – Salon Mondaine 2004-2014 from even.tv on Vimeo.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Du bist Mama geworden, hast begonnen deine Agentur professionell aufzubauen. Wie würdest du deinen Wandel beschreiben?

„Mein Wandel hat klar etwas mit dem Wandel meiner eigenen Bedürfnisse zu tun. Und die haben sich beruflich immer eins-zu-eins ausgedrückt. Mein Wandel ist eine Reise von dem „Ich“ ins wirkliche „Wir“. Privat wie beruflich. Meine Verantwortung für mich und meine Umwelt ist immer stärker geworden, obwohl ich schon früh ein hohes Wertesystem hatte. Aber ich habe auch gelernt, meine „Überverantwortung“ abzulegen und mehr auf meine eigenen Ressourcen achtzugeben. Und trotzdem kann man meinen Wandel gut vom Hedonistischen ins Holistische beschreiben, obwohl ich heute noch sehr viel Spaß habe bei allem, was ich tue. Was auf jeden Fall sehr wichtig für meinen eigenen Prozess war, war das Reflektieren persönlicher Muster und das Aufräumen von Prägungen meiner Eltern. Dadurch ist mein Weg klarer geworden. Ich habe viel ausprobiert, um meine Ideen umsetzen zu können. Durch dieses „Trial and Errror“-Prinzip habe ich herausgefunden, was ich wirklich kann, will und möchte und was nicht. Vor allem aber habe ich herausgefunden, wie ich mich in die Gesellschaft einbringen möchte.“

Vor zehn Jahren hast du den Goerlzclub gestartet. Eine Gemeinschaft unfassbar interessanter Frauen aus der Musik, Kunst und Kultur. Gibt es so etwas wie ein verbindendes Element zwischen allen Frauen?

„Ja, urbane Coolness gepaart mit dem Herz am rechten Fleck und dem Drive für Umsetzung. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt würde ich sagen.“

Als wir uns kennengelernt haben, sagtest du sehr ehrlich, dass du neuen Frauen-Netzwerken gegenüber oft erst einmal skeptisch bist. Was macht für dich wahre Gemeinschaft aus?

„Es kommt auf die Intention an. Mir machen Worte wie Feminismus und Emanzipation so, wie sie gesellschaftlich besetzt sind, eher Angst, es wirkt manchmal so streng. Ich habe das Netzwerk damals nicht in dem Kontext gegründet. Es ging einfach um „miteinander anstatt nebeneinander“. Wenn man aber genauer hinschaut und sich mit Themen wie „Weiblichkeit“ beschäftigt, sieht man irgendwann überall die männlichen Perspektiven und stellt fest, wie stark sie bestimmte Bereiche besetzen und daran festhalten, dann kann man fast nicht anders als für gleiche Wertschätzung einzustehen. Aber ich mag einfach nicht, wenn es zu starr und verbissen, zu ernst und zu einseitig wird. Dann entstehen auch nur Parallelgesellschaften, die wir ja überwinden wollen. Denn am Ende geht es um den Dialog auf Augenhöhe und auch Versöhnung und Wertschätzung aller Qualitäten von Mann und Frau beziehungsweise weiblichen und männlichen Attributen.“

Wie funktioniert eine Gemeinschaft in der Großstadt?

„Meine Intention bei der Gründung des Goerlzclub damals und auch heute ist eine generelle Haltung zu Freiheit, freier Entscheidung, Selbstverwirklichung privat wie beruflich und einer Vielfalt an Möglichkeiten, seinen eigenen Weg zu wählen. Dafür war es mir sehr wichtig, mich als Frau kennenzulernen und einzutauchen in die Themen der Weiblichkeit. Es war mir sehr wichtig Gemeinschaft in einer riesigen Stadt aufzubauen, um Großstadtisolation entgegenzuwirken in einer Zeit des Digitalen, durch das wir gar nicht mehr allein zu sein scheinen. Aber im Grunde wird es immer einsamer, wenn wir uns nicht mit uns selbst und anderen auseinandersetzen. Ich komme auch aus der Techno-Generation und dort war das Miteinandersein und Feiern für die Community schon immer ein wichtiges verbindendes Element. Dort habe ich sehr viel gesehen und gelernt, und wahnsinnig viele inspirierende Menschen kennengelernt, vor allem starke tolle Frauen. Da hat sich für mich schon früh abgezeichnet, dass Berlin die Stadt der starken Frauen ist, weil hier Raum und Zeit war, sich zu entfalten.“

Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Salon Mondaine. Alles war recht spirituell und ich kam mir fast vor, als wäre ich falsch, weil ich so weit weg vom Meditieren und gesund Essen bin. Wie hast du den Zugang zu spirituellen Themen gefunden? Und was hilft dabei, sich einzulassen, auf ganz neue Konzepte des Zusammenseins?

„Der Salon, den du meinst war: „Die Kunst eine Frau zu sein: Selbstwert, Drive, Spiel und Spaß.“ Es kommt einfach nur auf die Perspektive und Definition an, also auch unsere gesellschaftliche Prägung. Mir ist die ganzheitliche Perspektive einfach sehr wichtig. Wir sind doch eigentlich alle total spirituell und ich liebe den Perspektivwechsel und die großen Fragen dahinter – in die Tiefe zu schauen. Alles hat eine Ursache und eine Konsequenz. Das Spirituelle ist die Metaebene, durch die wir alle Gedanken und Handlungen in Aktion umsetzen oder eben nicht. Wir glauben doch alle an etwas oder eben nicht. Oft vertrauen wir einfach noch nicht richtig, wir vertrauen nicht unserer eigenen Intuition, was einfach immer wichtiger werden wird im digitalen Zeitalter. Das Selbstvertrauen an unser Potential, an unsere Talente wächst oft erst mit den Erfahrungen, Krisen oder vielleicht der Anerkennung durch andere. Aber woher kommt die Kraft bei dem Einen und was fehlt dem Anderen? Woher kommen Drive und Triebfedern, also Motive? Im Grunde ist es für mich ein Wertesystem, das ich mir selbst aufgestellt habe. Sicher bin ich zuerst durch meine Eltern damit konfrontiert worden, positiv wie negativ. Dann kam der gesellschaftliche Einfluss. Aber sicher ist es auch viel meine eigene Qualität, mit der ich geboren wurde.“

Was prägt dein persönliches Wertesystem?

„Mein indischer Urgroßvater ist nach Kenja ausgewandert und zum Islam konvertiert, aber immer indisch geblieben. Mein Vater war ein sehr materieller Lebemann, meine Mutter war eine sehr werteorientierte Protestantin und ich habe mich schon als Kind sehr stark zwischen all diesen Welten und Kulturen gefühlt. Als ich als Teenager zum ersten Mal über Buddhismus gelesen habe, dachte ich, so denke ich doch sowieso, obwohl mich niemand eingeführt hatte. Und mein Körper hat automatisch immer Yogaübungen gemacht, obwohl es mir niemand gezeigt hat. Dazu kam später, dass meine Techno-Zeit und meine Nightlife-Aktivitäten damals nicht wirklich zu einer gesunden Lebensweise geführt haben. Durch einige persönliche Schicksalsschläge wie den Tod meiner Mutter vor acht Jahren an Krebs und ihrer Sterbeblegleitung, habe ich mich einfach für die Seite des Lebens, des Wachsens, des Bewusstwerdens und des genauen Hinschauens entschieden. Nur darum geht’s. Bewusstsein für das, was ist. Für das, wer wir wirklich sind. Und das Loslassen der Eigenschaften und Konventionen, von denen wir denken, sie werden von uns erwartet, wie wir zu sein haben. Ich habe gelernt meine Intuition tief zu schulen und ihr zu vertrauen, dem Bauchgefühl, den ersten Impulsen, die ich bekomme. Mein „Konzept“ ist die Balance zu finden zwischen Kopf, Herz und Körper und die Signale zu lesen, was zu viel oder zu wenig bekommt. Die Zyklen des Lebens wie etwa Jahreszeiten oder die Menstruation wahrzunehmen, nach innen zu schauen und zu erkennen, wo stehe ich gerade. Dann kann ich viel mehr darauf Rücksicht nehmen und wachse genau dadurch daran, wenn die Dinge gerade nicht so gut laufen. Wir tragen eine ungeheure Kraft in uns und der Schlüssel liegt darin, diese zu wecken, zu pflegen und wertzuschätzen. Dann entfaltet sie immer mehr. Und ich liebe es alleine zu sein, wenn ich es brauche und gemeinsam zu sein, wenn Raum dafür ist.“

Zehn Jahre voller Begegnungen mit Frauen. Was war die schönste und was vielleicht die schlechteste Erfahrung die du gemacht hast?

„Die schönste Erfahrung war sicher, mich selbst kennenzulernen, meine Ängste und Talente. Manchmal tat es weh, meist jedoch war es voller Wahnsinn, Inspiration, Liebe und Spaß. Voller Neugierde und Wertschätzung. Da war ganz viel Faszination für das eigene Geschlecht, für die Möglichkeiten, die mir selbst durch das Vorleben anderer toller Frauen gezeigt wurden. Etwas machen, schaffen und umsetzen zu können, was man an verrückten Ideen in sich trägt. Eine der negativen Erfahrungen, die ich aber auch spannend finde, ist sicher aber auch zu sehen, wie manche Frauen, andere Frauen klein halten wollen, wenn diese größer werden und nicht mehr nur altruistisch handeln, sondern einfach auch sich selbst mal mehr in den Fokus stellen. Da entsteht eine komische Form von Neid, anstatt zu bewundern oder einfach wertzuschätzen, das ist sicher aber auch kulturell geprägt. Das sicher Schwierigste, was ich auch lernen durfte, ist sich nicht zu vergleichen und sich damit schlechter oder besser zu fühlen, sondern seinen ganz eigenen Weg zu gehen und sich treu zu bleiben. Das hat mir aber sehr das Yoga gelehrt. Denn wir sind alle toll und jede hat ganz eigene Talente und erst diese Vielfalt macht das große Ganze aus und lässt es spannend werden. Sonst sind wir gleich und langweilig.“

Gibt es etwas was das Zusammensein und die Zusammenarbeit mit Frauen anders macht als mit Männern?

„Ich finde nur unter Frauen zu sein, hat eine ganz besondere Energie. Wenn die voller Liebe und Wohlwollen ist, hast du totalen Rückenwind und alle tragen und bestärken sich gegenseitig. Das zuzulassen und zu erkennen, war ein wichtiger Schlüssel für mich, meine eigene Weiblichkeit zu entdecken, um auf totaler Wertschätzungsebene mit den Männern zu sein. Du lernst deine Kraft zu entdecken und nicht ständig deinen Selbstwert in Frage zu stellen. Das versuche ich in den reinen Frauen-Salons, die ich mache, zu zeigen. Wenn du das spürst, aber noch nicht kennst, bist du erst erschrocken, doch dann setzt ein Gefühl der Wärme ein und der Herzlichkeit, die dich ummantelt. Wenn da auf einmal Männer dabei sind, verhält sich jede Frau immer unbewusst anders. Das gleiche gilt bei den Männern und nur einer Frau, die den Raum betritt ziemlich sicher.“

Können Frauen mehr als Männer?

„Ich habe mir auch lange die Frage gestellt, warum ich früher immer, wenn ich gebeten wurde Kreative zu empfehlen, fast immer patente Männer empfohlen habe. Ich hatte das Gefühl, da kann ich nichts falsch machen, die sind saucool und super kompetent. Dann habe ich angefangen mich zu fragen, warum das so ist. Als ich 2009 den Coworking-Space „Chateau Fou“ gegründet habe und immer mehr weibliche kreative Entrepreneure und Freelancer um mich herum hatte und ihre Kompetenz und Coolness gesehen habe, ohne laut zu schreien, habe ich angefangen, ihren Kompetenzen mehr zu vertrauen. Und durch die Auseinandersetzung mit den Themen der Weiblichkeit ist mir natürlich aufgefallen, wie uns Frauen jahrtausendelang beruflich nichts zugetraut wurde, und wie wir Frauen das in unser eigenes System aufgenommen haben, anderen Frauen, also dem eigenen Geschlecht, auch nichts oder nur begrenzt zuzutrauen – beruflich natürlich, nicht in Sachen der Familien- und Haushaltsfragen. Durch das Zutrauen, kommt ein Vertrauen in das eigene Selbstvertrauen. Ein spannender Prozess.“

Was hälst du von rein weiblichen Teams?

„Gemischte Teams sind oft wichtig. Ich hatte schon immer viele männliche Buddies und Sparringpartner und vertraue total auf deren Meinung und Perspektiven. Ich lerne ganz viel von Männern, schaue mir ihre Schlüssel und Tools an und nehme es als Inspiration. Ich finde es zum Beispiel total wichtig, dass wir Frauen lernen, viel mehr miteinander zu spielen, Spaß bei allem zu haben, nicht so perfekt mit allem umzugehen und die Dinge einfach auch mal größer zu denken.“

Groß denken. Hast du für dich eine Vision, was die nächsten zehn Jahre bringen sollen?

„Ja schon, sehr viele konkrete Visionen. Aber das Wichtigste ist: immer mehr ins Vertrauen zu kommen und Mut für ganz viele Abenteuer zu haben. Meine beruflichen Ideen konstant umzusetzen und damit erfolgreich zu sein. Ich wünsche mir ganz viel Sinnhaftigkeit bei allem, was ich tue, und einen Teil dazu beizutragen, die Welt zu einem schöneren, achtsameren und liebevolleren Ort zu machen. Hört sich kitschig an, ist aber so. Glücklich zu sein bei allem, was ich tue und das loszulassen, was nicht mehr passt oder was ich nicht mehr liebe. Ich möchte viel reisen, vielleicht noch ein zweites Kind bekommen, wenn es passt, wenn nicht, dann nicht, da hab ich keinen Zwang. Mit meinem neuen Freund zu wachsen, beruflich wie privat durch eine ausgewogene Balance und gesundem Bewusstsein für Entschleunigung mit Zeit und Raum für Entfaltung und gleichzeitig den Rausch des Lebens mit seinen vielen Überraschungen in voller Intensität zu leben. Und es ist mir ein tiefes Anliegen, andere zu unterstützen, ihren Weg zu finden, ihr Potential zu erkennen und zu leben. Ich freue mich jedenfalls auf jeden Tag, an dem ich weiter mit anderen lernen darf.“

Danke für das Gespräch liebe Yasmine.

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