Foto: Sharon McCutcheon | Unsplash

Sind Pornos zum Anhören das, was mir zum Glück gefehlt hat?

Ein neues Startup bietet erotische Hörgeschichten an, die insbesondere Frauen Spaß machen sollen. Ein Selbstversuch.

Pornos als Hörspiel?

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den ersten Porno, den ich gesehen habe. Ich war 15 und saß mit meinem ersten Freund in seinem Kinderzimmer auf dem Bett. „Wie, du hast noch nie einen Porno gesehen?” Er schaute mich schockiert an. „Na, dann ändern wir das jetzt!” Dann sahen wir uns ein verpixeltes Video an, in dem eine Frau mit ballonartigen Brüsten von zwei Männern in einem Schwimmbad penetriert wurde. Ich weiß noch, wie unangenehm ich ihr Schreien fand. Der Frau tat offensichtlich etwas weh, warum verstanden die beiden Männer das nicht? Dazu war auch die Optik des Videos so durch und durch grausam, dass ich nach wenigen Minuten den Laptop zuklappte und mich weigerte, das Video zu Ende zu schauen.

Damals wusste ich noch nichts von feministischen Pornoregisseur*innen wie Erika Lust oder Maike Brochhaus, die in ihre Filme auch die weibliche Perspektive miteinbeziehen und auf faire Produktionsbedingungen setzen. Aber trotzdem sind Pornos und ich nie wirklich warm miteinander geworden. Könnte sich das jetzt ändern? Nina Julie Lepique ist 24 und Gründerin des Erotik–Startups Femtasy. Auf der Webseite kann man sich von unterschiedlichen Stimmen erotische Geschichten erzählen lassen. Laut Femtasy nutzen neun von zehn Frauen ihre Fantasie, wenn sie masturbieren. Die Aufnahmen auf der Webseite sollen dabei helfen. Habe ich vielleicht bisher nur noch nicht die richtige Art Pornografie konsumiert? Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, in der Vergangenheit etwas verpasst zu haben. Aber wer weiß – also starte ich einen Selbstversuch.

Das Stöhnen des Lars Eidingers

Ich sitze mit Kopfhörern am Schreibtisch und schaue mir die Webseite an. Anstatt schlecht aufgelöster Fotos von Pärchen in verrenkten Stellungen gibt es hier Bilder von pudrigen Explosionen in Orange– und Lilatönen. Rorschachtest trifft Orgasmus. Ich kann mich durch eine Auswahl an Stimmen klicken, um herauszufinden, wer mir eine Geschichte erzählen soll. Spontan entscheide ich mich für Erik und muss erstmal lachen, als mir eine tiefe Stimme ins Ohr stöhnt. Das Büro ist auf jeden Fall nicht der richtige Ort, um in die Geschichten reinzuhören.

Also schaue ich mir die Webseite zu Hause noch einmal an. Nachdem ich mir ein Profil erstellt habe, kann ich Stimmen als Favoriten speichern und mir direkt anzeigen lassen, welche Geschichten die Personen eingelesen haben. Nelios Stimme erinnert mich an Lars Eidinger, bei Laura stört mich die Qualität der Aufnahme. Beides unsexy.

Private Untersuchung

Die Menge an Stimmen überfordert mich. Soll ich die jetzt alle erstmal anhören, bis ich mich für eine entschieden habe? Eine andere Möglichkeit, eine Geschichte zu finden, die einem gefällt, sind verschiedene Filterfunktionen. Außerdem sind die Geschichten in die Kategorien sanft, intensiv und hardcore unterteilt. Zugang zu den hardcore–Aufnahmen erhält nur, wer einen eigenen Account besitzt und sich einer Altersprüfung unterzogen hat.

Die Geschichten tragen Titel wie Rote Striemen, Private Untersuchung oder Der erste Plug. Sie kommen mal mit mehr, mal mit weniger Kontext aus und orientieren sich laut Angabe von Femtasy an den Vorlieben und Wünschen, die 1.500 Frauen bei Befragungen vor der Konzeption der Website angaben.

Man kann einen kurzen Ausschnitt jeder Geschichte Probehören, auch ohne sich anzumelden. Ansonsten kostet Femtasy monatlich etwa so viel wie Spotify. Es gibt auch einen Tagespass, mit dem man die Seite für 3,49 Euro einen Tag lang nutzen kann, um zu schauen, ob man mit dem Angebot warm wird.

Wenig queere Perspektiven

Das Spektrum der Geschichten reicht von Paaren, die es nach einem anstrengenden Arbeitstag auf dem Sofa treiben, bis zum Klempner, der davon fantasiert, eine Frau an die Rohre im Heizungskeller zu fesseln. Es gibt Frauenstimmen, die von der Kellnerin im Café schwärmen und Männerstimmen, die von einem Dreier mit ihrem besten Freund träumen. Das Verhältnis homosexueller Storys ist im Vergleich zu heterosexuellen Geschichten eher enttäuschend. Trotz 126 Fantasien auf der Website gibt es nur sechs queere Geschichten. Dieses Ungleichgewicht ist inzwischen auch den Betreiber*innen der Webseite aufgefallen und sie versprechen, dass es bald mehr geben werde: “Wir arbeiten aktuell mit Hochdruck und viel Liebe daran, weitere Aufnahmen zu bi– und homosexuellen Fantasien zu erstellen.”

Ich klicke mich einen Nachmittag lang durch das Angebot und höre mir verschiedene Geschichten an. Halb ist das Arbeit, halb Vergnügen. Für Menschen, die mit der Ästhetik von Internetpornos nicht viel anfangen können oder die von sich wissen, dass sie auf Geschichten und Fantasien eher anspringen als auf Bilder, für die kann Femtasy sicherlich eine gute Option sein. Genauso für Paare, die ansonsten die Drei ??? im Bett hören und Lust auf etwas Neues haben. Wer allerdings nicht auf Klischees, Gestöhne oder Heteronormativität steht, sollte sich lieber anderweitig umschauen.

Der Originaltext von Katharina Alexander ist bei unserem Kooperationspartner ze.tt erschienen. Hier könnt ihr ze.tt auf Facebook folgen.

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