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Resilienz – Kann man Führungskräften seelische Widerstandskraft beibringen?

Moderne Manager*innen sollen resilient sein und werden dafür auch in Resilienz-Trainings geschickt. Kann man diese Eigenschaft von heute auf morgen erlernen?

 

Resilienz ist keine Qualifikation

Welche Fähigkeiten sollten moderne Führungskräfte haben? Eine Eigenschaft, die im Management-Diskurs vergleichsweise jung ist, aber immer öfter fällt, ist die so genannte Resilienz. Doch im Gegensatz zu Anforderungen wie Durchsetzungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit oder Integrität findet man die Resilienz nicht in Stellenprofilen, wenn Unternehmen die idealen Kandidat*innen beschreiben. Denn obgleich die seelische Widerstandskraft, so wie Resilienz auch beschrieben werden kann, im Berufsleben sehr wertvoll sein kann, entwickelt sich diese Eigenschaft vor allem im Privaten und oftmals zudem in intimen Momenten. Wer die Entstehung der eigenen Resilienz beschreiben will, müsste dafür viel von sich preisgeben und mehr noch: sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzen. Dass jemand besonders resilient sei, ist daher vor allem eine Zuschreibung von außen oder eine Beobachtung über sich selbst, die man vor allem rückblickend treffen kann. 

In der Psychologie spricht von von hoher Resilienz, wenn Menschen eine besondere innere Stärke aufweisen, hohen seelischen Belastungen standhalten und Krisen überwinden und sogar aus ihnen gestärkt hervorgehen können. Damit erklärt sich unter anderem, warum Menschen mit ähnlichen Schicksalsschlägen unterschiedlich umgehen und belastende Ereignisse wie Todesfälle in der Familie, schwere Krankheiten oder wirtschaftliche Krisen besser oder schlechter wegstecken können. Da eine hohe Resilienz zunächst eine Eigenschaft ist, die sich aus besonderen und auch zufälligen Umständen ergibt, ist sie nicht das Ergebnis der eigenen Anstrengung, für die man sich stolz auf die Schulter klopfen kann, sondern ist Glückssache – bzw. das positive Ergebnis einer ehemals unglücklichen Lage. Und sie entsteht durch das Zutun von anderen, denn die Grundlage für Resilienz, so die Erkenntnis von Entwicklungspyscholog*innen, wird schon in der Kindheit durch stabile und vertrauensvolle Beziehungen zu mindestens einer engen Bezugsperson gelegt, die dem Kind dabei hilft, Fähigkeiten zu entwickeln, die es für die Herausforderungen der Welt stark machen und ihm helfen, sich in unterschiedlichen Lebenslagen zurechtzufinden. Man macht also Kinder nicht resilienter dadurch, indem man ihnen besonders viel abfordert, sie „abhärtet“ – und gleiches gilt auch für sich selbst als erwachsene Person. Liebevolle Beziehungen – genau wie ein achtsamer Umgang mit sich selbst und den eigenen Ressourcen – sind für innere Stärke entscheidend. 

Wie Resilienz und Achtsamkeit verknüpft sind

Ein resilienter Mensch geht daher mit sich nicht selbstausbeuterisch um, sondern kennt die eigenen Grenzen und bemüht sich darum, gut für sich selbst zu sorgen. Diese Selbstverantwortung zählt zu den Faktoren, die die eigene Resilienz stärken können. Zu erkennen, was man in einer bestimmten Situation braucht und danach zu handeln. Das bedeutet keinesfalls, dass man zum Beispiel in einer schwierigen Phase wie nach dem Tod eines geliebten Menschen umgehend wissen muss, wie man die Trauer überwindet. Viel mehr wäre ein achtsamer Umgang mit sich selbst hier, sich auch die Zeit zu gewähren, erst einmal nicht zu wissen, wie es weitergeht, und erst später dafür zu sorgen, die wichtigsten Bedürfnisse zu stillen. 

Bei einer hohen Resilienz greifen unterschiedliche Faktoren ineinander, die sich ergänzen und beeinflussen, wie jemand handelt und denkt. Resilienz bemisst sich dabei nicht in der Zeit, besonders schnell mit einer neuen Herausforderung umzugehen, sondern mit der Fähigkeit, eine Krise überhaupt zu bewältigen und dabei seelisch keinen Schaden zu nehmen. Auf das Beispiel des Verlustes einer Person angewendet bedeutet das, dass resiliente Menschen trauern, doch sich im Verlauf dieser Phase neu orientieren und einen guten Umgang mit der neuen Situation finden.

Als Faktoren, die im Zusammenspiel die Resilienz ergeben, werden in der psychologischen Forschung und in der Therapie vor allem Akzeptanz, Optimismus, Lösungsorientierung, die schon genannte Selbstverantwortung und Achtsamkeit, Selbstwirksamkeit, Netzwerkorientierung und Zukunftsorientierung genannt. 

Resilienz im Zusammenspiel mit Umwelt und eigenen Ressourcen

Hierbei ist wiederum wichtig zu sehen, dass diese Faktoren nicht losgelöst von der Umwelt aktiviert werden können, sondern Personen in ihrem jeweiligen Kontext und mit ihrer individuellen Prägung jeweils mehr oder weniger gut in diese Haltungen hineinfinden können. Rahmenbedingungen im sozialen und gesellschaftlichen Umfeld aber auch persönliche Ressourcen wie kognitive Fähigkeiten oder die körperliche Gesundheit haben Einfluss darauf, wie seelisch widerstandsfähig eine Person sein kann. Und das wiederum bedeutet, dass es die eine Herangehensweise, Resilienz in Personen oder auch Gruppen zu stärken, nicht gibt, weil sie kontextabhängig und personenbezogen ist. 

Zwar lässt sich die eigene Resilienz auch im Erwachsenenalter verbessern, was die geeigneten Maßnahmen dafür sein können, ist gänzlich unterschiedlich. Dem „ultimativen 8-Punkte-Plan für eine bessere Resilienz im Job“ sollten wir alle also skeptisch begegnen und uns stattdessen auf zentrale Aspekte des Modells besinnen: Sich selbst gut zu kennen und zu erkennen, was man braucht und was man schon hat, um eine schwierige Situation gut zu überstehen, ist die bessere Herangehensweise statt ein Modell für alle, ganz besonders, das diese Fähigkeit sich weder allein im Beruf entwickeln lässt, noch auf ihn begrenzt ist. Resilienz ist eingebettet in verschiedene erlernte Verhaltensweisen und persönliche Voraussetzungen einer Person und erstreckt sich auf ihr komplettes Leben, sie kann nicht in kurzer Zeit an Business-Schools gelehrt werden. 

Wege zu mehr Resilienz

Dennoch lesenswert ist die „Road to resilience“ von der „American Psychological Association“, da sie anschaulich erklärt, wie man für sich und andere ein resilientes Umfeld aufbaut und den großen Begriff herunterbricht auf Dinge, die man vielleicht schon längst tut oder die umsetzbar erscheinen. 

Darauf basierend kann eine Organisation ihre Manager*innen und Mitarbeiter*innen anleiten und ermutigen, sich mit ihrer persönlichen Situation auseinanderzusetzen und Dinge zu identifizieren, die Stress verursachen können, um dann Verhaltensweisen zu identifizieren, sie den Stress abfedern, statt ihn zu verstärken. Gleichermaßen sollte eine Organisation ein Umfeld schaffen, in dem Mitarbeiter*innen eine Arbeitskultur vorfinden, die resilienz-fördernde Faktoren miteinbezieht. Ziel der Organisation sollte nicht sein, von resilienten Mitarbeiter*innen zu erwarten, mit dem Stress einer schlechten Organisationskultur umzugehen und als widerstandsfähige Person (zu) hohe Belastungen dauerhaft auszuhalten. Das wäre ein falsches Verständnis von Resilienz im Arbeitskontext – und vor allem kein nachhaltiges.

Die „American Psychological Association“ nennt als resilienzstärkende Verhaltensweisen und Einstellungen:

1. Soziale Beziehungen pflegen 

Schon in diesem ersten Punkt wird deutlich, dass Resilienz nicht losgelöst von anderen entsteht. Gute Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freund*innen, Menschen mit ähnlichen Interessen in z.B. Vereinen oder auch Arbeitskolleg*innen sind eine gute Basis für innere Stärke. Zur Qualität dieser Beziehung zählt auch, Hilfe anzunehmen oder andere zu unterstützen und daraus Sinn zu ziehen. 

2. Krisen als endlich und überwindbar betrachten

Schwierige Phasen gehören zum Leben dazu und lassen sich kaum vermeiden. Zu versuchen, über die Krise hinauszudenken und sich vorstellen zu können, dass das Leben sich wieder positiv verändert, kann in schwierigen Zeiten helfen. Die Psycholog*innen empfehlen dabei, auch auf kleine Verbesserungen zu achten.

3. Veränderungen akzeptieren

Neue Situationen anzunehmen und zu akzeptieren, dass im Leben nicht alles nach Plan läuft, hilft dabei, nach vorn zu sehen und nicht mit dem Scheitern zu hadern. Für einen guten Umgang mit einer Krise wird empfohlen, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man selbst verändern kann.

4. Sich realistische Ziele setzen

Ziele zu haben ist wichtig – doch sie sollten erreichbar sein. Den Weg dorthin kann man auch in kleine Schritte unterteilen, den diese kleinen Erfolge sorgen für positive Erlebnisse und stärken die Motivation. 

5. Aktiv werden

Es ist okay, in einer Krise zunächst nicht weiter zu wissen. Was jedoch hilft, ist zu identifizieren, was man selbst tun kann, damit man sich wieder besser fühlt und die Dinge anzugehen, die die Situation verbessern, statt in Gedankenspiralen zu verharren.

6. Reflektieren und lernen

Psycholog*innen empfehlen, Krisen dafür zu nutzen, aufmerksam auf sich selbst zu schauen und etwas Neues an sich zu entdecken. Einen Verlust zu erleben und sich dennoch weiterzuentwickeln muss kein Widerspruch sein, denn auch ein erzwungener Perspektivwechsel kann gute Dinge hervorbringen, die man nicht klein reden muss. 

7. Positiv auf sich selbst blicken

Menschen mit einem positiven Selbstbild kommen besser durch Krisen. Dieses Selbstvertrauen wird unter anderem gestärkt, indem man anerkennt, dass man selbst Lösungen finden kann und dass man dem eigenen Bauchgefühl vertrauen kann. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, aktiv zu werden um sich des eigenen Könnens bewusst zu werden.

8. Die Dinge in Relation sehen

Im Tunnel einer schmerzvollen Erfahrung kann es schwierig sein, in die Zukunft zu blicken. Dennoch ist es hilfreich, Lebensereignisse auf einer längeren Zeitachse zu verorten, so dass ihre Bedeutung nicht zu groß wird. Versuche auf die schönen Dinge zu schauen, die schon passiert sind oder die noch passieren werden.

9. Optimistisch in die Zukunft blicken

Optimismus erlaubt dir, daran zu glauben, dass das Leben viele gute und positive Erfahrungen für dich bereithalten wird. Es kann dich stärken, dir vorzustellen, worauf du dich freust, statt dir deine Ängste auszumalen. Wie optimistisch eine Person ist, beruht u.a. auf Vorgängen im Gehirn und den Lebensumständen, bei depressiven Menschen sind die Gehirnregionen, in denen Optimismus entsteht, weniger aktiv. Eine positive Sichtweise kann dennoch durch bewusste Gedankenübungen trainiert werden.

10. Sorge gut für dich

In Krisen solltest du dich nicht zusätzlich bestrafen, sondern ein Gespür für deine Bedürfnisse entwickeln und sie erfüllen. Mache Dinge, die dich entspannen und dir Freude machen. Bewegung kann gut tun. Wenn du in dich hineinhörst, wirst du herausfinden, was deine Seele und dein Körper brauchen. Dieser Punkt ist zudem besonders wichtig für den Arbeitskontext. Menschen, die ihren Bedürfnisse zu kurz kommen lassen und beispielsweise zugunsten ihres Jobs auf Schlaf verzichten, unregelmäßig essen und Dinge, die sie gern tun, vernachlässigen, schaden sich nicht nur aktuell, sondern schwächen auch die seelische Widerstandskraft für künftige Krisen.

Vertrau in dein Gespür

Natürlich gibt es noch viel mehr Möglichkeiten als diese zehn, um die eigene Resilienz zu stärken, zudem das Konzept auch für Gruppen, Organisatoinen oder auch Familien anwendbar ist und nicht nur für Einzelpersonen. Du wirst aus deinem Leben vielleicht noch andere Dinge kennen, die dir geholfen haben, mit schwierigen Phasen umzugehen. Bei manchen Menschen sind das zum Beispiel Dinge wie über Krisen zu schreiben, künstlerisch tätig zu sein, zu meditieren oder spirituelle Rituale.

Wichtig zu wissen ist: Jede*r kann die eigene seelische Widerstandsfähigkeit verbessern und mit den kleinen und großen Krisen besser umgehen, wenn man sich bewusst macht, was die Fähigkeit zur Resilienz günstig beeinflusst. 

„There is nothing stronger than a broken woman who has rebuilt herself.“

-Hannah Gadsby, Nanette

Resilienz wappnet nicht gegen alle Krisen

So wertvoll diese Eigenschaft sein kann, inwieweit die eigene innere Stärke dazu beiträgt, gut durchs leben zu gehen, ist wie schon beschrieben von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und persönlichen Ressourcen abhängig. Resilienz ist nicht der Schlüssel zu einem guten Leben für alle und kann nicht vor Unrecht und Unglück schützen. Wer zum Beispiel den Job verliert und die Aussicht auf eine neue Stelle schlecht sind, dem kann die seelische Widerstandskraft zwar ein Stück weit stützen, in der konkreten wirtschaftlichen Situation hilft sie ihm nicht, denn Resilienz zaubert weder Jobs noch heilt sie schwere Krankheiten.

Resilienz hilft bei temporären und überwindbaren persönlichen Krisen und macht Menschen bei großen Veränderungen, die zum Beispiel auch im beruflichen Umfeld immer wieder eine Rolle spielen, widerstandsfähiger, das jedoch ersetzt nicht, dass die großen Krisen und Ungerechtigkeiten vor allem mit strukturellen Lösungen und gesellschaftlichen und politischen Ideen und Maßnahmen aufgelöst werden. Der gute Ausblick auf die gesellschaftliche und politische Ebene: Resiliente Menschen werden sich eher dafür einsetzen, Dinge zu verändern, da sie lösungsorientiert und optimistisch denken und aktiv werden wollen – und diese Kräfte kann man ganz besonders für diejenigen nutzen, die die Kraft und Möglichkeiten nicht haben, sich für Veränderung einzusetzen.

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