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Sexismus im Job: sich zu wehren ist nicht einfach – diese Tipps können helfen

Wer mit sexistischen Kommentaren konfrontiert wird, tut gut daran, sich zu wehren – so ist es in fast jedem Beitrag zum Thema zu lesen. Wehren ja, aber wie?, fragt sich unsere Community-Autorin.

 

Sexismus im Büro 

Angefangen hat es mit einer unglaublichen Geschichte, die mir ein Freund eines Abends erzählte. Er arbeitet in einer kleinen IT-Beratungsfirma und hatte gemeinsam mit einer Kollegin an diesem Tag ein Gespräch mit einem Bewerber. Dieser sei ein sympathischer Typ gewesen, und nachdem man sich über Fachliches ausgetauscht hatte, wollte mein Freund wissen, wie sich die Gehaltsvorstellungen des Bewerbers zusammensetzten. Er bekam eine routinierte Antwort nach dem Prinzip: bisheriges Gehalt und Boni plus marktüblicher Aufschlag. Soweit, so gut – doch dann wandte sich der Bewerber plötzlich an die Kollegin meines Freundes. „Und wie sind Sie auf Ihre Gehaltsvorstellung gekommen? Haben Sie einfach alle Schuhe und Blusen, die Sie übers Jahr so brauchen, zusammen gerechnet?“

Ich gebe zu: Als ich die Geschichte zum ersten Mal hörte, war ich so baff, dass mir erstmal gar nichts mehr einfiel. Wie reagiert man in so einem Fall? In Zeiten von #MeToo und #TimesUp vielleicht eine naive Fragestellung, aktuell wird viel über Sexismus in der Gesellschaft und männlichen Machtmissbrauch debattiert – und na klar, das passiert auch und gerade in Vorstellungsgesprächen. Die meisten Beiträge appellieren an die betroffenen Frauen, sich zu wehren, wie das bei verbalen Attacken funktioniert, bleibt offen. Reicht es, schlagfertig zu sein? Und wenn ja, wo bitte schön kann man sich für ein Schlagfertigkeitstraining registrieren?

Ich fing an zu recherchieren, wollte zunächst verstehen, wie es zu einer solchen Situation kommen konnte. War das ein wahnwitziger Irrer, der einer Frau, die ihn einstellen sollte, mit derart krudem Sexismus gegenüber trat? Warum hatte er sich überhaupt an sie gewendet – die Frage nach der Gehaltszusammensetzung kam doch noch nicht mal von ihr? Zudem saß die Frau in diesem Gespräch doch ganz offensichtlich am längeren Hebel. War die Frage des Bewerbers also der Versuch, die Machtverhältnisse zu seinen Gunsten zu drehen? Eine Potenzdemonstration, wie Verena Lueken von der FAZ es in ihrem Beitrag nennt? „Sexismus entsteht oft, weil Männer Angst haben, ihre Aufstiegschancen mit Frauen teilen zu müssen. Und er ist ein Werkzeug, mit dem sie ihre Macht sichern können – weil sie ihr Gegenüber auf diese Weise einschüchtern“, sagt die Sozialpsychologin Charlotte Diehl in einem Interview mit Zeit Online. Ähnlich sieht es Unternehmensberater Peter Modler. Er sagt, dass Grenzverletzungen Männern „in 90 Prozent aller Fälle als Maskerade für Rangauseinandersetzungen“ dienen.

Sich wehren, aber wie?

Es geht also um Macht, darum, den anderen auf seinen Platz zu verweisen – soweit, so offensichtlich. Und die Antwort darauf? Die Palette der möglichen Reaktionen reicht von Ignorieren („Auf das Niveau lass ich mich nicht herab“), über intellektuelle Reflexion oder Auseinandersetzung („Finden Sie Ihren Kommentar angemessen / Was wollen Sie mit Ihrem Kommentar sagen?“) bis zu non-verbalen Reaktionen (z.B. aus der Situation / aus dem Raum gehen). Nichts davon erschien mir besonders souverän.

In Modler’s mittlerweile in 7. Auflage erschienenen Ratgeber mit dem irreführenden Titel „Das Arroganz Prinzip“ wurde ich schließlich fündig. Als Coach geht es ihm vor allem darum, weiblichen Führungskräften Einblicke in die „männliche Sprache“ zu geben. Nicht um sie zu imitieren, sondern um sie zunächst einmal zu verstehen und Männern gegenüber entsprechend einsetzen zu können. Sexismus steht in Modler’s Buch nicht im Vordergrund – und doch lassen sich einige Ratschläge in diesen Kontext übertragen.

Der für mich wichtigste: Lass dich nicht klein machen! Die Geschichte meines Freundes hatte mich sprachlos gemacht – und ich verstand nur allzu gut, dass es auch ihm und seiner Kollegin im Gespräch mit dem Bewerber so gegangen war. Aber: Egal ob bewusst oder unbewusst, wer sexistische Kommentare macht, muss mit Konsequenzen rechnen. Übergriffige Bemerkungen sollte man auf keinen Fall weglächeln. Peter Modler empfiehlt, den Vorfall auf keinen Fall zu ignorieren. „Achtung und Respekt bekommt man, wenn man in so einer Situation Widerstand leistet“. Am besten, ohne irgendetwas zu erklären, sondern mit klaren Ansagen, einfachen Botschaften und deutlicher Körpersprache.

Sexismus braucht eine klare Antwort 

Was das genau bedeutet? In Punkto Körpersprache und einfache Botschaften gilt: Lass dir Zeit! Schnelle Bewegungen oder schnelles Sprechen kann leicht den Eindruck mangelnder Souveränität erwecken. Modler rät: „Benutzen Sie Pausen. Machen Sie ein Pokerface. Dann sagen Sie kühl, langsam und laut etwas ganz Einfaches, z. B. ‚Nicht relevant.‘ Pause. ‚Das ist nicht relevant.‘ Oder: ‚Sie sind der Abteilungsleiter der Firma XY … Dieses Thema geht Sie nichts an.‘“ 

Wenn ihr gegenüber dem Sprücheklopfer in einer Machtposition seid, wie die Kollegin meines Freundes gegenüber dem Bewerber, macht die Rangordnung klar! Laut Peter Modler sprechen insbesondere Männer stark auf die sogenannte vertikale Kommunikation an. Wer also am längeren Hebel sitzt, wie im Beispiel oben, sollte seine Macht ganz klar ausspielen und den Angreifer mit einer kurzen, kühlen Bemerkung in die Schranken weisen, ohne auf Details einzugehen. Damit hilft man auch den Frauen, die sich auf Grund einer anderen Machtkonstellation nicht wehren können. Modler betont die Bedeutung von nonverbaler und ganz klar nicht-intellektueller Kommunikation: „Vergessen Sie die Qualität von Argumenten.“ 

Dazu passt übrigens eine Kolumne von Sibylle Berg zum Thema „Frauen, wehrt euch!“: „Bitten Sie gar nicht erst um Einsicht oder um Respekt und andere schöne Dinge“, schreibt sie. „Seien Sie Spielverderber.“ Jeder, der mit sexistischen Kommentaren konfrontiert wird, darf lachen, lächerlich machen, hart, harsch, unkomisch sein. Vergessen wir den Gedanken, nett, höflich, witzig oder schlagfertig sein zu müssen, über den Dingen zu stehen, uns nicht auf dieses Niveau herab zu lassen. Wehren wir uns!

Und welche Erfahrungen habt ihr gemacht – egal ob als Betroffene oder Augen-/Ohrenzeugen – und wie habt ihr reagiert?

Titelbild: Depositphotos.com 

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