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Gerold Wolfarth: „Männer gehen den scheinbar leichteren Weg und überlassen die Familienarbeit lieber der Partnerin“

In Deutschland arbeiten kaum Väter in Teilzeit. Wie sieht es bei denen aus, die sich für dieses Modell entscheiden? Darüber haben wir mit einem von ihnen gesprochen: Gerold Wolfarth, Unternehmenschef und Vater, erzählt von seinem Vier-Tage-Modell und was sich in Unternehmen ändern müsste, um Vereinbarkeit für Eltern wirklich möglich zu machen.

„Der Montag ist bei uns Papatag, das ist fix“

Wie kann Vereinbarkeit gelingen? Gerold Wolfarth ist Gründer der Unternehmensgruppe bk Group und hat nach der Geburt seiner Kinder seine Arbeitszeit reduziert, um für sie da zu sein.  Seit 15 Jahren nehme er sich jeden Montag einen „Papatag“, erzählt er. Denn für ihn und seine Frau sei von Anfang an klar gewesen, dass sie sich beide um die Kinderziehung ihrer Tochter und ihres Sohnes kümmern wollen.

Ein Gespräch darüber, was er an seinen „Papatagen“ macht, wer zuhause bleibt, wenn die Kinder mal krank sind, ob ein freier Tag mehr wirklich ausreicht, um für die Kinder dasein zu können, welche Rolle Geld beim Thema Vereinbarkeit spielt – und ob die Väter in seinem Unternehmen auch die Möglichkeit haben, sich diesen Papatag zu nehmen.

Vereinbarkeit, die letztlich nur dann gelingen kann, wenn flexible Arbeitsmodelle geboten werden und sich mehr Väter intensiver bei der Care-Arbeit einbringen, ist gerade ein großes Thema. Aber in der Praxis wird das immer noch kaum eingelöst. Wie haben Ihre Familie, Freund*innen oder Bekannte reagiert, als Sie zur Vier-Tage-Woche übergangen sind?

„Am Anfang wurde ich belächelt. Nach und nach ging die Reaktion dann in Bewunderung über. Die Bewunderung ist geblieben – wobei es mir lieber wäre, wenn es als ganz normal empfunden würde, dass ich mich als Vater um meine Kinder kümmere.“

Die Reaktion der Bewunderung ist interessant. Oft werden Väter ja schon dafür als Super-Väter gefeiert, wenn sie mal ab und zu bei der Erziehung „mithelfen“. Finden Sie diese Bewunderung gerechtfertigt?

„Nein. Aber neben der Bewunderung ist wohl auch etwas Verwunderung dabei, denn dieses Modell ist für einen Unternehmer sehr außergewöhnlich. Ich kenne viele Unternehmer, jedoch keinen zweiten mit einem Papatag.“

Bekommt Ihre Frau die gleichen Reaktionen für ihre Zeit mit den Kindern wie Sie?

„Leider erfährt meine Frau nicht die gleiche Wertschätzung. Da ist in den Köpfen wohl noch die Rolle ,der Frau am Herd‘ verankert – sehr, sehr schade und definitiv keine moderne Einstellung!“

Wann haben sie beschlossen, dass sie einen Tag von zu Hause arbeiten wollten? War das von Beginn an klar?

„Wir haben erst mit der Kinderplanung begonnen als wir uns ein berufliches Fundament aufgebaut hatten. Meine Frau und ich wollten beide Zeit für die Kinder haben, nicht nur am Wochenende. Da ich auch den Alltag mit meiner Familie erlebe, kann ich in allen Fragen und Belangen mitreden. Ich kenne die Lehrer*innen, Freund*innen und Ärzt*innen meiner Kinder und sie kennen mich. Das ist mir wichtig.“

Ist es denn möglich, an nur einem Nachmittag alle Freund*innen, Ärzt*innen und Lehrer*innen kennenzulernen?

„Wir leben auf dem Land, da kennt man sich sowieso schon näher. Daher war es einfach, in der Kürze auch die Schulfreund*innen, Ärzt*innen usw. kennenzulernen. Die Lehrer*innen treffe ich natürlich auf den Elternabenden. Zudem gibt es im Jahr 52 Montage.“

Klappen die freien Montage wirklich immer? Oft kommen dann ja doch spontane Termine um die Ecke.

„Der Montag ist bei uns Papatag, das ist fix. Es ist in den 15 Jahren vielleicht zehn Mal vorgekommen, dass ich den Tag mit meiner Frau tauschen musste. Und noch seltener ist der Papatag mal ausgefallen.“

Kommunizieren Sie eigentlich auch an ihre Kund*innen, warum Sie am Montag nicht arbeiten – oder ist das eben einfach ihr freier Tag? Denn es kann ja durchaus Strahlkraft haben, darüber im Berufsumfeld zu erzählen. Gerade wenn dieses Modell in ihrem Umfeld noch so unüblich ist.

„Ich habe das von Anfang an ganz offen kommuniziert, auch Kund*innen gegenüber. Es passiert zwar häufig, dass trotzdem berufliche Anrufe an meinem freien Tag kommen, aber wenn ich nicht ans Telefon gehe, weiß der*diejenige schon Bescheid.“

Wie setzen Sie sich als Unternehmer, für den wahrscheinlich nicht jeder Tag wie der andere ist, klare Grenzen und sind konsequent, dass Sie nicht doch mal einen Termin auf den Montag legt?

„Morgens, wenn meine Kinder in der Schule sind, arbeite ich im Homeoffice. Nachmittags bin ich dann ganz präsent bei meinen Kindern, etwa wenn Hausaufgaben zu machen sind oder für die nächste Klausur zu lernen ist. Sollte es wirklich mal einen Notfall im Unternehmen geben, wissen meine Mitarbeiter*innen, wie sie mich erreichen könnten. Aber das ist bisher kaum vorgekommen.“

Wenn Sie morgens arbeiten, dann ist es ja eher nur ein Nachmittag, an dem Sie von der Arbeit aussetzen.

„Bis meine beiden Kinder eingeschult wurden, habe ich neun Jahre lang den vollen Papatag gelebt. Heute kommt es immer wieder vor, dass ein Kind von der Schule abgeholt werden oder später zur Schule gefahren werden muss. Kinder sind auch mal krank oder haben Ferien – man ist somit trotzdem auch am Vormittag immer wieder beschäftigt und dann bleibt an diesen Tagen die berufliche Arbeit liegen.“

Was glauben Sie aus ihrer Erfahrung: Reicht dieser eine Tag mehr in der Woche, um den Kindern gerecht zu werden und sich gleichberechtigt aufzuteilen?

„Sicher nicht, und doch macht er einen großen Unterschied. Nicht nur, dass ich den Alltag mit meiner Familie teile, ich weiß auch, was meine Frau beschäftigt, wenn sie zu Hause die Kinder betreut. Meine Frau ist Steuerberaterin und Partnerin der Kanzlei und arbeitet ebenfalls vier Tage pro Woche. Zusätzlich haben wir eine Haushälterin, die die restlichen Tage abdeckt. Am Wochenende sind meine Frau und ich ausschließlich für die Kinder da.“

Liegt es auch am finanziellen Background, dass Ihnen Vereinbarkeit gelingt?

„Wenn beide Elternteile wie wir Vollzeit arbeiten, dann benötigt es in der Zeit eine Betreuungslösung für die Kinder. Das kann eine Person sein, die die Kinder betreut, es gibt auch gute Krippen in der direkten Nähe. Krippenlösungen funktionieren jedoch nur, wenn die Kinder gesund sind. Sobald eines erkrankt, ist sofort großes Organisieren angesagt.“

Wer bleibt denn bei Ihnen zuhause, wenn die Kinder mal krank sind?

„In den meisten Fällen ist das wohl immer noch die Mutter – aber nicht bei uns, wir teilen auch das 50/50 auf. Schließlich ist meine Frau ebenfalls Unternehmerin.“

Verbringen Sie den freien Tag immer mit Ihren Kindern, erledigen Aufgaben im Haushalt oder nutzen Sie ihn auch mal für sich selbst?

„Als meine Tochter noch ein Baby war, bestand unser Tag vor allem aus Spielen, Windeln wechseln, Mittagsschlaf und mit dem Kinderwagen spazieren gehen. Zweieinhalb Jahre nach ihr kam unser Sohn zur Welt. Bevor die beiden in die Schule kamen, habe ich mir immer ein ,Papatag-Programm‘ mit einem besonderen Highlight ausgedacht. Wir haben Pfeil und Bogen oder eine Steinschleuder gebaut, sind gemeinsam auf den Abenteuerspielplatz oder in den Wildpark gegangen, haben Fische gefangen oder einen Staudamm in der Tauber gebaut. Heute sind die Kinder größer und meine Aufgaben haben sich geändert, aber der Papatag tut den beiden immer noch gut.“

Das heißt, mit klassischen Haushaltsaufgaben haben Sie nichts zu tun?

„Ich bin nicht nur Papa, sondern auch der fast perfekte Hausmann (lacht). Abgesehen von Kochen mache ich alles im Haushalt. Wenn man kleine Babys alleine versorgen darf, dann ist es zwangsläufig so, dass auch der Haushalt mit zu regeln und zu ordnen ist, sonst wäre abends das Chaos komplett.“

Als Chef eines Unternehmens haben Sie die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter zu „Papatagen“ zu motivieren. Nutzen Sie Ihre Position dafür?

„Es ergibt keinen Sinn, mich da einzumischen, das muss grundsätzlich jeder für sich selbst entscheiden. Ich mache einfach mein Ding und wenn ich dadurch für manche zum Vorbild werde, umso besser.“

Wie viele Männer bei Ihnen im Unternehmen nehmen Vaterschaftsurlaub oder arbeiten Teilzeit? Nehmen Sie sich ähnlich lange frei wie Sie?

„Beinahe jeder Vater hat bisher Vaterschutzurlaub beantragt und rund fünf von im Moment 120 männlichen Mitarbeitern arbeiten in Teilzeit. Die meisten nutzen das Modell einer 4-Tage-Woche. Zwei Mitarbeiter arbeiten 28 Stunden.

Gerold Wolfarth | Bild: Klaus Glück

Merken Sie, dass Väter in Ihrem Bekanntenkreis, außerhalb des Unternehmens, ihrem Beispiel folgen?

„Bis heute leider nicht, jeder hat so seine Ausreden, warum es bei ihm nicht funktioniert. Aus meiner Sicht gehen hier die Männer den scheinbar leichteren Weg und überlassen die Familienarbeit lieber der Partnerin, was ich sehr schade finde. Ich appelliere da auch an die Mütter, ihren Partner oder Ehemann mehr mit in die Verantwortung zu nehmen.“

Warum nur „scheinbar“? Es ist doch offensichtlich der leichtere Weg für Väter, oder?

„Vielen Männern ist nicht bewusst, was sie verpassen und dass sich dies später nicht mehr nachholen lässt. Daher scheint es ihnen wohl der leichtere Weg, aber für mich gehört zu einem erfüllten Leben auch die Familie.“

Sie „appellieren“ an die Mütter. Doch meist ist es gar kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Stehen Unternehmen hier nicht viel mehr in der Verantwortung?

„Ich habe Mitarbeiter in 33 Ländern und somit einen guten Überblick, welche Annehmlichkeiten und Möglichkeiten es für junge Familien in Deutschland gibt. Ich denke, da schauen viele zu sehr darauf, was noch perfekter sein könnte, statt das Beste aus den Gegebenheiten zu machen.“

Was würden Sie sagen, warum ist es so wichtig einen klaren Wandel in der Gesellschaft anzustreben, damit sich mehr Väter mehr Zeit für die Familie nehmen bzw. nehmen können?

„Die Natur hat das sehr geschickt geregelt: Nur wer Kinder hat, weiß, was er im Leben ohne sie versäumt hätte. Es gibt nichts Schöneres als Familie. Eltern sollten alles daransetzen, diese einmalige Zeit im Leben in vollen Zügen zu genießen. Ich kann meine Kinder aufwachsen sehen und bei ihnen sein. Um kein Geld der Welt hätte ich das missen wollen.“

Für viele ist es dann leider doch eine Frage des Geldes. Was würden Sie als Arbeitgeber sagen, was sich ändern muss?

„Wir gehen heute selbstverständlich davon aus, dass beide Elternteile arbeiten müssen, damit das Geld ausreicht. Dieser Denkansatz gefällt mir nicht. Wenn eine Familie finanziell davon abhängig ist, dass beide Elternteile in Vollzeit arbeiten, dann stimmt etwas am grundlegenden Setup nicht. Aus meiner Sicht bietet der Staat speziell in Deutschland so viele Möglichkeiten für junge Familien, dass es finanziell ausreichen müsste, wenn in diesen Jahren ein*e Vollverdiener*in in der Familie existiert. Viele Unternehmen bieten auch Teilzeitmodelle an, so dass es junge Eltern gemeinschaftlich auf eine*n Vollverdiener*in in der Familie bringen können.“

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