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Vereinbarkeit von Kind und Beruf: Die Erfahrungen unserer Leser*innen

Beim Versuch Beruf und Familie zu vereinbaren, stoßen viele Frauen in der Arbeitswelt auf unüberwindbare Hürden, Ignoranz und Diskriminierung. Wir haben unsere Leser*innen gefragt, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Erreicht haben uns viele Nachrichten von Frauen, die von frustrierenden Erlebnissen berichten, nachdem sie Vorgesetzte über die geplante Familiengründung informiert haben.

Bei der Jobsuche diskriminiert, bei Beförderungen übergangen

„Wollen Sie Kinder?“ „Wir brauchen eine Person, die voll belastbar ist, mit Kindern ist das kaum möglich.“ „Teilzeit? Das lässt sich nicht mit dieser Position vereinbaren.“ – Diese und ähnliche Aussagen bekommen Frauen im gebärfähigen Alter auf der ganzen Welt täglich zu hören. Und selbst wenn diese Gedanken von Personaler*innen oder Arbeitgeber*innen nicht ausgesprochen werden, sind sie dennoch ein entscheidender Grund dafür, dass Frauen bei der Jobsuche noch immer diskriminiert und bei Beförderungen häufig übergangen werden.

Vergangene Woche sorgte die Meldung, dass Delia Lachance, Gründerin und Vorstandsmitglied des Möbelshops Westwing, während ihrer sechsmonatigen Elternzeit von ihrem Vorstandsmandat zurücktritt, für Aufmerksamkeit. Grund dafür sind die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland, die es Vorstandsmitgliedern von Aktiengesellschaften unmöglich machen, zeitgleich zur Mandatsausübung Mutterschutz und Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Dass das im 21. Jahrhundert ein absolutes Unding und der Gleichberechtigung überhaupt nicht förderlich ist, hat Verena Pausder in einem Beitrag auf Linkedin beschrieben. Und auch der Tagesspiegel berichtete über das längst nicht mehr zeitgemäße Mutterschutzgesetz, doch auf Nachfrage beim Bundesfamilienministerium hieß es, dass derzeit keine Änderung des Gesetzes geplant sei.

Auslöser für die Diskussion um Lachances Mandatsniederlegung war ein Artikel des Online-Magazins „Gründerszene“, der sich mit der Frage beschäftigt, ob die Abwesenheit der Gründerin zum Problem für ihr Unternehmen werden könnte. „Allein diese Frage aufzuwerfen, empfinde ich als extrem frauen- und auch elternfeindlich“, schreibt Nora-Vanessa Wohlert, Geschäftsführerin und eine der Gründerinnen von Edition F, auf Instagram. Und weiter: „Das Absurdeste: Mit Sicherheit wären die Zweifel an Delia Lachance genauso groß gewesen, wenn sie gar keine Elternzeit genommen hätte. Es muss doch allen klar sein, dass Gründer*innen ihre Elternzeit wunderbar planen können. Eltern beweisen jeden Tag, dass Familie und beruflicher Erfolg wunderbar Hand in Hand gehen.“

Die Erfahrungen unserer Leser*innen

Generell sollte sich niemand dafür rechtfertigen müssen, wenn sie*er nach der Geburt des Kindes eine Pause vom Job einlegt, vor allem wenn man bedenkt, dass davor genügend Zeit bleibt, die Aufgaben der schwangeren Person umzuverteilen und alles entsprechend vorzubereiten. Und genauso wenig sollte irgendjemand die Entscheidung, keine oder nur kurz Elternzeit zu nehmen, hinterfragen. Doch noch immer scheint in den Köpfen vieler Menschen verankert, dass Eltern, insbesondere Mütter, die weniger zuverlässigen Arbeitnehmer*innen sind.

Um herauszufinden, welche Erfahrungen unsere Leser*innen mit diesem Thema gemacht haben, haben wir auf Instagram einen Aufruf gestartet. Innerhalb weniger Stunden erreichten uns zahlreiche Erfahrungsberichte – und mit wenigen Ausnahmen handelte es sich bei fast allen um Schilderungen, die wütend machen und einmal mehr zeigen, dass wir bei der Gleichberechtigung (im Beruf) noch einen langen Weg vor uns haben.

Die meisten User*innen, die bereit waren, ihre Erfahrungen öffentlich zu teilen, baten darum, anonym zu bleiben, weil sie Konsequenzen befürchten – auch das zeigt, wie rückständig Gesellschaft und Arbeitswelt beim Thema Vereinbarkeit sind. So deprimierend die Anzahl dieser negativen Berichte ist, so wichtig ist es gleichzeitig, diese öffentlich zu machen und so hoffentlich eine Debatte zum Thema anzuregen. Denn nur, wenn wir darüber sprechen und merken, dass es sich bei solchen Erfahrungen nicht nur um Einzelfälle handelt, können wir uns zusammentun und etwas bewegen.

„Als werdende Mutter habe ich mit meinem befristeten Vertrag keinerlei Schutz“

„Der Fakt, dass ich Kinder habe, hat meine Karriere in einem internationalen Konzern beendet. In meinem Unternehmen wurde noch nie ein*e Mitarbeiter*in in Teilzeit befördert. Als ob man mit der Reduzierung der Arbeitszeit auch seine Gehirnleistung reduzieren würde! Nach drei Jahren und einem Zusammenbruch habe ich Konsequenzen gezogen und verlasse das Unternehmen. Eigentlich sehr schade, da sich dieses Unternehmen immer als besonders fortschrittlich und jung darstellt. Nun mache ich mich selbstständig, um meinen Beitrag zur Veränderung zu leisten.“

„Mein Vertrag wurde wegen meiner Schwangerschaft nicht verlängert, obwohl ich – und das haben sogar meine Chefs gesagt – hervorragende Arbeit geleistet habe. Das war bitter. Vor allem weil mir erst noch vermittelt wurde, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Das Einzige, was meine Chefs mir in Aussicht gestellt haben, war, dass ich mich nach dem Ende meiner Elternzeit wieder melden könne und sie dann schauen würden, ob vielleicht eine Stelle frei sei. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass einer Frau nicht geglaubt wird, wenn sie sagt, dass sie wieder Vollzeit in den Beruf einsteigen will. Übrigens wurde mein Arbeitgeber mehrere Jahre in Folge für seine familienfreundliche Personalpolitik ausgezeichnet – das ist frustrierend. Ich finde es wichtig, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt. Mein Vertrag endet jetzt mitten im Mutterschutz, weil er befristet ist und einfach ausläuft. Als werdende Mutter habe ich in diesem Fall keinerlei Schutz. Auch da sollte der*die Gesetzgeber*in dringend nachjustieren, befristete Verträge ziehen sich durch alle Berufsgruppen. Ich bin mittlerweile 34 Jahre alt und hatte noch nie einen unbefristeten Vertrag. Würde ich darauf warten, hätte ich nie ein Kind.“

„Ich bin Erzieherin und selbst in diesem Beruf habe ich negative Erfahrungen gemacht. Eigentlich geht man davon aus, dass man gerade in diesem Bereich auf Verständnis stößt,  aber Pustekuchen! Mein Team war genervt und nach Verkündung der Schwangerschaft hat die Bereichsleitung ein negatives Zwischenzeugnis geschrieben, obwohl ich bis dahin immer in den höchsten Tönen gelobt wurde, mir wurde nie etwas Negatives zurückgemeldet. Im Mutterschutz und in der Elternzeit habe ich nichts von meinem Team gehört – sehr enttäuschend. Und bei Kind-krank-Meldungen sind die Kolleg*innen genervt, dabei erwartet man von den Eltern der Kinder, die in der Einrichtung sind auch, dass diese ihre Kinder nicht krank zur Kita bringen!“

„Als Alleinerziehende muss ich bei Bewerbungsgesprächen mein soziales Netz offenlegen“

„Meinem Mann wurde vor Jahren vom Arbeitgeber nahegelegt, keine Elternzeit zu nehmen. Wenn das alle machen würden, wäre der Betrieb nicht aufrechtzuerhalten – unfassbar. Wir haben das damals so hingenommen. Inzwischen bin ich alleinerziehend und muss bei Bewerbungsgesprächen mein soziales Netz offenlegen, um nachzuweisen, dass ich als Arbeitnehmerin mit Kindern nicht völlig unberechenbar bin, weil ein Kind ja immer krank sei. Inzwischen habe ich einen sehr verständnisvollen Arbeitgeber, allerdings kann ich dort nur eine so geringe Anzahl Stunden arbeiten, dass es zur Altersvorsorge kaum beiträgt. Ich hoffe, dass wir uns als Gesellschaft in eine solidarischere Richtung entwickeln.“

„Ich bin selbstständig und als ich meinen Kund*innen darüber informiert habe, dass ich schwanger bin, wurde mir direkt gesagt, dass man meinen Vertrag (bis zum Mutterschutz) nicht verlängern würde, dafür wolle man keine Verantwortung übernehmen – ich war schockiert.“ – Stefanie Lehnes (41), selbstständige Elterngeld-Mentorin aus Franken

„Ich bin im siebten Monat schwanger und unser Plan als Paar sieht so aus: Zwölf Monate Elternzeit ab Geburt für den Vater des Kindes sowie acht Wochen Mutterschutz plus vier Wochen Elternzeit für mich. Danach steige ich in Teilzeit für 24 Stunden die Woche wieder in meinen Job ein. Warum? Weil ICH das so möchte und ohne meine Arbeit unglücklich bin. Außerdem will mein Freund diese Zeit mit seinem Kind genießen. Und weil diese Entscheidung am Ende die ist, die uns alle drei glücklich machen wird. Diese Entscheidung hat in den letzten Monaten zu so vielen Diskussionen mit Chefs, Kolleg*innen, Freund*innen und der Personalabteilung geführt. Unverständnis, hartnäckige Versuche des Ausredens, dumme Sprüche … Inzwischen wäge ich immer ab, ob ich einer Person überhaupt von diesem Plan erzählen soll. Wenn ich 24 Stunden die Woche arbeiten gehe, vernachlässige ich doch deshalb mein Kind nicht. Vielmehr hat es einen liebevollen Vater, der sich wahnsinnig auf diese Aufgabe freut. Und die restlichen vier Wochentage sind wir eine Familie, die Zeit zusammen verbringt. Uns zeigt diese Entscheidung und die damit verbundenen Reaktionen, dass wir noch lange nicht da sind, wo wir als moderne Gesellschaft gern wären.“ – Frauke (32), Mediengestalterin aus Köln.

„Du warst ja nicht mal ein Jahr zu Hause!“

„Als als ich nach neun Monaten Elternzeit in meinen Job zurückkehrte (27 Stunden auf vier Arbeitstage verteilt), wurde mir von männlichen Kollegen mehrfach gesagt, ich sei ja ,nicht verfügbar‘ und könne deswegen bestimmte Aufgaben nicht zuverlässig erfüllen. Mit Kolleginnen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie entsetzt sagen ,Du warst ja nicht mal ein Jahr zu Hause!‘ und interpretieren, dass man eine Rabenmutter sei. Dabei haben mein Partner und ich die Elternzeit aufgeteilt – er hat übernommen, als ich wieder arbeiten ging. Aber das zählt in dem traditionellen Großkonzern, in dem ich arbeite, für viele anscheinend nicht.“

„Ich erwarte unser zweites Kind. Als ich mit meinem Arbeitgeber über meine Perspektiven bei der Rückkehr in den Job sprechen wollte, habe ich gesagt bekommen, dass man dann erstmal schauen müsse, ob ich mit zwei Kindern überhaupt noch so belastbar sei wie jetzt. Ich hätte das Unternehmen ja an hohe Leistung gewöhnt.“

„Mir wurde direkt der Stempel ,Teilzeit-Mutti‘ aufgedrückt“

„Ich arbeite als Journalistin. Beim Unterzeichnen meines Volontärinnen-Vertrags fing mein Chef plötzlich an, komische Fragen zu stellen, als er herausfand, dass ich 29 und nicht wie von ihm gedacht 24 Jahre alt bin. Er fragte, ob in meinem Freund*innenkreis gerade auch alle heiraten und Kinder kriegen, wie ich dazu stehe etc. Mein gleichaltriger Kollege wurde sowas natürlich nie gefragt. Während meines Volontariats haben mich meine Kolleg*innen immer wieder darauf hingewiesen, dass ich jetzt in dem Alter sei, in dem man Kinder bekomme, nicht mehr lange Zeit hätte als Frau und so weiter. Es war ständig Thema. Gleichzeitig wurde ich darauf hingewiesen, dass ich quasi als abgeschrieben gelten würde, sollte ich schwanger werden – was natürlich wiederum nur für mich als Frau gelte. In einer Branche, die um Aufklärung bemüht ist, habe ich Strukturen erlebt, die teilweise so verkrustet sind wie vor 50 Jahren.“

„Mir wurde bei Kind 1 auf meine Aussage, dass ich nach einem halben Jahr wiederkommen möchte, gesagt, dass man das nicht glaube. Ich würde meine Meinung noch ändern, wenn das Kind erst da sei und dass ich dann sicher auch schnell wieder schwanger werden würde. Das fühlte sich so mies an, als würde jemand einem absprechen, selber denken und entscheiden zu können. Kind 2 kam dann fünf Jahre später und wie geplant habe ich schon nach vier Monaten wieder angefangen zu arbeiten. Im ersten Jahr Teilzeit, dann Vollzeit.“

„Ich wurde 2018 zur Teamleiterin befördert und sollte zwei Mitarbeiterinnen führen. Doch bevor dies vertraglich festgeschrieben wurde, bin ich schwanger geworden und bekam einen neuen Chef. Die geplante Beförderung wurde zwar in meiner Personalakte vermerkt, meinen neuen Chef interessierte dies aber herzlich wenig. Da ich wusste, dass ich bald für ein Jahr in Elternzeit gehen würde, beharrte ich nicht drauf. Während meiner Elternzeit verließ dieser Chef das Unternehmen und ich bekam eine neue Chefin, wodurch ich wieder Mut schöpfte. Vor meiner Rückkehr in den Job führten wir mehrere Gespräche und es sah so aus, als ob ich auf meine alte Position zurückkehren könnte. Doch als es um den Posten als Teamleiterin ging, stellte meine Chefin die Bedingung, dass ich in Vollzeit zurückkehren müsste. Ich war bereit, mit 30 Stunden anzufangen und signalisierte, dass ich für Vollzeit bereit wäre, sobald sich zu Hause und mit der Kitabetreuung meines Sohnes alles eingependelt hätte. Das war für sie nicht schnell genug. Vorschläge meinerseits, wie wir dies gestalten könnten, wollte sie nicht ernsthaft mit mir diskutieren. Ich kehrte zurück zur Arbeit, doch für meine Teamleitungsposition wurde ein Mann eingestellt, dem auch ich unterstellt wurde. Die beiden Kolleginnen, die eigentlich mir unterstellt waren, wurden regelrecht genötigt, neue Verträge zu unterschreiben, sodass ich nicht mehr ihre direkte Vorgesetzte war. Ich kam mit dem neuen Teamleiter gut zurecht, allerdings fühlte ich mich in meiner neuen Rolle, die nur noch aus Zuarbeiten bestand, nicht wohl. Auch weil ich gleich viel Berufserfahrung hatte wie dieser Teamleiter und ich teilweise genauso anspruchsvolle Projekte und gleich viel Verantwortung übernahm wie er. Nach drei Monaten bat ich um ein Entwicklungsgespräch und fragte nach meiner Perspektive: Meine Chefin machte mir klar, dass ich frühestens in ein bis zwei Jahren mit einer Beförderung rechnen könne. Anfang Mai beginne ich einen neuen Job bei einem anderen Arbeitgeber, wo mir trotz ursprünglich ausgeschriebener Vollzeitstelle ermöglicht wird, Teilzeit zu arbeiten. Bei der Kündigung meines alten Jobs kam von meiner ehemaligen Vorgesetzten kein Wort des Bedauerns über die Lippen. Sie meinte nur, wenn ich nicht so ungeduldig gewesen wäre, hätte man mir irgendwann meinen Wunsch erfüllt. Ich habe seit meiner Rückkehr in den Job immer Leistungsbereitschaft, Flexibilität und Engagement gezeigt, Überstunden gemacht und Extraprojekte übernommen. Am Ende ist es an 8,5 Stunden die Woche gescheitert, die ich weniger gearbeitet habe. Ich glaube, mir wurde direkt der Stempel ,Teilzeit-Mutti‘ aufgedrückt und ich abgeschrieben. Sehr schade, auch weil meine ehemalige Vorgesetzte mir in unserem ersten Gespräch gesagt hatte, dass sie Frauen fördert.“

Redaktionelle Mitarbeit: Louisa Huttenlocher

  1. Hinter einen nicht geringen Teil dieser Erfahrungen kann ich ein „kenne ich“ setzen, inkl. Aufgabe eines GF-Postens wg. Elternzeit.

    Inzwischen aber, mit über 40, bin ich aber auch an einem Punkt angekommen, an dem ich mich frage, warum ich meine Talente überhaupt in solchen Unternehmen einsetzen sollte, in denen hinter der Fassade der alte Muff in den Köpfen steckt.

    Solange wir „Karriere“ immer noch an den Zielbildern der 50er/60er ausrichten („hoch hinaus“), wird kein Platz für individuelle Potentiale und Diversität sein.

    Dies zu fordern und auch nur beginnen zu leben, ist sehr unbequem. Aber vielleicht sollten wir damit beginnen, unsere Ideale und Zielbilder neu zu justieren.

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