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Warum man als Erwachsener das Gefühl hat, dass die Zeit schneller vergeht

Was, schon wieder ein Jahr rum? Als Erwachsener hat man oft das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht – und dafür gibt es gute Gründe.

Früher waren die Jahre länger

Wenn ich für den Satz „Wahnsinn, schon wieder ein Monat rum, wo ist denn nur der Mai, Juni, Juli geblieben?“ Geld bekommen würde – ich wäre eine steinreiche Frau, die ihren Wohnsitz längst auf die Malediven verlegt hätte. Aber natürlich gibt es dafür kein Geld, sondern vielmehr ein wohlwissendes Kopfnicken von gleichalten und älteren Menschen sowie ein gleichgültiges Schulterzucken von der jüngeren Fraktion, denn die haben einfach keine Ahnung, wovon man spricht.

Doch wann fing das eigentlich an und warum fühlt es sich denn nun auf einmal so an, als flögen die Monate und Jahre nur so dahin? Nun, ich für mich kann sagen, ich habe ich dieses Gefühl das erste Mal mit etwa 21 Jahren bei mir wahrgenommen – und es scheint mit jedem Jahr mehr Fahrt aufzunehmen. Doch so wirklich wundern muss einen das eigentlich nicht, denn der erste wichtige Faktor für das veränderte Zeitgefühl ist ziemlich naheliegend: Wir hängen als Erwachsene im Trott fest und lernen in vergleichbarer Zeit wesentlich weniger, als wir das als Kind getan haben. Und das macht etwas mit unserem Erinnerungsvermögen.

Ein Leben im Hamsterrad geht schneller vorbei

Als Kinder hatten wir täglich Abenteuer: Lesen lernen, eine neue Eissorte kosten, die erste schlechte Note, das erste Mal alleine einkaufen gehen. Als junge Erwachsene kam dann noch der Auszug von Zuhause, neue Länder, andere Sprachen, das Leben in einer neuen Stadt mit neuen Bekanntschaften und und und. Alles essentielle Dinge: Weil wir Fähigkeiten gelernt haben, die bis heute unerlässlich sind, unsere Sinne geschärft haben, Eigenständigkeit erlernen mussten und uns selbst quasi täglich neu kennenlernten: Wie bin ich eigentlich in einer bestimmten Situation? Oder wie meistere ich eine Aufgabe, die das erste Mal vor mir liegt?

Nun, und irgendwann hat man für all das Patentrezepte – zumindest einige, zumindest glauben wir das – man kennt sich selbst ganz gut, hat alle Eissorten schon durch und einen recht geregelten Tagesablauf. Und weil Gleichförmigkeit nicht gerade dazu führt, dass einem Dinge eindrücklich in Erinnerung bleiben, scheinen die Tage zu fliegen – weil wir nach etwa einer Woche schlicht nicht mehr wirklich wissen, was genau an den einzelnen Tagen passiert ist: War ich erst einkaufen und dann zuhause? Oder hatte ich dazwischen noch ein Meeting? Puh, man kann sich kaum halten vor Aufregung!

Wie man die Zeit wieder in die Länge zieht

Klingt also plausibel und etwas deprimierend – aber bevor man nun sein herrlich geregeltes Leben (denn manchmal ist das doch auch ganz schön) verteufelt: Das lässt sich auch ändern. Wie wäre es mit einer To-do-Liste für kleine Abenteuer oder das Unbekannte? Einfach mal aufschreiben, was man noch nicht gemacht, gesehen und geschmeckt hat und einmal die Woche – oder bleiben wir realistisch – einmal im Monat etwas abstreichen. Und schon füllen wir die Tage mit etwas, das uns ganz sicher in Erinnerung bleibt. Kann ja so schwer nicht sein.

Soweit so gut! Nur leider ist der zweite Faktor wesentlich unangenehmer, denn daran können wir kaum etwas ändern. Denn wir haben auch das Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht, weil wir Zeiteinheiten anders wahrnehmen. So ist etwa für eine 10-Jährige ein Jahr ellenlang – schließlich ist das ein Zehntel von der Zeit, die sie überhaupt auf der Welt ist. Vergeht aber ein Jahr für eine 35-Jährige, dann fühlt sich das schon wesentlich weniger machtvoll an, denn auf einmal macht ein Jahr gemessen an unserer Lebenszeit eben nur noch rund drei Prozent aus – Ergo: Es ist gar nicht mehr so viel.

Aber was macht man nun mit der Erkenntnis? Nun, nicht Älterwerden ist schon mal keine Option. Denn Älterwerden ist ein Privileg, das wir alle genießen und schätzen sollten. Aber zumindest den ersten Faktor kann man angehen und die Zeit, die man hat, mit guten neuen Dingen füllen, die uns am Ende eines jeden Jahres daran zurückdenken lassen, wie wild, schön, lecker, lehrreich und und und die letzten Monate gewesen sind. Denn wenn die Jahre gut genutzt sind, dann dürfen sie auch fliegen.

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