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Warum wir ein Steuersystem brauchen, das Alleinerziehende entlastet

Ist unser Steuersystem sexistisch? Benachteiligt unser Steuersystem Alleinerziehende? Unsere Chefredakteurin findet: Ja.

Hi! Ich bin Mareice und ich habe eine Meinung. Zum Beispiel zu unserem sexistischen Steuersystem. Benachteiligt unser Steuersystem Alleinerziehende? Ich finde: Ja.

Ein – leider wichtiges – Beispiel ist das Ehegattensplitting. Es wurde 1958 in Westdeutschland eingeführt – eine Zeit, in der heterosexuelle Ehepaare verheiratet waren und meistens blieben. Und eine Zeit, in der der Mann das Geld verdiente und die Frau zu Hause bei den Kindern blieb und, wenn überhaupt, Teilzeit arbeitete.

Ziemlich oldschool, oder? Und ziemlich weit weg von der Realität von Ein-Eltern-Familien.

Unser Steuersystem bevorteilt noch immer genau diese Art einer Beziehung. Und zwar mit Geld. Je größer der Einkommensunterschied der Eheleute ist, desto höher ihre steuerliche Ersparnis.

Ein Rechenbeispiel: Ein heterosexuelles Ehepaar, der Mann verdient 45.000 Euro, die Frau nichts. Sie müssen 7.700 Euro Steuern zahlen. Eine Alleinerziehende mit zwei Kindern zahlt beim gleichen Einkommen 12.400 Euro, also 4.700 Euro mehr. Alleinerziehende müssen fast so viele Steuern zahlen wie Singles ohne Kinder.

Unser Steuersystem wirkt sexistisch und benachteiligt Lebensrealitäten, in denen vor allem Frauen leben. Der Weg zur Arbeitsstelle wird finanziell gefördert, der Weg zur Kita nicht. Zinsen auf den Kredit für die vermietete Eigentumswohnung mindern die Steuer. Die Zinsen auf den Kredit, den die alleinerziehende Mutter für die Waschmaschine aufnehmen musste, aber nicht.

Übrigens: Wenn beide Einkommen genau gleich sind, gibt es keinen Zuschuss. Das Ehegattensplitting bevorteilt Paare, die nicht gleichberechtigt leben.

Oft wird das Ehegattensplitting als „Familienförderung“ verkauft – das ist aber Quatsch. 41 Prozent der durch das Ehegattensplitting geförderten Ehepaare haben gar keine oder bereits erwachsene Kinder. Alleinerziehende und nicht verheiratete Eltern bleiben außen vor.

Was wir brauchen, ist ein solidarisches Steuersystem, das Familien und Frauen wirklich fördert. Ein Steuersystem, in dem der Weg zur Kita genau so viel Wert ist wie der Weg zum Job. Ein Steuersystem, das Gleichberechtigung nicht verhindert, sondern ermöglicht. Ein Steuersystem, das Alleinerziehende entlastet. Ein Steuersystem, das sich endlich der Lebensrealität von Familien anpasst – 2021 und nicht 1958.

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Mareice Kaiser setzt sich für einen Journalismus ein, an dem alle teilhaben können, an dem alle beteiligt sind und in dem alle vorkommen – seit März 2020 als Chefredakteurin bei EDITION F. Ihre Themen: Inklusion, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, Chancengerechtigkeit.

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