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Hochsensibilität bei Kindern – wenn normale Reize schmerzhaft werden

Was braucht ein Kind, das hochsensibel ist und was bedeutet das überhaupt? Unsere Community-Autorin Lisa ist selbst hochsensibel und teilt hier ihre Erfahrungen und Tipps.

Ist dein Kind möglicherweise hochsensibel?

Kürzlich veröffentlichte die Community-Autorin Anna-Lena Gröner einen Beitrag bei EDITION F, in dem sie das sehr sensible Verhalten ihrer Tochter beschrieb und nicht genau wusste, wie sie damit umgehen soll. Ich erkannte mich in ihrer Tochter Mila nahezu zu hundert Prozent wieder. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen deine Kleine ist hochsensibel“, antwortete ich an Anna-Lena.

Welche Tipps ich ihr im Umgang mit ihrer Fünfjährigen gab und was mir hilft, mit meiner Hochsensibilität umzugehen, möchte ich nun gerne auch in der Community teilen.

Was ist Hochsensiblität?

Hochsensiblität ist keine Krankheit und um Gegensatz dazu auch keine Begabung im klassischen Sinne. Sondern ein Wesenszug, bei dem „zwei Seiten der Medallie“ bestehen, da sich Hochsensibilität sowohl positiv als auch negativ auswirken kann.

Wir alle verarbeiten Tag für Tag Millionen von Sinneseindrücke bzw. Sinnesreize. Damit sind nicht nur die fünf klassischen Sinne, also Sehen, Riechen, Tasten, Schmecken und Hören gemeint, sondern auch unsere Wahrnehmung auf emotionaler Ebene. Also die Mimik, Mikromimik und generelle Körpersprache eines Menschen.

Generell können wir unterscheiden zwischen äußeren und inneren Reizen.

Äußere Reize sind beispielsweise:

  • Lärm
  • (grelles) Licht
  • (verschiedene) Gerüche
  • Menschenmassen (Großraumbüro, überfüllte Innenstädte…)
  • Generell Kontakt mit Menschen

Innere Reize sind beispielsweise:

  • Gedanken (negative und positive)
  • Gefühle (negative und positive)
  • Schmerz
  • Allgemeine Stimmungen (von anderen um mich herrum oder mir selbst)

Damit unser Gehirn nicht vor lauter Informationen abstürzt, besitzen wir einen Filter der unwichtige Informationen aussiebt, bevor sie überhaupt zu der Station „Verarbeiten“ kommen. Bei Hochsensiblen ist dieser Filter extrem durchlässig. Jegliche Art von Sinneseindrücken nehmen wir intensiver wahr und vor allem mehr davon. Das sind Dinge, die keinem anderen auffallen und für die gegebene Situation vielleicht auch absolut irrelevant scheinen. Dass wir Reize intensiver wahrnehmen bedeutet auch, dass sie tiefer in unser Bewusstsein eindringen und wir mehr Zeit brauchen, um diese zu verarbeiten.

Manche Psychologen oder Neurologen unterscheiden zwischen drei unterschiedlichen Grundtypen der Hochsensibilität:

  1.  Sensorisch hochsensible Menschen = eine besonders feine Sinneswahrnehmung
  2.  Emotional hochsensible Menschen = eine besonders starke Wahrnehmung auf zwischenmenschlicher Ebene. (auffällig ausgeprägte Empathie)
  3. Kognitiv hochsensible Menschen = denken stets multiperspektivisch und in enorm großen Zusammenhängen. (das „große Ganze“ erfassen wollen)

Bei vielen Hochsensiblen ist es allerdings ein Mix aus genau diesen drei Grundtypen, die ihre Hochsensibilität ausmacht.

Die Reizüberflutung

Entgegen der häufigen Vermutung, nehmen wir Hochsensiblen Reize z.B. nicht generell lauter wahr, als sie eigentlich sind. Sind wir aber kurz vor einer Reizüberflutung kommt uns das Geräusch lauter vor, als es in Wirklichkeit ist.

Von einer Reizüberflutung spricht man, wenn der Körper so viele Reize gleichzeitig aufnimmt, dass sie nicht mehr verarbeitet werden können. Dadurch entsteht bei Betroffenen eine psychische Überforderung. Da Hochsensible mehr Reize aufnehmen, ist ihr Speicher auch schneller voll. Wir sind also schneller psychisch überfordert, als nicht Hochsensible.

Eine Reizüberflutung erleben nicht nur Hochsensible, sondern jeder dann und wann. Wir werden hibbelig, schreckhaft und unruhig und würden am liebsten schreien „Mein Kopf platzt gleich, ich muss hier raus!“

Tückisch wird es, wenn die Überflutung zu einem Großteil des Tages besteht oder weder Raum noch Zeit da ist, um die Reize des tages im angemessenen Rahmen zu verarbeiten. Eine extreme Reizüberflutung zeigt sich bei Kindern häufig durch plötzliches Weinen oder Schreien – oder gar aggressives oder autoaggressives Verhalten, z.B. hauen.

Obwohl ich mittlerweile fast 24 Jahre alt bin, weine auch ich manchmal noch bei einer Reizüberflutung. Als Kind habe ich meiner Mutter das Gefühl während einer Überflutung so beschrieben:

„Ich habe das Gefühl, die lauten Geräusche und alle Menschen, die mit mir reden oder nur auf mich zukommen, tun mir weh.“

Denn ich hatte nicht nur das Gefühl die Reize tun mir „im Kopf“ weh, sondern auch körperlich. Und ich wusste mir damals nicht anders zu helfen, als dass ich anfange zu weinen, damit meine Mutter mich abholt und aus dieser Umgebung rausholt.

Was tun, wenn alles zu viel wird?

Damit es erst gar nicht zu einer Reizüberflutung kommt, gibt es Dinge, die ihr als Elternteil oder auch selbst Betroffene tun könnt.

Vorab einige Dinge, die mir seit Kindesalter helfen:

  • Ruhe: keine lauten Geräusche, d.h. keine Maschinen (Kaffeemaschine o.ä.), kein lautes Reden oder gar Brüllen.
  • Schlaf: Immer wichtig, bei Hochsensiblität noch wichtiger. Achtet auf ausreichend und erholsamen Schlaf, um die Reize des Tages verarbeiten zu können.
  • Reizarmut: Wenn möglich, konzentriert euch oder euer Kind nur auf eine Beschäftigung. Mir hilft Puzzeln sehr gut, weil es fast schon eine meditative Wirkung hat. Während das Kind puzzelt – oder was auch immer – also keinen Fernsehen oder keine Musik nebenbei laufen lassen. Je weniger Reize, desto besser.
  • Sport: Körperliche Tätigkeit hilft uns, einen klaren Kopf zu bekommen. Mir hilft das Reiten. ein „ruhiger“ Sport hilft mehr, als einer bei dem es so richtig Action gibt.

Und Dinge, die ich in meiner Kindheit noch nicht wusste, die aber genauso dazugehören:

  • Regelmäßiger Rückzug: Ein Zimmer, in dem ihr bzw. euer Kind sich wohl fühlt und ganz für sich sein kann, ist enorm wichtig. Einen Ort, an dem sich das Kind gerne zurückzieht. Ich habe den Rückzug lange als lästiges Übel empfunden, weil ich keinen Raum hatte, in dem es sich für mich in Ordnung angefühlt hat, einfach nur mit mir allein zu sein. Der Rückzug sollte nicht als Pflicht empfunden werden, sondern als etwas was wir oder das Kind in diesem Moment tun möchte*n.
  • Reizirritationen vermeiden: Ein Beispiel: Ich sitze im Esszimmer und schreibe an einem Text. Plötzlich kommt meine Mutter herein. Einige Sekunden später mein Bruder und wieder einige Minuten später klingelt  es und meine Schwester samt Hund öffnet die Tür. Ich werde aggressiv. Packe meine Sachen, werfe sie nur nicht durch die Gegend, weil ich weiß wie teuer mein Laptop war, gehe ins Badezimmer und weine.

Diese Situation ist so passiert und verdeutlicht meiner Meinung nach den Begriff „Reizirritation“. Hochsensible sind häufig sehr vertieft in ihre Beschäftigung, gerade zu weggetreten. Laute Gräusche, Durcheinanderreden oder abpruptes Herausreißen aus der Situation irrtiert uns stark, weil wir länger brauchen, um zwischen verschiedenen Situationen hin und her zu switchen.

Die Vermeidungsstrategie für eine Reizüberflutung sollte nicht zu eurem Mantra werden. Es ist nicht so, dass ihr jetzt nie wieder die Kaffeemaschine anwerfen dürft, wenn euer Kind im Raum ist oder nur noch im Flüsterton reden solltet. Es ist wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem wir sagen können: „Hier gibt es nicht ansatzweise so viele Reize wie draußen (also Kindergarten, Schule, Arbeit etc.) und deshalb fühle ich mich hier sehr wohl!“

Die Gradwanderung zwischen zu viel und zu wenig

Ich gebe zu: Als hochsensibler Mensch seine Reiz-Komfortzone ausfindig zu machen ist ein langer Prozess. Denn wir müssen erst lernen, wann uns die Reize zu viel werden und wann uns zu wenig Reize erreichen. Der Mangel an Reizen, also Reizarmut, tut auf Dauer niemandem gut. Glücklicherweise sind die meisten Hochsensiblen sehr vielseitig interessiert, so dass ihr einfach verschiedene Dinge ausprobieren solltet. Je innerlich ausgeglichen ihr oder euer Kind euch vorkommt desto besser.

Die Begriffe „zu viel“ und „zu wenig“ beziehen sich aber nicht auf eine Menge bzw. das Ausmaß dessen, was man tut. Es kann vorkommen, dass ihr euer Kind für nicht allzu lange Zeit zum Turnen schickt und es trotzdem reizüberflutet zurückkommt, einfach weil die Reize währenddessen durch andere Faktoren als das Turnen zu viel waren. Euer Kind wenigen Reizen auszusetzen bedeutet nicht, dass ihr es von der Außenwelt abschirmen sollt. Viel mehr sollte ein gutes „Ich-Gefühl“ entwickelt werden, so dass das Kind sich angemessen von den Gefühlen anderer abgrenzen kann.

Mit dem Ich-Gefühl kommt auch das automatische Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse. Denn auch ein Bauchgefühl, wie wir es so schön nennen, muss erst entwickelt werden. Das Austesten der eigenen Grenzen spielt dabei eine zentrale Rolle. Manchmal passiert es auch, dass wir bewusst eine Reizgrenze überschreiten (müssen), einfach weil die Gegebenheiten uns dazu zwingen. Meiner Erfahrung nach ist aber auch das wichtig, damit wir die Angst vor einer Überflutung nicht überbewerten und uns so konditionieren, dass wir in unserer späteren Entwicklung jeglichen Situationen mit enormen Sinneseindrücken aus dem Weg gehen. Mein persönliches Ziel war es immer, bei einer Reizüberflutung mir selbst sagen zu können:  „Ok hey, du hast gerade einen totalen Reizflash. Aber keine Panik. Das geht vorbei. Gleich bist du an einem Ort, an dem du diesen Flash verarbeiten kannst!“. Das Wichtigste hierbei ist natürlich, dass wir dann tatsächlich an einen ruhigen Ort gehen (können), der diese Verarbeitung zulässt.

Bitte keine falsche Scheu und Schuldgefühle

Gerade als Heranwachsende möchten wir alles mit uns reißen. Ganz viel erleben, austest, am liebsten überall dabei sein. Je nach Lebensphase setzen wir unsere Prioritäten anders. Als Teenager (und auch heute häufig noch… ) hatte ich die Phase „Rein ins Leben! Und wenn ich zehn Mal aufs Maul fliege. Wohoooo!“.  Wenn euer Kind so drauf ist, bitte lasst es gewähren. Bei ständiger Zurückhaltung durch andere können schlecht eigene Grenzerfahrungen gemacht werden, die, wie erwähnt, so wichtig sind.

Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, was uns gut tut und was nicht oder was wir in einem bestimmten Moment wollen oder nicht, müssen wir so manche (auch unangenehme) Erfahrung machen. Aber wie bei jedem Menschen ist dieser Erfahrungswert essenziell. Im Kindergarten sind Geburtstag ja oft ein Thema. Und bei Kindergeburtstagen gibt es oft eine Meeeenge Trubel. Und wenn euer Kind in kurzer Zeit viele davon mitmachen möchte, dann lass es diese mitmachen. Wenn ihr denkt eurem Kind wird gerade alles zu viel, sie oder er findet aber nicht die richtigen Worte, um das zu sagen oder traut sich schlicht  nicht, kann ein kleiner Hinweis sinnvoll sein, wie: „Lass uns am Wochenende Mal eine Pause machen und im Wald spazieren gehen.“ Oder ähnliches. Generell gilt: In Watte eingepackt zu sein fühlt sich im ersten Moment zwar kuschelig weich an, erdrückt aber schnell.

Und wenn ihr meint, ihr habt in einer Situation vielleicht falsch reagiert, weil ihr das bitterlich weinende Kind mutterseelen alleine im Kindergarten zurückgelassen habt, versucht euch davon frei zu machen. Natürlich ist das oft einfacher gesagt als getan. I know. Aber der Kindergarten ist nur der Anfang des Lebens. Es wird immer und immer wieder Situationen geben, in denen wir uns enorm unwohl fühlen, völlig egal ob hochsensibel oder nicht. Wenn ihr als Bezugsperson eures Kindes es immer wieder aus diesen Situationen heraus nimmt gibt es kaum eine Chance, dass es sich ein „dickeres Fell“ anlegen kann.

Mehr grundsätzliche Infos zum Thema findet ihr zum Beispiel hier und weitere Infos zu hochsensiblen Kindern hier.

Dieser Text ist zuerst auf www.hirngelaber.com erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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