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Wie bleibt man in schwierigen Lebenssituationen optimistisch?

Wie schafft man es, schwierige Erlebnisse nicht zum Gradmesser für ein gutes Leben zu machen und optimistisch zu bleiben? Dieser Frage widmet sich Mirna Funk in diesem Monat in ihrer Kolumne „Sag mal, Mirna …“

Bitte kein Mitleid

Mir ist eine Menge Scheiße in meinem Leben passiert. Nein, nicht nur ein bisschen, sondern wirklich richtig viel. So viel, dass, würde ich die einzelnen Situationen und Erlebnisse erzählen, hier jede*r mit offenem Mund und einer Packung Taschentüchern vor dem Bildschirm säße. Ich würde eine Menge Mitleid ernten und vermutlich auch sehr liebevolle Emails erhalten. Aber ich war nie ein großer Fan von Mitleid und auch nicht davon, jedes abgefuckte Ereignis mit der Welt zu teilen, auch wenn man das ob meiner offenen Art vielleicht manchmal denken würde. Die Pralinen aus meinem Leben, die Top 10 Abfuck-Momente eben, sind alle sicher in einer Schachtel verstaut und zu der habe ausschließlich ich und niemand sonst jemals Zugang gehabt.

Nehmen wir aber mal an, ihr wüsstet jetzt alle davon, würdet euch durch mein Instagram-Profil scollen, einige Artikel lesen und einen kurzen Eindruck über mein Leben bekommen, ihr würdet es nicht glauben. Ihr würdet nicht glauben, wie glücklich, ausgeglichen, entspannt, erfolgreich und irgendwie geerdet ich bin. Ja, ich selbst kann es die meiste Zeit eigentlich nicht glauben, blicke ich in stillen Minuten auf dieses, mein Leben, zurück. Denn es gab ein paar Augenblicke, die locker dafür hätten sorgen können, dass ich gar nicht bis hierher komme, von außen herbeigeführte, aber auch von mir initiierte.

Selbstgemachtes Glück

Es ist nicht einfach, an ein gutes Leben zu glauben, wenn nichts Gutes passiert. Das führt im Allgemeinen dazu, dass man wütend wird; weil andere scheinbar glücklicher sind, weil sie mehr Möglichkeiten haben, weil man irgendwie die falsche Lebenskarte bei der Geburt gezogen hat. Man denkt, jetzt gehe es für immer so weiter mit dem Scheißleben, während die anderen um einen herum eben ein gutes führen dürfen. Mein großes Glück bestand darin, nie an ein gutes Leben geglaubt zu haben. Ich habe auch nie geglaubt, irgendjemand oder irgendetwas schulde mir was. Ich habe nicht an so etwas wie Fügungen geglaubt, sondern immer nur an das Leben als Aneinanderreihung von Ereignissen, die man allerdings völlig wertfrei betrachten muss.

Als ich vor ein paar Tagen für eine Podcastaufnahme in meiner Küche saß, erinnerte ich mich an den Song „Freisein“ von Sabrina Setlur und Xavier Naidoo. Und daran, dass er mein Denken nachhaltig beeinflusst hatte. Darin heißt es unter anderem:

Glaubst du, dass irgendwer, irgendwo, irgendwann
Für Dich Dein Leben leben kann, glaubst du das glaubst du das
Wenn du das glaubst, dann wirst du nie sehen
Und verstehen, was ich mein, wenn ich sag‘

Ich will frei sein …

Glaubst du, dass dein Leben
Bereits geschrieben steht
Und dass irgendwo ein Weiser
Für Dein Tun die Konsequenzen trägt, glaubst du das

Glaubst du, dass von allen Leben auf der Welt eins
Wertvoller ist als deins, glaubst du das glaubst du das
Wenn du das glaubst, dann wirst du nie sehen
Und verstehen, was ich mein, wenn ich sag‘

Ich will frei sein

Der Song kam 1997 raus. Ich war damals 16 Jahre alt und hörte ihn zum ersten Mal auf MTV. Danach wartete ich mehrere Tage mit der Fernbedienung meines Videorekorders in der Hand darauf, dass er noch mal gespielt werden würde, um ihn aufzunehmen. Nachdem mir die Aufnahme geglückt war, hörte ich nichts anderes mehr. Er lief 24/7 in meinem Zimmer. Weil mir das nicht genügte und ich mehr über den Freien Willen erfahren wollte, fuhr ich in eine Bibliothek und lieh mir einen Haufen philosophischer Texte aus. Wochenlang tat ich nichts anderes als den Song zu hören, zu kiffen und mich unter anderem in Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ zu verlieren. Kurz darauf zog ich bei meiner Mutter aus und kehrte nie wieder zurück.

Take it or leave it

Egal, was in meinem Leben auch passierte, ich wusste immer, dass es an mir war, für die Veränderung zu sorgen, die ich mir wünschte. Da würde niemand kommen, der*die mich glücklich machte, kein Geld fiele vom Himmel, kein Ende der Entwicklung würde eintreten, um für ewige Ruhe zu sorgen. Ich wusste auch, dass ich nur dieses eine Leben hatte, und dass es sehr, sehr einfach war, dieses Leben zu beenden, wenn ich es partout nicht mehr wollte. Ja, ich beweinte jene Situationen, die komplett scheiße gelaufen waren, aber ich machte sie nicht zum Gradmesser für mein Leben. Sie hatten mich geprägt, mich verändert, und sicher auch zu einem Teil den Lauf der Dinge beeinflusst, aber sie hatten nicht die Macht, mein Leben zu definieren. Es gibt kein gutes Leben. Es gibt das Leben. Und wer glaubt, dass es nur einen linearen Verlauf verdient hätte, hat das Leben als solches nicht verstanden.

Wir werden alle sterben. Und zwar früher als uns lieb sein wird. Wir können unser Leben – so bescheuert es klingen mag – jeden Tag um 180° drehen. Wir können alles verkaufen, von dem eingenommenen Geld ein Ticket erwerben, nach Bali fliegen und dort in einer Bambushütte leben. Wir können nach San Francisco ziehen und in einem Billionen-Startup für Artificial Intelligence arbeiten und die Welt für immer verändern. Wir können aber auch einfach weitermachen und die Dinge nehmen, wie sie kommen. Wir können nicht alle Ereignisse beeinflussen, denn Freiheit ist nicht das Rebellieren gegen Grenzen, sondern das Anerkennen dieser. Aber wir können entscheiden, wie wir auf die Ereignisse reagieren, sie nicht überhöhen, egal ob sie gut oder schlecht sind, sondern sie pragmatisch einordnen und als ein Teil von vielem betrachten.

Habt auch ihr eine Frage an Mirna? Dann schreibt ihr via Instagram oder Twitter @mirnafunk.

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