Foto: Carlotta Kannviel

Wie die Jungfrau zum Kinde

Die erste Schwangerschaft ist etwas Besonderes, aber egal wie gut man sich vorbereitet, einige Schwangerschafts- und Stillbeschwerden werden einem offensichtlich verschwiegen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man sich unwissend und naiv fühlt. Ein Erfahrungsbericht.

Liebe Mamas,

kann es sein, dass ihr werdenden Müttern und denen, die es noch werden wollen, bewusst Informationen vorenthaltet? Oder habt ihr alles, was mit Schwangerschaft und Geburt zu tun hat, mit einem Weichzeichner und Verdrängungsmechanismen überzogen?! Ich gebe zu, jede Schwangerschaft und jede Geburt ist anders. Aber es kann nicht sein, dass Frau trotz aller Informationsfülle mit Tatsachen konfrontiert wird, die vorher nie Thema waren. In meiner Vorstellung sollte ein neuer Lebensabschnitt voller Vorfreude auf das neue Familienmitglied beginnen. Ein wenig Morgenübelkeit, Gewichtszunahme und saure Gurken mit Schokolade können dafür ruhig in Kauf genommen werden. Die Schmerzen der Geburt sind doch eh sofort vergessen, sobald man das Baby auf dem Arm hält oder etwa nicht?!

Als meine Frauenärztin meine Schwangerschaftsvermutung bestätigte, reichte sie mir ein riesen Paket mit Broschüren und Magazinen zu den Themen Schwangerschaft und Entbindung. Dazu recherchierte ich ab diesem Zeitpunkt noch fleißig im Internet. Aber auch damit fand ich mich im Nachhinein nicht ausreichend gut vorbereitet auf die folgenden Monate.

1. Schwangerschaftsbeschwerden

In Filmen und Serien ist es meist so, dass die Protagonistin sich gefühlte drei Tage nach dem Sex übergeben muss, in die Apotheke geht und einen positiven Test macht. Danach ist wieder alles paletti. Eventuell gibt es noch ein paar Szenen, in denen sie sich darüber beschwert, dass sie ihre Füße durch den großen Bauch nicht mehr sehen kann.

Ich hatte mich ab Kinderwunsch mit meinem Zyklus beschäftigt, alle Anzeichen einer Schwangerschaft eingeprägt, Schwangerschaftstests auf Vorrat gekauft und war bereit. Dann ging es endlich los. Keine Ahnung, warum das Morgenübelkeit heißt, mir war in den ersten drei Monaten dauerschlecht, rund um die Uhr, da half auch keine Ernährungsumstellung und die guten Tipps der Hebamme. Ich fühlte mich an meine Studienzeit zurückerinnert, ich hatte quasi wochenlang
einen Dauerkater. Die Übelkeit wurde im zweiten Trimester von Sodbrennen abgelöst, welches mir bis zur Geburt erhalten blieb.

Da sich im Unterleib so einiges tat, die Gebärmutter wuchs, Bänder und Sehnen dehnten sich, kam es zu menstruationsartigen Schmerzen. Als werdende Mama verfällt man da leicht in Panik und rechnet gleich mit einer Fehlgeburt. Die erhöhte Blutzufuhr ließ die Schamlippen anschwellen, die Brustwarzen veränderten sich, die Hormone spielten verrückt.

Dazu kamen Wassereinlagerungen in den Beinen, Füßen und Armen. Durch den Druck wurden die Nerven eingequetscht, meine Arme schliefen ständig ein. Auf den Beinen zeichnete sich ein schönes blau-grünes Muster aus Besenreisern ab. Hämorriden blieben mir zum Glück erspart.

Neben der Einnahme von Folsäure war eine Ernährungsumstellung nötig. Kein Alkohol, kein Coffein, keine Zigaretten, das ist allgemein bekannt. Aber darüber hinaus kommen lauter andere leckere Sachen, z.B. Camembert, Sushi, Salami oder unverpacktes Eis. 2018, ein verdammt heißer und langer Sommer, ein Überleben ohne Eis war kaum möglich. Dazu muss natürlich alles super gesund und ausgewogen sein, man sollte auf keinen Fall mehr Gewicht zunehmen als empfohlen.

Abgesehen von den „normalen“ Schwangerschaftsbeschwerden stellte sich dann auch noch eine Augenmigräne ein. Ich leide seit Jahren unter Migräne, aber dies war vollkommen anders. Plötzlich auftretende Sehstörungen in der Schwangerschaft lassen einen eher an Schwangerschaftsdiabetes oder eine Schwangerschaftsvergiftung denken. Je mehr außergewöhnliche Symptome sich einstellten, umso mehr recherchierte ich im Internet und bekam es langsam mit der Angst zu tun.

Am Ende meiner Schwangerschaft bekam ich öfters den Tipp, die Zeit ohne Baby doch noch einmal so richtig zu genießen und viel zu schlafen. Dieser Kommentar kam meist von Männern und Nicht-Mamas. Da gibt es nichts zu genießen! Ich fühlte mich wie ein gestrandeter Wal. Übelkeit, Sodbrennen, Rückenschmerzen, Unterleibskrämpfe durch Übungs- und Senkwehen, ständige Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Hitzewallungen, taube Arme, eingeschränkte Beweglichkeit usw. Was soll daran schön sein?! Natürlich wird es nach der Geburt anstrengend, aber wenigstens ist dann der Vater des Kindes auch zu etwas zu gebrauchen. Bis dato hatte er ein schönes und entspanntes Leben.

2. Geburt

Wehen bedeuten Schmerzen, für jede Frau in anderer Intensität, aber es sind doch Schmerzen. Man wartet monatelang auf den Tag der Tage, wenn endlich der stundenlange Schmerz beginnt. Leider hatte ich keine Bilderbuchgeburt, aufgrund eines auffälligen CTG-Befunds wurde ich in die Klinik eingewiesen. Der Befund bestätigte sich zum Glück nicht, aber die Geburt wurde eingeleitet, da ich bereits eine Woche über dem errechneten Termin war. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden, ich wollte endlich mein Baby im Arm halten. Mir wurde ein Cocktail mit Rizinusöl und Ethanol gereicht. Im Kreißsaal ließ ich mir eine PDA geben, jedoch wurden dadurch die Wehen schwächer. Es folgte das Wehenmittel Oxytocin, dies veränderte alles. Die PDA war nicht mehr wirksam und ich hatte stundenlang die schlimmsten Schmerzen in meinem Leben. Ich schrie mir sechs Stunden lang die Seele aus dem Leib, nach der Geburt war ich tagelang heiser. Wie ist es möglich, nach so einer Erfahrung freiwillig noch mehr Kinder zur Welt zu bringen? Meinen Respekt und meine Hochachtung an alle Mehrfachmamas!

Eine weitere Tatsache, welche gerne verschwiegen wird, ist Stuhlgang während der Geburt. Als dieses Thema im Geburtsvorbereitungskurs aufkam, befürchtete ich, dass mein Mann nie wieder Sex mit mir haben wollen würde. Auch wenn das Rizinusöl schon einige Vorarbeit leistete, so kam bei der Geburt neben Baby und Plazenta auch allerhand Anderes zu Tage.

Nach den Wehen ist vor den Wehen! Ich wusste nicht, wie sich Nachwehen anfühlen würden, daher vermutete ich bei den starken Schmerzen, die in meine Beinen strahlten, eher, dass bei der PDA Nerven verletzt wurden. Begleitet werden Nachwehen von starken Blutungen, die bis zu sechs Wochen lang anhalten können.

3. Stillzeit

Und wieder stand eine Ernährungsumstellung an. Die Hebamme empfahl, nichts zu essen, was Blähungen, Ausschlag oder Allergien beim Baby auslösen könnte. Obwohl es keine wissenschaftlichen Beweise dafür gibt, hält man sich als brave Neu-Mama natürlich daran und verzichtet auf bestimmte Gemüse- und Obstsorten, Coffein, Nüsse, Samen usw.

Ich war froh, dass die Milch lief, das Baby satt wurde und ich keine wunden Brustwarzen mehr hatte. Aber dann wurde ich von einem Milchstau überrascht, welcher mit schmerzenden Brüsten und Fieber einhergeht. Unter anderem kann Stress dafür ein Auslöser sein. Wohl jede (Neu-)Mama hat mit Stress zu kämpfen, besonders wenn man von allen Seiten ungefragt „gut gemeinte“ Ratschläge und Tipps erhält.

Dauermüdigkeit und Rückenschmerzen sind allgemein bekannt, aber Schmerzen in den Gelenken, besonders in den Fingern, deuten auf sogenanntes „Stillrheuma“ hin. Dies ist keine anerkannte Krankheit, da die Ursachen noch nicht geklärt sind und sich auch die Symptome bei stillenden Frauen unterscheiden können. Besonders das Wickeln fiel mir schwer, wenn die Finger wieder steif waren, die Gelenke schmerzten und anschwollen.

Als wäre das nicht alles genug, fing vier Monate nach der Geburt der hormonbedingte Haarausfall an. Mein Kopfkissen sah morgens aus als hätte dort eine Perserkatze genächtigt. Erste lichte Stellen machten sich auf dem Haupt bemerkbar, das war psychisch belastend. Egal wie viele Haare man gewissenhaft um sich herum einsammelte, an den kleinen Babyhänden blieben immer welche kleben, die sich das Kind in den Mund stecken konnte.

Wie die Jungfrau zum Kinde

Vom „Schwangerschafts-Glow“ war ich weit entfernt, ich fühlte mich unwissend und naiv. Wenn die Schwangerschaft für mich so anstrengend war, während alle anderen Mütter diese Zeit als wunderschön und aufregend empfanden, was lief dann falsch bei mir? Die dramatische Geburt hat mich erst einmal von weiteren Kinderwünschen geheilt, die Zeit danach war einfach nur kräftezehrend. Ich hoffe, die Weissagungen, dass alles nach dem ersten Jahr besser wird, werden wahr. Nach einem Jahr Elternzeit will ich wieder fit für das neue Leben als Working Mom sein.

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