Foto: Trinity Kubassek | Pexels

Wie gehe ich damit um, wenn ein Freund von mir einer anderen Frau gegenüber sexuell übergriffig geworden ist?

Mit Personen, die sexuell übergriffig sind, wollen wir in der Regel nichts zu tun haben. Was aber, wenn sich herausstellt, dass jemand aus dem eigenen Freund*innenkreis sexuell übergriffig war? Wie soll man damit umgehen; welche Konsequenzen ziehen? Dieser Frage widmet sich Mirna Funk diesen Monat in ihrer Kolumne „Sag mal, Mirna“.

Mit der Schweigekultur brechen

Frauen erzählen sich alles: vom neuesten Shirt im Kleiderschrank, über den nervigen Chef bis hin zur Penisgröße des aktuellen Lovers. Geheimnisse? Sowas gibt es unter guten Freundinnen eigentlich nicht. Das hat nichts mit fehlender Loyalität gegenüber anderen oder einem Drang zum Klatsch zu tun, sondern mit der Fähigkeit Beziehungen aufzubauen, zu leben und zu halten. Und zu Beziehungen gehört Kommunikation, und zu Kommunikation gehört das Erzählen guter, schlechter, lustiger, trauriger, peinlicher und erfolgreicher Geschichten. Weil man nur so die Mehrdimensionalität eines anderen Menschen erfassen kann, und nur durch das Erfassen dieser Mehrdimensionalität kann sowas wie echte Begegnung überhaupt entstehen. Alles andere ist Funktionalisierung, die zu Zweckgemeinschaften führt, nicht aber zu Beziehungen.

Kommunikation können Frauen, das muss man ihnen wirklich nicht beibringen. Dafür sind sie bekannt, werden gefürchtet und von Männern oft despektierlich belächelt. Was allerdings hauptsächlich mit der fehlenden Kommunikationsfähigkeit der meisten Männer zu tun hat und weniger mit einem belächelnswerten Zustand von Austausch. Umso erstaunlicher ist es doch, dass es eine #metoo-Bewegung brauchte, um die Schweigekultur, die sich im Fall von Gewalterfahrungen oder sexuellen Übergriffen etabliert hatte, zu durchbrechen. Denn, wenn Frauen Gewalt angetan wird, egal ob sie körperlicher oder sexueller Natur ist, dann ist es mit der großen Kommunikationsfähigkeit, die ihnen sonst so sicher ist, dahin.

Den Frauen glauben

Zurück zur Eingangsfrage: Ich weiß nicht genau, wie du zu der Frau stehst, der der Übergriff passiert ist, aber selbst wenn du sie nicht kennst, gibt es eigentlich nur eine mögliche Reaktion: Du musst sie kontaktieren, ihr sagen, dass du ihr glaubst, ihr sagen, dass sie eine Anzeige machen soll, ihr sagen, dass du sie unterstützt, ihr sagen, dass sie nicht schweigen soll, auch wenn es sich im ersten Moment einfacher anfühlt. Denn das ist es. Viel einfacher. Es ist einfacher, das alles über sich ergehen zu lassen und mit niemandem mehr darüber zu sprechen, weil man damit versucht, das Geschehene ungeschehen zu machen. Wenn es keine Zeug*innen gibt, dann ist es auch nicht passiert. Das sieht sogar die Polizei in einem solchen Fall ähnlich. Denn: ohne Zeugen, keine Tat. Deswegen schaffen es auch so wenige Vergewaltigungsdelikte, sexuelle Übergriffe und Gewalthandlungen vor Gericht. Denn mehr als der*die Täter*in und das Opfer waren meistens nicht anwesend. Wem also glauben?

Wir leben noch immer in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Frauen prinzipiell der Lüge bezichtigt werden. Ein von Männern kreiertes Klima, das sie vor Bestrafung schützen soll. Der Topos der lügenden Frau, die sich am Partner rächen will, ist ein Vorurteil, das in den seltensten Fällen zutrifft. Deswegen müssen wir zuallererst schauen, wie viel von diesen Vorurteilen in uns selbst steckt. Und dann aktiv gegen die internalisierte Misogynie vorgehen. Also Frauen glauben, egal, ob wir im Inneren zweifeln. Der Zweifel ist nicht unsere Intuition, sondern das Patriarchat.

An die Verantwortung appellieren

Aber zurück zu dir. Nachdem du dieser Frau ihr Erleben bestätigt hast, sie bestärkt hast, sich zu trauen, wehrhaft zu sein und den Mann dem staatlichen Bestrafungsapparat auszuliefern, musst du dich mit deinem Freund treffen. Du musst ihm ganz klar sagen, dass das, was du da erfahren, gesehen oder mitbekommen hast, Gewalt an einer Frau ist. Dass du schon mit der betroffenen Frau gesprochen hast, dass du bereit bist, auszusagen, dass du uneingeschränkt auf ihrer Seite stehst, dass du dir selbst herausnimmst, rechtliche Schritte als Zeugin einzuleiten, dass du dieses Verhalten menschlich ablehnst und dass diese Freundschaft beendet ist, sollte er nicht die Verantwortung für sein Handeln übernehmen und selbst Konsequenzen ziehen. Konsequenzen sind je nach Schweregrad: Selbstanzeige und/oder Therapie.

Das können jetzt einige radikal finden, aber eigentlich ist nichts daran radikal. Ein Mann, der einer Frau gegenüber übergriffig wurde, hat ein falsches Selbst- und Frauenbild. Er hat es möglicherweise nicht zum ersten Mal getan und wird es möglicherweise auch nicht zum letzten Mal tun. Er ist Täter und muss angemessen bestraft werden. Fertig.

Zu lange haben wir jegliches männliche Fehlverhalten, aufgrund der Machtstrukturen, stillschweigend weggenickt. Nicht unser Business. Wir kennen die Hintergründe nicht. Wer weiß, was wirklich passiert ist. Das waren die Ausreden, die wir uns selbst erzählt haben, damit wir nicht Zivilcourage zeigen müssen. Und damit meine ich Männer und Frauen. Die Schweigekultur hat die patriarchalen Machtstrukturen über Jahrtausende aufrechterhalten. Das Schweigen zu brechen, wird diese Kultur zu Fall bringen. Also, lasst uns beginnen – gemeinsam!

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