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Die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei: Zerschlagt das Patriarchat!

Wir leben nach wie vor in einer Welt, die es Männern leicht macht – und allen anderen schwerer. Dagegen helfen nicht alleine Gesetze und schon gar kein zurückhaltender Feminismus.

Burn down the house!

Wir leben in einer Welt, deren Gradmesser das Anspruchsdenken von Männern ist. Und damit ist es eine Welt, in die alle anderen sich möglichst lautlos einfügen müssen und meist leise um ihre Rechte und um ihre schiere Daseinsberechtigung kämpfen. Alles andere ist ein enormes Risiko. Aktuellstes Beispiel ist der Fall Kavanaugh: Ein Mann, der von mehreren Frauen beschuldigt wird, ihnen sexualisierte Gewalt angetan zu haben, wird trotzdem Oberster US-Richter auf Lebenszeit. Christine Blasey Ford, die öffentlich gegen ihn aussagte, musste dagegen gerade eine Gofundme-Kampagne starten, um die Kosten für mehrere Umzüge und ihre Sicherheit zu sorgen, die durch ihre öffentliche Aussage in Gefahr geraten ist.

Schon vor 30 Jahren spielte sich ganz ähnliches in den USA ab, als die afroamerikanische Rechtsprofessorin Anita Hill dem konservativen Richterkandidaten Clarence Thomas vorwarf, sie sexuell belästigt zu haben. Auch Thomas wurde bestätigt und auch Anita Hill war im Anschluss Anfeindungen und Hetze ausgesetzt. Das Signal an Frauen ist gestern wie heute das gleiche: Lasst es besser bleiben. Wehrt euch nicht.

Auf was warten wir?

Sexualisierte Gewalt ist nur ein Thema. In Deutschland kommt zum Beispiel noch hinzu, dass Frauen nach wie vor spärlich in Entscheidungspositionen vertreten sind und weibliche Abgeordneten in Bundestag (ihr Anteil sank bei der letzten Wahl um etwa 6 Prozent) und Entscheiderinnen in Ministerien nach wie vor zu wenige sind, um viel zu verändern – oder von fairer Repräsentanz sprechen zu können; dann die Altersarmut, von der maßgeblich Frauen und vor allem Alleinerziehende betroffen sind; Hebammen, denen es erschwert wird, ihren Beruf auszuüben und damit Schwangeren die Grundlage für eine sichere Geburt fehlt oder, dass ein Schwangerschaftsabbruch hierzulande nach §218 immer noch im Strafgesetzbuch steht – und so vieles mehr, was sehr klar zeigt: Nein, gleichberechtigt ist diese Gesellschaft nicht. Und das führt zu der entscheidenden Frage: Wie lange wollen wir noch an einem unaufgeregten Feminismus festhalten, der freundlich nach Gleichheit fragt?

Denn es reicht nicht, nur vorsichtig an den Türen der Macht anzuklopfen, ein bisschen Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu fordern oder zurückhaltend nach gerechtem und gleichen Gehalt fragen. Wie lange wollen wir noch darauf hoffen, dass nett nachfragen ausreicht, um zu wirklicher Gleichberechtigung zu kommen – nicht nur gefühlter?

Ohne radikale Forderungen geht es nicht

Es scheint so als müssten wir noch ein Stück mehr unserer Freiheit und unserer Rechte verlieren, wieder zurück ins Damals, um endlich die notwendige Radikalität zu entwickeln, mit der man mit Nachdruck gegen ein System anhalten kann, das Frauen und marginalisierte Gruppen nicht hinter verschlossener Tür, sondern ganz offenkundig, versucht von der Macht auszuschließen. Aber wann ist der Punkt gekommen? Dann, wenn wir nicht einmal mehr ansatzweise mitentscheiden können und nur noch eine homogene Gruppe von Männern die Spielregeln für alle macht? Dann, wenn es zu spät ist?

Und wie viele schmerzhafte Geschichten über Diskriminierung, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch müssen wir uns noch erzählen, um echte Solidarität untereinander zu entwickeln und sie nicht nur zu zeigen, wenn sie uns selbst direkt nutzt? Wann endet die verdammte Zurückhaltung, mit der wir uns selbst langsamer auf dem Weg zu echter Gleichberechtigung machen? Das Patriarchat ist keine Gesellschaftsstruktur, die durch freundliche Verhandlungen entstanden ist – und sie ist keine, die sich aus reiner Höflichkeit zu etwas Besserem verändern wird. Warum versuchen wir also immer noch und immer wieder, diesem repressiven System mit leicht verdaulicher Freundlichkeit zu begegnen? Weil das Patriarchat uns genau das gelehrt hat.

Wut, so schrieb Alena Schröder für das Magazin der Süddeutschen Zeitung Anfang Oktober, ist ein männliches Privileg. Warum das so ist, zeigte schon eine von zwei amerikanischen Wissenschaftlerinnen durchgeführte Studie, die 2015 veröffentlicht wurde. Das Ergebnis: Wut steigert den Einfluss von Männern, mindert aber den Einfluss von Frauen. Denn weibliche Wut wird nicht als leidenschaftlich und als Zeichen von Stärke wahrgenommen, sondern pathologisiert und als Hysterie gelesen. Wir haben also gelernt, die Wut, die wir in uns tragen, nicht zu zeigen, um ernstgenommen zu werden. Die Krux ist: Die Gefahr, als hysterisch wahrgenommen zu werden, mit der Wahrung der Etikette zu umgehen, hat Frauen auch nicht weitergebracht. Denn ja, es gab die Veränderungen und Errungenschaften des Feminismus, die viele Frauen hart erkämpft haben – aber die Kriechbewegung, dieser unendlich langsame Prozess, in dem wir uns befinden, lässt sich doch auf die Dauer weniger als Erfolg für uns Frauen lesen, sondern vielmehr als Erfolg des patriarchalen Systems, das Frauen mit dem Kampf für verdammte Selbstverständlichkeiten dauerbeschäftigt und damit über weite Strecke weiter kleinhält.

Wenn ich still bin, schaffe ich es vielleicht

Das ist aber nicht alleine ein Verdienst „der Männer“. Gerade weiße Frauen nehmen, trotz oder wegen ihrer Privilegien, oft die Zuschauer*innenposition ein oder agieren gar als Steigbügelhalter*innen des Patriarchats, das zwar auch sie ständig empfindlich trifft, aber nie den kompletten Boden unter den Füßen wegreißt. Vielleicht weil es einfacher ist, mitzuspielen und so auf die Gunst des Systems zu hoffen und darauf zu setzen, irgendwie doch mit nach oben durchzurutschen – vielleicht auch, weil die weiße, patriarchale Vorherrschaft für sie nie so schmerzhaft war, wie für Women of Colour, Migrant*innen, Menschen, die nicht als deutsch gelesen werden, trans Personen oder Menschen mit Behinderung.

Die bittere Wahrheit ist: Wahrscheinlich trifft beides zu. Zuletzt war genau das bei der republikanische US-Senatorin Susan Collins zu beobachten, als sie ankündigte, für die Ernennung von Kavanaugh zu stimmen – und damit die Hoffnung auf eine neue Solidarität, wenigstens unter Frauen, nach #Metoo oder #WhyIDidntReport zerschlug. Aber auch weit weg von den öffentlichen Machtschauplätzen, ist die Akzeptanz dieses Gesellschaftssystems jeden Tag sichtbar – wenn man es denn sehen möchte. Es ist ebenso sichtbar wie das Bewusstsein dafür immer deutlicher wird, dass es schon lange nicht mehr darum geht, dass irgendjemandem zugehört oder geglaubt wird – sondern darum, dass das schon der Fall ist, aber sich trotzdem nichts verändert. Weil es geht. Weil wir doch noch immer viel zu überrascht und erfreut reagieren, wenn uns überhaupt nur zugehört wird. Und so lange das so ist, wird Veränderung der ewige nächste Schritt bleiben.

Eine feministische Bewegung nur für Frauen?

Was also sollten Frauen fordern? Dazu hat Marcie Bianco von der Stanford Universität den folgenden Ansatz, sie schreibt bei Quartz: Nichts sei misogyner als Feminismus durch die Gleichheit für alle zu definieren – denn das zeige doch schon, dass es zu riskant wäre, ja, ein Tabu ist, eine Bewegung alleine für Frauen zu fordern. Wir brauchen das Zutun von Männern, um ein Bewegungen überhaupt zu legitimieren. Männer müssen immer profitieren – sogar von Feminismus. Den Beginn ihrer Überlegung erklärt sie mit einem Gespräch, dass sie mit ihren Student*innen über Feminismus geführt hat und bei dem sich alle einig auf die Definition einigen konnten, Feminismus bedeute Gleichheit für alle – aber kaum jemand konnte dann definieren, wie diese Gleichheit sich denn gestalten solle. Denn Gesetze gibt es doch schon – und dennoch stehen wir in Sachen Geschlechtergerechtigkeit eben da, wo wir stehen: inmitten einer hartnäckigen Ungerechtigkeit zum Nachteil der Frauen.

Bianco schlussfolgert deshalb: Für einen Feminismus, der wirklich weiterkommen kann, muss es ganz klar um Frauen gehen und nicht um ein diffuses „Wir alle“. Würden männliche Feministen auch eine Bewegung unterstützen, in der es nicht auch um sie geht? Wie kommen manche Männer überhaupt auf die Idee, dass eine Bewegung, bei der es um Frauen geht, männerfeindlich sei, statt zu sehen, dass etwas positiv für Frauen sein kann, ohne die Männer gleich kalt zu stellen? Die Frage stellt sich, und sie lässt sich nur schwer beantworten. Was aber heute schon vielfach beobachtet werden kann, ist, dass auch viele Männer, die sich als Feministen begreifen, es vor allem bei Lippenbekenntnissen belassen und nicht aktiv für mehr Rechte für Frauen einstehen, wenn es konkret werden muss. Und sei es nur, Frauen ihren Platz auf einem Podium zu überlassen.

Es geht nicht um Empowerment, es geht um Macht

Auch wirft Bianco die Frage auf, ob wir mit dem viel bemühten Begriff des Empowerments nicht schon längst aufgegeben haben, jemals echte Macht zu bekommen. Denn jemand mit Macht würde nie von Empowerment träumen. Wie auch immer man zu den Gedanken steht, recht hat sie mit folgendem: Wie wir unsere Ziele festlegen, definiert schließlich auch, wie weit wir kommen.

Wie geht es jetzt weiter? Während die Mächtigen, die das Patriarchat prägen, mit Händen und Füßen gegen eine Veränderung kämpfen, müssen all jene, die etwas Neues wollen, genauso dagegen halten, statt sich nur im Nett- und Freundlichsein zu üben! Und das beginnt bei der Wut und einem klaren Ziel ohne Abstriche. Denn Wut ist kein männliches, sondern ein menschliches Gefühl, das kein Privileg für einzelne sein kann. Und Wut ist mehr als ein Toben und Wüten. Wut ist eine klare Emotion, die als Motor dient, der die Radikalität in Debatten bringt, aus der klare Forderungen entstehen. Wenn wir für eine gleichberechtigte Gesellschaft in Kauf nehmen müssen als hysterisch zu gelten, dann bitteschön! Wen sollte dieses lächerliche Label noch interessieren, wenn wir damit die Welt verändern?

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