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Ja, ich bin sehr schlank – aber das gibt euch kein Recht, meinen Körper ständig zu kommentieren

Alles, was sich außerhalb der „normalen“ physischen Norm bewegt, wird ungefragt und teilweise aggressiv problematisiert. Unsere Community-Autorin schreibt darüber, wie Body-Shaming ihr Leben uns ihre Selbstwahrnehmung geprägt hat.

Ich bin schlank, das Bedarf aber keines Kommentares

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, ist eigentlich ganz kurz: Ich bin schlank. War ich schon immer. Ich komme aus einer schlanken Familie, Vererbung und Genetik spielen hier eine große Rolle. Das erkennt jede*r, der/die mich, meine Eltern und meine Geschwister sieht. Alles eine Suppe.

That’s it. I wish. Aber so einfach war es leider nie. Und wird es wohl auch nie sein. Denn seit meiner Kindheit vermittelt mir meine Umwelt, dass das ein Problem darstellen würde. Irgendwann hatte sie damit Erfolg, natürlich, als die Pubertät unerbittlich zuschlug. Mein Körper hatte einen Wachstumsschub nach dem anderen, mein Gewicht kam noch weniger hinterher als vorher – eigentlich ein vollkommen normales Phänomen. Aber nicht, wenn meine „Freundinnen“ (und ich gendere hier bewusst nicht), Lehrer*innen, teilweise sogar besagte schlanke Familie oder einfach nur fremde Leute auf der Straße das ständig hinterfragen. Alle der eben genannten Personen verspürten offenbar den starken Drang, mir das ständig und überall mitzuteilen. Ganz so, als wäre mir selbst nicht klar, dass ich „ja sehr dünn“ sei und darüber ständig aufgeklärt werden müsste.

Die Figur als Problem, wo eigentlich keines ist

Der Lehrer, der mir in der 5. Klasse bei der Begrüßung zum neuen Schuljahr vor allen Mitschüler*innen sagte, dass ich „nicht nur dünn, sondern SEHR dünn“ sei (wenn sich jemals jemand gewünscht hat, im Boden zu versinken, dann war ich das in diesem Moment). Die Klassenkameradin, die in der Umkleide kommentierte, bei mir gäbe es ja „eh nichts zu sehen“. Die „Freundin“, die sich ständig meinen Arm griff, ihn herumwedelte und dazu sagte: „Oh Gott, du bist so dünn, ey!“, von der ich später erfuhr, dass sie selbst massive Selbstwahrnehmungsprobleme hatte. Der fiese Typ der Klasse, der meine Oberweite mit Pfannkuchen verglich und meine Figur mit einer abgemagerten Eismumie.

All das summierte sich dermaßen extrem, dass ich selbst bei den höchsten Temperaturen ausschließlich in Jeans und langärmeligen Shirts herumlief, um nicht noch mehr auf „mein Problem“ aufmerksam zu machen. Es war eine mörderisch heiße Quälerei, aber in meinen Augen trotzdem besser, als noch mehr als sonst von dem ständigen Body-Shaming zu ertragen. Einmal hatte ich mir eine enge Hose gekauft, die die anderen Mädchen mit (scheinbar) sorgloser Lässigkeit trugen, und musste mir selbst tagelang gut zureden, um mich zu trauen, sie auch anzuziehen. Das tat ich irgendwann tatsächlich, bis zum Nachmittag lief alles gut. Als ich mit einer Freundin von der Schule nach Hause ging, rief uns plötzlich eine freme Mädchengruppe hinterher: „Yeah, yeah, yeah, ich bin ein Spargel! Und stolz drauf!“ Die Hose habe ich danach nie wieder angehabt.

Body-Shaming – von frühester Kindheit an

Dazu kam, dass ich schon immer ein schüchterner und zurückhaltender Typ gewesen war und es mir nie in den Sinn gekommen wäre, frech zu antworten oder den Ball zurückzuspielen. Also litt und schwitzte ich jahrelang heimlich, still und leise vor mich hin und fühlte mich einfach nur wahnsinnig hässlich und unattraktiv.

In der elften Klasse floh ich dann regelrecht für ein Schuljahr in die USA, wo ich die vollkommen unbekannte Erfahrung machte, für meine schlanke Figur bewundert zu werden. In dem neuen Umfeld geriet das „Problem“ in den Hintergrund, als ich wieder nach Hause kam, war der schlimmste Horror der Pubertät vorbei, die Sprüche kamen nicht zurück, was auch an dem neuen Selbstbewusstsein lag, das ich gewonnen hatte.

Trotzdem hat mich das Body-Shaming geprägt. Es dauerte Jahre, bis ich meinen Körper akzeptieren konnte und mich getraut habe, mal einen Minirock oder ein ausgeschnittenes Oberteil anzuziehen. Heute komme ich gut mit mir selbst klar. Und trotzdem sind da immer noch diese Momente.

Wenn ich mal ein Stück Sahnetorte ablehne, weil ich darauf keine Lust habe, wird das misstrauisch hinterfragt – ausschließlich von Frauen. Als ich Probleme hatte, schwanger zu werden, wurde ich von meiner Frauenärztin darauf hingewiesen, dass hier auch Magersucht ein Grund sein könne – ohne, dass sie irgendetwas über meinen Ernährungsstil wusste. Als ich dann schwanger war, wiesen mich die Hebammen im Geburtshaus ständig darauf hin, dass ich ja nur so wenig zunähme – d.h. exakt das Gewicht des Kindes, des Fruchtwassers und der Plazenta. Und das, obwohl das Kind immer normal schwer war und es eigentlich kein richtiges Problem gab, außer, dass das halt nicht der Norm entsprach. Obwohl ich die Unterstellung verneinte, auf Diät zu sein (der Gedanke, dass ich jemals auf Diät gewesen wäre, brachte mich fast zum Lachen), wollten sie mir eine Ernährungsberatung aufdrängen, was ich empört ablehnte.

Kein Ende in Sicht

Solche Sachen treffen mich mittlerweile nicht mehr so stark wie früher, weil ich es a) gewöhnt bin, mir b) ein dickes Fell zugelegt habe bzw. zulegen musste und c) die traurigen gesellschaftlichen Mechanismen erkannt habe, die dahinter stehen, und es deshalb nicht mehr persönlich nehme. Außerdem ist mir klar, dass viele Menschen von viel stärkerem Body-Shaming betroffen sind, mit weitaus schlimmeren Konsequenzen. Aber wenn ich meine kleine Tochter sehe, die gerade einmal vierzehn Monate alt ist, ebenfalls schlank, und jetzt schon mit solchen Sprüchen konfrontiert wird, bricht es mir einfach nur das Herz.

Ich möchte nicht, dass ihr von frühester Kindheit an eingeredet wird, etwas würde mit ihr nicht stimmen. Ich möchte nicht, dass irgendwelche Leute ihr übergriffigen Scheiß einreden und sie sich deshalb schlecht fühlt. Ich möchte nicht, dass ihr gesagt wird, sie hätte ein Problem, wo überhaupt keins ist. Ich möchte nicht, dass sie später, im Hochsommer, nicht unbeschwert mit ihren Freund*innen Eis essen gehen kann, sondern das Gefühl hat, wegen ihrer Figur nicht das anziehen oder essen zu können, was sie möchte, und sich ständig rechtfertigen zu müssen.

Deshalb: Scheiß auf „akzeptieren“. Wenn mir jemand mit einem Spruch kommt, nehme ich den komplett auseinander. Wenn jemand etwas in die Richtung über meine Tochter sagt, weise ich das sofort zurück, weil ich möchte, dass sie lernt, so etwas nicht akzeptieren zu müssen. Ich möchte ihr Stärke und Selbstbewusstsein mitgeben, damit sie besser für das Body-Shaming gerüstet ist, als ich es war. Denn das kann auch ich nicht verhindern. Aber ich kann es ansprechen und sichtbar machen.

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