Foto: Kinga Cichewicz/Unsplash

Wie ich merkte, dass mein Job und ich schon lange nicht mehr zueinander passten

Community-Autorin:
Juliane Schreiber

Unsere Community-Autorin merkte erst nach ihrer Elternzeit, dass ihre Arbeit schon lange nicht mehr gut für sie war. Hier verabschiedet sie sich von ihrem Job.

Lieber Ex-Job,

was ich dir noch sagen wollte: Von außen betrachtet habe ich dich überstürzt verlassen. Von heute auf Morgen war ich weg. Meine dreckige Kaffeetasse stand noch drei Wochen auf meinem Schreibtisch, erzählte mir eine Kollegin später. Tatsächlich war mein Abgang aber einfach nur die logische Konsequenz einer sehr lehrreichen Beziehungspause zu dir. Die Elternzeit war für mich nämlich genau das: Die Berufsversion von „Lass uns mal ne Pause machen und schauen, ob wir uns vermissen und in ein paar Monaten noch nacheinander sehnen.“

Doch dass diese Pause bereits der Anfang von Ende war, merkte ich erst im Personalgespräch mit meiner Vorgesetzten. Ein Gespräch, das nach wenigen Minuten in ein Abladen von Vorurteilen über berufstätige Mütter überging, die Projektion von Klischées, in die ich doch jetzt passte, weil sie doch genau meine Größe hätten. Und doch waren es nicht die Sätze „Alle Mütter haben Probleme damit Kind und Job unter einen Hut zu kriegen“ oder „Das Problem ist nicht, dass du zu viele Projekte hast, sondern, dass du jetzt ein Kind und einen Mann hast, die Ansprüche an dich stellen“ und nicht einmal „Wenn du mehr Überstunden machen würdest, wäre das gar kein Problem für dich. Eigentlich kann man die Stelle gar nicht Teilzeit machen. Vollzeit wäre das alles kein Problem für dich!“, die dazu führten, dass es meine letzte Unterhaltung mit meiner Chefin und mein spontan letzter Tag in diesem Job war.

Eine Flut an Entmutigung

Nachdem ich schließlich nach der Flut an Entmutigungen und dem Stress der Wochen zuvor, in denen ich mit vielen zusätzlichen Früh- und Spätschichten versucht hatte, den überzogenen Anforderungen gerecht zu werden, zu Tränen gestresst vor ihr saß, kam die Erkenntnis, dass hier Schluss für mich ist, mit einem Satz wie eine kalte Dusche: „Wir alle haben uns ja auch sehr darauf gefreut, dass du endlich wieder da bist.“

Während in meinem Kopf bis dahin eine kleines Mädchen still sitzend, in die Ecke gekauert, abgewartet und den Dreck über „Teilzeitmuttis“ hingenommen hatte, hob sie plötzlich den Kopf, stand auf, klopfte die Kleidung sauber und sagte sehr deutlich: „Ich hab mich aber nicht auf dich gefreut.“ Lieber Job, ich hab dich kein bisschen vermisst. Ich habe die Anrufe abends um neun nicht vermisst, auf denen mir meine Vorgesetzte ins Ohr schrie, ihr gefalle ein Foto auf einer Unterseite der Webseite nicht. Ich habe die endlosen Diskussionen darüber, welchen ineffizienten Maßnahmen für ein nicht definiertes Ziel von wem übernommen werden sollten, nicht vermisst. Es gab keinen einzigen Moment während meiner Elternzeit, in dem ich dachte: „Ach, wäre ich doch jetzt im Büro.“

Irgendwann nur noch Routine

Das mit uns, das war schon lange durch. Aber ich war nicht mutig genug, das vorher zu sagen und du dachtest, es läuft doch alles supi mit uns. Ja, am Anfang, damals 2015, da war’s nett, da hatten wir Spaß, da war es neu und aufregend, aber das Serotonin ebbte bald ab. Irgendwann war es nur noch Routine. Ich hab mich sogar schon damals nach anderen umgesehen, aber das Feld für eine Anfang-Dreißigjährige mit geisteswissenschaftlichem Abschluss war schon zu diesem Zeitpunkt abgeerntet. Alle Jobs, die zu diesem Zeitpunkt noch auf den Markt kommen, waren nur verfügbar, weil mit ihnen etwas nicht stimmte. Und
während es ja total okay ist, nach einer Beziehung erstmal Pause zu machen und das
Singeleben zu genießen, muss beim Job ja normalerweise längst der nächste in Sicht sein.
„Eigentlich ganz schön bitchy, schon den einen Job anzuflirten, während ich noch im alten
Büro sitze,“ fand ich.

Einige klangen aufregend, cool für ein, vielleicht auch mal zwei Projekte, aber nichts für die berufliche Ewigkeit. Und dann wurde ich schwanger und mit der Elternzeit kam die wunderbare Chance auf ein freundliches Tschüss mit Kuchen und Umarmungen. Heititeiti auf der ganzen Linie. Ja klar, bleiben wir in Kontakt. Es ist ja nicht für immer. Es ist ja nur eine Pause. War’s ja auch. Nach gut einem Jahr war ich dann wieder da, an meinem Schreibtisch, der nicht mehr meiner war, weil sich hier so viel verändert hat. War okay, ich hab mich ja auch verändert. Ich war jetzt Mutter, voll erwachsen, jemand der früh schlafen ging und früh aufstand, statt bis halb zwei am Rechner vor sich hin zu tippseln, um am nächsten Morgen mit so viel Kaffee gedopt, dass ich alle fünfzehn Minuten auf’s Klo musste, im Meeting so zu tun, als hätte ich zugehört und nicht gedacht: „Ich brauche MEHR Kaffee, viel mehr Kaffee!“

Ich bin jetzt jemand, der Prioritätensetzen und Sachen in fixen Fristen durchziehen wichtiger ist als der „Schau-mal-wie-viele-Projekte-ich-parallel-wuppe-Contest“ unter den Kolleg*innen. Die Euphorie über meinen Workload und die Freude über das Lob, das ich dafür bekam, waren früher auch schon nur vorgetäuscht.

Wir sind glücklicher ohne einander

Seit du und ich, lieber Job, liebe Chefin, liebe Kolleginnen, jetzt getrennte Wege gehen, so ganz final, nicht Elternzeitpäuschen On-Off-Style, sondern so richtig final, fühle ich mich richtig gut. Meine Haut strahlt mehr als in der Schwangerschaft. Meine Augenringe haben einen für Mütter von Kleinkindern absolut akzeptablen Tiefengrad und ich freue mich sonntags darauf, was die nächste Woche wohl bringt, statt mit den Händen vor den Augen darum zu beten, dass eine Naturkatastrophe oder zumindest eine ordentliche Grippewelle diesen Montag und alle weiteren verhindert.

Es ist voll okay, wenn wir jetzt so tun, als hätten wir uns nie gekannt, sollten wir uns nochmal über den Weg laufen. Ich hoffe auch, du siehst bald ein, dass du glücklicher ohne mich bist. Das mit uns, das hätten wir uns einfach schon viel, viel früher sparen sollen und ja, wenn ich ganz aufrichtig bin, hab ich’s die längste Zeit nur des Geldes wegen mit dir ausgehalten.

Tschüss und Byebye

Nicht-mehr-deine Mrs. Wrong

  1. Was für ein absolut großartiger ehrlicher lustiger und doch tiefsinnige Artikel. Mit dieser Autorin würde ich mich super gern mal austauschen.

  2. Was für ein herrlich frischer Artikel.
    Vielen Dank dafür.
    So, oder so ähnlich wird es sich bereits tausendfach abgespielt haben und in Zukunft abspielen.

    Ähnliches steht mir dieses Jahr wahrscheinlich auch noch bevor 🤷‍♀️
    Bei uns kommt keine Mutter (für lange) aus der Elternzeit in den Job zurück.

    Ich frage mich übrigens immer wieder, warum ausgerechnet Frauen mit ihresgleichen so hart verfahren?

  3. Das kommt mir so bekannt vor.
    Ich, die von anderen als mutig wahrgenommen wird, traue mich nicht einen Schliesst sich zu ziehen.
    Du hast den Mut gefunden, ich schaffe es hoffentlich auch bald, da der Job mit nicht gut tut.
    Danke für Deinen Bericht.

  4. Ja wer hätte das auch gedacht? Zu Hause abhängen und Mußestunden mit dem Kind zu verbringen macht mehr Freude als arbeiten zu gehen? Dabei ist es doch das böse Patriarchat das die Frauen vom ach so erfüllenden Arbeitsleben abhalten will.

    Ich warte schon sehnsüchtig auf den nächsten Artikel über den angeblichen Genderpaygap!

  5. Danke für diesen „Abschiedsbrief“. Genauso erging es mir auch, wobei auch ich noch nicht den Mut gefunden habe, Goodbye zu sagen. Wird hoffentlich noch, bald irgendwann…
    @Tim: „Zu Hause abhängen und Mußestunden mit dem Kind“? Du hast offensichtlich keine Vorstellung vom Alltag mit Kind. Was für ein unqualifizierter Kommentar.

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