Foto: Jack Cross | Unsplash

Wut und Angst auf dem nächtlichen Heimweg – das muss endlich aufhören!

„Es darf nicht zu spät werden“ – der Gedanke schwebt immer über meiner Abendplanung, um unangenehme Begegnungen möglichst zu vermeiden. Das klappt nicht immer.

Woher kommt diese Angst?

Es ist halb drei Uhr nachts und ich tippe wie verrückt in die Tastatur meines Laptops. Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren, meine Wut und meine Angst herauszulassen und so vielleicht ein Ventil für meine Gefühle zu finden. Hätte ich das, was ich nun schreibe, vorhin dem Mann ins Gesicht sagen sollen? Aber was hätte ich ihm sagen sollen? Ein selbstbestimmtes lautes „Nein“, und noch so viel mehr, was ich nun hier verarbeite? Warum ich es ihm nicht gesagt habe? Jede Frau kennt wahrscheinlich die Situation, nachts alleine unterwegs zu sein und sich zu wünschen, dass der Mann, der ihr ungefragt viel zu nahe gekommen ist, einfach weggeht, anstatt mit ihr ein Gespräch anzufangen. Und jede Frau kennt diesen Wunsch, dem Mann all die unterdrückte Wut und Angst entgegenzuschleudern.

Woher kommt diese Angst? Diese Angst, abends als Frau alleine unterwegs zu sein. Über jeder Abend- und Wochenendplanung schweben diese Gedanken: Es darf nicht zu spät werden! Wie komme ich heim? Wann fährt die letzte Bahn auf direktem Weg? Muss ein*e Freund*in in die gleiche Richtung? Welche Teile des Wegs muss ich alleine zu Fuß gehen? Woher all diese Gedanken kommen, ist wahrscheinlich jeder Frau klar. Oder jedem Menschen, der aus anderen Gründen zur Zielscheibe von Pöbeleien, dummen Sprüchen, Anmachen oder auch körperlicher Gewalt wird. Doch den Verursacher*innen ist es leider nicht klar. Ihnen ist nicht klar, was sie auslösen können und wie ihr Verhalten bei anderen Menschen Panik auslösen und ihr ganzes Leben beeinflussen kann.

Wovon ich überhaupt rede?

An zwei Abenden innerhalb von weniger als zwei Wochen wurde ich von zwei verschiedenen Männern belästigt. Am ersten Abend stand ich am Berliner Hauptbahnhof und hatte gerade meinen Wochenendbesuch verabschiedet. Aus dem Nichts, seitlich von hinten, trat ein Mann nahe an mich heran. Aus Reflex machte ich ein paar große Schritte zur Seite, um Abstand zwischen mein und sein Gesicht zu bringen. Er rückte mir hinterher und lehnte sich vor. Währenddessen erzählte er mir, dass er seinen Zug verpasst und seinen Schlüssel verloren habe. Er fragt mich, immer noch vorgebeugt und viel zu nahe, wo ich denn jetzt hinfahren würde und ob ich alleine wohne. Mehr als ein lautes „das geht Sie nichts an“ bekam ich nicht raus. Das Problem an der Situation: Viel zu übergriffig, zu nahe, zu befremdlich, zu daneben – und was hatte er erwartet? Ich wiederum hatte schon erwartet, dass er in die gleiche S-Bahn steigen, mir folgen und lieber selbst herausfinden wollen würde, ob ich denn alleine wohne.

Eine Woche später war ich auf dem Heimweg vom Kino, meine Freundin hatte ich beim Umsteigen verabschiedet und stand nun alleine am Gleis. Mein Blick suchte nach einer Anzeige, um zu sehen, wann die nächste Bahn kommt. Leider sah ich erstmal nur, dass ein Mann am anderen Ende des Gleises mich fixierte und loslief. „Bitte, bitte geh einfach an mir vorbei“ – ein Gedanke, der wie ein Mantra immer und immer wieder durch meinen Kopf schoss. Er blieb nahe, zu nahe, vor mir stehen. Er legte seinen Kopf schief, grinste, hob seine Augenbraue und hielt mir seine Hand entgegen. Ich schüttelte den Kopf. Er wiederholte seine Gesten ein zweites Mal. Alles, was ich herausbekam, war ein „nein“. Erst nach dem zweiten Mal zuckte er mit den Achseln und ging weiter. Auch hier die Frage: Was hatte er erwartet? Dass ich freudig seine Hand nehme, mit ihm den Bahnsteig entlang schlendere und dann… ja, was? Ich will es gar nicht wissen. Und wieder: Viel zu übergriffig.

Was bezwecken solche Typen mit ihrem Verhalten? Schwer zu glauben, dass sie wirklich denken, eine Frau würde sich über solche Anmachen freuen. Ihnen geht es wahrscheinlich mehr um eine Machtdemonstration, um sich stärker zu fühlen als jemand anderes und einfach zu machen worauf sie Lust haben, statt die Grenzen von anderen zu respektieren.

Ist doch nichts passiert – oder doch?

„Ist doch nichts passiert, stell dich nicht so an“ denken vielleicht manche. Und ehrlich gesagt kommt mir beim Schreiben selbst immer wieder der Gedanke, dass ich mich gerade reinsteigere und überreagiere. Doch das stimmt nicht und ich, so wie wahrscheinlich viele andere, müssen sich immer wieder klarmachen, dass sehr wohl etwas passiert ist. Nicht körperlich, aber psychisch: Ich habe Angst, Panik und Situationen erlebt, die alle meine weiteren Abendplanungen beeinflussen werden, und das mein Leben lang. Es ist etwas passiert, nicht erst an diesen beiden Abenden, weil manche die Macht haben, nur durch kleine Gesten andere einzuschränken und in Angst zu versetzen. Es ist etwas passiert, weil sie sich auf eklige, dreiste Art und Weise aufgedrängt haben.

„Naja, ist eben eine Großstadt“? oder „Dann geh halt nachts nicht mehr allein raus“? Nein. Niemand sollte so denken oder mit solchen Floskeln das Thema herunterspielen. Ich sollte mir keine Gedanken machen müssen, wenn ich abends noch ins Kino möchte und es spät wird. Das sollte niemand, egal aus welchen Gründen man Angst haben muss und zur Zielscheibe anderer wird.

Diese Anderen sollten sich hingegen Gedanken machen über ihre Handlungen und in welche unangenehmen Situationen sie andere Menschen damit bringen: Da ist das Gefühl der Machtlosigkeit, ausgeliefert zu sein, und das verursacht Unbehagen, pure Angst – und Wut, weil diese Männer keine Ahnung haben, was sie bei Frauen auslösen, wenn sie sie alleine auf dem Bahnsteig bedrängen. Haben sie denn wirklich keine Ahnung? Keine Ahnung von dem Kopfkino, das jedes Mal losgeht in einer solchen Situation? Und dass man innerlich schon zehnmal geschrien hat und weggerannt ist?

Wenn das Kopfkino Realität wird

Und ich habe bisher Glück gehabt. Denn den Inhalt meiner Kopfkinos, die Ängste und Befürchtungen, haben andere schon erleben müssen. Ich möchte meine Erfahrungen auf keinen Fall mit ihnen vergleichen. Die Männer, von denen ich erzähle, haben nach einem „nein“ und einem „das geht Sie nichts an“ aufgehört. Mir ist klar, dass ich mit meinem Text solche Männer nicht erreichen werde. Eins ist aber klar: Viele Frauen werden es lesen und ihre Ängste in meinen wiedererkennen. Ich hoffe einfach für jede, dass sie ein ähnliches Ventil finden, oder sie den Mut haben, dem „nein“ noch eine Ansage hinterher zu schieben – ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Und um hier schon mal allen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die aufschreien wollen, weil doch gar nicht alle Männer so sind und es so viele gute gibt: Ja, die gibt es, und an beiden Abenden sind ganz bestimmt auch viele an mir vorbeigelaufen. Doch zwei Männer, die nicht verstehen, was Grenzen sind und was für eine Macht sie über Situationen und Gefühle haben, sind zwei zu viel.

Wie macht man es ihnen klar?

Ich und andere Frauen, die sich abends unwohl fühlen, könnten uns natürlich Zahlen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten anschauen – denen zufolge ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas wirklich Schlimmes passiert, äußerst gering. Das macht es aber nicht leichter, die ständigen Belästigungen zu ertragen. Zudem sind die einzigen Konsequenzen, die ich direkt mitbekomme, neue K.O. Tropfen-Armbänder, Heimwegtelefone oder andere Apps, die uns sicher heimbringen sollen. Doch das Kernproblem, dass solche Männer keinen Respekt haben und übergriffig sind, ist noch da.

Meine persönliche Statistik, die wahrscheinlich viele für sich führen, ist die, die zählt, greifbar ist und mich auf meinem Nachhauseweg, bei meiner Abendplanung und mein ganzes Leben lang begleitet. Sie ist nicht repräsentativ. Aber für mich ist sie die Antwort auf die Frage, woher die Angst kommt, nachts alleine unterwegs zu sein.

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