Foto: Lily Banse | Unsplash

Angst hinter verschlossenen Türen: Singapur gilt als sicherste Stadt der Welt – aber sie ist es nicht überall

Wie fühlt es sich an, in einer Metropole mit einer super niedrigen Verbrechensrate zu wohnen? Das haben wir Amanda gefragt. Die feministische Künstlerin lebt und arbeitet in Singapur und gibt uns Einblicke, die weiter reichen als die niedrigen Kriminalitätsstatistiken.

 

„Wenn Feminismus die Botschaft ist, kann Kunst Frauen helfen, ihr Leben in die Hand zu nehmen“

Amanda lebt in einer der sichersten Städte der Welt: Singapur wird in internationalen Vergleichen immer wieder weit oben gerankt, wenn es um Sicherheit geht. Die Kriminalitätsrate ist niedrig, Verbrechen finden auf den ersten Blick kaum statt. Amanda hat das Kunst- und Musikkollektiv ATTAGIRL! mitbegründetet und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit dem, was die Statistiken nicht erzählen: fragwürdige Methoden, um Verbrechen zu bestrafen, unsichtbare Kriminalität hinter verschlossenen Türen und fehlende Chancengerechtigkeit. Wir haben mit der jungen Frau darüber gesprochen, wie sie sich mit ihrer Arbeit konkret dafür einsetzt, dass Singapur auch aus feministischer Perspektive wirklich lebenswert wird.

Amanda macht Musik und andere Kunst. Quelle: Basil Tan

Liebe Amanda, wie sieht das Leben in einer der sichersten Städte der Welt aus?

„Das ist in eine knifflige Frage, denn wenn ich über Sicherheit in meinem Land nachdenke, habe ich gemischte Gefühle. Es hat damit zu tun, dass ich eine Frau bin und den Begriff Sicherheit durch diese Brille anders sehe. Da muss nämlich meiner Meinung nach noch viel passieren. Obwohl es eines der teuersten Länder der Welt ist, genieße ich in meinem bescheidenen Zuhause eine gute Lebensqualität, esse sehr gut, habe ein gutes Sozialsystem und es ist das ganze Jahr über Sommer. Das Sonnenlicht macht für mich viel aus, aber es lässt mich nicht vergessen, dass die Stadt doch nicht so ganz perfekt ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Steigenden Steuern, drastische Gesetze und körperliche Bestrafungen sind die Realität. Ich bin trotzdem sehr glücklich, hier in Singapur zu sein, weil ich so als Künstlerin dazu beitragen kann, eine bessere Lebenskultur mitzugestalten.“

Fühlst du dich manchmal unsicher in Singapur?

„Die Stadt ist bekannt für ein sehr niedriges Kriminalitätsniveau, was daran liegt, dass wir ein sehr strenges Rechtssystem haben, das mit eiserner Faust regiert wird. Das bedeutet in meiner Lebensrealität, dass ich morgens um drei Uhr die Straße hinuntergehe, ohne Angst zu haben, beraubt oder vergewaltigt zu werden. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern, in denen ich bisher war, wie in Thailand oder Indien, ist das insbesondere für Frauen und Kinder ein Privileg. In diesem Sinne fühle ich mich besonders sicher. Aber meiner Meinung nach, müssen wir etwas tun, um Kriminalität anders als mit hohen Geldstrafen und körperlicher Bestrafung zu unterdrücken. Denn durch diese Methoden fühle ich mich unsicher.“

Ist das Kriminalitätsniveau wirklich so niedrig, wie es überall propagiert wird?

„Meinem Empfinden nach, gibt es noch immer viele Fälle von Belästigung oder Vergewaltigung, zum Beispiel hinter verschlossenen Türen. Und sie werden normalerweise nicht gemeldet. Oft wegen Schamgefühlen, die mit diesen Verbrechen verbunden sind und aus Angst vor Unannehmlichkeiten, Beleidigungen und körperlicher Gewalt. Ich hatte letztes Jahr in einem Taxi einen Moment, in dem ein Bekannter mich belästigt hat, der in meiner Nähe lebte. Als ich mich gewehrt habe, drohte er mir. Der Taxifahrer wollte mir nicht helfen, auch als ich ihn bat, einzugreifen. Er sagte, es würde mir gut gehen. Hinter verschlossen Türen fühle ich mich in Singapur im Gegensatz zur offenen Straße nicht immer sicher.

Es gibt Menschen, die Frauen und ihre Körper immer noch nicht respektieren, die Einwilligung nicht verstehen und die nicht erkennen können, was falsch und richtig ist. Trotz der sehr toleranten Natur Singapurs haben wir meiner Meinung nach noch einen langen Weg vor uns.“

Amanda weißt darauf hin, dass nicht alles in Singapur so perfekt ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Quelle: Andreas Krisanto

Welche Veränderungen willst du im Land sehen?

„Ich habe das Kunst- und Musikkollektiv ATTAGIRL! in Singapur mitgegründet. Unser Ziel ist es, Frauen mehr Sichtbarkeit in der elektronischen Musik- und visuellen Kunstszene zu geben. Durch Partys möchten wir erreichen, dass Frauen sich willkommen fühlen und in einem Bereich auftreten können, in dem sie sich wohlfühlen. Wir vernetzen die Talente und helfen den jungen Künstler*innen, Selbstvertrauen aufzubauen. Oft spreche ich mit ihnen darüber, dass sie keine Angst haben müssen, Hilfe anzunehmen. Ich denke, um andere Frauen zu bestärken, darf man nicht davor scheuen, den Kuchen zu teilen. Fortschritt geht nur gemeinsam und ist ein Gewinn für alle! Deswegen unterstütze ich andere Frauen auf dem Weg, gemeinsam eine feministische Zukunft für Singapur zu gestalten.“

Was bedeutet Feminismus für dich?

„Frauen können alles tun. Und sie sollten sich nicht aufhalten lassen, weil jemand ihnen gesagt hat, dass sie etwas nicht können, nur weil sie Frauen sind. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen jemandem, der einem sagt, dass man ein Scheißingenieur ist und jemandem, der sagt, dass man eine Scheißingenieurin ist, nur weil man eine Frau ist. Und es ist in diesem gesellschaftlichen System hier so tief verwurzelt, dass wir uns schick kleiden, die Haare lang tragen und uns so geben sollen, als wäre es gerechtfertigt, dass wir in unseren Berufen nicht die gleiche Anerkennung erfahren wie Männer. Wir sollen nur Jobs annehmen, die angeblich ladylike sind und in wichtigen Diskussionen lieber schweigen. Das Denken ist so veraltet, dass Frauen in der Küche bleiben müssen, den Mann sexuell erfreuen sollen und nicht nach ihrer sexuellen Lust fragen dürfen. Feminismus befreit Frauen von diesen Regeln und zeigt ihnen, dass sie die Wahl haben und sich an nichts halten müssen. Feminismus bedeutet aber auch, wenn sie das alles machen wollen, dass das auch okay ist. Wenn sie Rosa lieben und in der Küche sein wollen, sollte es auch so sein (und das gilt auch für Männer!). Am wichtigsten ist, dass sie sich ihrer Macht über diese Entscheidungen voll bewusst sind und selbstständig entscheiden können.“

Wie bringst du diese Haltung in deiner Kunst zum Ausdruck?

Kunst war schon immer eine universelle Möglichkeit, den Menschen eine Alternative zu geben, um sich auszudrücken – für mich sind Musik, Mode und Illustrationen meine Stimme. Ich bin mit Riotgrrl-Bands wie Bikini Kill und Sängerinnen wie Kathleen Hanna aufgewachsen, deren Musik und Philosophie mit einer feministische Flagge mich prägen. Auch Madonna hat mich inspiriert, weil sie nicht nur eine Musiklegende ist, sondern auch eine Modeikone, die ihre Sexualität mit ihren umstrittenen Outfits zum Ausdruck gebracht hat und allen einen Mittelfinger zeigte, die sie stirnrunzelnd angeschaut haben. Ich könnte immer weiter aufzählen, denn so viele dieser Schriftsteller*innen, Maler*innen und Musiker*innen prägen mich bis heute und haben mein Verständnis von Feminismus gezeichnet. Kunst heilt und Kunst kann Leben verändern. Und wenn Feminismus die Botschaft ist, kann Kunst Frauen helfen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. So können sie entscheiden, ob sie in einem gesellschaftlichen System wie in Singapur leben wollen oder eben nicht. Oder sie können sich durch Kunst dafür einsetzen, feministische Veränderungen im Land zu bewegen.“

Amanda setzt sich für Selbstbestimmung ein. Quelle: MARISSECAINE

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