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Das Märchen vom produktiven 8-Stunden-Tag und warum wir weniger arbeiten sollten

New Work kann mit dem Festhalten an alten Strukturen ebenso wenig funktionieren, wie gute Arbeit aus einem Absitzen der Lebenszeit entsteht. Der 8-Stunden-Tag ist ein überholtes Konzept, das dort abgeschafft gehört, wo es möglich ist.

Arbeitswelt: Wir wagen zu wenig!

Wie sieht eine Arbeitswelt aus, in der gutes, effektives Arbeiten wirklich möglich ist? Wie können wir Leistung ausschöpfen, wie neues Potenzial entfalten? Und wo bleibt dabei dann das Privatleben? Genau bei diesen Fragen stecken wir fest. Wir sind in zu engen Strukturen eingeklemmt, die keine Luft zum Denken lassen. Denn wie nur Outside-the-box agieren, wenn man selbst zu tief darin sitzt?

Das Problem ist kein Neues – und trotzdem wagt es kaum ein Unternehmen, sich ernsthaft vom klassischen Acht-Stunden-Tag und der allzu gelernten Formel des 9-to-5-Rhythmus zu verabschieden. Selbst minimal-flexible Arbeitsweisen einzuführen, wie regelmäßig Home Office zu ermöglichen, verlangt vielen Arbeitgeber*innen noch zu viel Mut ab. Mut, der dringend notwendig wäre – denn eigentlich hinken wir ja schon mit der Debatte über mehr Flexibilität, die dennoch geführt werden muss, gedanklich hinterher.

Unternehmen fehlt der Mut für neue Konzepte

Es muss endlich in den Köpfen ankommen, dass der Ruf nach New Work sinnlos ist, wenn sich weiterhin an alte Strukturen geklammert wird. Und es  kostet vielleicht Mühe, Prozesse so zu gestalten, dass sie auch mit einer flexibleren Arbeitsweise funktionieren, aber es ist dennoch überfällig, um der Digitalisierung nicht nur erfreut nachzupfeifen, sondern die damit verbundenen Möglichkeiten auch wirklich für sich zu nutzen. Aber selbst damit, ist es nicht genug, denn das eigentliche Problem ist: Nur flexibler zu arbeiten reicht längst nicht mehr aus. Denn wir arbeiten schlicht zu viel, um wirklich effektiv und kreativ zu sein.

Wobei, wenn man sich eine Studie aus dem Jahr 2015 anschaut, die in einem interessanten Artikel zum Thema bei Wired angesprochen wird, dann ist der Acht-Stunden-Tag ja schon lange eine Illusion – war es vielleicht schon immer, und wird dennoch nach dem Prinzip Hoffnung weiter aufrechterhalten. Die Studie zeigte, dass die rund 2.000 Befragten Arbeitnehmer*innen nämlich nicht acht Stunden, nicht sechs Stunden, sondern gerade einmal rund drei Stunden am Tag wirklich effektiv arbeiten. Die restliche Zeit verbringen sie in Sozialen Netzwerken oder chatten mit Freunden. Ein Ergebnis, das sich sehr wahrscheinlich auf viele andere Unternehmen übertragen lässt. Wir werden also schon jetzt in vielen Bürojobs fürs Absitzen bezahlt. Aber wozu?

Wer sich an die Kontrolle klammert, erstickt das Potenzial

Jetzt könnte man natürlich anmerken, dass das doch so lange okay ist, solange das für beide Seiten trotzdem funktioniert. Aber genau das ist es ja: Das Kontroll-Prinzip funktioniert nicht. Es geht einfach nicht auf, weder für die Arbeitnehmer*innen, die, das zeigte etwa eine aktuelle Studie des Internationalen Wirtschaftsfonds, durch unflexible Arbeitsstrukturen nicht nur frustriert werden, sondern auch ihre Leistung abflacht, wenn ihnen von Arbeitgeber*innen kein Vertrauen für eine freiere Handhabe entgegengebracht wird. Etwas, das sich im übrigen durch ein Mehr an Vertrauen durchaus wieder entfachen lässt. Der Schaden, der durch die fehlende Motivation und Denkkraft entsteht, ist ja überhaupt nicht messbar.

Und das Konzept geht nicht auf, weil auf alle diese Arbeitnehmer*innen zuhause oder draußen in der Welt ein Leben wartet, das gelebt und nicht in ein paar wache Stunden am Abend gequetscht werden will. Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder eine Work-Life-Balance, auch für Menschen ohne Kinder, müssten ja überhaupt nicht länger diskutiert werden, wenn wir uns gesellschaftlich von der Präsenzkultur lösen könnten. Und der unflexible, lange Arbeitstag geht eben auch für die Arbeitgeber*innen nicht auf, die mit dem Festhalten an der Acht-Stunden-Regelung nicht nur Leergeld bezahlen, sondern auch weniger produktive, kreative Mitarbeiter*innen haben. Und damit Mitarbeiter*innen, die nicht die Arbeit leisten, zu der sie eigentlich im Stande wären.

Wir müssen uns vom Funktionieren verabschieden, um wirklich über uns hinaus zu wachsen

Auch interessant ist der Hinweis im Wired-Artikel auf den Autor Alex Pang, der für sein Buch „Rest: Why You Get More Done When You Work Less“ die Lebensläufe von Charles Darwin und weiteren Menschen, die einen wesentlichen Beitrag zu der Welt, wie wir sie heute kennen, geleistet haben, unter die Lupe genommen hat. Der britische Wissenschaftler arbeitete etwa gerade  einmal rund vier Stunden am Tag, die auch noch von einer langen Pause und dann noch etwas Schlaf unterbrochen wurden.

Und Gleiches zeigte sich auch bei den anderen: Bei ihnen war der Erfolg ihrer Arbeit nicht mit einer zeitlichen Investition verknüpft, die ihren gesamten Tag in Anspruch genommen hätte. Nein, vielmehr noch hatten sie für heutige Maßstäbe extrem kurze Arbeitstage und damit sehr viel Zeit, für Freunde, Hobbys und Reise. Und das bedeutet auch: jede Menge Ausgleich und Futter fürs Gehirn. Sie hatten Zeit für all das, was sie zu neuen Gedanken, Ideen und Konzepten anregte. Und genau das kommt heute für die meisten Menschen viel zu kurz. Wer sinnlose Stunden im Großraumbüro verbringt, wer Zeit absitzt, statt sie zu nutzen, um die Welt kennenzulernen, sie zu erleben und zu erfassen, kann nicht die besten Lösungen für all die Probleme und Fragestellungen finden, die sich tagtäglich stellen. Und trotzdem halten wir gesellschaftlich daran fest, weil die Angst einfach zu groß scheint, etwas Kontrolle ab- und das Gefühl von Messbarkeit aufgeben zu müssen.

Wir brauchen Raum: Für die Arbeit und für die persönliche Entwicklung

Aber das klassische Managment, das sich über Kontrolle definiert, ist eben passé – ebenso wie der Acht-Stunden-Tag eine Sackgasse ist, wenn man um sich ein Team scharen will, das mehr als nur die naheliegendsten Lösungen finden soll. Und genau deshalb müssen wir damit beginnen, Leistung und auch Entlohnung nicht mehr so eng an den Zeitfaktor zu koppeln und Freiräume nicht als vertane Zeit anzusehen – sprich: uns vom reinen Funktionieren verabschieden, um das Potenzial jedes Einzelnen ausspielen zu können.

Die schöne Nachricht ist ja auch: Wer das Hamsterrad abschafft, das sowieso schon lange nicht mehr richtig läuft, der hat damit ganz sicher nicht nur zufriedener und effektivere Mitarbeiter*innen, sondern auch gesündere. Denn die müssen so nicht mehr zwischen Burn- und Boreout pendeln. Es braucht dafür nicht viel mehr als das Privatleben und die Arbeit nicht mehr gegeneinander aufzuwiegen, sondern einen Arbeitstag zu schaffen, in dem beides seinen Raum hat und sich so nicht gegenseitig auffrisst, sondern befruchtet. So schwer ist die Rechnung eigentlich nicht. Also, nur Mut zur 30- oder 20-Stunden-Woche als Vollzeitmodell in deutschen Büros! Es wird sich sicher auf mehreren Ebenen auszahlen.

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