Foto: Gunnar Meyer

„Für guten Sex muss man sich trauen, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen“

Die Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning hat ein wunderbares Buch über all das geschrieben, was ihr in ihrer Praxis so an Themen begegnet. Wir haben mit ihr über die weibliche Lust, die Andropause und guten Sex gesprochen.

 

„Die weibliche Sexualität wurde jahrhundertelang heruntergespielt“

Was hält uns eigentlich davon ab, richtig guten Sex zu haben? Und bin ich überhaupt fähig zu einer guten Sexualität mit mir selbst und meinem Partner oder meiner Partnerin? Mit diesen und anderen Fragen rund um das Thema Sex und Beziehungen kommen Paare in die Praxis von Ann-Marlene Henning.

Welche Themen und Probleme ihr dabei begegnen, darüber hat die Therapeutin, Autorin und Fernseh-Moderatorin mit „Liebespraxis“ ein tolles Buch geschrieben, durch das man nicht nur einen Einblick in das Sexleben anderer bekommt, sondern auch noch etwas für sich selbst lernt. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

In ihrem Buch starten sie gleich damit, Sex mit Kieferorthopädie in Zusammenhang zu bringen. Wollen Sie kurz erklären, was es damit auf sich hat?

„Na, ja, der Kiefer hat eine direkte Verbindung zum Beckenboden. Das bedeutet, wenn Sie sich Sorgen machen, z.B. die Zähne zusammenbeißen oder knirschen, dann zieht sich auch unten alles zusammen. Den Rest können sie sich denken, oder?“

Menschen, die ihre Praxis aufsuchen, wollen manchmal auch einfach nur lernen, über Sex zu reden. Man hat doch oft das Gefühl, Sex ist ein fester Bestandteil unseres Alltags durch Werbung, Filme, und ähnlichem – wie kann es da sein, dass wir noch so verklemmt sind? Und was hilft denn konkret, um diese Hemmung abzubauen?

„Die letzte Frage zuerst: mehr zu wissen hilft. Denn dadurch wird der Druck weniger, man glaubt nicht mehr an völlig unsinnige Sachen und Zusammenhänge, wie z.B. ‚Jede Frau kommt beim Geschlechtsverkehr ganz leicht, nur ich nicht.’ Oder: ‚Männer haben immer Lust, das ist ganz normal.’ Und, und, und … Die Verklemmtheit rührt unter anderem daher, dass der eigene Sex – besonders, wenn es damit Probleme oder Grenzen gibt – uns zu intim ist. Wir mögen auch oft nicht zugeben ‚Anforderungen’ nicht gerecht zu werden. Wie sonst auch im Leben: Reden hilft!“

Apropos Wissen hilft: Der Sexualkunde-Unterricht ist aus meiner Sicht in Deutschland noch sehr ausbaufähig – was denken Sie, müsste in den Unterricht integriert oder daran geändert werden, damit junge Menschen lernen, unverkrampft mit dem Thema Sex umzugehen?

„Ich gebe Ihnen völlig recht, der Unterricht zur Sexualität in der Schule ist zu wenig, zu biologisch und vor Allem zu spät. Es geht viel früher los mit dem Lernen von übertriebenen und unguten Hemmungen. Nämlich, wenn das kleine Kind gemütlich, genüsslich den eigenen Körper erkundet und dann dafür geahndet oder ‚bestraft’ wird. Dazu bedarf es gar nicht so viel: ein paar hochgezogene Schultern oder ein Nasenrümpfen. Schon merkt das kleine Kind, dass ‚dort unten’ irgendwas nicht ganz koscher ist. Obwohl es sich doch gerade so gut anfühlt!“

„Bei Frauen ist das Genital noch mehr als das der Männer mit (angelernter) Scham verbunden.“

Viele Männer behaupten „Bei mir kommen alle Frauen“. Wenn man mit Frauen spricht, ist es aber eher so, dass viele nicht regelmäßig kommen, manche sogar noch nie – auch weil beim Sex häufig noch vor allem der Orgasmus des Mannes im Vordergrund steht. Kennen Sie das auch aus ihrem Praxis-Alltag? Und wie kommt man von dieser ungleichen „Lust-Verteilung“ weg? Trauen sich Frauen einfach nicht zu sagen, dass sie nicht kommen, weil dass unsexy wirken könnte

„Ich kann die ungleiche Verteilung nicht nur aus meiner Praxis bestätigen, sondern auch aus meinem eigenen Leben, als ich etwas jünger war. Obwohl mir eigentlich keiner bewusst beigebracht hat, dass der Mann und sein Orgasmus wichtiger sei, hatte ich automatisch so etwas im Gefühl. Wir sprachen gerade vom ‚unten’ und ich vermute da schon lange einen Zusammenhang: bei Frauen ist das Genital noch mehr als das der Männer mit (angelernter) Scham verbunden. Die weibliche Sexualität wurde Jahrhunderte lang ‚runtergespielt’, sie sei so gut wie gar nicht vorhanden, im besten Fall nicht wichtig. Nach wie vor wird eine willige Frau als liederlich oder billig gesehen. Ein Mann eher als toller Hecht. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Sich als sexuelle Frau zu mögen, bedeutet den eigenen Körper zu kennen, mit seinen Funktionen und Möglichkeiten vertraut zu sein, auch in sexueller Hinsicht. Und dann noch gelernt zu haben, das Ganze mit Lust und Genuss zu verbinden und nicht mehr mit den schlechten Gedanken. Dann erst kann eine Frau ein Standing haben und auch etwas (Sexuelles) wollen oder nicht wollen. Sie kann lustvoll ‚Ja’ sagen. Und sehr bewusst auch ‚Nein’.“

Sie sagten gerade, Sie kennen diese Unsicherheiten auch von sich. Im Buch beschreiben Sie sich als sexuelle Spätzünderin – dass Sex und andere in dieser Hinsicht zu beraten, mal ihr Thema würde, das hätten also in ihrer Jugend eher nicht vermutet. Wann hat sich das geändert?

„Richtig, ich hatte es nie vermutet oder vielmehr nie daran gedacht. Über Sex geredet habe ich aber schon immer, auch damals als Jugendliche. Ich erinnere, schon als kleines Kind viel Spaß mit meinem eigenen Körper gehabt zu haben, auch ‚dort unten’. Aber so richtig in den Schwung kam ich natürlich erst, nachdem ich Sexualität mit einem Partner kennenlernte. Ich war fast 17 Jahre alt, was heute sehr normal ist, aber damals etwas spät war.“

Was ist denn aus Ihrer Erfahrung der häufigere Grund dafür, dass Paare keinen oder weniger Sex haben: Zu viel (emotionaler) Abstand oder zu viel Nähe?

„Beide verzeichnen ungefähr die gleichen Verluste!“

Sex ist immer ein sensibles Thema, das schnell zu (ungewollten) Kränkungen führen kann. Wie kritisiert oder spricht man mit seinem Partner oder seiner Partnerin über Sex, ohne dass das verletzend wird?

„Wie bei jedem Gespräch sollte es mit Respekt, Offenheit und Neugierde geführt werden. Das wird umso wichtiger, je intimer die Themen sind. Beim Sex sind wir im übertragenen Sinne nackt.“

„Viele Männer vermuten ein Burnout, wenn sie in die Andropause kommen.“

Die Menopause wird fast allen Menschen ein Begriff sein – mir war allerdings die Andropause neu, die Sie auch in ihrem Buch ansprechen. Es gibt also auch Wechseljahre für Männer? Wann beginnt sie und was passiert da genau?

„Im Groben kann man sagen, dass die Männer körperliche Symptome wie bei den Frauen kriegen. Es passiert nur nicht schlagartig, weil die dafür verantwortlichen Hormone bei den Männern viel langsamer abfallen als bei Frauen, nämlich über viele Jahre. Bei einigen Männern ist das Testosteron schon Anfang 30 bis 40 so gesunken, dass es Folgen hat, die ein Mann spürt, bei einer viel größeren Zahl der Männer geschieht es erst im Alter zwischen 40 und 60. Und wiederum gibt es auch eine kleine Zahl von Männern, die gar nichts davon merken. Symptome könnten sein: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, unruhige Beine, Schlafstörungen, Gewichtzunahme, besonders im Bauchbereich, Ansätze von Brüsten – aber vor allem instabilere Erektionen und weniger Lust. Außerdem dauert es oft auch länger sich zu erregen und den Orgasmus zu erreichen. Ja, die Geschlechter nähern sich im Alter an. Auch bemerkenswert: viele Männer glauben dann, sie hätten ein Burnout!“

Hatten Sie schon einmal ein Paar bei sich, das Sie als hoffnungslose Fälle abstempeln mussten? Und wenn ja, wieso war das so? Wann muss man sagen: Ihr werdet euch im Bett nicht mehr gegenseitig glücklich machen können?

„Es gibt Paare, die sich so verändert haben, dass nichts mehr geht. Die meisten sind aber, verzeihen Sie den Ausdruck, noch zu retten. Aufgeben musste ich bisher nur, wenn einer der Partner eine psychische Diagnose hatte, bei dem Sexualtherapie erst nach einer Psychotherapie hätte kommen sollen. Und noch etwas: oft geht es mehr um die Beziehung an sich und nicht um den Sex. Aber die beiden Faktoren hängen natürlich eng zusammen.“

Welche Rolle spielt der Druck, „gut im Bett zu sein“ für ein schlechtes Sexleben? Ist das ein Thema, dass Ihnen als Therapeutin begegnet? Also: So sehr guten Sex, eine Erektion oder einen Orgasmus zu wollen, dass nichts mehr geht?

„Genau dieser Zusammenhang kann zum Problem werden. Denn, wer nur im Kopf ist und bei solchen limitierenden Gedanken – Was kann ich? Was muss ich? Ist das gut genug? –, der kann kaum beim Spüren sein und so ist auch der Genuss kleiner. Wenn man vor lauter Performanceangst grübelt und zusammenbeißt (da ist es wieder!), schnürt es die gute Durchblutung ab, weil sich der Beckenboden auf Flucht und Angriff einstellt.“

Manche Paare haben ein Problem damit, wenn der Partner oder der Partnerin es sich selbst macht. Worum geht es dabei? Um die Angst, nicht zu genügen oder darum, nicht dabei zu sein?

„Wer sich seiner Sexualität und seinem Wert generell nicht sicher ist, lässt sich leichter von allen möglichen Dingen verunsichern. Klienten beschreiben oft ihre Unsicherheit oder Sorge darüber, dass der Partner oder die Partnerin mit sich alleine sexuelle Dinge auslebt. Dabei hat das eine meist nichts mit dem anderen zu tun. Wobei, wenn sich z.B. ein Mann ausschließlich vor dem Bildschirm befriedigt und als Folge davon nicht mehr mit seiner Partnerin schläft, dann gibt es manchmal schon Grund zur Sorge. Wie immer sollte man die Situation differenziert betrachten.“

Und zu guter Letzt: Was ist ein simpler Tipp, für ein besseres Sexleben?

„Trauen Sie sich, zu Ihren Bedürfnissen und Wünschen zu stehen – in jeder Hinsicht. Rücken Sie raus mit der Sprache! Nur dann kann der andere Sie hören.“

Ann-Marlene Henning: Liebespraxis: Eine Sexologin erzählt, Rowohlt Taschenbuch Verlag, April 2017, 288 Seiten, 14,99 Euro.

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