Foto: What's Underneath | Stylelikeyou | Youtube

„Wir zerstören junge Frauen schon, bevor sie überhaupt richtig im Leben ankommen“

Barbie Ferreira ist ein erfolgreiches Model und spricht in der Interview-Reihe „What’s Underneath“ über ihren Körper, warum sie ihn hasste und wie das Model-Business junge Frauen auf ganz unterschiedlichen Ebenen kaputt macht.

„Ich habe mich früher mehr gehasst als alles andere auf der Welt“

Wie kann man sich selbst und seinen eigenen Körper lieben, sich selbst lieben in einer Welt, in der dir ständig gesagt wird: So wie du bist, bist du falsch? Deine Beine, deine Körperhaare, deine Hautfarbe, dein Bauch, dein Po – egal wie jemand aussieht, es wird immer etwas geben, was scheinbar zu verändern und zu optimieren ist. Körper, ganz besonders die von Frauen und Mädchen sind ein Politikum. Und sie sind etwas, bei dem sich jeder berufen fühlt, einen Kommentar abgeben zu dürfen. Das bedeutet: Wer auf die Straße geht, muss bereit sein, beurteilt zu werden. Aber das ist so falsch, wie etwas nur falsch sein kann – ganz besonders in Zeiten, in denen man permanent zu hören bekommt: Jede Frau, jeder Körper ist schön! Denn das klingt super, ist aber leider nur theoretisch Konsens.

Hier verhält es sich recht ähnlich wie die Realität in Bezug auf Rollenverteilungen in Beziehungen oder der Gleichberechtigung im Berufsleben – nur weil wir das Thema viel besprechen, sind die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft eine vor sich hin kriechende Angelegenheit, für die wir noch sehr, sehr viel Zeit brauchen werden – wenn wir es denn überhaupt schaffen.

Die Diskriminierung von Frauenkörpern ist Alltag – und ein gutes Geschäft

Das bedeutet aber nicht, dass es nicht wichtig wäre, dem Frust darüber nicht klein beizugeben – alles, was ein Bewusstsein dafür schafft, dass die Diskriminierung von Frauenkörpern schlichtweg Alltag und der Hass von vielen Frauen, den sie deshalb gegen sich selbst richten, deshalb riesengroß ist, kann dazu beitragen, dass wir das ändern. Dass wir lernen: Diese Sicht auf uns ist Manipulation und kein in Stein gemeißeltes Gesetz. Wie das gehen kann, darüber hat aktuell nicht nur die Autorin Margarete Stokowski eine fantastische Kolumne für den Spiegel geschrieben („Unfeministisch ist, sich über Körper von anderen zu beschweren, außer sie sitzen auf dir drauf und sind zu schwer.“), sondern sich auch das Model Barbie Ferreira in einem starken Interview für die Reihe „What’s Underneath“ des Video-Magazins Stylelikeyou geäußert. Ihre offenen Worte darüber, wie sich dieser Selbsthass anfühlt und woher er rührt sind mutig, weil sie verletzlich machen. Und sie sind so wichtig, um die Idee davon, dass Kommentare zu anderer Leute Körper oder spöttische Geschichten über das Körpergewicht in Magazinen keine Lappalie, sondern gefährlich sind und letztlich von nichts anderem zeugen als von einem Kleingeist mit schlechter Kinderstube, endlich ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken.

So erzählt Ferreira im Interview davon wie sie ihren Körper schon als Mädchen abstoßend fand: „Ich habe mich früher selbst mehr gehasst als alles andere auf  der Welt“. Warum? Weil sie etwa als junge Frau ständig in Magazinen hämische Kommentare darüber lesen musste, dass irgendeine Schauspielerin ein paar Pfund zugenommen hat und wie ekelhaft das sei. Die Folge? Sie schämte sich für jedes Gramm, das sie zunahm, weinte aus Angst, jemand könnte das sehen und denken, sie sei hässlich. Sie dachte lange, es sei ihr nicht erlaubt, glücklich zu sein. Bis sie irgendwann Model wurde, und das nicht trotz, sondern wegen der Kilos, die sie früher so gehasst hat. Das hat nicht alles verändert, denn auch die Model-Branche ist eine, in der auf so vielen Ebenen verdammt viel im Argen liegt – und die vieles fördert, aber sicherlich nicht zwingend Selbstliebe. Aber dennoch hat es ihr gezeigt, dass sie nicht grundsätzlich falsch ist, so wie sie ist. Klar, denn so selbstbewusst man auch ist, wer nie Zuspruch von Außen erfährt, wird an sich zweifeln, so sind wir Menschen nun einmal gestrickt.

Schönheit kann nicht in Körpergewicht gemessen werden

Es ist eine Geschichte über Unsicherheiten und Scham, die fast jede Frau kennt. Und die wir nur brechen können, wenn wir unseren Kindern, Schwestern, Freundinnen und natürlich auch allen Jungen sowie Männern in unserem Umfeld versuchen, aktiv etwas anderes zu vermitteln. Nämlich, dass für die Kategorie „Schön“ Gewichtsangaben keine Rolle spielen. Dass Attraktivität etwas wahnsinnig Individuelles ist, dem man mit platten Formeln nicht gerecht werden kann. Dass Schönheit in Körpergewicht zu messen, eine seit langer Zeit in unsere Köpfe eingehämmerte, perverse Ästhetik-Formel ist, die nicht nur Mädchen und Frauen kleinhält, sondern schlichtweg (und vor allem) ein Milliardengeschäft am Laufen hält.

Doch das zu meistern, ist zugegebenermaßen verdammt schwer – denn auch heute noch gehört es zu einem Standard-Skandal, etwas anderes als eine Konfektionsgröße 36 zu tragen, mit dem regelmäßig auf Titelseiten diverser People- und Frauenmagazine aufgemacht wird. Was dagegen hilft? Diese Magazine nicht mehr kaufen, Haltung zeigen, keinen Deut darauf geben, was man vermeintlich mit einer bestimmten Konfektionsgröße oder auch ab einem bestimmten Alter tragen darf und was nicht, sich hämische Kommentare und Lästereien sparen, Selbstliebe vorleben (!), und zu verinnerlichen, dass dick zu sein ebenso richtig oder falsch ist, ebenso schön oder unschön, wie es nicht zu sein.

Hier findet ihr das ganze, sehr sehenswerte Interview in dem Barbie Ferreira auch viele kluge Dinge über das Model-Business sagt. Etwa wie toxisch die Branche ist, wie es sein kann, dass schwarze Models ihre Haare und ihr Make-up in der Regel selbst machen müssen oder wie junge Frauen in dem Druck und den Erwartungen kaputt gemacht werden, bevor sie überhaupt erst im Leben ankommen.

Ach ja, eines noch, falls sich jemand wundert: Ja, man hätte in diesem Text von
Barbie als Curvy-Modell schreiben oder den Begriff Plus-Size verwenden können – aber vielleicht verabschieden wir uns auch von derlei Zuschreibungen.
Sie ist ein erfolgreiches Modell fertig aus, auch hier ist es letztlich komplett überflüssig Körperbilder mit ins Beschreibungsrepertoire zu nehmen.

Artikelbild: What’s Underneath | Stylelikeyou | Youtube

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