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Keine Geborgenheit, keine Liebe – über prägende Jahre im Kinderheim

Wie ist es, in einem Kinderheim aufzuwachsen? Unsere Community-Autorin Floriana hat einen sehr persönlichen und berührenden Text über schwierige Jahre geschrieben, die sie nachhaltig geprägt haben.

Was ich gebraucht hätte: Einen Ort, der mir Schutz und Sicherheit gibt

Ich lebte fast sechseinhalb Jahre in einem Kinderheim, davor insgesamt siebeneinhalb Monate in zwei verschiedenen Pflegefamilien. Im Alter von elf bis 18 Jahren war ich in staatlicher „Obhut“, war Entscheidungen Erwachsener ausgeliefert, die mich kaum bis gar nicht kannten. Sie sagten, ich benötige einen Schulabschluss, regelmäßige Arztbesuche, einen Sportverein, einen geregelten Tagesablauf und vieles mehr.

Aber was ich wirklich gebraucht hätte, wäre ein Ort gewesen, der mir Schutz und Sicherheit geboten hätte. Menschen, die mir zuhören, mir ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe geben, das Chaos in meinem Kopf ordnen, mir Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein geben – das alles hätte ich gebraucht, damit ich nicht jahrelang in Selbstzweifeln, Selbsthass, Suizidgedanken und Selbstverletzendem Verhalten verharre.

Ich wollte nie mehr ein Kind sein, ich wollte ein Erwachsener sein. Ein Erwachsener, der Macht hat, alles bestimmen kann. So wie über mich und meiner Familie bestimmt wurde. Ich hörte auf zu spielen, zu
fantasieren, mich frei zu entfalten. Ich wollte so sehr ein Erwachsener sein,
dass ich mich (so glaubte ich) auch schon im Alter von 14 Jahren so verhalten musste: Über ernste Themen sprechen, um den Haushalt kümmern, fleißig sein – so nannten es die Erzieher gerne – nicht aufmüpfig sein, all das tun, was gemacht werden sollte. Ich war praktisch das „Vorzeigeheimkind“.

Meine Überlebensstrategie: Alles richtig machen

Ich ging Konflikten aus dem Weg, hatte Angst dieselben Strafen zu bekommen, wie die anderen Kinder, wenn ich etwas falsch gemacht hätte. Mich belastete der tagtägliche Stress in dem Heim. Es fühlte sich so an, als würde ich den Ärger
bekommen, der den ungezogenen Kindern galt.

Ich musste alles Richtig machen, sagte ich mir, damit ich keinen Ärger bekomme, damit es mir gut gehe, damit ich halbwegs unbeschadet aus dieser Heimzeit herauskomme. Ich wollte perfekt sein. Leider war ich nur eine Durchschnittsschülerin und konnte meinen eigenen Anforderungen nicht gerecht werden. Ich wusste, dass ich nicht dumm bin, ich wusste, ich bin intelligent. Ich wollte so sehr eine Einser-Schülerin sein, damit ich mich besser fühle. Gute Noten hätten mein Selbstwertgefühl steigern können, es hätte mich damals in meinen Augen aufgewertet. Da ich mir meinem eigenen Druck nicht standhalten konnte, sank mein Selbstwertgefühl nur noch rapider ab, wenn es mal wieder nur eine drei oder eine vier in Englisch geworden ist.

Ich wollte nicht mehr anders, nicht mehr das Heimkind sein

Das Gefühl jemand zu sein, der nicht bei seinen Eltern aufwachsen durfte, nicht so war, wie die anderen Kinder und diese Frage, warum alles so war, wie es zu diesem Zeitpunkt war, entfachte in mir Depressionen.

Ich wusste nicht, wie ich diese Situation ändern könnte. Ich wollte nicht mehr als das Heimkind betitelt werden. Ich wollte nur normal sein, so, wie alle anderen Kinder in meinem Alter. Mein Leben bestimmten damals die Ängste und
Selbstzweifel. Ich versuchte auf mich aufmerksam zu machen, in dem ich mit
Absicht schlechte Noten schrieb. Ich konnte keine Einsen schreiben – gut, dann
halt Fünfen und Sechsen, dachte ich mir. Ich brauchte ganz dringend Hilfe. Mein
Klassenlehrer wurde nach einiger Zeit aufmerksam und fragte mich, was denn mit mir los sei. Diese Situation überforderte mich wiederum auch. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich irgendjemand für mich interessieren würde. Außerdem hatte ich Angst davor ihm zu erzählen, dass ich es im Heim nicht mehr aushalten würde, mich selbstverletzte und Depressionen hatte. Ich ging dem möglicherweise aufkommenden Konflikt zwischen mir und den Heimleuten wieder aus dem Wege. Ich frage mich bis heute, ob sich etwas verändert hätte, wenn ich ihm alles erzählt hätte. Ich werde es nie erfahren.

Und heute?

Mittlerweile bin ich 25 Jahre alt, habe ein Dreier-Abitur gemacht, vier Semester Wirtschaftswissenschaften studiert, eine Ausbildung in Düsseldorf begonnen, nach drei Monaten abgebrochen, da mir die nötige Stabilität und Sicherheit fehlte, um in einer fremden Stadt ganz alleine zu leben. Darauf habe ich ein Dreivierteljahr gejobbt, eine neue Ausbildung begonnen, nach zwei Wochen
wieder abgebrochen, da ich mich unterfordert gefühlt habe. Ich habe direkt zwei Tage später eine neue Ausbildung bekommen und nach anfänglichen Problemen erledige ich dort mittlerweile gute Arbeit.

Ich bin seit eineinhalb Jahren in ambulanter Therapie, da mich die Zeit im Heim und in den Pflegefamilien immer noch verfolgt und sehr prägend war. Ich bin ein Mensch, der nicht gerne Entscheidungen trifft, da ich stets die perfekte Lösung haben möchte. Es könnte ja sein, dass mich Kleinigkeiten wieder abwerten könnten, z.B. keine modern eingerichtete Wohnung zu besitzen. Dieser Perfektionismus zeigt sich auch beim Einkaufen oder allgemein bei zu erledigenden Dingen. Ich möchte meine Zeit so einteilen, so dass ich am
Ende des Tages behaupten kann, dass ich die Stunden effizient und effektiv
genutzt habe. Ich muss es planen und mich auf Unvorhergesehenes vorbereiten.
Ich darf keine Schwachstellen preisgeben. Es muss alles sicher ablaufen, es darf keine Ausreißer geben, die meinen Tag ins Schwanken bringen. Denn genau diese Ausreißer – das Unvorhergesehene – bringen mich völlig aus der Fassung.

Was bleibt ist das Gefühl von Ohmacht

Gefühle der Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit steigen in mir hoch. Genau wie damals, als mich das Jugendamt von meiner Familie wegnahm und mich zu einem unbekannten Ort brachte. Mein kleines Herz zersprang, als ich meine geliebte Mutter verlassen musste.

Mittlerweile habe ich verstanden, dass es nicht sinnvoll ist, allen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Früher oder später steht genau derselbe Konflikt wieder vor einem und verlangt, dass eine Entscheidung getroffen wird.

Meine Erfahrungen und Erlebnisse aus der besagten Zeit aufzuschreiben, teilweise öffentlich zu machen und durch das Geschriebene, für mich selbst Schlüsse zu ziehen, ist vielleicht noch eines der sinnvollsten Dinge, die ich mit meiner Vergangenheit machen kann.

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