Foto: Pexels

Life Hacks fürs Bett? Warum uns Sex immer noch so verunsichert

Wir sind doch eigentlich alle erwachsene Leute, oder? Ja. Eigentlich. Wieso verhalten wir uns dann ausgerechnet beim Thema Sex so oft wie Teenager?

Sex verunsichert uns

„Eigentlich
verhüten wir sowieso immer voll konsequent mit Kondom, aber neulich
fanden wir es dann halt lustig, ihn einfach mal vorher schon so ein
bisschen reinzustecken. Jetzt sind meine Tage irgendwie schon seit
einer Woche überfällig. Aber von so ein bisschen reinstecken kann
man doch eigentlich auch maximal nur ein bisschen schwanger werden,
oder?“

„Mein
Kumpel behauptet, er könnte echt jede Frau zum Orgasmus bringen. Der
lügt doch, oder?
Oder sag mal, wie geht das?“

„Hast
du vielleicht ein paar gute Blowjob-Tipps für mich? Ich hab echt voll
Angst, da was falsch zu machen.“

Dr.
Sommer für Erwachsene

Ich
schreibe inzwischen seit mehr als sechs Jahren über Sex, aber die Fragen, die mir so auf
Partys nach drei Drinks à la „können wir vielleicht mal kurz unter
vier Augen quatschen?“ gestellt werden, überraschen mich immer
wieder. Der einzige Unterschied zur Bravo von vor 20 Jahren: Solche
Dinge fragen mich keine pickeligen Teenager, sondern Menschen, die
mitten im Leben stehen und alt genug sind, um ihre Steuererklärung
alleine hinzubekommen – aber beispielsweise vom weiblichen Zyklus
ungefähr genauso viel verstehen wie von Quantenphysik.

Angeblich
ist Sex doch so wahnsinnig omnipräsent – aber stimmt das wirklich?
Je länger ich mich als Sexbloggerin
beruflich mit dieser Materie befasse, umso tiefer sind die
Bildungslücken, auf die ich dabei stoße. Wieso tun wir eigentlich
alle so aufgeklärt, obwohl wir es ja ganz offensichtlich eigentlich
gar nicht sind? Und woher haben wir überhaupt diese Unsicherheiten
im Bett?

Woher
kommt unser Wissen über Sex?

Um
das zu ergründen, müssen wir tiefer graben: Woher kommt eigentlich
unser Wissen über Sex? Klar, sechste Klasse Bio! Ein paar Stunden
für Informationen, die wir unser restliches Leben lang brauchen werden
– nimm dies, Stochastik! Im Aufklärungsunterricht sehen wir
Querschnitte von Unterleibern, erfahren, wo die Spermien rauskommen
und wo das Baby wie reinkommt. Maximal noch, wie man dieses Baby
verhindern kann. Genitalienkunde.

Das
Herz bleibt außen vor. Den ganzen messy-zwischenmenschlichen Shit,
der passieren kann, wenn wir unseren Körper einem anderen öffnen,
müssen wir selbst herausfinden. Danke für nichts, lieber
Aufklärungsunterricht!

Auch
die Bravo hatte meist eher Antworten auf bekicherungswürdige
Logistikfragen: vom Blasen schwanger werden? Beim ersten Mal Analsex? Ist
es normal, dass mein Penis so klein ist?

Früher: Normalität, heute: Porno

Trotzdem
bin ich bis heute dankbar für diese nackigen Selbstauslöserbilder
vor dem aufblasbaren Plastiksessel. Instagramfilterfreie Zone: krumme
Geschlechtsteile, peinliche Storys vom ersten Mal. Normalität, in
your face! Gibt´s heute nicht mehr. Sogar das Dr. Sommer-Team wurde
inzwischen wegrationalisiert. Stattdessen: Onlineforen. Und natürlich Youporn.

Und
da machen auch wir vermeintlich Erwachsenen uns doch mal bitte nichts
vor: Porno beeinflusst uns alle, ob wir es wollen oder nicht. Wer
noch nie einfach mal theatralischer gestöhnt hat, als es eigentlich
gerade in ihm war, werfe den ersten Stein. Dasselbe gilt für die
gute alte Frage: „Wohin soll ich denn kommen?“ Mir persönlich
fällt darauf ehrlich gesagt eigentlich auch nie eine besonders
originelle Antwort ein.

Wieso
wissen wir es immer noch nicht besser?

US-Medien
sprechen sogar schon von der „Generation Pull-Out“: Koitus Interruptus
als Verhütungsmethode? „Und dann sagt der echt zu mir: ,Mach dir
keine Sorgen, bei mir kommt da vorher nix raus’. Hallo Freund, lüge
nicht, ich schmeck es doch!“ schüttelt eine Freundin den Kopf.

Denn
genau beim Thema Verhütung kann unsere Amateurhaftigkeit eben auch
schnell zum Problem werden. Klar: Kondome sind
nervig und eine fummelige Angelegenheit. Sie können abrutschen,
reißen, platzen und Erektionen verjagen. Passiert. Vor allem mit ein
paar mehr Umdrehungen im Blut und generell zu wenig Übung.

Bei
solchen Szenarien bin ich (zum Glück!) selten live dabei, deswegen
hier schon mal mein genereller, prophylaktischer Ratschlag: Ruhe
bewahren. Im Zweifelsfall direkt die Pille danach besorgen. Die
gibt’s nämlich inzwischen rezeptfrei und rund um die Uhr
problemlos in der Apotheke. Eine Tatsache, von der Studien zufolge
nur 50 Prozent aller erwachsenen Deutschen wissen.

Was ist bloß mit der
anderen Hälfte los? Frauen, hier geht es um eure sexuelle
Selbstbestimmung! Sex zu meinen Bedingungen.

Hol eine Flasche Wein, wir müssen über Sex reden!

Bitte
bitte, redet darüber! Wer Lust auf ein paar wirklich gute Storys
hat, sollte bei der dritten Flasche Wein mal in der Mädelsrunde
nachfragen, wer die Pille danach schon mal genommen hat. Denn hey, shit happens! Und zwar fast jeder von uns, irgendwann mal. Das
Problem ist nur: Meistens passiert so etwas im Stillen. Oder ich
bekomme die Story dann irgendwann mal angetrunken auf einer Party
unterbreitet. Und dann kann es im Zweifelsfall eben auch schon längst
viel zu spät sein.

Denn
auch, wenn ja angeblich insgesamt so wahnsinnig viel über Sex
geredet wird: die manchmal eher unangenehmen, aber eben auch wirklich
wichtigen Themen lassen wir viel zu oft außen vor dabei. Ist ja auch
einfacher, über Promis zu lästern oder darüber, wie doof sich Typ X neulich im Bett angestellt hat. Und genau so entstehen dann eben
unsere großen und kleinen Bildungslücken und Unsicherheiten.

Sprechen wir es aus: Sex ist einfach komisch

Ich
finde: Wir brauchen eine neue Gesprächskultur! Lasst uns mit dem Sex
reden, anstatt immer nur über ihn. Auch bei uns angeblich so wahnsinnig Aufgeklärten gibt es so viele Unsicherheiten auszuräumen. Denn
Sex ist und bleibt nun mal Trial and Error.

Ja,
auch von ein bisschen reinstecken kann man mehr als nur ein bisschen
schwanger werden. Nein, dein Homie, der behauptet, jede Frau zum
Kommen bringen zu können, ist eine dumme Laberbacke. Diese
krampfhafte Orgasmusjagd ist sowieso das ungeilste von der ganzen
Welt und befriedigt eher Egos als Frauen, die ihn dann im
Zweifelsfall vortäuschen, um endlich ihre Ruhe zu haben. Red nicht
mehr mit dem Typen, geh lieber besser auf deine Sexpartnerinnen ein.
Dasselbe gilt für den guten, alten Blowjob: was man gern macht,
macht man gut. Empathie gibt’s nicht im App Store, Euphorie auch
nicht. Nur wenn ich es will: Es gibt kein richtig oder falsch, nur
richtig und falsch für dich und deinen Partner. Also: Macht Liebe
nach euren eigenen Regeln!

Ja,
ich werde ständig nach irgendwelchen Life Hacks fürs Bett gefragt,
aber ganz ehrlich, Menschen kommen nun mal ohne Bedienungsanleitung.
Sie krachen beim Knutschen mit den Zähnen zusammen, verheddern sich
in BH-Verschlüssen, friemeln so lange am Kondom rum, bis die Stimmung
weg ist, und wissen hinterher manchmal eben auch nicht so genau, was
sie jetzt eigentlich noch sagen sollen. Und das ist ok. Und mehr noch – genau das ist doch eigentlich auch das Schöne am Thema Sex: egal
wie viel Wissen wir uns darüber aneignen, wir bleiben doch unser
ganzes Leben lang begeisterte Amateure.

Wer mehr über die Autorin erfahren will, sollte auf www.lvstprinzip.de vorbeischauen.

Mehr bei EDITION F

Let’s talk about Sex! Weiterlesen

„The Diary of a Teenage Girl“ – oder die Frage nach der Macht, die von Sex ausgeht. Weiterlesen

Sexy, explizit und ohne Tabus: „Pussy Diary“ – ein Buch fürs Kopfkino. Weiterlesen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

About Zeen

Power your creative ideas with pixel-perfect design and cutting-edge technology. Create your beautiful website with Zeen now.

Weitere Beiträge
„Finde dich selbst” – Ja, verdammt, wie denn?