Foto: CC0 via Unsplash: Sébastien Marchand

Karriereplanung ist nicht alles – Warum es sich lohnt, abenteuerlustig zu sein

„Ich weiß, wo ich in zehn Jahren sein will“, sagt Lina Hansen. Doch an eine durchgeplante Karriere glaubt sie nicht. Ein Plädoyer für ungewöhnliche Lebenswege und den Mut, sich auf das Ungewisse einzulassen.

 

Einfach mal faul sein

Februar 2013, unterwegs in
Mittelamerika: Ich möchte in zwei Tagen von Panama über die Grenze nach Costa
Rica reisen – schließlich habe ich mir dort schon ein paar schöne Ziele
herausgesucht. Allerdings bin ich die Reise angegangen mit dem Credo: Alles kann,
nichts muss – und Spontaneität ist das höchste Gut. Gestern erst bin ich in dem
Hostel mit den bunten Hängematten und dem wunderschönsten Blick auf die Karibik
angekommen. Der Aufenthalt war mehr als Zwischenstopp geplant. Doch irgendwie
kann ich mir plötzlich nichts Schöneres vorstellen, als hier zu bleiben. Also
bleibe ich. Zwei, drei, vier, fünf, sechs Tage. Jeder Tag beginnt mit einem
faulen Kaffee in der Hängematte, während ich die Papageien beobachte. Manchmal
regnet es in Strömen, manchmal verschwindet gerade der Dunst über dem Meer und
die ersten Sonnenstrahlen kündigen einen heißen Tag an. Jeden Tag breche ich
irgendwann auf, um auf Entdeckungstour zu gehen. Red Frog Beach. Schnorcheln.
Andere Inseln. Das kleine Restaurant unten am Steg. Wie hätte ich jemals denken
können, es sei schöner, diesen Ort zu übergehen? Und was hätte ich alles
verpasst? Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken.

Ich habe meine Karriere geplant … ein bißchen zumindest

Karrieretechnisch bin ich eine
Planerin, durch und durch. Zumindest weiß ich in der Theorie ganz genau, was
ich in zehn Jahren erreicht haben will. Ich habe ein klares Karriereziel vor Augen und den Weg
dahin habe ich ebenfalls schon ausgemacht. So geht es vielen jungen Frauen in meinem Alter. Frauen,
die die ersten Schritte in der Berufswelt gewagt, ein erstes Studium
abgeschlossen und Leidenschaften entwickelt haben. Das könnte man als ehrgeizig
beschreiben – wir gehen die Dinge aktiv an und sind unseres eigenen Glückes
Schmiedinnen. Man könnte jedoch auch das allzu oft bemühte Zitat hervorholen:
„Life is what happens to you while you’re busy making other plans“.

Das Leben verläuft selten
genauso, wie Pläne es vorsehen. Mein bisheriges Berufsleben ist das perfekte
Beispiel: Erstes Studium, Festanstellung, Kündigung, Reisen, neue Stadt,
zweites Studium, Selbstständigkeit, neue Branche. Und immer, wenn ich in der
Vergangenheit Risiken eingegangen bin, haben diese sich ausgezahlt und mir
völlig neue Perspektiven eröffnet.

Eigentlich müsste ich es also
besser wissen. Und eigentlich müsste uns allen bewusst sein, dass nicht immer
alles nach Plan verlaufen wird: Es könnte ein interessantes Jobangebot
auftauchen, das zwar nicht zu 100 Prozent zu unserem Profil passt, aber neue Aufgaben
mit sich bringt. Unsere Bewerbungen könnten abgelehnt werden. Es könnte eine
Mentorin kommen und uns empfehlen, es doch einmal in eine ganz andere Richtung
zu versuchen. Wir könnten auf die Idee
kommen, auszuwandern – und dort in eine völlig andere Branche geraten.

Warum es sich lohnt, Risiken einzugehen

Heutzutage arbeiten die wenigsten
Menschen in genau dem Beruf, den sie einmal gelernt haben. Wir sind froh
darüber – schließlich haben wir Lust auf Abenteuer. Aber wir haben auch Angst:
Was, wenn das dann doch nicht der richtige Weg sein wird? Sollen wir Risiken bewusst eingehen – obwohl wir
ursprünglich einen ganz anderen Plan hatten?

Aber über allem schwebt die Frage
„Wie das Außergewöhnliche entdecken, wenn wir immer auf dem gleichen Pfad
bleiben?“

Wie hätte ich die wunderschönen
Karibikstrände Panamas entdecken sollen, wenn ich genau nach meinem Reiseplan
vorgegangen wäre? Welche Erinnerungen, Geschmäcker, Düfte und Bekanntschaften
wären mir verborgen geblieben, wenn ich alles wie geplant durchgezogen hätte?
Immer noch gehört die Zeit in diesem Hostel auf dieser Insel zu meinen
präsentesten Erinnerungen und zu den Erfahrungen, die mich am meisten geprägt
haben. Wenn mein Reisestil von Spontaneität und Abenteuer gezeichnet ist –
warum dann nicht auch mein Karriereweg? Natürlich hängt das auch von der individuellen Situation ab: Habe ich eine Familie zu versorgen, sehen Risiken anders aus als ohne Kinder.

Ich plädiere für Mut.
Für Ausreißer. Für mehr ungewöhnliche Lebenswege, viel mehr
Smoothies
, mehr Abenteuerlust. Ehrgeiz und
Karriereorientierung schön und gut: Diese Werte zeichnen viele von uns aus. Wir sollten uns vornehmen, auch da flexibel zu bleiben und von Zeit zu Zeit den Sprung ins
Ungewisse
zu wagen – gemeinsam mit unserem Ehrgeiz. Mit dem Ziel im Kopf und dem Abenteuer im Herzen.

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