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Wie wir die „Generation beziehungsfähig“ werden können

Wie ein veränderter Blick auf Beziehungen unsere Fähigkeit stärkt, mit ihnen glücklich zu werden und uns langfristig auf jemanden einzulassen.

 

Beziehungsunfähig?

Unsere Generation wird als beziehungsunfähig bezeichnet,
mittlerweile beschreiben wir uns sogar selbst so. Woran liegt das eigentlich?
Woran machen wir fest, dass wir beziehungsunfähig sind?  Mit wem vergleichen wir uns überhaupt? Mit
Eltern? Oder Großeltern?

Unsere Elterngeneration ist nicht beziehungsfähiger als unsere
Generation. Mir begegnet selten ein Paar in der Generation meiner Eltern, das
glücklich mit dem ersten (Ehe-)Partner zusammenlebt. Sie schweigen sich an,
führen sich vor, streiten völlig unqualifiziert und sticheln
subtil-offensichtlich.

Wie definieren wir denn überhaupt beziehungsfähig? Ich
behaupte, dass das, was wir neuerdings als Beziehungsfähigkeit bezeichnen oder
vermissen, es womöglich in noch keiner Generation vor uns gegeben hat.

Ich behaupte auch, dass wenn wir es schaffen, den Blick auf Beziehungen zu verändern und lernen, offen mit Konflikten und Bedürfnissen
innerhalb einer Beziehung umzugehen, wir sowohl die Chance auf (langfristige)
Beziehungen haben als auch die „Generation beziehungsfähig“ zu werden.

Wer sind unsere Liebesvorbilder?

Unsere Elterngeneration hat uns selten bis gar nicht vorgelebt,
wie mit einem offenen, ausgesprochenen Konflikt in einer Beziehung auf
Augenhöhe gelebt werden kann, daher straucheln wir in Zeiten von schnellen Änderungen sehr stark. Frische „Beziehungsware“ gibt es ja an
jeder Ecke und wir nutzen sie auch, wenn niemand erwartet von uns, dass wir uns langfristig binden.

Unser erster Fehler ist es zu glauben, dass eine
Beziehung in erster Linie zum Wohlfühlen da ist. Sie soll unserer Hafen in
stürmischen Zeiten sein, eine Oase der Entspannung nach wilden Arbeitstagen
(und durchfeierten Nächten), Bestätigung für unser Ego und noch viel mehr
Schönes. Nur, wenn sich niemand um die Oase kümmert und sich
nicht bewusst wird, was es zu tun gibt, dann ist sie zugemüllt mit mit
Erwartungen und falschen Bildern – sie kann nicht mehr funktionieren. Ich möchte einen Ansatz zeigen, wie eine gute Beziehung dennoch aufrecht erhalten können.

Reden, reden, reden

Wer heute langfristige, innige oder auch tragfähige Beziehung
führen möchte, fängt besser frühzeitig an – jetzt nicht mit den Augen rollen –
zu kommunizieren. Das klingt jetzt erst mal nicht so neu – schon klar.
Beziehungen sind und waren schon immer konfliktreich. Eine Beziehung wird nicht
besser, wenn Konflikte vermieden werden.

Sicher, unsere Eltern haben auch gestritten, mal mehr mal weniger sichtbar für Kinder.  Trennungen und Scheidungen waren jedoch selten, oftmals gar undenkbar, die Verhältnisse waren so, dass eine Scheidung für beide
Seiten einfach „ungünstig“ gewesen wäre, und die Eltern haben gelernt
miteinander oder nebeneinander zu leben. Einer von beiden hat dann irgendwie
Recht bekommen oder generell das Sagen, und der andere war dann vielleicht unglücklich, aber sie waren trotzdem
zusammen. Oft übernimmt einer die Meinungsführung für den anderen mit. Die
Paare haben ihren Weg gefunden. Und die, die heute tatsächlich noch zusammen
sind, haben ihr Arrangement sicher nicht ganz ohne den gesellschaftlichen Druck
von damals gefunden, es ist ihre Angelegenheit.

Doch wie
wollen wir zukünftig Beziehungen führen? Wollen wir auch um jeden Preis
zusammen sein und uns am Ende anschweigen uns gegenseitig Harmonie vorspielen?

Wollen wir verbindlich werden?

Den gesellschaftlichen Druck bekommt unsere Generation nun
weniger zu spüren, es liegt an uns allein, ob wir eine langfristige Beziehung
wollen oder nicht. Ob wir es überhaupt bis zu Ehe schaffen wollen. Ich denke,
da tut jeder sehr gut daran, sich erst einmal mit sich zu beschäftigen. Nun
wird behauptet, dass die heutige Generation sich doch sowieso schon ständig mit
sich selbst beschäftigt. Ich sage, dass sie das eben nicht tut … also die
wenigsten. Unsere Generation beschäftigt sich mit einem Bild von sich. Wir
fragen uns: Wer sollte ich sein? Wen will ich darstellen? Was von mir zeige ich
nach außen, und was muss ich tun um dieses Bild noch zu optimieren?

Kaum jemand beschäftigt sich wirklich mit dem, wer er ist und
was er will. Wenn sich unsere Generation wahrhaftig
auf den Weg macht, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, bewusst zu
leben und Entscheidungen zu fällen, wäre auch der Beziehungsfrage geholfen. 
Doch die wenigsten gehen ihren wahren Beziehungsproblemen auf den Grund. Das
tut nämlich weh und kostet Zeit und Energie. Ablenkungen a là Tinder,
Facebook, Clubs, Drogen aller Art und Arbeit gibt es ja genügend. Wenn ich mich
nur mit meiner Oberfläche beschäftige, bin ich auch schneller bereit, alles
auszutauschen, was nicht zu der gewünschten Oberfläche passt.

Doch es ist wichtig zu wissen, wer bin ich, was ich will und neue Wege auszuprobieren. Egal was, aber eben mit dem Bewusstsein, es für sich auszuprobieren
und nicht einfach, wie früher üblich, Mann oder Frau zu suchen, Kinder zu kriegen und ein Nest zu bauen – ohne wirklich nachzudenken. Das ist einfach nicht für jeden das Richtige. Das
hat unserer Elterngeneration aber niemand gesagt, die hatte ein anderes Umfeld,
da war das noch nicht notwendig, da hat zusätzlich der äußere Druck die
Beziehung zusammengehalten. Ob das nun gut oder schlecht war, sei mal
dahingestellt. Wenn ich so in mein Umfeld gucke, sind viele gelangweilt von
ihrem (Familien)Leben – sogar unglücklich.

Sagst du, was du willst? 

Zurück zum Kommunizieren, das klingt so einfach und ist doch
sehr schwierig, weil wir alle über Jahre Muster aufgebaut haben um uns zu
schützen. Wir haben verlernt zu sagen, was wir uns wünschen oder den anderen
ganz offen um Hilfe zu bitten. Ehrlich zu sagen, wenn wir nicht weiter wissen
und Rat und Unterstützung brauchen.  Das alles in der Angst, wenn ich es
sage, dann bin ich der/die Bedürftige/Schwächere, und das passt uns nicht. Denn
die Machtspielchen innerhalb einer Beziehung, die wir vorgelebt bekommen haben,
verbieten uns offen und ehrlich und einmal schwach zu sein. Wenn ich
zusätzlich nicht genau weiß, was ich wirklich möchte und mich nicht traue, es meinem Gegenüber zu zeigen, dann hat er oder sie e auch keine
Chance ihr wahres Ich zu zeigen. Mein Partner muss ebenso vorgaukeln stark zu sein, keine
Schwächen und Fehler zu haben, damit er sich als guter Partner fühlt.

Wir finden uns vielleicht alle nach außen hin ganz klasse und
versuchen uns stark zu präsentieren, in Wirklichkeit sind die meisten im
Inneren, vieles im Unbewussten, sehr verletzt und zweifeln an uns.

Liebe verdienen müssen

Unsere Generation, so meine Meinung, ist eben nicht in dem Bewusstsein
aufgewachsen, etwas Besonders zu sein. Ich bin in dem Bewusstsein erzogen
worden, dass ich mir nichts einbilden solle, ich sei ganz
gewöhnlich: „Bleib mal auf dem Teppich“, „Vergleiche dich nicht mit schwächeren
Schülern“ etc. Zudem ringen viele Kinder förmlich um Anerkennung und Liebe
ihrer Eltern. Das Thema „Bin ich gut genug für Job, Freundschaft, Beziehung …?“
zieht sich durch unser ganzes Leben. Wir leugnen, wer wir wirklich sind, um gemocht zu werden. Doch irgendwann
bricht das wahre Ich durch, und dann gerät die Beziehung (Job, Freundschaft,
Liebe) ins Wanken.

Wir können nur weiter bzw. tiefer in unseren Beziehungen
kommen, wenn wir in der Lage sind, zu erkennen was wirklich unser Verhalten ist
oder was wir nur aufgeschnappt haben von unserem Umfeld. „Sehe ich die Dinge wirklich
so oder plappere ich hier nur gerade was nach?“ Mit Bewusstsein feststellen
oder wenigstens danach reflektieren: „Wie werde ich gerade behandelt, das kenne
ich irgendwo her, das möchte ich so nich.t“ Und dann kommt hoffentlich der Mut auf
das zu sagen. Das klingt anstrengend? Das ist anstrengend!

Immer der gleiche Streit

Wenn innerhalb einer Beziehung immer und immer wieder derselbe
(Streit-)Punkt erreicht wird und dann irgendwann die Trennung folgt, dann werden
in der folgenden Beziehung die gleichen oder ähnlichen Streitpunkte kommen. Das
passiert so lange, bis das Problem gelöst ist und wenn es gelöst ist, wird ein
anderes „Problem“ auftauchen. Wir entscheiden, ob wir das mit einer Person
erleben wollen oder eben mit mehreren. Es liegt in unserer Verantwortung. Auch
liegt es an uns, dies zu verteufeln oder eben nicht. Die Elterngeneration
konnte nach außen hin den Schein wahren, einig und glücklich zu
sein. Ich glaube, dass viele sich selbst in diesen Ehen aufgegeben und
verloren haben. Diese Generation war nicht beziehungsfähiger als die heutige.
Nur weil ich heirate und es lange mit jemandem aushalte, macht mich das noch
lange nicht beziehungsfähig.

Wir sollten daher akzeptieren, dass Konflikte ganz
normal und wichtig sind für eine Beziehung und ihre Entwicklung. Was da an
Vorstellungen und Ideen des anderen herumgedoktert und erzogen wird, das ist
doch der helle Wahnsinn!

Wir haben nicht gelernt, den anderen einfach sein zu lassen. Dem anderen seine Meinung, seinen Lebensentwurf, seine
Vorstellungen zu lassen (auch damit sie sich entwickeln können), eine wertschätzende Atmosphäre zu schaffen,
in der beide Partner sich trauen sich zu zeigen, das ist die Herausforderung. 
In einer Beziehung dürfen sich die Beteiligten uneinig sein,
das ist sogar gesund. 

Ihr dürft verschieden sein. Der sichere Hafen sind eure Gemeinsamkeiten. Deswegen fragt euch: Was ist eure Schnittmenge? Wie könnt ihr sie feiern, betonen und hervorheben? Lernt auch die Seiten eures Partners schätzen, die ihr nicht so sehr mögt, denn den perfekten Partner gibt es nicht. Über diese Akzeptanz kann man wachsen, und damit ist gemeint,
wenn Leute sagen: „Wir sind zusammen mehr als die Summe unserer Teile.“

Wir können die Generation beziehungsfähig werden! Die
Voraussetzungen dafür sind gut. Uns spielt der Trend
„Bewusstsein für unser Tun und Sein“ in die Hände. Wir können bewusst
dafür entscheiden, eine Beziehung zu gestalten und wachsen zu lassen – und verbindlich zu sein.


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