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Elisabeth Wehling über Framing: „Versuchen Sie es mal: Denken Sie nicht an einen Flüchtlingstsunami! Es geht nicht“

Elisabeth Wehling lehrt und forscht in Berkeley. „Framing“, also wie Sprache unsere Wahrnehmung von Themen oder Debatten prägt, ist seit zehn Jahren ihr Thema. Wir haben mit ihr über Macht und Fallstricke des politischen Framings gesprochen – und gefragt, wie wir verhindern können, dass AfD-Sprech in unsere Gesellschaft einsickert.

Wie Framing unsere Gedanken formt

Der Begriff des „Framings“ wurde zuletzt häufig diskutiert: Etwa wenn schon wieder eine Talkshow-Redaktion auf die Idee kam, das Thema Geflüchtete vor allem im Kontext von Kriminalität und Gefahr diskutieren zu lassen. Beim Framing geht es darum, in welchem Sprachkontext Themen gesetzt werden und welche Deutungsrahmen dadurch bei den Empfänger*innen, in diesem Fall den Zuschauer*innen, aktiviert werden. Medien haben also eine enorme gesellschaftliche Verantwortung, wenn es darum geht, Themen aufzubereiten, die die Gesellschaft aktuell bewegen und möglicherweise spalten – sei es die Fluchtkrise, Islamfeindlichkeit, Rassismus oder Integration.

Elisabeth Wehling ist promovierte Linguistin und lehrt und forscht an der University of California in Berkeley. Sie ist eine der profiliertesten Expert*innen, wenn es um die Analyse von Sprache im politischen Kontext geht, ihr Buch „Politisches Framing“ erschien 2016. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie Sprache zur Manipulation von Gedanken missbraucht werden kann, warum wir alle aufpassen müssen, welchen Sprachmustern wir folgen, und wie wir verhindern können, dass das Framing der AfD in die Gesellschaft einsickert.

„Seinen eigenen Blickwinkel auf die Welt zu kommunizieren“ ist Ihre ganz knappe Definition von Framing… das ist ja eigentlich erstmal was ganz Normales, würde man als Laie zunächst denken… wann wird Framing problematisch?

„Ihre Frage legt den Blick frei auf ein grundlegendes Missverständnis zum Thema. Wir können die Welt nur denkend begreifen, indem unser Gehirn Frames aktiviert, also neuronal verankerte Deutungsrahmen. Das geschieht auch über Sprache. Jedes Wort, das wir in einer Debatte nutzen, aktiviert Frames. Manche sind neutral, andere speisen sich aus einer bestimmten moralisch-ideologisch Perspektive auf das Thema und aktivieren somit diese Perspektive bei den Rezipient*innen. Beispiel: ,Steuerlast‘ speist sich aus einer Perspektive, die Wettbewerb und Eigeninteresse betont. Wer Steuern positiv sieht, sollte das Wort meiden und von ,Steuerverantwortung‘ sprechen, um moralisch-ideologisch transparent zu sein. Wer das nicht tut, der schafft ein Transparenzproblem und es wird schwieriger, die moralischen Prämissen seiner politischen Vorhaben zu begreifen.“

Das Thema Framing ist schon lange in der gesellschaftlichen Diskussion, vor allem auch im Zusammenhang über das Sprechen und die Berichterstattung über Geflüchtete… Geflüchtete tauchen in der Berichterstattung klassischerweise als Chance oder Gefahr auf. Welche Art der Berichterstattung würden Sie empfehlen, wenn es um das Thema Geflüchtete geht, worauf muss man achten? Denn ganz ohne Framing kriegt man es wahrscheinlich nicht hin, oder?

„In der Debatte zu Flucht und Migration ist es aktuell besonders wichtig, dass politische Gruppen in ihrer Sprache ihren Idealen treu bleiben. Wer außerhalb von moralisch-ideologischen Perspektiven sprechen möchte – damit meine ich etwa Medienschaffende, deren Auftrag es teils ist, neutral zu sein – der sollte Frames meiden, die dezidiert nur eine von mehreren moralisch-ideologischen Perspektiven anbieten. Dazu gehören etwa Metaphern von Migranten und Flüchtenden als Wasserfluten und Naturkatastrophen, Beispiel: ,Flüchtlingswelle‘, ,Flüchtlingsstrom‘. Dazu gehören aber auch vermeintlich neutrale Begriffe wie ,Flüchtlingskrise‘, die implizit suggerieren, die Flüchtlinge ‚seien’ die Krise. Neutraler wäre etwa: Fluchtkrise. Als Daumenregel gilt: Wörter kritisch durchleuchten und dann abwägen, wie viel Ideologie in einem Begriff steckt und ob er sich als kommentarlos genutzter Begriff der objektiven Berichterstattung wirklich eignet.“

Vor einigen Wochen gab es ja wieder Diskussion über Framing, nachdem die Redaktion von Frank Plasberg über „kriminelle Flüchtlinge“ diskutieren ließ und Kritik an der Formulierung des Themas an sich abprallen ließ. Wie kann man Leuten antworten, die dann behaupten, man würde verbieten wollen, dass über bestimmte Themen diskutiert wird?

„Ich glaube, dass unsere Forschung im Bereich der kognitiven Linguistik und Ideologieforschung – wozu auch Framing zählt – einfach noch weiter besprochen werden muss. Wir sollten weniger aufgeregt mit dem Thema umgehen. Es ist erst zwei Jahre her, dass ich das Buch ,Politisches Framing‘ schrieb, und eine Debattenkultur ändert sich nicht von heute auf morgen. Die Redaktion von ,Hart aber fair‘ kannte offensichtlich das Buch noch gar nicht. So what, dann lesen sie es eben jetzt, und nächstes Mal machen sie es anders. Unsere Arbeit hat nicht im Geringsten damit zu tun, Menschen das Wort oder den Gedanken zu verbieten, im Gegenteil.“

Wie hätte das Thema von Plasberg stattdessen heißen können?

„Die Frage ist zu kurz gegriffen, der Titel der Sendung war nicht das Problem, sondern ihre gesamte inhaltliche Ausrichtung: Es wurde 60 Minuten diskutiert, wie kriminell Geflüchtete sind oder nicht sind, und wie es um die ,Anti-Abschiebe-Industrie‘ in Deutschland bestellt ist. Das ,Fakt ist‘-Segment zu dem Thema wurden von der Redaktion mit einem Bild von einem männlichen Angeklagten unterlegt, obwohl es nicht um Anklagen gegen Straftäter, sondern um das Stellen von Anträgen ging. Die Sendung war in vieler Hinsicht aus dem Ruder geraten, was die Frames betraf, die durch Sprache und Bilder aktiviert wurden.“

Hätte man dann aber nicht womöglich über etwas anderes geredet, und würde das heißen, dass über das Thema Kriminalität in Verbindung mit Geflüchteten nicht diskutiert werden sollte?

„Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Die Themenwahl von Redaktionen bestimmt immer auch, was in unseren Köpfen als zentrale politische Fragestellung zu einem Thema propagiert wird. Je öfter wir diskutieren, ob geflüchtete Männer, Frauen oder Kinder kriminell sind, desto stärker gräbt sich diese Assoziation in das Gehirn ein. Dahinter steht ein Prozess, der sich ,Hebbian Learning‘ nennt: Je öfter Ideen gemeinsam ausgesprochen und ergo gedacht werden, desto stärker wird ihre synaptische Verbindung. Redaktionen sollten dafür sensibel sein, und das ist nicht immer der Fall.“

Geht es also genau darum: einen anderen Fokus zu wählen, oder über das gleiche zu reden, aber mit anderem Framing? Wie könnte das aussehen?

„Wenn das Thema als zentral erachtet wird und in einer Sendung diskutiert werden soll, dann geht es als nächstes darum, als Redaktion genau darauf zu schauen, in welchen Sprach- und damit Denkwelten man sich bewegt. Zum Beispiel wäre es unklug, von Flüchtlingswellen zu sprechen, die kriminelle Menschen ins Land spülen und zu Mord und Totschlag führen, wenn die Faktenlage das nicht legitimiert. Ich glaube ehrlich gesagt, dass viele Redaktionen es im Grunde besser wissen, aber mit Blick auf die Verkäufe und Quoten den Anspruch an ihre journalistische Tätigkeit und Verantwortung schleifen lassen und sich dessen durchaus bewusst sind oder es zumindest erahnen.“

Und, mit Blick auf die mediale Debatte nach der Vergewaltigung und Tötung einer 14-jährigen Schülerin in Wiesbaden durch einen Mann mit Fluchthintergrund – wie könnte ein Talkshow-Thema lauten, das angemessen das mögliche „Problem“ – traumatisierte, womöglich durch Gewalt/Gewalterfahrungen geprägte junge Männer, die aus Krisen/Kriegsgebieten in angeblich großer Zahl zu uns kommen und womöglich nicht ausreichend aufgefangen/betreut werden – zur Debatte stellt?

„Ein solches Delikt als stellvertretend für die von Ihnen skizzierte Fragestellung zu nutzen, das impliziert immer auch, dass man die Gruppe von Menschen, um die es geht, als gewaltaffin einordnet, zumindest implizit. Ich wäre vorsichtig, solche Verbrechen als Aufhänger für das Thema zu nutzen und mich eher bemühen, weiter gefasste Debatten zu führen, die auch die Empathie gegenüber traumatisierten Kriegsflüchtlingen thematisieren und darauf eingehen, was Integration und Ankommen eigentlich bedeuten.“

Sie sagen, dass es ein Mythos sei, dass rechtes Framing einfacher ist als linkes, und Sie sagen, die linken Parteien geben sich nicht genug Mühe, können Sie das erklären?

„Wie eben besprochen, fängt das schon beim Thema Steuern an. Das Wort Steuerverantwortung ist nicht kompliziert. Und es ist für einen progressiv-sozialen Politiker die ehrlichere Wortwahl.“

Und Sie sagen, dass man Sprachbilder auf AfD-Niveau, also „Flüchtlingswelle“ und so weiter, erst gar nicht aufgreifen sollte… wie könnte das denn gehen, eigene positive Frames zu setzen?

„Man kann etwa von Menschen auf der Flucht sprechen.“

Warum ist es nicht gut, sich am Framing von Parteien wie der AfD abzuarbeiten?

„Wer eine Idee negiert, der aktiviert sie – und propagiert sie neuronal über das Hebbian Learning, das wir eben besprachen. Versuchen Sie es einmal: Denken Sie nicht an einen Flüchtlingstsunami! Es geht nicht.“

Im Interview mit der ,taz‘ sagten Sie: „Demokratische und progressive Geschichten sollten erzählt werden, mit Frames von Empathie, Miteinander, Nächstenliebe, gegenseitiger Befähigung und Schutz. Dass die funktionieren, hat die Popkultur mit Filmen, Büchern und Theaterstücken, die auf diesen Werten basieren, immer wieder gezeigt. Die Parteien müssen sich mal hinsetzen und die moralischen Prämissen ihrer Politik punktgenau klären und sprachlich durchdeklinieren.“ Hätten Sie da womöglich ein aktuelles Beispiel, wie zum Beispiel Parteien, die der Zuwanderung positiver gegenüberstehen als etwas die AfD oder Horst Seehofer, ein Framing machen können, das die Leute überzeugt?

„Sicher. Es beginnt mit Begriffen, die Flüchtende nicht zum Problem machen, sondern als Problem definieren, dass es Krieg und Vertreibung gibt. Also kann man anstelle von einer Flüchtlingskrise von einer Fluchtkrise sprechen, oder auch eine Kriegskrise in Syrien oder Vertreibungskrise. Die Flüchtlingswelle kann man ersetzen durch Menschen auf der Flucht oder flüchtende Menschen. Mit Menschen hat man Empathie. Mit Naturkatastrophen nicht.“

Wie würden Sie Kritiker*innen begegnen, die sagen, jetzt dürfe man nicht mal mehr über Flüchtlinge reden?

„Man muss über Migration und Flucht sprechen, und dabei möglichst solche Wörter und Argumente nutzen, die helfen, die eigene Sicht auf die Dinge für Rezipienten nachvollziehbar zu machen. Sonst wird es schwer mit der Meinungsvielfalt und dem konstruktiven politischen Miteinander.“

AfD-Gäste in Talkshows: Ja oder Nein? Und warum?

„Sicherlich. Und man sollte auf viele Dinge achten, auch die Frames, die man in der Sendung nutzt und die Frage, wie man die Diskussion anleitet. Man sollte vielleicht auch darauf achten, AfD-Sprache nicht reflexartig zum Titel der Show zu machen. Beispiel: Die Maischberger-Sendung ,Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF?‘ mit einer geladenen Frau von Storch als einzige anwesende Politikerin war aus Framing-Sicht problematisch.“

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Studium der Politikwissenschaften, nach Ausbildung zur Redakteurin an der Berliner Journalisten-Schule Stationen bei NEON Online und Vanity Fair, freie Autorin für Magazine, Zeitungen und Online, Buchautorin, seit November 2014 Redakteurin bei EDITION F mit Schwerpunkt Familie und Gesellschaft, seit Januar 2020 Textchefin. Foto: Jennifer Fey

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