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Doch, Erziehen kann leicht sein – Tipps von einer Elterntrainerin (die auch wirklich funktionieren!)

Uta Allgaier ist Elterntrainerin und testet seit der Geburt ihrer Kinder, welche Erziehungsliteratur in der Praxis wirklich etwas taugt.

 

So klappt’s mit dem (einigermaßen) entspannten Familienleben

Ihr Blog heißt  „Wer ist eigentlich dran mit Katzenklo – der Blog für ein entspanntes Familienleben“: Uta Allgaier ist Journalistin und arbeitet auch als Elterntrainerin. Sie ist die Mutter von zwei Kindern: Kronprinz, 17, und Prinzessin, 14. Und sie probiert aus, was sie in diversen Erziehungsratgebern als schlaue Tipps zu lesen bekommt – und was wirklich funktioniert, das gibt sie an andere Eltern weiter. Ein Best of ist nun als Buch erschienen. Wir bringen einen Auszug:

Strafe oder logische Konsequenz?

Die Journalistin und Elterntrainerin Uta Allgaier, Bild: Stefanie Zillessen

Ich werde oft gefragt, was man gegen das Trödeln bei Kindern tun könne. Das fragt man mich? Ich erhole mich heute noch von den Kämpfen, die wir mit Kronprinz hatten, weil es ewig dauerte, bis er die Jacke anzog und den Ranzen schulterte, um endlich in die Grundschule zu gehen. Da war die Cornflakes-Schachtel, in die er Fenster schneiden musste, da tauchte das Legoteil auf, das er so lange vermisst hatte, da musste das Zahnpasta-U-Boot imWaschbecken seine Torpedos abfeuern. Regelmäßig waren mein Mann und ich mit den Nerven am Ende, ehe der Tag richtig begonnen hatte.

Wenn man daneben steht, wird es meistens noch schlimmer. Schnell entstehen Machtspielchen und das „Ich zähle bis drei, dann hast du deine Jacke an“ nutzt sich schnell ab. Vor allen Dingen: Was machenEltern, wenn sie „zwei-dreiviertel“ zählen und die Jacke immer noch am Haken hängt? Das Kind packen und aus dem Haus zerren? Schon mal voraus laufen und hoffen, dass es nachkommt? Fernsehverbot? Der Kronprinz spürte genau, wie verliebt ich in ihn war (und bin), gerade wegen seiner überbordenden Fantasie und seiner Verträumtheit. Und er musste jedes Mal austesten, wie weit er damit gehen konnte.

Meine Tipps:

Werdet euch klar, dass da eine Situation besteht, die ihr nicht mehr aushaltet.

Macht euch bewusst, dass man als Eltern eine klare Haltung einnehmen muss. In meinem Fall gab es tief in mir drin eine Wehmut: „Schade, dass mein kleiner Träumer zur Schule muss.“ Kinder sind Experten im Aufspüren von Unsicherheit und Unentschiedenheit. Die merken sofort, wenn wir wankelmütig sind.

Formuliert für euch selbst eineklare Position und verinnerlicht: „Der Kronprinz geht ab morgen ohne Stress pünktlich zur Schule. Das ist wichtig für ihn und für mich. Ende-Gelände.“ Ich bleibe ruhig und gelassen und –Achtung, jetzt kommt das Entscheidende – lasse es geschehen, dass er vielleicht einige Male richtig zu spät kommen wird. Es kann sinnvoll sein, die Lehrerin (und eventuell den eigenen Arbeitgeber)in dieses Vorgehen einzuweihen.

Ihr ahnt schon, worum es geht: die logische Konsequenz. Wenn meine Teenager ihre Schmutzwäsche nicht in den Wäschekorb tun, wird sie nicht gewaschen. Wenn es mit demZähneputzen bei Kindern im Grundschulalter nicht verlässlich klappt, kaufe ich keine Süßigkeiten. Wer sein Zimmer nicht einmal die Woche aufräumt, muss damit leben, dass es nicht geputzt wird. Wer ein Glas fallen lässt, fegt die Scherben auf (oder hilft dabei, je nach Alter). Wer seine iTunes-Schulden nicht bezahlen kann ,arbeitet sie ab (Auto aussaugen, Rasen mähen, Laub fegen). Wer ständig draußen auf Strümpfen herumläuft, zahlt vom Taschengeld eine kleine Sockensteuer. Das kleine Mädchen, das darauf besteht, jeden Morgen in die Kita das Prinzessinnenkleid anzuziehen, darf in dieser Robe nur in die Bücherecke und nicht in die Matschzone (kein Zwingen, kein Schimpfen, aber Absprache mit der Erzieherin). Wer sich nicht mit einem Sonnenschutzmittel eincremen lässt, bleibt im Haus. Diese Maßnahmen klingen hart, sind aber Schimpftiraden oder Strafen deutlich vorzuziehen. Hier seht ihr die kleinen, aber entscheidenden Unterschiede zwischen logischer Konsequenz und Strafe:

Logische Konsequenz

Strafe

Direkter Zusammenhang zum Geschehen

Ohne Zusammenhang, eher Vergeltung

Realität bestimmt das Maß

Oft unangemessen

Wertfrei

Enthält oft moralisches Urteil

Es geht um den Sachverhalt

Es geht um die Person

Keine Abwertung der Person

Demütigend

Stellt die Beziehung nicht in den Mittelpunkt

Gefährdet die gute Beziehung

Sachlich

Ärgerliche Grundstimmung

Das Kind lernt, Verantwortung zu übernehmen

Das Kind wird zum Befehlsempfänger und lehnt sich irgendwannauf

Das ist ein komplexes Thema und ich hoffe, ich erschlage euch damit nicht, denn es geht noch weiter mit den Unterscheidungen: Es gibt Eltern, die logische Konsequenzen als Strafe einsetzen. Das erkennt man daran, dass sie ihr Kind eine Erfahrung machen lassen und danach sagen: „Siehst du!“ – „Habe ich doch gleich gesagt.“ – „Das passiert eben, wenn man so ein Chaot ist.“ – „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Das sind Sätze aus dem Giftschrank.

Dann gibt es Eltern, die ohne Ende Folgen androhen, aber nie auch nur eine einzige tatsächlich eintreten lassen. Diese machen sich zur Witzfigurfür ihre Kinder. Ständig ist schlechte Stimmung und Stress. Nichts wird erreicht. Das andere Extrem sind die Eltern der harten Schule. Sie sind stolz darauf, dass sie ihre Kinder in jedes Messer laufenlassen, das das Leben so bietet. Diese Kinder werden durchsetzungsfähig und selbstständig, erfahren Familie aber nicht als wärmende Gemeinschaft. Was funktioniert, ist wieder einmal die Mitte. Kinder sollten Familie erfahren als einen Ort, wo man sich gegenseitig gern hilft, man auch den Müll rausbringt (Kind) oder auch das Turnzeug in die Schule nachträgt (Eltern).

Nur wenn eine Erziehungssituation verfahren ist, das Kind sich immer darauf verlässt, dass die Eltern alles wieder hinbiegen werden, sollten die Eltern den Mut haben, das Schiff auch mal auf Grund laufen zu lassen.

Aus: Doch! Erziehen kann leicht sein. Hilfreiche Geschichten und Tipps aus der Familie einer Elterntrainerin, Ellert & Richter Verlag, 240 Seiten, 14,95 Euro


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