Foto: Lisa Seeligs Bastelstube

Bekenntnisse aus der Bastelhölle

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: mangelnde Kooperationsbereitschaft.

Some Nice DIY with Kids

Bestimmt habt ihr schon gestaunt über das schöne Titelfoto, nicht? Hab ich, ich meine wir, selbst gebastelt („The most BOO-tiful halloween craft project!). Was ich bisher versäumt habe: das Bild auf meinen Instagram-Account hochzuladen („Had a lot of fun this afternoon doing some gorgeous DIY-stuff with the kids #diy #diywithkids #sweetpaul).

Immerhin, der Halloween-Kürbis, den ich, äh wir, vor ein paar Wochen geschnitzt haben, findet sich bei Instagram. Wie so vielen anderen Eltern ist es nämlich auch mir ein natürliches Bedürfnis, der Weltöffentlichkeit zu zeigen, was für prima Aktivitäten ich mit meinen Kindern so auf die Beine stelle – einfach mal so zwischendurch nach der Kita, aber natürlich besonders rund um besondere Anlässe, und wie viel Spaß uns das macht, quality time miteinander zu verbringen.

Klar, dass ich jetzt zu Weihnachten besonders am Rad drehe. Ich verbringe schlaflose Nächte damit, darüber nachzudenken, womit die Adventskalender befüllt werden, welche Plätzchensorten die Kinder und ich backen werden und welche entzückenden Bastelideen wir dieses Jahr umsetzen werden.

Sagen wir es offen: Basteln ist besser ohne Kinder

Hier gibt es so viele wunderbare Ideen, und „Brigitte“ schickt mir nicht nur jeden Tag meinen Plätzchen-Newsletter, sondern hat zum Beispiel auch die Anleitung für diese reizende Winterlandschaft für die Fensterbank. Die werde ich, ich meine wir, dieses Jahr basteln. Besonders toll: Vor dem Basteln könnte ich mit den Kindern einen romantischen Winterspaziergang machen, in den Wald, um Moos zu sammeln, und danach kehren wir mit rotgefrorenen Bäckchen heim und ich mache erstmal heißen Kakao, und Bratäpfel, und wir essen ein paar unserer selbstgebackenen Plätzchen (#christmascookies2015).

Und jetzt: Schnitt in die graue Realität. Ich dachte immer, das Schöne am Kinderhaben, das hatte ich mir nämlich vorher in den pastelligsten Farben ausgemalt, wäre die Wiederaufnahme von Aktivitäten, für die man ohne Kinder keine seriöse Grundlage gehabt hatte, ohne als Freak zu gelten. (Ich habe meine Eltern zwar bis ins höhere Studentenalter gezwungen, Ostereier im Garten zu verstecken, aber irgenwann bemerkte ich an den hilf- und ratlosen Blicken, dass diese Ära zu Ende gehen sollte.)

Ich sage das wirklich nicht gern, aber: Die meisten dieser Aktivitäten machen ohne Kinder mehr Spaß. Im Grunde, ich muss das leider so offen konstatieren, stören Kinder beim Backen und Basteln nur. Ohne Kinder: kein Handgemenge, weil das zweijährige Kind ständig den Klebestift komplett ausfahren will; keine Mehlschwaden zwischen den Dielenritzen, keine klebrigen Teigreste überall; keine brüllenden Kinder, die sauer sind, weil sie nicht einsehen, warum sie aus einem Klumpen Teig mühsam Formen ausstechen sollen, wenn er doch ungeformt und roh ebenso essbar ist; keine brüllenden Kinder, die zu doof sind, eine Schere zu halten. Und ganz davon abgesehen: Das undankbare Pack will überhaupt nicht basteln.

Ich muss also zugeben, dass unser Bastelnachmittag in echt so ablief:

Ich sagte: „Kommt Kinder, lasst uns basteln! Ich habe da eine prima Bastelidee gefunden!“

Das vierjährige Kind sagte: „Wir können auf YouTube ja Videos von anderen Menschen anschauen, die basteln.“

Ich sagte: „Also ich jedenfalls bastle jetzt.“ Dann bastelte ich the most BOO-tiful halloween craft project. Das vierjährige Kind brüllte derweil im Hintergrund, weil es keine Pink-Panther-Folge auf dem iPad gucken durfte, das zweijährige Kind sah sich Fotos auf dem iPhone an.

Aber ist echt gut geworden, oder?

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