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Wie ich neulich ins Visier des Kinderschutzbundes geriet

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: gestörte Außenwahrnehmung.

Ich wär ja auch gern Streetstyle-Ikone

Es ist doch so: Mir wär es auch lieber, ich würde mit meiner kleinen Vorzeigefamilie immer so aussehen, wenn ich auf den Straßen von Berlin, London, New York, Mailand oder…naja, Berlin unterwegs bin. Oder so.

Mein Leben ist aber leider nur in einer übersichtlichen Anzahl von Momenten Hauptstadtmutti-Streetstyle-tauglich. Und das liegt nicht nur an mir. Zumindest das Kind wäre angemessen ausstaffiert. Denn auch ich habe mir eine bittere und eigentlich nicht hinnehmbare Unsitte angewöhnt, von der mir schon mehrere Freundinnen mit Kindern berichtet haben: sich bei COS, Zara oder wo auch immer in der Damenabteilung nicht mehr richtig konzentrieren können und am Ende immer unvermeidlich bei den Kindersachen landen, wo man unter Entzückensschreien kleine Dufflecoats, winzige Etuikleidchen und gesmokte Blusen erwirbt.

In meinem Fall ist das einfach nur blödsinnig. Kein Wunder, dass ich in keinem Family-Streetstyle-Blog auftauche, wir sehen einfach zu verwahrlost aus. Und das, obwohl das Kind einen kompletten Schrank voll hat mit gesmoktem Kram; das Dumme ist nur, es zieht ihn ungern an. Besser gesagt: Man kann zurzeit froh sein, wenn es überhaupt etwas anhat, wenn es das Haus verlässt.

Öfter mal die falsche Außenwirkung

Dieser Umstand führt dazu, dass meine Familie, so fürchte ich, nach außen hin und wieder einen Eindruck macht, der ihr nicht gerecht wird. Zum Beispiel neulich:

Im Dezember, alternativer, hübscher Hipster-Weihnachtsmarkt an der Spree. Das Kind hat sich gerade bei etwa vier Grad seines vorhin mühsam aufgezwungenen Dufflecoats entledigt, dazu auch gleich seines Pullovers. Es hat neuerdings eine gute Ausrede dafür: „Yoga machen muss“. In der Kita wird neuerdings Yoga praktiziert, und dabei scheint man weniger anhaben zu dürfen. Alibimäßig deutet es dann kurz einen aufschauenden Hund an. Mir ist das mittlerweile egal, wenn ich zwischen öffentlicher Randale und Lungenentzündung wählen muss, nehme ich Lungenentzündung.

Das Kind also schlittert in Body, Strumpfhose und an der Sohle rot-blau blinkenden Winterstiefelchen und mit wirrem Haar auf der gerade nicht genutzten Curling-Bahn herum, zusammen mit einer Horde Kinder von Freunden, mit denen wir hier unterwegs sind.

Das zweijährige Kind mit dem wirren Haar beginnt damit, auch einen Kopf größeren Kindern den Zutritt zur Eisfläche in bester Türsteher-Manier zu verweigern: flache Hand in den Bauch rammen und sehr bestimmt „Du nitt!“ rufen.

Ein kleines Kind heult, manche Eltern finden das Kind mit den blinkenden Stiefeln lustig, manche eher nicht. Und ich steh mal wieder blöd da. Verdammt nochmal, würde ich gern rufen, ihr müsst mir glauben: Ich habe wirklich alles dafür getan, aus diesem Kind ein Individuum zu formen, das gerne gesmokte Blusen und Dufflecoats anzieht und sich anderen Menschen gegenüber empathisch verhält. Klappt halt nicht immer. Meine Mutter, Meisterin des Euphemismus, würde sagen: „eine besondere kleine Persönlichkeit mit ihrer ganz eigenen Würde“.

„Igitt, du stinkst nach Alkohol!“

„Ah, naja, drei große Brüder, kein Wunder“, sagt eine Mutter in einem Tonfall, den ich nicht so recht zu deuten vermag, mit Blick auf die phänotypisch ähnlichen, strohblonden Jungen zwischen fünf und 15, die ebenfalls auf der Eisfläche zu finden sind.

Ich überlege noch, ob ich gerade als in die Jahre gekommene Teen Mom gedisst wurde, da brüllt einer der zahlreichen großen Brüder in Richtung Türsteher-Kind: „Iiihh, du stinkst nach Alkohol!“.

„Entschuldigung, aber hat er gerade wirklich gesagt ,du stinkst nach Alkohol?’“, erkundigt sich eine Frau. Ich denke kurz über einen Witz nach, von wegen „kann eigentlich nicht sein, Wodka riecht man doch gar nicht“, erkläre dann aber doch lieber, dass es da vorhin einen kleinen Unfall mit Glühwein gab (an dem eine andere erwachsene Person beteiligt und schuld war, nicht ich!).

„Ach so“, sagt da die Frau, „ich arbeite nämlich beim Kinderschutzbund und dachte schon…“ – wahrscheinlich war das jetzt wiederum ein Witz. Oder? Und: Was dachte sie schon? Ich meine, an dem Tag lief es womöglich wirklich nicht optimal: Das Kind schlecht angezogen, schlecht benommen, schlecht betreut…bloß weg hier.

Seit diesem Tag habe ich manchmal eine schlaflose Nacht beim Gedanken daran, dass meine Vorzeigefamilie damals gerade nochmal so vom Radar der zuständigen Behörden verschwinden konnte.

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