Foto: Cecil W. Stoughton

Die Kunst des Mommyjackings: „Krieg erstmal Kinder, dann ist bei dir jeden Tag Marathon!“

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Mommyjacking.

„Ihr wart mal lustig. Jetzt seid ihr Eltern“

Neulich schrieb mir eine Freundin, ich müsse in meiner Kolumne unbedingt mal das Phänomen „Mommyjacking“ bearbeiten. Ich machte eine Recherche und fand diesen wunderbar gemeinen Blog, der die Sache ganz hervorragend auf den Punkt bringt („You
used to be fun. Now you have a baby“) und all den selbstgerechten, betulichen, ignoranten Blödsinn zusammenträgt, den Eltern bevorzugt in den sozialen Netzwerken hinterlassen.

Aber auch jenseits von Social Media wird geplagten Nicht-Eltern das Phänomen bekannt vorkommen: Dieser seltsame Drang von Müttern und Vätern, jedes noch so kinderferne Thema durch das Einstreuen von Kommentaren mit Kinder-Bezug zu kontaminieren. Das Schlimme: Auch ich mache das gelegentlich, dabei will ich das natürlich gar nicht; ich kann nicht anders.

Müde dürfen nur Eltern und Ärzte sein

Auf Müdigkeit zum Beispiel haben grundsätzlich nur Eltern ein Anrecht, das sehe ich ganz genauso. Bis sechs Uhr morgens im Club rumgehangen? Binge-Watching der neuen Lieblingsserie betrieben? Früher Flug? Nicht einschlafen können? Come on! Give me a break! Ach Gottchen! Dann heul doch! Steh du mal zweieinhalb Jahre am Stück zwischen fünf und sechs Uhr auf jeden Morgen,
dann reden wir weiter!

Bei Eltern ist das womöglich so ähnlich wie bei Leuten, die eine schlimme Krankheit haben; man hat zumindest die Möglichkeit, was Spannendes zu erzählen und damit im Mittelpunkt zu stehen, Stichwort: sekundärer Krankheitsgewinn.

Und genau so ist das mit Kindern: Es ist natürlich der absolute Horror, dass man seit Monaten, ach was, seit Jahren keine Nacht mehr vernünftigen Schlaf bekommen hat; dass die Partnerschaft wegen chronisch schlechter Laune auf der Kippe steht; dass die Haut aussieht, als würde man täglich ein Crackpfeifchen rauchen, also: Da wird man ja wohl wenigstens noch ein bisschen mit seinem Martyrium prahlen und die lahmen Geschichten von anderen übertrumpfen dürfen! Merke: Ein Anrecht auf Müdigkeit haben außer Leuten mit Kindern höchstens noch Ärzte und Pflegepersonal im Schichtdienst.

Ein weiteres interessantes Phänomen ist, dass Mommyjacker grundsätzlich das Bedürfnis haben, Meilensteine aus dem Leben anderer Menschen durch kinderbezogene Beiträge abzuwerten. Wer auf Facebook stolz den ersten erfolgreich absolvierten Ironman Hawaii verkündet, darf sich nicht wundern, wenn er an prominenter Stelle in der Kommentarliste auch „Krieg erstmal zwei Kinder, dann hast du jeden Tag Triathlon“ reingedrückt bekommt. Natürlich versehen mit fröhlichem Emoticon. Har, har!

Mein Kind ist viel wichtiger als deine Verlobung!

„Und dabei hast du ja noch nicht mal Kinder!“ ist ebenfalls eine beliebte Standardanmerkung von Mommyjackern, eigentliche Botschaft: Hör auf zu jammern, mir braucht keiner erzählen, was Multitasking/Stress/Psychoterror wirklich ist.

Wie der geschätzte Kollege Christoph Koch sehr treffend zum Thema schreibt: „Und
egal, was man auf Facebook postet – es wird sich ein Mommyjacker finden, der einen Kommentar daruntersetzt, dessen Subtext schreit: „Hey! Ich und mein Kind sind viel wichtiger als deine Verlobung oder dein Horrortag im Büro!“

Was, jemand ist ausgebrannt und macht drei Monate Sabbatical? Lehrbuch-Antwort des Mommyjackers: „Stell dich nicht so an, andere Leute haben drei Kinder“. Kinder gelten dem Mommyjacker also als eine Art Belastungs-Superlativ, mithilfe dessen man jede noch so nervenzehrende Story überbieten kann. Dem Mommyjacker fällt womöglich gar nicht auf, dass er sich dabei immer selbst kräftig auf die Schultern klopft, das aber stets zu Lasten der Kinder passiert.

Es gibt natürlich noch die äußerst harmlosen, wenn auch nicht weniger enervierenden Mommyjacker, die zu einem beliebigen Kommentar eine noch so weit hergeholte, krude Verbindung herstellen können. Unter „Endlich: Geschafft! Nach sechs Jahren, fünf Monaten und 23 Tagen: Doktorarbeit abgegeben“ postet man also „Lustig, echt ein Zufall! Unsere kleine Maus ist nur zweieinhalb Monate jünger als deine Doktorarbeit :)“

Warum machen die das?

Oft merken Mommyjacker womöglich gar nicht, was sie da tun; ihr Leben ist eine derart von Kindern verseuchte Filter Bubble, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, originelle Kommentare ohne Kinderbezug zu formulieren.

Und da ist dieses Gefühl, das wahrscheinlich viele Eltern kennen: Muss ja nicht gleich in „Regretting Motherhood“ ausarten, aber ein bisschen verbittert ist man ja schon, wenn die Facebook-Freunde ihre geilen Südamerika-Reisen, Verlobungen in den Alpen und Mini-Breaks im Tessin posten, und man selbst abgestumpft in seiner schlecht gelüfteten Bude hockt und das Gefühl hat, die glamourösen Phasen des Lebens lägen nun endgültig hinter einem. Mommyjacking ist auch Kanalisation von Frust.

Zu guter Letzt denken Mommyjacker manchmal, sie wären lustig. Ich zum Beispiel. Neulich also, ich sitze mit einer Freundin in einer Bar, sie arbeitet in der Gastronomie und erzählt von einem Worst-Case-Szenario, sozusagen dem D-Day jeder Fußballkneipe: Wenige Minuten vor Anpfiff eines sehr, sehr wichtigen Spiels von Borussia Mönchengladbach gab Sky den Geist auf. Während sie verzweifelt auf dem Dach herumkletterte und unter Einsatz ihres Lebens Antennen zurechtbog, ging die besorgte Stimmung im Gastraum in eine Meuterei über. Und ich so: „Du hast ja keine Ahnung, was bei uns los wäre, wenn sonntags um halb
zwölf die ,Sendung mit der Maus’ nicht funktionieren würde…“

Ja, schon gut. Wird nicht wieder vorkommen.

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