Foto: Nathan Dumlao I Unsplash

Beginnt das Empowerment von Kleinkindern wirklich beim Windelwechseln?

Eine australische Sexualpädagogin empfiehlt in einem Fernsehinterview, Babys vor dem Wickeln um Zustimmung zu bitten. Für die versammelten Internet-Trolle natürlich eine Wahnsinnsgelegenheit für einen, hihi, Shitstorm.

Grenzen respektieren von Geburt an

Immer, wenn im Netz mal wieder irgendeine irre Geschichte rumgeht, von Wissenschaftler*innen, die seltsame Ideen rund ums Thema Kinder haben, oder Eltern, die nicht minder seltsame Dinge in Bezug auf ihre Kinder praktizieren, geht hier bei uns in der Redaktion eine Mail rum, ob sich jemand von den Müttern des Themas mal annehmen könnte; ich tu das sehr gern, ist schließlich mein Job. Gelegenheiten gibt es genug.

Deanne Carson hat am 8. Mai dem australischen Fernsehsender ABC ein Interview gegeben. In diesem Interview regt sie an, Eltern sollten ihre Kinder vorher um Zustimmung bitten, bevor sie eine frische Windel anlegen. Natürlich eine Einladung für einen Shitstorm sondergleichen und halblustige Kommentare darüber, dass man seit drei Tagen versuche, sein Kind zu wickeln, aber es habe immer noch nicht „Ja“ gesagt. Harhar.

Wickeln gegen Widerstand

Ich mach das übrigens so: Ich frage mein süßes, eineinhalbjähriges, von uns liebevoll „der feiste Diktator“ genanntes Baby bei jedem Windelwechsel, also etwa zweimal am Tag (beim dritten Kind wird man da etwas großzügiger), ob es vom Timing her gerade passen würde, eine frische Windel anzulegen. Der feiste Diktator haut mir dann sein Bilderbuch um die Ohren und sagt „Nei!“. Ich robbe dem flüchtenden Diktator mehrere hundert Meter durch die Wohnung hinterher, er watschelt voraus, das wird mir dann irgendwann zu blöd, ich ringe ihn nieder und lege gegen seinen Widerstand die Windel an. Ist jetzt auch nicht wirklich ideal, schon klar, aber wenn ich den Widerstand vom Diktator berücksichtigen würde, hätte er in seinem Leben genau nullmal die Zähne geputzt, das geht ja auch nicht.

Aber was ich damit sagen will: Auch ich beherzige den Ratschlag der Sexualpädagogin nur zum Teil (vorher um Erlaubnis fragen: ja, Antwort respektieren: nein), auch ich halte ihn womöglich in der Realität nicht für immer, nun ja, praktikabel, aber man kann sich doch gefälligst ganz kurz die Mühe machen, heraushören zu wollen, was die Frau eigentlich sagen wollte. Sie wollte nämlich zum Ausdruck bringen: Schon im Babyalter können Eltern damit anfangen, ihr Kind mit einer „Culture of Consent“ vertraut zu machen. Soll heißen: Wer beim Wickeln Kontakt mit dem Kind aufnimmt, vielleicht durch Blicke, oder ein Späßchen, oder Kuscheln, whatever, der vermittelt diesem Kind sicher ein besseres Gefühl, als wenn man sich das Kind ruppig greift, mal schnell eine neue Windel anlegt, und fertig. Hier hat Deanne Carson erklärt, was sie mit dem Begriff „Consent Culture“ im Babyalter eigentlich meint. Sie schreibt: „Wenn es um intimen Kontakt mit einer anderen Person geht – was können wir dafür tun, damit wir das mit Empathie, Fürsorge und dem Wunsch, die andere Person glücklich zu machen, angehen?“

Respekt für Grenzen von Anfang an

Carson ist, wie gesagt, Sexualpädagogin, und sie setzt sich dafür ein, Kinder schon in frühen Jahren eine „Culture of Consent“, also etwa eine Kultur der Einvernehmlichkeit, zu vermitteln. Denn Kindern würden nur davon profitieren, wenn sie von Anfang an erfahren haben, dass ihre persönlichen Grenzen respektiert werden, und nicht darauf hoffen müssen, dass das Gegenüber dann im Teenageralter weiß, was es heißt, Respekt für Grenzen zu haben, und wie man körperliche Signale richtig deutet.

Carson sagt: „Eine Kultur der Einvernehmlichkeit von Geburt an zu schaffen, bedeutet nicht, mit Babys über Sex zu sprechen. Es bedeutet, eine Basis zu schaffen und Kinder mit wechselseitiger Kommunikation vertraut zu machen. Es bedeutet, Empathie zu vermitteln und unseren Kindern zu zeigen, wie sie die Grenzen anderer erkennen und respektieren können.“

Aber darüber Witze zu machen ist natürlich erheblich schwieriger, als einen eventuell missverständlichen Satz ins Lächerliche zu ziehen.

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Lisa Seelig arbeitet seit Ende 2014 für EDITION F, erst als Redakteurin, seit Januar 2020 als Textchefin. Ihre Themenschwerpunkte bei EF sind Familie, Leben mit Kindern und Geschlechtergerechtigkeit. Seit 2015 schreibt sie in ihrer Kolumne über die Freuden und Schrecken von Mutterschaft. Vorher hat sie einige populäre Sachbücher geschrieben und als freie Autorin für Zeitungen, Magazine und Online gearbeitet, darunter Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, Zeit Online, dummy und Neon. Wichtigstes Learning aus der Journalistenschule: „Das versendet sich.“ Foto: Jennifer Fey

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