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Wie ich es geschafft habe, meine Magenprobleme als Kompass zu nutzen

Jahrelang hatte ich schlimme Magenbeschwerden – und keine Ahnung, wo sie herkamen. Während einer Therapie lernte ich, auf mein Bauchgefühl zu hören.

 

Bauchschmerzen und Einsamkeit 

Seit ungefähr zehn Jahren habe ich einen tagtäglichen Begleiter: meinen
hypersensiblen Bauch. Anfangs hat er sich leise angeschlichen und nur selten bemerkbar gemacht. Hier mal Schmerzen, ein Drücken oder Zwicken, da mal eine ungewohnte Reaktion – nichts Dramatisches. Für mich gab es keinen Anlass, dahinter mehr als nur ein bisschen Stress oder einen gelegentlichen Ernährungsfauxpas zu vermuten.

Also ignorierte ich meine Wehwehchen bis sie ihr Eigenleben entwickelten. Innerhalb eines Jahres wurde aus den ab und zu auftretenden Beschwerden ein ausgewachsenes Problem. Ständige Bauchschmerzen, Übelkeit, massive Einschränkungen der Ernährung, weil ich quasi nichts mehr vertragen habe und nicht weiter ausführenswerte Verdauungsprobleme gehörten nun zu meinem Alltag. Das hatte Folgen. Damals noch Oberstufenschülerin, ging ich kaum noch zur Schule. Ich fühlte mich zu unwohl und schämte mich für mein Problem. Zudem verlor ich durch die eingeschränkte Ernährung einiges an Gewicht, was die schuleigene Gerüchteküche dazu verleitete mir eine Reihe phantasievoll zusammengesponnener Störungen wie Magersucht oder Drogenprobleme anzudichten.

Ein Ärztemarathon ohne Happy End 

Weil das wahrlich keine schönen Lebensumstände waren, begab ich mich in
fachkundige Hände. Darauf folgte: eine jahrelange Artzodyssee, deren Ergebnisse und Diagnosen nicht minder kreativ waren: Laktose-, Fruktose- und Histaminintoleranz? Check! Reizmagen und Reizdarm? Check! Chronische Magenschleimhautentzündung? Check! Hat irgendeine der Diagnose und Behandlungsmethoden jemals dauerhaft geholfen? Tja, hier kann ich leider kein Häkchen setzen.

Wann immer eine Behandlung mal wieder nicht den gewünschten Effekt
erzielt hatte, lautete die schwammige Antwort der Ärzte: „Wenn das nicht hilft, haben sie wohl eine psychosomatische Erkrankung. Ihr Körper ist gesund und funktionsfähig, das Problem ist psychisch bedingt.”

Die Do-it-yourself-Behandlung, die alles noch schlimmer machte

Gefrustet von diesem Ergebnis machte ich alleine weiter, in der
Hoffnung, die Krankheit selbst loszuwerden. Wenn das Problem nur in meinem Kopf ist – so meine damalige Logik – kann ich es auch wegdenken. Ich muss meinen Symptomen einfach weniger Beachtung schenken und die Problematik weitgehend ignorieren.

Ich fand mich also mit meiner Situation ab und es ging mir mal besser
und mal schlechter damit. Das Studium, Jobs, Umzüge, Reisen und mein
Sozialleben funktionierten mit Hilfe diverser Pillen und Rituale, die ich mir
angewöhnt hatte. So war das Leben irgendwie erträglich und ich funktionierte eben.

Doch die Krankheit hatte langsam aber sicher begonnen, mein Leben zu beherrschen. Mein vermeintlich hilfreiches Konstrukt zur Alltagsbewältigung half nicht dabei die Aufmerksamkeit weg von den Beschwerden zu lenken, sondern stellte sie erst recht in den Mittelpunkt. Ich versuchte meinen Körper zu kontrollieren, um unberechenbare Beschwerden zu vermeiden. Ich dachte, dass ich so entspannt und unbeschwert sein könnte. Dabei fing ich an, meinen Alltag akribisch zu planen, stellte mir seltsame Regeln auf und nahm Tabletten nicht mehr im akuten Fall, sondern zur Prophylaxe. Ich fühlte mich abhängig von diesen Methoden und wurde nervös in unbekannten Situationen oder bei spontanen Aktivitäten. Wenn ich mal eine meiner Kontrollhandlungen vergessen hatte, überzeugte ich mich selbst davon, hilflos ausgeliefert zu sein und war eher überrascht, wenn mein Magen nicht sofort in den Rebelliermodus verfiel.

Erster Schritt zur Besserung: Das Problem verstehen

So musste ich mir eingestehen, dass sich über die Jahre auch eine
psychische Baustelle entwickelt hatte. Willkommen am Tiefpunkt meines jungen
Lebens. Mit der bekannten Diagnose psychosomatische Störung und einer
Depression im Anfangsstadium landete ich bei einer Therapeutin und begann eine Verhaltenstherapie. Und wie man es von zahlreichen Geschichten und Leidenswegen kennt, war auch mein Tiefpunkt gleichzeitig der entscheidende Wendepunkt.

In der Therapie lernte ich, warum mein Verhalten kontraproduktiv für
meine Heilung war. Psychosomatische Erkrankungen übermitteln auf der körperlichen Ebene eine Botschaft aus der Psyche, die nicht verstanden oder gehört wurde. Sie sind quasi ein pathologisches Kommunikationsproblem. Soweit so vereinfacht und in meinem spezifischen Fall absolut zutreffend.

Meine körperlichen Probleme manifestierten sich in Magen und Darm, also ich Bauch. Psychisch steckt dahinter ein gestörtes Bauchgefühl – also Probleme im Umgang mit meinen Emotionen und meiner Intuition. Mein Bauch rebellierte, um sich Raum zu nehmen und Aufmerksamkeit zu bekommen, weil er vom Kopf wahlweise reguliert, kontrolliert oder ignoriert wurde. Statt in harmonischer Symbiose zu leben und ein funktionierendes Geflecht aus rational-analytischen und emotional-intuitiven Verhalten darzustellen, lebten Kopf und Bauch bei mir
in ständigem Kampf. Mein Kopf der Platzhirsch versuchte mit aller Gewalt den
Bauch kleinzuhalten und erschlug direkt jede Regung. Was wiederum den Bauch veranlasste, noch fester zurückzuschlagen. You get the picture …

Ein Gefühl für den Bauch entwickeln  

Endlich hatte ich ein Ergebnis, das ich verstehen konnte, das Sinn machte und
das ich aktiv angehen konnte. Mein Bauch war nicht einfach wahllos scheiße, sondern wollte mir etwas sagen und gehört werden. Also musste ich lernen, meinem Bauch öfter einzubeziehen und im wahrste Sinne des Wortes auf mein Bauchgefühl zu hören. Das übte ich mithilfe von Achtsamkeitsübungen und Tagebuchschreiben. Wann immer sich mein Bauch meldete, nahm ich mir einen Moment Zeit um zu erforschen, was dahinter steckte.

Bauchweh vor einer Verabredung? Kein Wunder, denn eigentlich wollte ich die ehemalige Kommilitonin gar nicht sehen, sondern habe nur aus
Pflichtgefühl zugesagt. Wäre es doch immer so leicht … Doch natürlich traten die Reaktionen meines Bauchs nur selten so unmittelbar an eine Situation verknüpft auf. Gemeinsam mit meiner Therapeutin begab ich mich auf eine akribische Spurensuche, danach warum ich mich wann, wie fühlte. Mit wachsender Praxis entwickelte sich mein Bauchgefühl zu meinem treusten Berater. Meine aus der Therapie mitgebrachten Werkzeuge nutze ich seit dem ohne es zu merken auch in Situationen und bei Entscheidungen, die meinen Bauch nicht zum Ausrasten bringen.

Endlich ein gutes Bauchgefühl

Während ich meiner Intuition den Raum zugestand, den sie verdiente,
wies ich meinen Kopf in die Schranken. Ich litt damals stark unter meiner Dauer-Grübel-und-Zerdenkerei, den ständigen Sorgen und Ängsten und dem Wahn, alles planen und kontrollieren zu müssen. Diese Muster zu brechen war sehr viel schwieriger, als sich neue anzugewöhnen. Meine wertvollsten Helfer waren hierbei Meditation, Achtsamkeitsübungen und eine schmerzhaft ehrliche Reflexion und Analyse meiner destruktiven Denkweisen.

Wo mich das alles im Endeffekt hingebracht hat? Zunächst einmal habe
ich den Groll gegen die Krankheit abgelegt und sehe mich ihr nicht mehr
unterlegen. Ich versuche sie vollständig zu akzeptieren und als Wegweiser zu
nutzen. Sie hat mich gelehrt, meine Gefühle ernst zu nehmen und mich häufiger meiner Intuition zu bedienen, statt mich in endloser Grübelei und absurden Ängsten zu verlieren. Damit habe ich mein Leben schon um einiges einfacher, glücklicher, entspannter und fokussierter gestalten können.

Ob mein Bauch nun Ruhe gibt? Nein, ganz im Reinen sind wir beide noch nicht. Aber es hat sich alles deutlich verbessert. Ich erwarte auch keine Wunderheilung mehr, sondern gehe davon aus, mit meinem hypersensiblen Kompass in der Körpermitte durchs Leben zu schreiten. Aber das ist wirklich okay so. Ob mein Kopf nun Ruhe gibt? Nein, zum Glück arbeitet auch der noch. Meistens sogar sehr produktiv und konzentriert. Die angstgetriebenen, nervösen und kaum zu bremsende Gedankenparaden habe ich jetzt aber ganz gut im Griff.

An alle Leidensgenoss*innen

Also liebe Mitleidensgenoss*innen, eure psychosomatischen Krankheiten sind mehr als nur schmerzhafte, einschränkende, unangenehme und hartnäckige Begleiter. Wenn ihr ihre Botschaft herausfindet und sie detailliert kennenlernt, könnt ihr sie verstehen, ihrem positiven Wert erkennen und handeln. Und das fühlt sich mindestens so gut an wie eine Ibuprofen 600, wenn man schlimme Schmerzen hat.

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