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Ausbeutung im Job: Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird

Ein fancy Job braucht keine gute Bezahlung? Verdammt noch mal: doch!

Wie die Kreativbranche ihren Nachwuchs auffrisst

Schaue ich mich in meinem Freundes- oder Bekanntenkreis um oder lausche einfach nur Gesprächen in einem beliebigen Restaurant in Berlin-Mitte oder auf einer Party, die sich an all die hippen, sogenannte Influencer richtet, dann kommt mir regelmäßig die Galle hoch. Hier kommt ein Thema nämlich nach einem Glas Wein immer ganz schnell auf den Tisch: ein Leben am Rande der Armutsgrenze. Ich kann es echt nicht mehr hören, es reicht.

Liebe Arbeitgeber: Auch ein fancy Job in einem fancy Unternehmen muss einen realistischen Lohn bieten können. Einen mit dem die Menschen über die Runden kommen, einen mit dem sie etwas Sicherheit haben und hey, sich auch ab und an etwas leisten können! Wir reden hier nämlich nicht nur von kleinen kreativen Butzen oder unabhängigem Journalismus, wo eben nicht das ganz große Geld liegt. Wir reden hier von großen Agenturen, von Unternehmen, die Kohle haben – sie aber nicht nach unten weiterreichen. Wir reden hier von Jobs, die nicht mit 40 Stunden die Woche gemacht sind. Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.

Auch und gerne wird der Nachwuchs ja dabei künstlich kleingehalten, um ihnen nicht drei Euro mehr im Monat bezahlen zu müssen. Keine Weiterbildungen, keine Förderung, keine Zeit. Und die machen mit, in der Hoffnung, dass doch irgendwann der ersehnte Aufstieg kommt, und der kommt dann und sie können von ihrem WG-Zimmer in eine 1-Zimmer-Wohnung ziehen. Urlaub ist natürlich immer noch nicht so richtig drin, außer Oma schießt noch ein bisschen Kohle zum Geburtstag dazu – wenn die Waschmaschine aber aus Versehen kaputtgeht, dann war es das auch wieder.

Wann ist endlich Schluss mit dem Mist?

Selbstverwirklichung als Selbstverarsche, das funktioniert einfach besonders gut in kreativen Berufen. Und besonders gut in Berlin. Denn hier braucht man keine Sicherheit, keinen Schlaf. Hier braucht man Status und einen Sinn dafür, dass man froh sein sollte, dass man diesen Job bekommen hat – schließlich hat man ihn sich doch so gewünscht und hey, die Drohung, dass 300 andere nur Schlange stehen, um ihn dir wegzunehmen, die kommt ganz fix. Es ist das übliche Spiel mit der Angst, das fast immer aufgeht. Und das übrigens auch eine Art Hunger Games in den Teams selbst auslöst – denn es schaffen eben nur die wenigsten, oder können sich das leisten, durchzuhalten und nach oben zu kommen. Tja, klar wollen viele diese Jobs, weil sie die Branche eben noch nicht kennen und voller Hoffnung gerade das Bachelor-Studium abgeschlossen haben. Weil sie vielleicht gerade erst nach Berlin gekommen sind, was erleben wollen und Bezahlung in Events noch so lange okay ist, bis sie merken, dass sie PR oder Marketing für Produkte machen, die sie sich nie werden leisten können. Und spätestens dann kommen irgendwann Fragen auf. Bis sie irgendwann merken, dass sie auf den Partys kaum noch spannende, neue Leute kennenlernen, sondern immer die gleichen, die sich auch in Partys bezahlen und sich mit Champus-Lohn verarschen lassen.

Die, die die Fäden ziehen, sind nämlich ganz woanders. Sie sitzen in einem schönen Restaurant, wo sie keiner nervt, sind im Urlaub, an Orten, für die ihre Mitarbeiter weder Zeit noch Geld haben. Wenn Selbstverwirklichung so aussieht, wenn Selbstverwirklichung nur so funktioniert, dass zehn Menschen etwas davon haben und das nur, weil das Fußvolk quasi nichts verdient und nur davon lebt, das Bild, irgendwann zu dieser erlesenen Gruppe zu gehören, wie eine Möhre vor dem inneren Auge hängen zu haben, während man emsig weiter die Nächte durchschuftet und morgens mit dem Druck auf den Schultern aufsteht, dann sollte man auf Selbstverwirklichung scheißen!

Dann sollte man einen Schlussstrich ziehen und sich einen Job suchen, der sich nicht so toll und aufregend anhört, aber endlich ein Leben ermöglicht, bei dem man sich nicht ständig finanziell über die Zeit zwischen Geburtstag und Weihnachten retten muss, wo die Familie noch einmal Geld dazu schießt. Dann sollte man einen Job machen, der Sicherheit bietet und ja, vielleicht auch Freizeit! Man muss sich nicht auf Teufel komm raus im Beruf verwirklichen. Immerhin gibt’s uns auch noch privat. Dann kann man vielleicht auch jemand werden, der keinen fancy Job braucht um sich fancy zu fühlen. Vielleicht aber, denkt die Branche auch irgendwann um … kleiner Scherz.

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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