Foto: Leading Women

Die Headhunterin Sylvia Tarves erzählt: Bei Top-Positionen werden Frauen systematisch übergangen

Sylvia Tarves ist eine Pionierin, wenn es darum geht, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Christiane Wolff hat mit ihr gesprochen.

 

Headhunterin für weibliche Führungskräfte

Sylvia
Tarves ist eine Macherin. Und sie macht viel dafür, dass Frauen und
Männer gemeinsam erfolgreich sind – seit fünf Jahren gibt es die
„Mixed Leadership“- Konferenz,
die dieses Jahr am 10. März in München stattfindet. Darüber hinaus
ist Sylvia Tarves die erste und einzige Personalberaterin, die
exklusiv Frauen für Manager- und Aufsichtsratsposten vermittelt. Ich
habe mit ihr über Leadership, Karriere und natürlich auch die
Frauenquote gesprochen.

Warum
brauchen wir auch 2016 noch eine „Mixed Leadership“-Konferenz?

„Weil
aktuell in Deutschland nur knapp fünf Prozent Frauen in
Top-Entscheider-Positionen sind. Das entspricht absolut nicht der
Anzahl der hochqualifizierten Frauen in den Unternehmen.“

„Digital
Leadership“ lautet der Untertitel der Veranstaltung. Welche Chancen
bietet Digital Leadership in Bezug auf Mixed Leadership?

„Die
Digitalisierung erfordert deutlich andere Arbeits- und
Führungskulturen, demzufolge auch andere Karrieremuster und
Auswahlkriterien. Das ist die Chance, nachhaltig mehr Frauen in
Führungspositionen zu etablieren und Mixed Leadership in Deutschland
zu erreichen.“

Was
ist dein persönlicher Auftrag beziehungsweise warum engagierst du
dich so für das Thema Mixed Leadership?

„Als
ich 2009 eine Personalberatung für die Vermittlung von Managerinnen,
,Leading Women’,
mit der
Idee gegründet habe, dass Female Recruiting anders funktioniert,
wusste ich nicht, wie anders! In diesen sieben Jahren habe ich
unglaublich viel und teilweise auch schmerzhaft gelernt, dass
Deutschland beim Thema ,Frauen in Führungspositionen’
ein
Entwicklungsland ist. Das wollte ich ändern und rief blauäugig und
mutig die erste ,Mixed Leadership Conference’
ins
Leben. Das Ziel war und ist, Stolpersteine für Frauen, die Karriere
machen wollen, zu eliminieren und den Kulturwandel in den Unternehmen
anzustoßen.“

In
deinem täglichen Job hast du es seit vielen Jahren mit der
Vermittlung von weiblichen Führungskräften und Aufsichtsrätinnen
zu tun. Was hat sich deiner Ansicht nach in den letzten zehn Jahren
geändert und was muss sich noch ändern, damit es einen
höherenFrauenanteil gibt?

„Vor
zehn Jahren war es uns noch gar nicht wirklich bewusst, dass das ,A
Man’s
World’
in den Top-Etagen
der Unternehmen ist beziehungsweise wir haben es stumm hingenommen, da
Frauen oft die Fehler immer zuerst bei sich suchen. Eine Männerquote
von 99,9 Prozent in den Entscheider-Positionen wurde als normal
eingestuft. Seit fast fünf Jahren ist das Thema ,mehr Frauen in
Führungspositionen’
erst in der Gesellschaft unter wirtschaftlichen und nicht
feministischen Gesichtspunkten diskutabel. Das Problem ist nicht, die
sehr gut ausgebildeten Frauen am Markt zu finden. Das Problem ist,
dass wir in Deutschland keine gendergerechten Recruiting – und
Auswahlverfahren haben. Das heißt, es wird heute immer noch nach
überholten männlichen Karrieremustern ausgewählt. Das müssen wir
ändern und das ist unter anderem das Ziel der ,Mixed Leadership
Conference’“.
Bei der Besetzung von Aufsichtsratsfunktionen wird immer noch im
,Old Boys Network’
gesucht,
wo bekanntlich keine oder wenige Frauen sind. Eine weiteres Thema
ist, dass es keinen qualitativen Prozess zur Auswahl von
Aufsichtsräten gibt und auch keine Anforderungskriterien.“

Was
sind die wichtigsten Qualitäten, die eine Führungskraft heute
mitbringen muss? Und unterscheidest du dabei zwischen Frauen und
Männern?

„Talent
ist keine Frage des X- oder Y-Chromosoms, genauso wenig wie Führung.
Die Veränderung der Führungskultur vor dem Hintergrund der
zunehmenden Digitalisierung in allen Bereichen bedeutet, dass
Führungskräfte kooperativer und transparenter agieren sowie offener
kommunizieren und stärker in Netzwerken wirken müssen. Diese
Eigenschaften schreibt man im Großen und Ganzen mehr Frauen zu.
Insgesamt geht es aber immer um die Kompetenzvielfalt beider
Geschlechter für den wirtschaftlichen Erfolg.“

Wo
und wie lernt man heute eigentlich „richtig“ führen?

„Das
ist eine wirklich gute Frage! Meiner Meinung nach muss jetzt dringend
der erste Schritt sein, in den Unternehmen neue Leadership-Kriterien
zu etablieren und sich von den historisch bedingten, männlichen
Erfolgskriterien zu verabschieden. Darauf haben wir Frauen keine Lust
und diese sind in der Arbeitswelt 4.0 auch nicht zielführend.“

Welche
drei Tipps kannst du Frauen geben, die ihren nächsten
Karriereschritt planen?

„Mutig
sein, Netzwerken, sich sichtbar machen.“

Wie
stehst du zur Frauenquote?

„Früher
war ich eher eine Gegnerin der Quote, aber nach sieben Jahren
Erfahrung als Personalberaterin, die Managerinnen vermittelt, hat
sich meine Meinung geändert. Die Quote öffnet die Türen für
kompetente Frauen. Ich bedauere es sehr, dass es immer noch Frauen
gibt, die gegen die Quote sind, weil sie meinen, diese schmälere
ihre Leistung. Diesen Frauen möchte ich zurufen, dass etwas mehr
Mut und Selbstbewusstsein an der Stelle gefragt sind – anstatt die
Argumente der antiquierten Denker zu untermauern. 13 Jahre freiwillige
Selbstverpflichtung der Unternehmen zur Erhöhung des Frauenanteils
in den Unternehmen haben Nullkommanichts gebracht. Die Unternehmen
haben sich die Frauenquote selbst verdient
!“

Hast
du aus deiner Berufspraxis Beispiele?

„Vor
zwei Jahren hatten wir den Auftrag, eine CFO für ein DAX-Unternehmen
zu finden. Nachdem wir die Profile hochqualifizierter Kandidatinnen
vorgestellt hatten und nachfragten, kam folgendes Feedback vom CEO:
,Wir müssen leider den Auftrag einfrieren, weil mein Aufsichtsratschef
keine Frau im Vorstand möchte.’ Ging es
da um Qualifikation? Nein. Ganz sicher würde dieser
Aufsichtsratschef heute nach Einführung der Quote anders reagieren.“

Wie
hältst du es persönlich mit Netzwerken? Und inwiefern ist
Netzwerken ein wichtiger Punkt bei der Karriereplanung?

„Persönlich
gehe ich zu vielen gemischten Netzwerkveranstaltungen und mache mich
sichtbar. Ja, man muss öfters mal seine Komfortzone verlassen und
auf andere zugehen, aber Beziehungsmanagement ist extrem wichtig. Ich
beobachte oft, dass gerade Frauen zu wenig nachhaltig und
businessorientiert netzwerken. Zum Beispiel ist es in vielen
Frauen-Netzwerken so, dass der Austausch untereinander gut
funktioniert, es passiert jedoch zu selten, dass Frauen andere Frauen
in höhere Positionen empfehlen. Da können wir viel vom Old Boys
Network lernen.“

Wer
oder was inspiriert persönlich?

„Mich
inspirieren die Frauen, die mutig sind und etwas bewegen, wie Sheryl
Sandberg
oder die Inititatorin der Initiative ,He 4 She’ . Viele, die ernsthaft Mädchen und Frauen
empowern. Mir gefällt der Slogan von ,UN Women’:
,Wer Frauen stärkt, stärkt die Welt sozial und wirtschaftlich.
Wir müssen die Hälfte der Weltbevölkerung beteiligen.

Deine
drei Lieblingsbücher, wenn es um Karriere und Führung geht?

„Ich
finde nach wie vor ,Lean In’
von
Sheryl Sandberg gut oder auch ,Anders Denken’
von Deborah Steinborn wichtig und inspirierend. Vorrangig lese ich
lieber aktuelle Artikel zu den Themen aus guten Fachzeitungen.“

Wie
und wo entspannst du am besten?

„Definitiv
beim Joggen. Und Yoga. Aber auch im Kreis von lieben Menschen, mit
denen ich herzhaft über die Themen der Welt diskutieren kann.“

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