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Die Elternschaft gleichberechtigt aufteilen: Das Beste, was mir als Vater passieren konnte

Meine Freundin und ich kümmern uns 50/50 um unser gemeinsames Kind. Unsere Erfahrungen zeigen: Die angeblich engere Bindung eines Babys zu seiner Mutter ist einfach nur Quatsch.

Zwischenbericht nach einem Jahr geteilter Elternschaft

Selten schreiben hier Väter über ihr Vater-Sein, deshalb mach ich das jetzt mal. Ich will damit nicht nach Komplimenten fischen – ich möchte Erfahrung teilen. Ich möchte zeigen, wie man es machen kann, wenn die Umstände es ermöglichen.

Dass ich nicht stillen können würde, war relativ absehbar. Dass ich die generelle Fähigkeit haben würde, mein Baby zu wickeln, war auch relativ planbar. Deshalb war es von Anfang an logisch für uns, diese beiden notwendigen Tätigkeiten aufzuteilen. Bei meinem Teil der Arbeit mit dem Vorteil, dass Wickeln selten Schmerzen bereitet und auch nichts an meinem Körper verändert – Glück gehabt.

Obwohl die meisten Menschen, die ich kenne, in vielen Lebensbereichen und im Umgang miteinander sehr reflektiert leben, scheint das Kinderkriegen fast alle in traditionelle Rollenbilder zurückzuwerfen. Ich kenne keine andere elterliche Paarbeziehung, die eine gleichberechtigte Aufteilung aller Tätigkeiten wirklich durchzieht. Was generell voll okay ist, wenn beide glücklich damit sind. Wenn ich aber in Gesprächen Sätze höre wie: „Die Mutter übernimmt das Wickeln natürlich auch noch kurz, wenn sie eh schon wach ist wegen Stillen“ oder „Ich wache eh nicht so leicht auf“ und Menschen als Begründung dafür von der „so einzigartigen Bindung von Mutter und Kind“ sprechen höre, muss ich einfach sagen: „Nee, das ist schon Quatsch eigentlich!”

Gleichberechtigter Arbeitsalltag mit Kind

Ein großes Problem für die Bemühungen, die Elternschaft gleichberechtigt zu teilen: die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen im Arbeitsleben. Es wird Müttern immer noch sehr viel leichter gemacht, lange in Elternzeit zu gehen: Männer verdienen generell mehr Geld für gleiche Arbeit, haben bessere Aufstiegschancen und es wird nach wie vor eher als selbstverständlich angesehen, dass eine Mutter in Elternzeit geht und nicht der Vater.

Meine Freundin und ich arbeiten gemeinsam. Unser Job macht uns sehr viel Spaß. Seit einem Monat nach der Geburt unseres Kindes gehen wir beide wieder ins Büro. Die Organisation, bei der wir beide für 30 Stunden pro Woche angestellt sind, haben wir vor ein paar Jahren gemeinsam gegründet und unser Team unterstützt uns glücklicherweise sehr.

Am Anfang haben wir das Baby mitgenommen, da es sowieso sehr viel schlief. Als sich das nach einigen Wochen veränderte, wurde es sehr anstrengend. Also mussten wir uns etwas anderes überlegen. Seitdem wechseln wir uns jeden Tag ab: Wenn ich am Montag das Kind habe, gehe ich am Dienstag ins Büro, und so weiter. Das funktioniert super und ist sehr zu empfehlen, vor allem im Sommer: Jeden zweiten Tag mit einem guten Gefühl im Park abzuhängen ist schon sehr schön.

Jeden zweiten Tag Vollzeit-Vater

Mir ist klar: Meine Freundin und ich sind sehr privilegiert. Wir haben nicht viel Geld, aber viel Spielraum. Solange das Baby gestillt wurde, war es sehr von Vorteil, dass unser Büro im Nachbarkiez liegt – so konnte ich an meinen Babytagen immer ein- bis zweimal pro Tag zum Stillen ins Büro gehen. Seit einigen Monaten ist es abgestillt und sein Hunger kann endlich auch von mir gestillt werden. Seitdem fühlt sich unser Modell noch gleichberechtigter an.

Seitdem ist natürlich auch unsere Aufteilung Stillen/Wickeln hinfällig, was mir gut gefällt, da Kot wegmachen tatsächlich nicht der geilste Job der Welt ist. Jeder Bürotag, egal wie stressig, stellt eine Entspannung in Aussicht. Seitdem ich jeden zweiten Tag Vollzeit-Vater bin, habe ich einen riesigen Respekt für alle Menschen (zumeist Mütter), die diese Care-Arbeit jeden Tag alleine durchziehen. Mein Respekt für Alleinerziehende ist sowieso unermesslich. Allein psychisch machte mir die Vollzeitarbeit am Kind am Anfang zu schaffen – nach einem Tag hatte ich teilweise das Gefühl, zu nichts anderem in der Lage zu sein, als mich um mein Kind zu kümmern. Meine beruflichen Fähigkeiten schienen mir in weite Ferne gerückt zu sein und ich kann nur erahnen, wie schwer der Schritt zurück ins Arbeitsleben für Menschen ist, die das über Jahre alleine gemeistert haben. Den ganzen Tag nur mit dem Kind oder höchstens noch mit anderen Eltern und deren Kindern abzuhängen, ist leider auch manchmal langweilig und intellektuell nicht besonders herausfordernd.

Resümee nach einem Jahr genau geteilter Elternzeit

Soweit, so fast überstanden: Das erste Jahr ist nächste Woche vorbei, die Eingewöhnung in der Kita hat – natürlich 50/50 geteilt – sehr gut funktioniert. Und meine Freundin und ich freuen uns schon auf die neue alte Freiheit, wenigstens während der Stunden, in denen unser Kind in der Kita ist.

Es gibt immer mal wieder Momente oder Tage, an denen das Kind mehr Bezug zu mir oder mehr Bezug zu seiner Mutter zu haben scheint. Das beweist für mich, dass die oftmals so benannte heilige „einzigartige Bindung von Mutter und Kind“ vom Patriarchat erfundener Quatsch ist. Es ist ganz einfach: Das Kind hat zu der Person die beste Bindung, mit der es am meisten Zeit verbringt. Ich persönlich möchte das intensive und nahe Verhältnis zu meinem Kind auf keinen Fall missen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, es immer erst nach der Arbeit und am Wochenende zu sehen. Es würde mir das Herz brechen zu erleben, dass es sich nicht durch mich, sondern nur durch seine Mutter trösten lässt.

Allein aus egoistischen Gründen: Versucht die Elternschaft so gut es geht zu teilen, soweit es Job und Leben ermöglichen. Vergesst das bisschen mehr Geld (falls das überhaupt ein Grund ist) – ein Kind zu haben muss eigentlich gar nicht teuer sein – aber das ist ein anderes Thema. Das Kind wirklich gemeinsam und gleichberechtigt zu erleben und wachsen zu sehen, ist unbezahlbar.

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