Foto: Christina Wocintechchat | Unsplash

Frauenquote: Ganz nach oben auf die Agenda

Autorinnen:
Camille Haldner, Carmen Maiwald

Unter #IchWill haben Personen des öffentlichen Lebens eine Kampagne für mehr Diversität in deutschen Unternehmen gestartet. Rückendeckung bekommt die Aktion von namhaften Frauen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur, die ebenfalls mehr Teilhabe fordern.

„Wir machen das, damit Entscheidungen in unserem Land auch die Vielfalt unserer Gesellschaft wiederspiegeln – davon würden wir alle profitieren. […] Wir fordern Einfluss, Macht, Sichtbarkeit und Gerechtigkeit – im gleichen Maße wie Männer.“ Mit diesen Worten eröffnete Janina Kugel, Managerin und Aufsichtsrätin, am Donnerstag eine Bundespressekonferenz zum Thema Frauenquote und Vielfalt.

Zusammen mit der Professorin Jutta Allmendinger, der Schriftstellerin Nora Bossong, der Fußballfunktionärin Katja Kraus sowie der Schauspielerin und Gründerin der MaLisa-Stiftung Maria Furtwängler hatte sie die Pressekonferenz einberufen, um die Themen Frauenquote und gleichberechtigte Teilhabe ganz oben auf die öffentliche Agenda zu setzen: „Denn gesellschaftlicher Fortschritt darf nicht stagnieren“, sagte Janina Kugel.

Kein Fortschritt in Sicht

Doch das tut er, schlimmer noch, durch die Corona-Pandemie ist der Fortschritt zum Rückschritt mutiert. Erst vergangene Woche offenbarten die Zahlen eines neuen Berichts der AllBright-Stiftung Ernüchterndes: Der Frauenanteil in den Vorständen der 30 DAX-Unternehmen ist nicht wie in den Vorjahren weiter gestiegen, sondern hat sich rückwärts auf den Stand von 2017 bewegt. 

„Wir fordern Einfluss, Macht, Sichtbarkeit und Gerechtigkeit – im gleichen Maße wie Männer.“

Janina Kugel

Kein einziges Großunternehmen in Deutschland wird von einer Frau geführt. Und das, obwohl 2015 eine gesetzliche Selbstverpflichtung eingeführt wurde: Unternehmen, die entweder börsennotiert oder mitbestimmt sind, sind verpflichtet, für sich eine selbstbestimmte Zielgröße und Frist zur Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und den obersten Managementebenen festzulegen. Ihre Pläne dazu müssen die Unternehmen öffentlich machen. Diese Selbstverpflichtung bringt – wie sich schon länger abzeichnet – kaum Veränderung. Denn: Für den Fall der Nichterfüllung sind keine Sanktionen vorgesehen, zudem ist die Zielgröße Null zulässig. Neuste Zahlen zeigen denn auch: Bei jedem dritten deutschen Börsenunternehmen ist „Null Frauen im Vorstand“ nicht nur der aktuelle Ist-Zustand, sondern auch die explizit formulierte Zielgröße für die absehbare Zukunft.

Magere Kompromisse

Wenn in der Vergangenheit statt einer Selbstverpflichtung eine gesetzlich festgeschriebene Quote gefordert wurde, wiederholte sich immer wieder dasselbe Spiel: Es gab Widerstand aus den unterschiedlichsten Ecken und so kam es wiederum nur zum erwähnten, Kompromiss: der Selbstverpflichtung der Unternehmen, Frauen in Führungspositionen zu bringen. Und immer dann, wenn eine „drohende“ Quote durch eine Selbstverpflichtung abgemildert wurde, tat sich was? Genau, quasi nichts!

Was eine Quote bewirkt, zeigt hingegen der Beschluss von 2016 für eine Frauenquote in den Aufsichtsräten von börsennotierten sowie paritätisch mitbestimmten Unternehmen. Der Anteil von Aufsichtsrätinnen wurde darin gesetzlich auf mindestens 30 Prozent festgelegt. Und siehe da, die vorgeschriebene Quote wirkt: Mittlerweile haben diese Unternehmen im Durchschnitt knapp 35 Prozent Frauen im Aufsichtsrat.

Eine implizite Männerquote

„Wir haben Jahrhunderte, ohne uns darüber zu wundern, mit einer impliziten Männerquote gelebt. Es ist Zeit für eine Frauenquote – und zwar in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen“, sagte Maria Furtwängler zum Abschluss ihrer Rede bei der Bundespressekonferenz – wohl besonders an die Quoten-Skeptiker*innen gerichtet.

Familienfreundlichkeit, Klimaschutz und zahlreiche weitere gesellschaftlich relevante Entscheidungen werden auch in Unternehmensvorständen verhandelt – mehrheitlich von Männern. Auf die Frage „Warum sitzen bei euch keine Frauen im Vorstand?“ kommt immer wieder das gleiche Argument: „Frauen wollen keine Verantwortung, keine Macht und keine Führung übernehmen.“ Dass sei eine reine Ausrede, hielt die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, bei der Pressekonferenz fest.

#IchWill

Dass Frauen eben doch mehr Teilhabe und Mitsprache wollen, soll nun eine neue Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag #IchWill sichtbar machen. In einer rund zweiminütigen Videobotschaft fordern etliche Frauen und weitere Personen des öffentlichen Lebens die Bundesregierung dazu auf, Unternehmensvorstände dazu zu verpflichten, bei Neueinstellungen mindestens eine Frau zu berücksichtigen. Darunter die Schauspielerin Thelma Buabeng, die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die Influencerin Louisa Dellert, die Coachin und Autorin Laura Gehlhaar und viele weitere. 

Die Forderung im #IchWill-Video geht noch einen Schritt weiter. Denn bekannterweise werden auch andere marginalisierte Gruppen aufgrund von Stereotypen und Vorurteilen hinsichtlich ihrer Eignung daran gehindert, in Führungspositionen aufzusteigen: „Wenn wir die Bundesregierung nicht davon überzeugen können, dass Thomas‘ Schwester genau dieselbe Chance verdient hat wie Thomas, dann haben Esra, Tarik und Kübra oder Menschen, die sich nicht als Mann oder Frau definieren, erst recht keine Chance“, sagt die Schauspielerin Clelia Sarto im Video.

Vielfalt in allen Bereichen

Die Entscheidungen, die in Unternehmensvorständen getroffen werden, haben gesellschaftliche Auswirkungen für alle Menschen und sollten daher von vielfältigen Teams beschlossen werden, so die Botschaft des Videos. Vielfältige Teams in den Führungsetagen wiederum würden sich nämlich auch für Vielfalt im ganzen Unternehmen einsetzen.

„Weil wir es können und weil wir es wollen.“

Pola Fendel

Die Forderung des #IchWill-Videos ist klar: Frauen wollen Macht, Führung und Verantwortung. „Weil wir es können und weil wir es wollen“, beendet Pola Fendel, ehemalige Geschäftsführerin der Kleiderei Hamburg, das Video. Frauen und andere marginalisierte Personen teilen nun über den Hashtag #IchWill Momente, in denen sie Ungerechtigkeiten aufgrund ihrer Religion, Behinderung, Herkunft, Hautfarbe und Sexualität erfahren haben: Sie sollen von den Chancen erzählen, die ihnen verwehrt wurden, obwohl sie ihnen zustehen.

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