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Die Quotenmänner lehnen sich entspannt zurück, während wir uns über die Frauenquote streiten

Kann man damit leben, eine Quotenfrau zu sein? Das fragt sich unsere Autorin Silvia Follmann in ihrer Thirtysomething-Kolumne in diesem Monat. Die Antwort: Natürlich, denn den Quotenmännern scheint es doch auch ganz gut zu gehen.

Quotenfrauen unter Verdacht

Hätte man mich als junge Frau zu Beginn meines Arbeitslebens gefragt, ob ich für eine Quote bin, hätte ich mit einem klaren Nein geantwortet. Ich war absolut sicher, dass ich immer mit Leistung überzeugen und weiterkommen kann. Und selbst wenn nicht, warum sollte ich mich in einem Job wohlfühlen, den ich nur wegen einer Quotierung erhalten habe? Das wäre doch Beschiss.

Ja nun. Heute sehe ich das gänzlich anders. Denn ich weiß heute, dass wir de facto eine Männerquote in den Unternehmen haben, nur dass über die kaum jemand spricht. Wir haben uns schließlich so schön daran gewöhnt. Denn dass es so wenige Frauen über das mittlere Management hinaus oder überhaupt in bestimmte Branchen schaffen, hat nicht mit flächendeckend fehlenden Qualifikationen zu tun, gerade junge Frauen haben sogar häufig einen höheren Bildungsabschluss als Männer. Und in den Vorstand von Unternehmen schaffen es Frauen quasi nie, in 70 Prozent der Unternehmen gibt es keine einzige in dieser Position. Familienministerin Franziska Giffey nimmt sich dieser Sache nun an und will mit einer Quote dagegensteuern – eventuell sogar mit Geldstrafen. Gut so! Das sollten wir auch ausweiten auf Posten darunter. Denn nur mit mehr weiblichen Vorständen ist es eben nicht getan.

Wer wird eingestellt – und warum?

Aber dieser Vorschlag entfachte natürlich auch wieder große Diskussionen. Den Unternehmen soll man schließlich nichts vorschreiben. Und wenn da nun einmal keine qualifizierten Frauen sind, tja, was soll man machen? Die Idee vom rein männlichen Genie beseelt hierzulande immer noch die Geister. Aber wer empört sich da eigentlich? Tja, genau lässt sich das nicht sagen, aber da die Quote vor allem für mittelmäßig qualifizierte Männer ein Risiko ist, liegt es nahe, dass gerade sie in Panik verfallen und besonders laut nach der Qualifikation von Frauen fragen. Aber Einwände gegen eine Quote kommen auch immer wieder von Frauen selbst, die sich beweisen und keine „Geschenke“ haben wollen. Verständlich, einerseits. Andererseits kann man nicht oft genug sagen: Wer sich mit Einstellungs- und Beförderungsprozessen in Deutschland befasst, kann diesen Anspruch wirklich getrost beiseitelegen. Denn eingestellt werden in der Regel die, die denen vor Ort schon ähnlich sind – also meist Männer, meist weiß, meist aus Westdeutschland, meist ein ähnlicher sozialer Background. Der Thomas-Effekt. Da kann man sich also noch so beweisen wollen, die Boys Clubs halten sich hartnäckig.

Das alles ist ein alter Hut – viel wurde schon darüber geschrieben, Studien durchgeführt und diskutiert. Ändern tut sich seit Jahren allerdings kaum etwas. Und warum? Weil es bequemer ist und weil der Status Quo für eine bestimmte Gruppe von Menschen ein verdammt schöner Zustand ist: Quotenmänner. Und die können sich sehr darüber freuen, dass wir über die Vorstellung, eine Quotenfrau sein zu müssen, in Zwist verfallen, denn während wir damit beschäftigt sind, bleiben sie entspannt mit ihren Hintern auf Jobs sitzen, die ihnen so keine*r streitig macht. Aber Diversität und Veränderung sind darüber hinaus natürlich auch sehr anstrengend. Und allem, was sehr anstrengend ist, entzieht sich Mensch lieber. Denn genau so einfach sind wir eben gestrickt. Das kann man deprimierend finden oder sich fragen, wie wir das dann in den Griff bekommen. Und da sind wir dann eben bei einer Quote.

Was bringt denn ein höherer Frauenanteil?

Statt bei einer möglichen Quotierung immer gleich aufzuheulen, könnte man sich doch mal möglichen positiven Nebeneffekten zuwenden. Und ein wichtiger könnte sein: Sobald es ausgeglichenere Geschlechterverhältnisse in Entscheider*innenpositionen gibt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Jobs sich bald sehr viel besser mit dem Privatleben vereinbaren lassen – weil dann, anders als bislang, eine echte Notwendigkeit dafür besteht. Also, natürlich nur aus Sicht der Thomasse, die sich gegenseitig die Jobs zuschieben. Weil Frauen eben noch immer mehrheitlich für die Care-Arbeit zuständig sind. Einige von ihnen wünschen sich das, andere bekommen diese Rolle gesellschaftlich aufgedrückt – aber sicher keine von ihnen hatte schon ihr Leben lang Lust auf eine 80-Stunden-Woche (von der viele Stunden unbezahlt sind), weil alles irgendwie miteinander funktionieren muss, ohne dass das im Ansatz möglich wäre.

Doch das Thema Vereinbarkeit hatte eben bislang auch wenig Notwendigkeit, weil die altgedienten Argumente von Vätern dagegen, sich mehr in die Care-Arbeit einzubringen, eben immer noch ziehen: „Ich kann nicht in Teilzeit gehen, dann bin ich meinen Job bald los“;  „Ich schaffe es leider nicht, bei meinem kranken Kind zu sein, ich würde ja so gerne, aber die Arbeit, der Druck, die Chef*innen…“. Ja, die Angst vor dem Knick im Lebenslauf, vor dem Irrsinn, alles vereinbaren zu müssen, allem gerecht zu werden: Millionen von Frauen können euch das Klagelied davon singen. Aber Moment, dazu haben sie ja keine Zeit. Und so bleiben viele stumm und hetzen irgendwie durch den Tag. Weil es nicht anders geht. Oder weil man selbst keine Lösung dafür findet. Dass Väter damit immer noch durchkommen, oder tatsächlich diesen Druck empfinden, spricht ja aber vor allem wieder einmal dafür, dass im Jobleben eine permanente Konzentration auf männliche Personen stattfindet, während Frauen eben schauen müssen, wie sie alles zusätzlich hinbekommen, um mitzuspielen.

Der Logik der noch immer herrschenden Rollenaufteilung folgend, muss also für Quotenfrauen einiges an Flexibilität im Job möglich gemacht werden – aber wieso sollte das dann nicht für alle möglich sein? Vielleicht würde es ja gar in eine Vollzeit-Beschäftigung führen, die nicht mehr 40 Stunden bemisst. Was ja sowieso überfällig ist, wenn man auf unsere Leben schaut und wir es ja nun immer noch nicht geschafft haben, die 24 Stunden des Tages noch irgendwie in die Länge zu ziehen. Dabei wäre es längst an der Zeit, die Tage zu entrümpeln, statt sie weiter vollzupacken. Auch und gerade um uns auch anderem in unserem Leben zuwenden zu können, was zu einer gesunden, solidarischen Gesellschaft führt. Zeit füreinander ist schließlich der Kitt, mit dem wir eine Gemeinschaft zusammenhalten. Mit einer Vollzeitarbeit unter 40 Stunden würden wir auch dem Thema Altersarmut bei Frauen entgegenwirken und es gäbe sicher auch Entlastung beim Thema Fachkräftemangel. Ja, der hat viele Faktoren, entspannter würden die Dinge aber auch, wenn man nicht nur (binär gesprochen) bei der einen Hälfte der Menschheit nach diesen suchen würde.

Eine Quote ist keine Bestrafung und kein Geschenk, sie ist eine Chance

Die Quote ist eine Chance, nicht nur für Frauen oder Menschen, die als solche gelesen werden. Sie ist eine Chance für uns als Gesellschaft, endlich die neuen Standards in der Arbeitswelt zu einzuführen, die längst notwendig sind. Wer Diversität nicht einfach als Buzzword verwenden, sondern im Unternehmen wirklich leben will, muss doch wenigstens bei der Minimal-Diversität in Sachen Geschlechter anfangen können. Alle, die das schon auf dem Plan haben – und was rufen sie auf den einschlägigen Konferenzen alle danach –müssten diese Forderung doch dermaßen entspannt hinnehmen können, dass man sich schon fragt: Was steckt eigentlich hinter euren warmen Worten, wenn ihr konkrete Maßnahmen dann so dermaßen scheut?

Allen Frauen kann ich nur sagen: Habt keine Angst davor, eine Quotenfrau zu sein! Männer hat das ja offensichtlich noch nie gestört. Die haben selten das Gefühl, sich doppelt und dreifach beweisen zu müssen, um verdient im Job zu sein. Und woher kommt dieses Selbstbewusstsein? Neben einer möglichen persönlichen Veranlagung ganz sicher daher, dass ihre Anwesenheit immer noch selbstverständlicher im Job ist als die der Frauen, während Frauen nach Zweifeln nicht fragen müssen, die bekommen sie frei Haus mitgeliefert. Vielleicht braucht es für einige auch nur ein neues Framing, das die Sache in einem anderen Licht erscheinen lässt. Statt für eine Frauenquote zu sein, könnte man ja auch einfach gegen eine Männerquote plädieren. Und schon sieht die Sache ganz anders aus. Denn richtig, Leistung sollte immer der entscheidende Faktor für eine Einstellung oder eine Beförderung sein. Aber wer nie die Gelegenheit bekommt, die zu zeigen, kann sie eben auch nicht erbringen. Und wenn wir dann bei ausgeglichenen Geschlechterverhältnissen in Entscheider*innenpositionen sind, dann lasst uns die Quote doch gleich wieder über Bord schmeißen! Es ist sowieso peinlich genug, dass es keine andere Möglichkeit zu geben scheint, um dieses Thema zu regeln.

  1. Ich verstehe mittlerweile nicht mehr, woher die Vorstellung kommt, dass „nur“ mit einer Frau in Vorständen, Chefetagen usw. plötzlich alles besser wird.

    Allen, tatsächlich allen Frauen aus deutschen Vorständen und Chefetagen, die mir bisher begegnet sind – und das aus traditionellen „Männerunternehmen“ (Technikbranche) sowie auch aus anderen Branchen – haben am Führungsstil der Firma überhaupt nichts geändert.
    Sie waren genauso Workaholic, meist kinderlos, oft single (dh. „Familienfreundlichkeit“ kannten sie nur aus der Fortbildung, wenn überhaupt) und waren nicht selten diejenigen, die dann andere Frauen an der Karriere eher gehindert haben, noch mehr als die Männer.

    Es ist nicht das Geschlecht, was einen Unterschied macht, sondern der Lebenswandel und die Einstellung. Meiner Ansicht nach ist es Zeit für eine Teilzeitquote in den Führungsetagen, egal von wem sie besetzt wird, statt einer Frauen- oder Rothaar- oder Schwarzenquote.

    Eine Teilzeitquote würde denjenigen eine größere Chance geben, die sich in der Partnerschaft die Kinderbetreuung oder Altenpflege oder das Ehrenamt (oder was weiß ich) gleichmäßiger aufteilen. Und es benachteiligt keinen – denn auch Singles oder kinderlose Paare *können* selbstverständlich in Teilzeit arbeiten und den Rest ihrer Zeit gesellschaftlich sinnvoll einsetzen.

    Und das ist doch das, was wir schlussendlich alle wollen.

    Oder?

  2. Wir reden schon so lange drüber, und immer wieder kommen die selben alten „Argumente“ von den Chefs – wo sind sie denn, die qualifizierten Frauen, ich kann sie mir doch nicht backen usw. – allmählich müsste doch klar sein, dass das ohne Quote noch Jahrzehnte dauert, bis sich was ändert, mindestens. Und ja, vermutlich ist was dran an der Beobachtung von Frank, was die Frauen in Führungspositionen angeht. Viele sind kinderlos und verhalten sich ähnlich wie Männer in vergleichbaren Positionen. Aber das ist ja auch kein Wunder, solange sie einzelkämpferische Alibifrauen sind. Wir brauchen viel mehr Frauen auf allen Führungsebenen, und wir brauchen auch, dringend, eine Verbindung der Debatte darum mit dem Thema Care und also mit dem Thema Arbeitszeitverkürzung. Also, Berufsarbeitszeitverkürzung. Damit endlich mal klar wird, dass das nicht die einzige gesellsschafltich notwendige Arbeit ist, sondern dass ohne Care-ARbeit überhaupt nichts funktionieren würde. ERst wenn all diese Themen verbunden werden, kann sich etwas ändern.

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