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Frauen entscheiden sich nicht für Altersarmut, unsere Gesellschaft entscheidet für sie

Viele Frauen in Deutschland sind abhängig vom Einkommen ihres Partners. Sie arbeiten weniger, bekommen weniger Geld. Trennen sie sich, werden sie im Alter wahrscheinlich arm sein. Doch die Antwort darauf, dass alle Frauen in Vollzeit arbeiten sollen, ist viel zu einfach.

10-Prozent-Filterblase

Nur zehn Prozent der Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren haben ein eigenes Nettoeinkommen über 2.000 Euro. Klingt das schockierend? Dann bist du vermutlich ein urbaner Mensch der oberen Mittelschicht, der selten die eigene Filterblase verlässt. Die Mehrheit der Frauen in Deutschland verdient sehr wenig Geld. Hingegen verdienen 42 Prozent der Männer in dieser Altersgruppe 2.000 Euro und mehr. Die Daten hat eine Studie des Bundesfamilienministeriums von 2015 erhoben, „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ heißt sie und hat gerade eine Diskussion auf Twitter angestoßen, dem sozialen Netzwerk, das vor allem von höher gebildeten und dementsprechend gut verdienenden Menschen genutzt wird.

Von den mit Männern verheirateten Frauen in Deutschland sind 19 Prozent sogar vollkommen abhängig vom Gehalt des Ehemannes und verdienen kein eigenes Geld, heißt es in der Studie. 63 Prozent der verheirateten Frauen verdienen unter 1.000 Euro netto. Klar ist: Diese Frauen werden im Alter nur geringfügige Renten bekommen, von denen sie sich selbst kaum versorgen können. Sie werden arm sein. Eine mögliche Trennung vom Ehemann würde ihre finanzielle Situation noch einmal deutlich verschlechtern. Dieser Ausblick auf die Zukunft ist den Frauen bewusst: Über die Hälfte der Frauen gab an, dass sie davon ausgehen „trotz ihrer beruflichen Qualifikation und trotz ihrer Erwerbstätigkeit“ im Alter von ihrem Partner finanziell abhängig sein werden. Knapp 70 Prozent der Alleinerziehenden glauben, dass ihr Geld im Rentenalter nicht ausreichen wird, um davon leben zu können.

Wichtig an diesen Zahlen ist dabei nicht nur die Prognose, dass die strukturelle Armut insbesondere unter Frauen in Deutschland immer gravierender werden wird. Bewusst machen sollten wir uns auch, dass die subtilen und konkreten Existenzängste, die mit dem Wissen um eine prekäre Zukunft bei Frauen entstehen, schon jetzt ihren Alltag prägen. Wie verändert es einen Menschen, der sich darüber im Klaren ist, immer abhängig zu sein – vom Partner oder vom Staat? Was macht es mit dem Selbstbewusstsein, trotz Bildung, Anstrengung und Engagement weder aktuell noch später gut leben zu können? Wie sollen insbesondere Frauen sich aus gewalttätigen Beziehungen lösen können, wenn ihre ökonomische Existenz von dieser Entscheidung bedroht wäre?

Es geht um mehr als Geld

Wenn Altersarmut aktuell eher mit Blick auf die Finanzierung von Pflege, Mieten und Kaufkraft von Rentner*innen diskutiert und das Problem vordergründing als ökonomische Frage begriffen wird, blendet es die existenziellen Nöte von alten Menschen aus. Die Professorin Irene Götz beschreibt in ihrem Interviewprojekt zu prekärem Ruhestand, wie Frauen in Altersarmut ihre Wohnungen verlieren und keine neue finden oder sie „suchten den ganzen Tag nach billigen Lebensmitteln, kochten Kohlrabiblätter aus, die im Supermarkt weggeworfen wurden, oder ließen ihre Zahnschmerzen nicht mehr behandeln“.

Die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter sowie die sich immer weiter öffnende „Schere zwischen Arm und Reich“ fordert unsere Gesellschaft aber auch psycho-sozial stark heraus. Wie Armutserfahrungen und das Bewusstsein über Benachteiligung und Ausgrenzung Menschen auf der emotionalen Ebene verändert – vor allem dauerhaft – ist eine Fragestellung, die politische Priorität braucht. Ideen wie die Grundrente sind dabei allenfalls ein Pflaster.

Doch was kann man aktuell tun? In der Twitter-Diskussion zur Studie wurde ein weiteres Ergebnis herausgestellt. So heißt es dort, dass „nur 39 Prozent der Frauen im Alter von 30 bis 50 Jahren Vollzeit erwerbstätig (sind) – aber 88 Prozent der Männer“. Der geringere Arbeitsumfang erklärt teilweise, warum die Frauen ein deutlich niedrigeres Netto-Einkommen haben als Männer in dieser Altersgruppe. Hinzukommt, dass Frauen in Branchen überrepräsentiert sind, in denen die Löhne besonders niedrig sind und sie nach wie vor auch bei gleichen Tätigkeiten weniger verdienen als Männer. Vollzeit-Arbeit allein wirkt Armut nicht entgegen. Schon jetzt sind Menschen in Deutschland arm, obwohl sie 40 Stunden die Woche arbeiten.

Nicht jede*r kann Vollzeit arbeiten

Leider sind auch Frauen selbst in dieser Diskussion schnell dabei, anderen Frauen ihre Entscheidung gegen die Vollzeit – die mal freiwillig, mal unausweichlich nötig ist – vorzuhalten. Ich gehöre dazu. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich Frauen, von denen ich weiß, dass sie 30, 20, 15 Stunden arbeiten, innerlich belächle und sie rütteln will, sich finanziell unabhängig zu machen. Ich war vorbereitet, als ich mich eineinhalb Jahre nach der Geburt meines Kindes von meinem damaligen Partner trennte. Ich konnte es mir leisten, auszuziehen und eine Wohnung selbst zu bezahlen. Doch das sieht nur vordergründig nach Selbstbestimmung und Sicherheit aus. Finanzielle Unabhängigkeit als hohen Wert zu begreifen, hat individuell Vorteile – doch die Überhöhung der finanziellen Unabhängigkeit von Frauen verdeckt strukturelle ökonomische Benachteiligung. Nicht jede*r kann sich unabhängig machen.

Nachdem meine Tochter geboren wurde bin ich nach sechs Monaten Elternzeit wieder Vollzeit in meinen Job zurückgekehrt. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen, mein eigenes Anspruchsdenken war hoch, ich mochte meine Arbeit und mein Team und war intellektuell hungrig. Ich hielt es für möglich, früher oder später alleinerziehend zu sein und wollte die Sicherheit eines vollen Gehalts. Ich hatte das große Glück, in einem Unternehmen zu arbeiten, das mir die Wiederaufnahme meiner Stelle sehr leicht machte und mir bis heute viel Flexibilität bietet. Damit habe ich gegenüber Müttern, die nicht in familienfreundlichen Firmen arbeiten, einen unschlagbaren Vorteil. Denn die finanzielle Schlechterstellung als Mutter oder die Reduzierung der Arbeitsstunden suchen sich die meisten Frauen nicht aus. Wo Flexibilität nicht möglich ist, weil der Arbeitgeber es nicht will oder bestimmte Berufe Anwesenheit und feste Arbeitszeiten voraussetzen, haben Mütter oft keine Wahl, als schlicht weniger zu arbeiten.

Teilzeit als bewusste Entscheidung

Dennoch sage ich rückblickend auf die Phase nach meiner Elternzeit: Ich weiß nicht, wie ich das überlebt habe. Die Erschöpfung erkenne ich erst im Nachhinein, damals habe ich funktioniert, einen Führungsjob geschmissen und nebenbei Vorträge gehalten, mein Baby weiterhin voll gestillt und so wenig geschlafen, wie es die meisten Eltern in den ersten Jahren mit Kind nun einmal tun. Als ich mich trennte, schlief ich noch weniger, hatte weniger Ruhepausen. Dass ich dabei nicht zusammengeklappt bin, verdanke ich meiner ganz persönlichen Konstitution und Sturheit. Manchmal denke ich, dass es gar nicht so falsch gewesen wäre, wäre ich einfach umgekippt. Es wäre legitim gewesen, hätte mein Körper gestreikt.

Von daher habe ich mittlerweile sogar Bewunderung vor Müttern, die sich bewusst dafür entscheiden, weniger zu arbeiten. Es ist nicht falsch, Teilzeit zu arbeiten. Diese Frauen entscheiden sich nicht gegen ihren Beruf. Nicht dagegen, ihre Qualifikation zu nutzen. Sie entscheiden sich nicht naiv dafür, abhängig und arm zu sein. Viele von ihnen wägen ab und entscheiden sich für ein ausgewogenes Leben. Sie hören in sich hinein, nehmen Grenzen wahr und treffen damit oft auch eine hochvernünftige Entscheidung.

Unvernünftig sieht diese Entscheidung nur aus, wenn wir Frauenleben vor allem an Nettogehältern, möglichen Renten und Führungskarrieren messen.

Wenn Familien sich verändern, muss es die Wirtschaft auch

Die Entscheidung weniger erwerbszuarbeiten und mehr Raum für Care-Arbeit zu haben, ist selbst dann nicht unvernünftig, wenn die Partnerschaft scheitert. Vernunft umfasst mehr, als das eigene Konto im Blick zu halten. Aktuell verschränken gesellschaftliche Strukturen das Leben zweier erwachsener Menschen mit Kindern so, dass die eine Person kaum ohne die andere überleben kann. Eine freie Gesellschaft hingegen müsste ermöglichen, dass einzelne Elternteile, ganz gleich, warum sie ihr Kind alleine großziehen, weder im Burnout noch in der Armut landen. Die Politikwissenschaftlerin und Autorin Mariam Tazi-Preve analysiert in ihrem Buch „Das Ende der Kleinfamilie“ die Einbahnstraßen, die sich Gesellschaften selbst schaffen, die sich nicht über das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Modell hinausentwickeln wollen. Denn es ist das nach wie vor dominierende Ernährermodell, in dem Männer das Haupteinkommen in die Familie bringen und Frauen gar nicht oder nur hinzuverdienen, das mitverantwortlich für die ökonomische Benachteiligung von Frauen und eingeschränkte Lebensmodelle ist.

So, wie Gesellschaft und Arbeitswelt aktuell funktionieren, ist jede Entscheidung einer Frau und Mutter falsch. Wählt sie die Vollzeitarbeit plus Kinder und schultert den Großteil der familiären Care-Arbeit, wird sie vielleicht unglücklich und auch irgendwann krank – während der Arbeitsfetisch schon immer nicht die beste Voraussetzung für stabile Familien und gute Eltern-Kind-Beziehungen war. Arbeiten Frauen Teilzeit oder gar nicht, gehen sie ein hohes Armutsrisiko ein und machen die Karrierewege für Männer mit mehr Zeit frei. Mit ihrer Abwesenheit in der Berufswelt ist es für andere Frauen schwieriger, gerecht behandelt zu werden.

Vollzeit für alle? Nein.

Aber liegt die Lösung nicht nah? Nein, die Lösung ist nicht, dass alle Menschen in gut bezahlten Vollzeitstellen arbeiten, die sie individuell absichern, eine Altersvorsorge ermöglichen und die Care-Arbeit an andere abgeben lassen. Denn schon hier beißt sich diese Idee in den Schwanz, vor allem dann, solange der Erzieher, die Paketzustellerin und die Putzkraft nicht ein ebenso gutes Einkommen haben. Die Idee, dass alle Vollzeit arbeiten, fußt darauf Menschen viel mehr als Maschinen zu betrachten, deren maximale Auslastung von einem Computerprogramm berechnet werden kann. Sie verneint individuelle Lebenssituationen, die es unmöglich machen, viel zu arbeiten.

Vielleicht sollten wir den großen Anteil von Frauen, die nicht Vollzeit arbeiten, auch als stillen Protest verstehen. Zwar legen Studien nahe, dass Frauen im Schnitt gern mehr arbeiten würden, als sie es aktuell können, doch hat man dort bislang nie gelesen, dass Frauen den Wunsch danach hätten, 40 Stunden und mehr zu arbeiten. Wenn die Wahlmöglichkeiten mehr Geld oder mehr Lebensqualität sind, wählen Frauen, die können, offenkundig eher das Letztere.

Bessere Löhne, neue Arbeitsmodelle

Eine Gesellschaft, die vermeiden will, dass ihre ältesten Mitglieder die letzten Jahre in Armut verbringen, sollte daher nicht fragen, wie sie möglichst viele Frauen zu Karrieren und Vollzeitstellen verhilft. Die Antwort auf Altersarmut sind vor allem gute Löhne für Teilzeitstellen, die Ein-Eltern-Familien absichern und von denen am Ende des Monats noch substantiell etwas übrig ist. Dass selbst Vollzeitstellen in Deutschland prekär bezahlt werden, ist nicht akzeptabel. Diese Gesellschaft sollte endlich beginnen, die Arbeitswelt so zu verändern, dass Männer und Frauen nicht nur geschlechtergerecht leben können, sondern auch das Verhältnis von Arbeit und Leben zu einer gesunden Balance findet.

Eine wichtige Rolle spielen zudem auch die Männer. Es sollte im Interesse jedes Mannes sein, der seine Partnerin liebt, sich dafür zu interessieren, dass sie genügend verdient. Paare, egal welchen Geschlechts, sollten füreinander so Sorge tragen, dass sie im Zweifel ohne den anderen gut leben können. Sei es, falls der Mann irgendwann im Pool ertrinkt und sein Gehalt wegfallen würde, oder er schlicht als guter Typ strukturelle Diskriminierung scheiße findet. Wer ein guter Typ sein möchte, muss zum Beispiel als Chef anfangen, Frauen bei Gehältern nicht mehr zu diskriminieren und sich am Equal-Pay-Day und mindestens drei anderen Tagen am Jahr für gerechte Chancen zu engagieren. Und die eigene Karriere darauf aufzubauen, dass die Partnerin sich um Haus und Garten kümmern wird oder Witze darüber zu machen, dass man die Geburt des Kindes verpasst hat, weil mann am Flughafen festhing, sollte endlich etwas sein, für das Männer sich gegenseitig dissen.

Dass Frauen und Männer ähnlich viel erwerbsarbeiten, wird erst dann geschehen, wenn eine volle Stelle so viele, so wenige Stunden umfasst, dass Familie, Freund*innen, Freizeit und Job endlich ähnlich wichtig sein können. Es ist kein fortschrittliches Gesellschaftsbild, wenn Eltern ihre Kinder nur dann beim Aufwachsen begleiten können, erwachsene Kinder ihre Eltern nur dann pflegen können, Frauen sich nur dann trennen können, wenn sie Altersarmut in Kauf nehmen. Das ist keine Freiheit. Doch genau an diesem Gesellschaftsbild orientiert sich die aktuelle Politik. Weder finanzielle Abhängigkeit noch Altersarmut von Frauen sind Zufallsprodukte, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen – daher sind sie auch nur politisch zu ändern und nicht über Appelle und Schuldzuweisungen an Frauen.

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  1. Ich bin eine Frau mit knapp 60 Jahren. In Kürze geschieden. Die Begleitung meines gehörlos geborenen Kindes in die lautsprachliche Welt hat über mehr als 20 Jahre meinen ganzen Einsatz gefordert. Ohne diese Begleitung hätte sie nicht die Möglichkeiten, die sie heute beruflich hat. Sie ist auf dem besten Wege, eine gute Steuerzahlerin zu werden. Und: Uns ging es nie nur um die Kompensation ihrer Behinderung, sondern auch darum, dass sie ein selbstbewusster, glücklicher Mensch ist, der sich im sozialen Gefüge zu Hause fühlt. V.a. in diesem Bereich mussten wir fast täglich die Blessuren ausgleichen, die ihrer Seele z.B. in Kindergarten und Schule zugefügt
    Ich bin auf dem besten Wege in die Altersarmut.
    Das, was in Ihrem Beitrag als Care-Arbeit bezeichnet wird, ist das, was unsere Gesellschaft auf lange Sicht zusammenhält. Kinder brauchen Eltern, Vater und/oder Mutter, die sich mit Energie dafür engagieren, dass sie innere Stärken aufbauen, sich verantwortungsbewusst und verantwortlich in unserer Welt bewegen und empathiefähig sind. Das sollte dem Staat etwas, nein, viel wert sein!
    Das denke ich schon eine Weile, und ich möchte gar nicht mehr in Konjunktiven denken: Sollte, Müsste, Dürfte … Wo gibt es Koalitionen, die sich dafür einsetzen? Ich wäre sofort mit großem Engagement dabei!
    Vielen Dank für diesen Artikel!

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