Foto: Javier Ignacio Acuña Ditzel

Warum die Quote allein nichts bringt

Die Große Koalition hat die Frauenquote für die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen beschlossen – was dürfen wir uns davon erwarten?

 

Kulturwandel oder Symbolpolitik? Oder keins von beiden?

Mit ein bisschen Fassungslosigkeit konnte man in den letzten Tagen beobachten, wie die Vertreter der Großen Koalition, insbesondere von CDU und CSU, herumzankten, trotzten und ein Drama produzierten, als ginge es darum, eine 50-Prozent-Frauenquote für die ganze Welt im Grundgesetz festzuschreiben. Tatsächlich aber wurde ein Beschluss verhandelt, der die Wirtschaft wahrlich nicht in ernsthafte Besetzungsschwierigkeiten bringen sollte: Von 2016 an gilt eine Frauenquote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen. Es geht also um etwas mehr als 100 Unternehmen und um die 170 Posten.

Die Sanktion: Falls ein Unternehmen diese Quote nicht erfüllt, bleiben die entsprechenden Posten künftig unbesetzt. In den letzten Jahren, in denen um diese Quote gerungen wurde, war ausreichend Zeit, alle nur vorstellbaren Argumente dafür und dagegen zu wälzen: Es gebe nicht genug geeignete Frauen, das sei Diskriminierung von Männern und so weiter. Könnte man die jetzt beschlossene Mini-Quote nicht einfach als das sehen, was sie am ehesten sein könnte: Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung? Ganz sicher wird die Quote nicht den von der Familienministerin beschworenen „Kulturwandel“ bringen. Wie denn auch, bei einem derart geringen Umfang? Die neue Quote ist aber eben auch nicht nur Symbolpolitik. Sondern: Ein Puzzleteil von ganz vielen, die zusammengesetzt in ferner Zukunft für wirkliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Berufsleben sorgen werden.

Die Quote ist da. Und jetzt?

Und irgendwo muss man ja mal anfangen. Das ist jetzt geschehen, mit der festen Quote für die börsennotierten Unternehmen und der freiwilligen Quote für etwa 3500 mittelgroße Unternehmen, die sich selbst ein Quotenziel setzen und jährlich und öffentlich über die Fortschritte berichten sollen. Starre Quoten seien keine Lösung, um Frauen in Führungspositionen zu bringen, lautet das Totschlagargument der Quotenkritiker. Da würde ich ganz gern mit den Augen rollen und sagen:  Schon klar. Natürlich ist das – allein –  keine Lösung.

Die Eliteforschung hat gezeigt, dass Eliten sich gern reproduzieren – insofern werden Frauen angesichts des massiven Überhangs von Männern in Führungspositionen bei ihrem Aufstieg behindert, und eine per Quote „reingeputschte“ Außenseiterin könnte vielleicht einen Mentalitätswandel anschieben und junge Frauen ermutigen, wie Elisabeth Niejahr in ihrem sehr informativen Übersichtsartikel zu den Vorurteilen über die Frauenquote in der „Zeit“ schrieb.

Die Quote ist nach meiner persönlichen Meinung ein notwendiges Übel, damit überhaupt etwas vorangeht. Auch, wenn wir das bei EDITION F insgesamt sehr kontrovers diskutieren und unsere Gründerinnen selbst, sich dagegen aussprechen, weil sie meinen die Quote sei nicht das passende Instrument. Damit ein Dominoeffekt einsetzt und die Menschen irgendwann in ferner Zukunft staunend den Kopf darüber schütteln, dass es vor langer Zeit mal so etwas wie eine Frauenquote gegeben hat. Damit das Stänker-Argument „Die hat den Job doch nur gekriegt, weil sie eine Frau ist“ irgendwann ausgestorben ist.

Zu wenig kompetente Frauen? Eine scheinheilige Argumentation

Nebenbei bemerkt: Die Personalberaterin Angela Hornberg hat Anfang des Jahres eine Übersicht gemacht, wer so in den Aufsichtsräten deutscher DAX-Konzerne sitzt. Viele haben sich nicht unbedingt mit Fachkompetenz bekleckert. Generell wäre neu, dass Kompetenz und Erfahrung im jeweiligen Themengebiet bisher unbedingte Voraussetzung für einen wichtigen Posten in Politik oder Wirtschaft gewesen wären (viel bemühtes Lieblingsbeispiel immer noch: Dirk Niebel, der das Ministerium, das er später leitete, vorher noch abschaffen wollte).

Das Argument, inkompetente Frauen würden per Quote in die Aufsichtsräte geputscht, ist also zumindest ein bisschen scheinheilig.

Wichtiger als die Quote: Weiblichen Nachwuchs und Vereinbarkeit fördern

Noch viel wichtiger als die jetzt beschlossene Quote sind aber die anderen Puzzleteile: Schon bei der Berufsorientierung in der Schule müssen mehr Mädchen für technische und naturwissenschaftliche Berufe begeistert werden, damit gut qualifizierter weiblicher Nachwuchs bald die heute noch vorhandenen Lücken füllt; und dann natürlich die Klassiker: flexible Arbeitszeitmodelle; die Möglichkeit, Führungsverantwortlichkeit auch in Teilzeit zu übernehmen; ausreichend Betreuungsmöglichkeiten; die Ermutigung an Paare auch vonseiten der Unternehmen, sich die Verantwortlichkeiten für Geldverdienen und Kinderbetreuung gleichberechtigt aufzuteilen. (Die Klassiker kommen allesamt natürlich ebenso den Männern zugute.)

Wer weiß, vielleicht wird die Quote irgendwann als eine Initialzündung angesehen, nach der Deutschland langsam, aber sicher so wurde, wie sich das jetzt immer alle wünschen: Modern, zukunftsfähig, wettbewerbsfähig.

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