Foto: Bundesarchiv

Kein Wunder, dass wir aussterben

Eines kann Deutschland gar nicht: Kinderkriegen. Klappt es nicht mit dem Sex? Nina Strassner berichtet aus einem Land, das ein Rentnerparadies sein möchte.

Wir haben schon wieder gewonnen!

Wir haben Japan geschlagen. Wir haben Monaco besiegt. Italien war knapp, aber hey: Wir sind Spitzenreiter. Herzlichen Glückwunsch an uns alle: Deutschland ist am allerweltschlechtesten im Kinderkriegen.

Wahnsinn! Ich bin mindestens so stolz auf mein Land wie einst 1999, als ich aus dem London-Urlaub zurückkam und „Maschendrahtzaun“ auf Platz eins der Radio-Charts in Endlosschleife lief. Allemagne Zero Points. Klasse!

Ich fasse die gar nicht so neue Nachricht kurz zusammen, damit wir gemeinsam lachen und feiern können: In 15 Jahren arbeitet nur noch knapp 50 Prozent der deutschen Bevölkerung. Der Rest rentet. Ein drollig-kleiner Teil ist unter 20 Jahre alt, unbedeutend für die Sozialkassen – und stirbt bis 2060 dann wohl eh von selbst aus.

Gebärstreik seit Jahrzehnten

Im Lichte der aktuellen, wochenlangen Streikwellen findet der längste Streik der deutschen Nachkriegsgeschichte nur am Rande Beachtung.

Die deutschen Frauen streiken trillerpfeifenfrei seit zwei Jahrzehnten und verweigern die Geburt von einem oder mehreren Kindern. Erst jetzt, wenn es die Medienlandschaft „Arbeitskräftemangel ab dem Jahre 2030“ nennt oder „Standortproblem“, heben das Arbeitsministerium oder das Wirtschaftsministerium mal die Augenbraue. Mal sehen, wie lange es dauert, bis auch die Wähler verstanden haben, dass es ihr Problem ist, wenn sie vermeintlich „rentenfreundlich“, aber „familienfeindlich“ wählen. Das Jahr 2030 ist zu nah dran, um das gewohnte Nach-meiner-Rente-die-Sintflut-Credo zu leben.

Unser Wohlstand ist bedroht? Bitte nicht!

Seit Jahren wiederkehrende Schlagzeilen wie „Immense Doppelbelastung“ – „Vereinbarkeit von Beruf und Familie unmöglich“ – „Gläserne Decke“ – „Lohngefälle in Frauenberufen“ – „Kita-Streik legt Mütter lahm“ – „Hebammen sterben aus“ – „Gender Diversity ist Unternehmen unbekannt“ – „Kita-Gebühren werden nicht erstattet“ – „Altersarmut unter Müttern“ – „Alleinerziehende Hartz-IV-Bezieherinnen“ haben alle zusammen nicht halb soviel Durchschlagskraft wie der von Boston Consulting formulierte Satz, den auch der letzte Wähler mit dem Jahrgang 1950 und jünger begreift: „Unser Wohlstand ist bedroht“.

Ups. Das möchten wir ja jetzt nicht so gerne hören.

„Wohlstand bedrohen“ mögen wir schon an den Griechen und an den Flüchtlingen überhaupt nicht und jetzt fangen unsere kinderlosen Töchter auch noch damit an. Wohlstand rockt! Wohlstand soll bleiben!

Dummerweise wollen wir aber Ausbildungsberufe in Vollzeit nicht so bezahlen, dass jemand von diesem Lohn tatsächlich auch die Rechnungen einer dreiköpfigen Familie in einer Dreizimmerwohnung bezahlen kann. Wir neiden den Erzieherinnen zehn Prozent mehr Lohn, weil wir selbst oder andere ja „auch nicht mehr verdienen“. Die sollen gefälligst genauso in der Tinte sitzen bleiben wie wir.

2600 Euro für die Vollzeitstelle – brutto

Rund 240 Euro mehr im Monat in einem Ausbildungsberuf in Vollzeit ist uns unsere eigene Rente offenbar nicht wert. Nun, allein  unser Kita-Platz kostet momentan das Doppelte im Monat. Die Kita soll aber eine mit der kostenlosen Grundschule vergleichbare Bildungseinrichtung sein, deren Besuch dem Aufenthalt bei den Eltern zu Hause grundsätzlich vorzuziehen ist. Sagen die Profis aus den Ministerien zumindest recht einhellig.

Ja, das ist etwas blöd jetzt, wenn man 25 Jahre alt ist, Altenpflegerin (Erzieherin, Arzthelferin, Sozialpädagogin, Rechtsanwaltsfachangestellte, Bankkauffrau, Kosmetikerin, Busfahrerin) von Beruf, 2600 Euro brutto (!) oder weniger in Vollzeit verdient und die Miete in Hannover 650 Euro kalt im Monat kostet. In Teilzeit reicht das dann für dreimal Volltanken und ein Salamibrot für den Vater, aber nicht für ein Kita-Kind und eine Dreizimmerwohnung.

Das finanzielle Problem der unwirtschaftlichen Berufstätigkeit und der Kinderaufzucht löst eine 26-jährige Krankenschwester (Juristin, Zahnärztin, Konditorin, Kommunikationswissenschaftlerin, Gesundheitsökonomin) erstaunlich effizient, indem sie keine Kinder bekommt. Oder bestenfalls eins.

Gebären während der Öffnungszeiten

Da durch beständige politische Ignoranz die Hebammenversorgung flächendeckend zusammenbricht, ist es ohnehin besser, wenn man erst gar keine Hebamme braucht. Die Geburt ist mittlerweile als absolute Notfallsituation im Leben einer Frau tief in den Köpfen der Mädels verankert. Folglich sollte sie unbedingt in einer Klinik und möglichst geplant erledigt werden. Das gefällt den Versicherern besser.

Gut, so ein klinischer Dammschnitt zweiten Grades spornt jetzt nicht gerade zum Gebären an. Der Kreißsaal in Bruchsal in Baden-Württemberg hat so wenig Hebammen zur Verfügung, dass die rundlichen Damen dort bitteschön so freundlich sind, während der Öffnungszeiten zwischen 7 und 17 Uhr das Kind rauszupressen. Dann ist zu. Aber was soll’s: Geburtshäuser gibt es kaum noch. Schließlich sind sie kein „wertvolles Kulturgut“, wie beispielsweise die mit jährlich sieben Millionen Euro subventionierten Wagner-Festspiele in Bayreuth.

Sie retten auch keine Banken. Das machen diejenigen, die sie zunächst mitsamt der Wirtschaft ruiniert und dann dem Staat 100 Millionen für ihre Beratungsleistungen in Rechnung gestellt haben. Geburtshäuser dienen lediglich der Erhaltung der Menschheit durch Frauen von Frauen. Ihre pure Existenz hat eine Signalwirkung, auch wenn sich die meisten, wie auch ich selbst, vielleicht dennoch für eine Klinikgeburt (natürlich während der Öffnungszeiten) entscheiden werden: „Es ist Dein Körper. Der kann das. Du kannst das. Entscheide Du.“

Aber das kann man ruhig mal 20 bis 30 Jahre ignorieren und dann panisch den „Wohlstandsnotstand“ ausrufen.

Besser wenig Geld verdienen als gar keins?

Es kann doch nicht so schwierig sein, endlich mal das zu fördern, was das Land tatsächlich braucht, wenn sich dasselbe Land auch 300 Millionen Euro für zweitägige Weltfrieden-Shake-Hands der G7-Entourage im Allgäu leisten kann.

Eine 27-jährige, frisch verliebte Tierärztin (Dokumentarfilmerin, Theologin, Physiotherapeutin, Tänzerin, Systemingenieurin) hat außerdem gelesen, dass im Gegensatz zu den zu neun Prozent in Teilzeit arbeitenden Familienvätern eine (Achtung, neues Wort) „Familienmutter“ mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent nicht mehr an ihren alten Job anknüpft. Einen neuen, vergleichbaren Job zu bekommen wird extrem schwierig, außer die Antibewerbung funktioniert. Zwar verdienen Frauen auch vor der Elternzeit schon bis zu 22 Prozent weniger als ein (Achtung, neues Wort) „berufstätiger Vater“. Aber besser weniger Geld verdienen als gar keins und zu Hause bei den Rentenzahlern, äh, Kindern sitzen und verarmen.

„Ich stell‘ nie wieder ’ne Mutter ein“

Frauen bekommen außerdem, so informiert sich die mittlerweile 30-Jährige, im Durchschnitt durch die Kinderaufzucht auch noch 60 Prozent weniger Rente am Ende ihres Erwerbslebens im Vergleich zu ihrem Klassenkameraden mit demselben Geburtsjahrgang. Sechzig Prozent.

Eine 33-jährige Freundin einer Pferdewirtin (Einzelhandelskauffrau, Marketingmanagerin, Sportwissenschaftlerin, Modedesignerin, Veranstaltungskauffrau) hat 25 Tage Urlaub im Jahr, ihr Mann ebenfalls. Ihr Grundschulkind dagegen aber 89 Ferientage. Die beiden nehmen daher ausschließlich getrennt voneinander „Urlaub“. Das dreijährige Söhnchen geht seit vier Wochen nicht in Kita, weil die noch streikt. Im Januar hatte der Kleine eine Woche die Kindergarten-Pest in Form von Maul-und-Klauenseuche. Da war Mama auch nicht im Büro, obwohl Oma mittlerweile im Pflegeheim ist. Die letzten zwei Jahre pflegte sie ihre Mutter bei sich Zuhause. Der Arbeitgeber hat in einem Wutanfall neulich geäußert, dass er „nie wieder ’ne Mutter einstellt!“, deswegen heult die Freundin am Küchentisch.

Das beeindruckt die kinderlose Mittdreißigerin und sie heult mit. Weil sie so gerne Kinder bekommen würde und ihr Freund auch. Am liebsten mit ihr.

Wenn aber nur 50 Prozent der Deutschen in 15 Jahren überhaupt noch arbeiten, sollte das deutsche Mädel tunlichst dafür sorgen, durchgehend genug Geld zu erwirtschaften, damit sie im Alter nicht verarmt. Mit Kindern geht das aber nicht, denn allein die Kita-Gebühren. Und hier fangen wir an, uns im Kreis zu drehen.

(Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines Blogeintrags, den die Autorin zuerst auf ihrem Blog Juramama veröffentlich hat.)

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