Foto: Purple Sherbet Photography / Flickr

Alles rosarot? So blicken junge Frauen in die Zukunft

Was bewegt Frauen zwischen 18 und 35? „Glamour“ hat sich auf die Suche nach Antworten begeben – mit sehr überraschenden Ergebnissen.

 

Wir wollen Gleichberechtigung – und zwar jetzt!

Junge Frauen interessieren sich nicht für Feminismus? Diesen Eindruck erwecken Medien immer wieder gern, vor allem indem sie junge Frauen zu Wort kommen lassen, die selbstbewusst verkünden, dass ihnen die Welt offensteht und ihnen für deren Eroberung rein gar nichts mehr im Weg steht. Oder indem sie Aktivistinnen mit den immer gleichen Klischees konfrontieren, anstatt das Thema Geschlechtergerechtigkeit anhand aktueller Entwicklungen zu diskutieren. So konfrontierte der Tagesspiegel die Autorin Laurie Penny, die mit ihrem erfolgreichen Buch „Unspeakable Things: Sex, Lies and Revolution“ gerade in Deutschland auf Lesereise ist, mit der langweiligsten aller Fragen: „Mal ehrlich: Wozu brauchen wir überhaupt noch einen Feminismus?“ Wären ihre Lesungen so rappelvoll – wie zum Beispiel in Berlin – wenn nicht?

Tatsächlich sind Frauen mit der Meinung, der Kampf um Gleichberechtigung sei passé, eine Minderheit, das zeigt die aktuelle repräsentative Umfrage der – Achtung! – „Glamour. Bislang kannten wir die Zeitschrift als Tippgeber für Lidstriche, besseren Sex und Sommeroutfits, jetzt mischt sie sich auch in gesellschaftliche Fragen ein.

Satte 87 Prozent der befragten Frauen zwischen 18 und 35 sind der Meinung, dass an gerechten Chancen unabhängig vom Geschlecht noch immer gearbeitet werden muss. Das zeigt die  Umfrage, die gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Forsa im Mai und Juni entstanden ist. Bei den 18- bis 24-Jährigen stellten sogar 91 Prozent für sich fest, dass Gleichberechtigung noch längst keine Realität ist. Dass bedeutet nicht automatisch, dass jede dieser Frauen sich als Feministin identifiziert, die Fragen und Ängste, die Frauen bewegen, sind jedoch einige der Themen, die feministische Debatten nach wie vor bestimmen.

Arm und einsam?

Zukunftsängste korrigieren das häufig bediente Bild der selbstbewussten, optimistischen Generation Y. Junge Frauen sorgen sich darum, im Alter arm und einsam zu sein. Nahezu die Hälfte der Befragten hat Angst davor, dass ihr Geld nicht zum Leben reichen könnte. Auch ihr soziales Gefüge beurteilen viele als zerbrechlich oder fürchten, dass sie ihre Wünsche nach Familie nicht realisieren können: Einsamkeit ist mit 40 Prozent die zweitgrößte Zukunftssorge junger Frauen. Sie wissen, dass Beziehungen nicht mehr ewig halten. Mehr als ein Drittel der heute 18- bis 24-Jährigen ist zudem skeptisch, ob es ihnen gelingt, eine Familie zu gründen und benennen Kinderlosigkeit als Sorge. Auch dieses Ergebnis sollte nachdenklich stimmen: Frauen mit dem Wunsch nach Familie zweifeln bereits im relativ jungen Alter daran, ob sie sich diesen Wunsch erfüllen können. Ob das eine Frage des Partners oder des Einkommens ist oder ob gesundheitliche Gründen dabei eine Rolle spielen, wurde nicht erhoben.

Frauen wollen beides: Familie und Beruf

Deutlich wird in der Umfrage auch, was die Sozialwissenschaftlerin Dr. Jutta Allmendinger in ihren Forschungsarbeiten über die Wünsche junger Frauen gezeigt hat: Sie suchen ihr Glück in Familie und Beruf – oft fühlen sie sich zerrissen.

Für den Traumjob würde die Hälfte der Studienteilnehmerinnen auch ins Ausland gehen, ein geringes Gehalt würden für eine Stelle, die sie wirklich begeistert, 43 Prozent akzeptieren. Doch eines wollen die Frauen eben nicht: auf Familie verzichten. Nur 13 Prozent würden für ihren Traumjob in Kauf nehmen, keine Kinder zu bekommen. 93 Prozent machen außerdem klar, dass ihr Job genügend Raum für eine Beziehung lassen muss. Wie sie diese Liebe finden, ist dann doch ein wenig überraschend: Nur acht Prozent der Digital Natives haben ihre aktuelle Beziehung über ein Dating-Portal oder eine App gefunden. Der Freundeskreis und die Arbeit sind die Orte, an denen sich Menschen nach wie vor kennenlernen.

Warum so pessimistisch?

Wie passen diese Ergebnisse zusammen mit dem Feel-Good-Image, das häufig über junge Menschen verbreitet wird, die sich in Zeiten des Fachkräftemangels angeblich den Arbeitgeber aussuchen können? Zwei Dinge sind offenkundig:

Die Mehrheit der jungen Frauen macht früh die Erfahrung, diskriminiert zu werden – aufgrund ihres Geschlechts. 

Sie beobachten zusätzlich zu den eigenen Erfahrungen ihre Umwelt genau und sehen bei Freundinnen, Kolleginnen und Familien, welche Erfahrungen sie machen. Und was sie sehen, ist stark verbesserungswürdig und verunsichert sie.

Und was, wenn ich etwas anderes will?

Die Diskussion darüber, wie Frauen in Zukunft leben wollen, kreist aktuell leider häufig nur um die Themen Familie und Beruf. Zwischen diesen beiden Dingen spielt sich alles ab, hier wird optimiert. Natürlich wirft das Thema Vereinbarkeit viele Fragen auf; sich nur auf das Thema zu konzentrieren wäre jedoch zu eindimensional, wenn wir verstehen wollen, was Frauen tatsächlich bewegt.

Die britische Feministin Laurie Penny bringt das in ihrem aktuellen Buch hervorragend auf den Punkt: 

„Work, beauty and romance, then marriage, mortgage and kids: that definition of total freedom has been allowed to conquer our imaginations, leaving no space for any other lives. But what if you want something else? Is that still allowed?“

Die ganze Leseprobe, aus der das Zitat stammt, gibt es bei salon.com.

Frauen wollen mehr

Die „Glamour“-Studie lässt keine Schlüsse darüber zu, was Frauen außer Liebe, Karriere und Familie wollen. Doch sie legt nahe, dass es über ihre Wünsche noch einiges zu erfahren gibt. Wenn nahezu 90 Prozent der 18- bis 35-Jährigen finden, dass es noch viel zu tun gibt, ist eines sicher:  Junge Frauen werden weiterhin laut diskutieren, was sie gesellschaftlich verändern wollen, um die Leben zu führen, die sie sich wünschen. 

Was wollt ihr verändern?


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