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Gefühle im Job: Die anderen haben auch welche

Wenn wir von Emotionen im Job sprechen, drehen wir uns oft um unsere eigenen. Aber gerade während der Corona-Krise sollte es um die Gefühle der Menschen gehen, die immer und überall übersehen werden. Eine Kolumne.

Es war Mitte der 2000er Jahre, ich hatte gerade mein Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachgeholt und wusste nicht so wirklich, was ich damit jetzt anfangen sollte, denn das, was ich wollte – ein Studium – konnte ich mir finanziell nicht leisten. Also musste ich irgendwie Zeit überbrücken und Geld verdienen. Ich landete in einem Bio-Supermarkt an den Obstregalen und an der Kasse. Die Arbeit an sich mochte ich, die Arbeitszeiten nicht so. Was ich richtig hasste: wie die Menschen, die dort einkauften, mit mir umgingen, wenn ich an der Kasse saß.

Die meisten sagten nicht mal „Hallo“, kein Augenkontakt, nur ein „mit Karte“, wenn überhaupt. Selten „Danke“ oder „Bitte“. Der Blick von oben nach unten, er äußerte sich auch in der sprachlichen Kommunikation. Irgendwann fing ich an, mir einen Spaß daraus zu machen, extra freundlich zu den Leuten zu sein, um ihnen damit zu zeigen, wie unfreundlich sie eigentlich gerade sind. Irgendwann hatte ich dafür aber auch keine Kraft mehr.

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Wenn wir von Emotionen im Job sprechen, geht es oft um privilegierte Computerarbeitsplätze, wie ich aktuell einen habe. Vor einem MacBook, mit der Herausforderung, digitale Meetings zu führen und den menschlichen Kontakt zu meinem Team nicht zu verlieren. Es gibt Unzufriedenheiten, es ist eine Herausforderung für die mentale Gesundheit, es gibt gute und schlechte Stimmungen, es gibt Unterschiede in der Impulsivität von Kolleg*innen, es gibt Kommunikationsschwierigkeiten – und es ist ein verdammt privilegierter Job.

Wo Menschen sind, sind auch Gefühle

Vor der Corona-Krise kamen wir Computerarbeitsmenschen auch analog zusammen, in Meetings. Auch da, viele Gefühle am Start. Nervige Chefin, geniale Kolleg*innen und immer einer, der zu viel Raum einnimmt und eine, die nie zu Wort kommt. Wie überall, wo Menschen zusammenkommen, spielen auch im Job Gefühle eine Rolle. Und wir privilegierten Computermenschen kommen immer mehr dahinter, dass es gut ist, über diese Gefühle zu sprechen, sie zu thematisieren, sie auch mal zu zeigen. Wir enttabuisieren Tränen in Meetings, Trauerfälle in der Familie und wenn es gut läuft, auch einfach mal schlechte Tage, indem wir das in Slack schreiben und uns eine Auszeit nehmen.

Was aber ist mit den Menschen, die schon allein wegen ihres Jobs mit den schlechten Gefühlen anderer Menschen konfrontiert werden? Putzkräfte zum Beispiel, deren Kund*innen fluchtartig die Wohnung verlassen, weil es ihnen unangenehm ist, in einem Raum mit den Menschen zu sein, die ihren persönlichen Dreck aufräumen und putzen. Müllwerker*innen, die noch immer oft für das Klischee eines unangenehmen Jobs herhalten müssen. Oder eben Kassierer*innen, auf die herabgeschaut wird.

Hast du beim Einkauf mal darüber nachgedacht, wie sich das anfühlt? Vielleicht auch gerade seit der Corona-Pandemie: Kassierer*innen hatten nicht die Wahl, Homeoffice machen zu können. Sie mussten sich täglich der Ansteckungsgefahr aussetzen. Und jetzt, während sich einige darüber beschweren, beim Einkauf im Supermarkt die FFP2-Maske zu tragen, müssen sie es mehrere Stunden am Stück. Genau wie Friseur*innen, Kosmetiker*innen, Buchhändler*innen.

Was können wir dafür tun, dass alle Menschen sich beim Arbeiten besser fühlen? Ich habe kein Geheimrezept, aber aus meiner Zeit an der Kasse kann ich sagen, dass eine Sache immer hilft: Respekt. Respekt vor dem anderen Menschen, der gerade ihren*seinen Job macht. Ausdrücke von Respekt gibt es viele: Begrüßungen zum Beispiel.

Respektvolle Freundlichkeit

Es gibt so eine Redewendung: Was für ein Mensch du bist, erkennt man daran, wie du mit der Putzkraft umgehst. Und ich glaube, das stimmt. Sagst du an der Kasse „Hallo“ und „Tschüss“? Sagst du „Bitte“ und „Danke“? Suchst du Augenkontakt? Lächelst du mal? Gehst du der Paketbotin ein paar Treppenstufen entgegen? Gibst du ihr Trinkgeld? Bedankst du dich bei deiner Putzkraft? Zahlst du ihr mehr als Mindestlohn?

Es gibt viele Möglichkeiten, zwischenmenschliche Augenhöhe entstehen zu lassen – selbst wenn eine Person sitzt und die andere steht. Eine ist, dir klarzumachen, dass die Jobs, auf die du von oben blickst, für andere Menschen Traumjobs sind. So erzählt Julia Friedrichs im Buch „Working Class“ von Sait, einem Vater, der seinen Job als Putzkraft in U-Bahnhöfen wertschätzt. Wie er morgens um 6:30 Uhr runter auf das U-Bahngleis geht und ihn ein sauberer und ordentlicher Bahnsteig glücklich macht.

Wenn wir auf Menschen mit anderen Jobs herabschauen, ist das Ausdruck eines Machtgefälles – wir stellen uns damit über andere Menschen, über ihre Lebensentscheidungen und manchmal nehmen wir für uns eine Deutungshoheit in Anspruch, die uns nicht zusteht. Wir sollten das unbedingt ändern.

Hast du noch mehr Ideen, wie wir miteinander umgehen sollten, mit Respekt für Menschen in Jobs, die anders sind als deiner? Dann schreib sie mir gern: mareice.kaiser@editionf.com.

Emotionen im Job. Warum wir Gefühle brauchen – auch bei der Arbeit.

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Mareice Kaiser setzt sich für einen Journalismus ein, an dem alle teilhaben können, an dem alle beteiligt sind und in dem alle vorkommen – seit März 2020 als Chefredakteurin bei EDITION F. Ihre Themen: Inklusion, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, Chancengerechtigkeit.

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